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Wenn aus Vorurteilen Diskriminierung wird. Inwiefern kann in der Schule präventiv dagegen vorgegangen werden und wo besteht noch Handlungsbedarf?

Hausarbeit 2015 36 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Begriffsklärung
2.2. Diskriminierungsformen
2.3. Diskriminierungsdimensionen

3. Funktionen und Ursachen von Diskriminierung
3.1. Die vorurteilsbehaftete Persönlichkeit
3.2. Theorie des realistischen Gruppenkonflikts
3.3. Bloße Kategorisierung
3.4. Theorien der sozialen Identität

4. Folgen und Wirkungen von Diskriminierung

5. Konfliktverringerung zwischen sozialen Gruppen
5.1. Kontakthypothese
5.1.1. Das Modell der Dekategorisierung
5.1.2. Das Modell der gemeinsamen Eigengruppenidentität
5.1.3. Das Modell der wechselseitigen Distinktheit

6. Prävention im schulischen Kontext
6.1. Anti-Bias: Ein Ansatz der antidiskriminierenden Bildungsarbeit
6.1.1. Was ist das eigentlich?
6.1.2. Zielsetzung
6.1.3. Praxisbezug - Beispiele für vorurteilsbewusste Lernumgebungen

7. Diskussion

8. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Gedanklicher Aufbau der Arbeit

Abb. 2: Checkliste: Woran man eine vorurteilsbewusste Lernumgebung erkennt

Abb. 3: Das Familienspiel

1. Einleitung

„Lukas gegen Ahmet, Hakan gegen Tim: Wer wird den Ausbildungsplatz bekommen? Nein, keine neue Castingshow, sondern eine Studie, bei der es letztlich drei Verlierer gibt: Ahmet, Hakan - und die Gesellschaft. “ (Lüpke-Narberhaus, 2014)

Trotz gleicher Qualifikationen und Eigenschaften werden Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als deutsche Heranwachsende (vgl. Schneider & Yemane, 2014, S. 16). Oftmals ist der Name des Bewerbers das Ausschlusskriterium. Die großangelegte Studie Diskriminierung am Arbeitsmarkt liefert empirische Erkenntnisse darüber, in welcher Form und welchem Ausmaß Jugendliche mit Migrationshintergrund diskriminiert werden. Das Ergebnis ist erschreckend: Bewerberinnen und Bewerber mit ausländischen Wurzeln bekommen mehr Absagen, werden häufiger ignoriert und öfters geduzt (vgl. Schneider, Yemane, & Weinmann, 2014, S. 6 ff). Jan Schneider, der Leiter der Studie stellt fest: „ Wir haben es in Deutschland mit einem ernsthaften Diskriminierungsproblem zu tun“ (Lüpke-Narberhaus, 2014). Im zentralen Grundsatz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird darauf verwiesen, dass jedem Menschen die grundlegenden Rechte und Freiheiten bedingungslos und ohne Einschränkungen zustehen. Somit ist jede Art von Diskriminierung „[...] etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ (AEDM § 2) unzulässig. Obwohl der Grundsatz der Menschenrechte in der Gesellschaft eine Wertegrundlage darstellt, muss festgestellt werden, dass Diskriminierung dem ungeachtet stattfindet (vgl. Scherr, 2014, S. V). Es wäre übertrieben zu behaupten, dass es möglich ist, eine Gesellschaft ganz ohne Vorurteile zu errichten. Es handelt sich viel mehr um die Verhinderung der grausamen und zerstörerischen Formen von Diskriminierung, die aus Vorurteilen resultieren können (vgl. Pelinka, 2012, S. XI). Bereits der deutsche Schriftsteller August von Kotzebue (1761- 1819) stellte vor mehreren Jahrzehnten fest: „Dass irgendein Mensch auf Erden ohne Vorurteil sein könne, ist das größte Vorurteil. “ Vorurteile sind in der Struktur des menschlichen Denkens und Lernens angelegt und somit unvermeidlich. Sie sind nichts anderes als unbewusste Einstellungen, die uns bei der Wahrnehmung unserer Umgebung behilflich sind (vgl. Fleiter, 2005, S. 3). Unsere Umwelt ist vielfältig und extrem komplex, dennoch bringen wir es innerhalb kurzer Zeit fertig, handlungsfähig zu sein. Dazu muss eine gewisse Einordnung der uns umgebenden Personen und Dinge erfolgen, indem bestimmte Gruppen gebildet und ähnliche Dinge zusammengefasst werden. Nicht nur Gegenstände, sondern auch soziale Objekte werden klassifiziert. So werden Stühle und Tische Möbeln zugeordnet; Fußballspielerinnen und Spieler, Schwimmerinnen und Schwimmer zu Sportlern zusammengefasst. Dieses „Schubladendenken“ ist aufgrund unserer begrenzten kognitiven Kapazitäten unvermeidlich. Dem Gehirn gelingt es nicht, jeden einzelnen Reiz der Umwelt individuell aufzunehmen und zu verarbeiten (vgl. Geschke, 2012, S. 34). Vorurteile haben jedoch eine problematische Kehrseite: Befangene Meinungen verfälschen den Blick auf die Wirklichkeit und können bequeme Pauschalurteile zur Folge haben. Dies kann gefährlich werden: Was mit einer harmlosen Klassifizierung beginnt, kann zu einer Ausgrenzung bis hin zu einer Diskriminierung führen (vgl. Fleiter, 2005, S. 3).

Unsere Arbeit widmet sich dieser Problematik und hat einerseits das Verständnis über das komplexe Phänomen der Diskriminierung, andererseits den Einblick in die Möglichkeiten einer Prävention im Bereich der Schule zum Ziel.

„ Zu oft entscheide die Herkunft und die soziale Lage noch über den Bildungsweg. Selbst bei einem gleichen Sozialstatus besuchten Schüler mit Migrationshintergrund seltener das Gymnasium und häufiger die Hauptschule. “ (Hannoversche Allgemeine ,2010)

Das Zitat aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung macht deutlich, dass Menschen mit Migrationshintergrund noch keinen chancengleichen Zugang zu den wesentlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erfahren. Dies untermauert die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung und Bekämpfung von Diskriminierung, um allen Menschen eine Chancengleichheit zu ermöglichen (vgl. Schneider & Yemane, 2014, S. 21). Aus den oben aufgeführten Zielen ergeben sich folgende Fragestellungen (Abb. 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 : Gedanklicher Aufbau der Arbeit Quelle: Eigene Darstellung

Entsprechend den drei zu behandelten Fragestellungen ist die Arbeit wie folgt gegliedert: In einem einleitenden Kapitel werden relevante Begrifflichkeiten aufgearbeitet, verschiedene Formen einer Diskriminierung erläutert und mögliche Anhaltspunkte für eine Ungleichbehandlung aufgezeigt. Damit wird eine theoretische Grundlage für die weiteren Ausführungen geschaffen. Darauf aufbauend werden mögliche Ursachen und Folgen einer Diskriminierung betrachtet. Mit diesem Teil kommt es zur Klärung der ersten beiden Fragestellungen. Im Anschluss daran wird der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten zur Prävention von Diskriminierung bereits bestehen. Dazu wird es einen Einblick in den Umgang mit Diskriminierung in Bildungsinstitutionen geben. Verschiedene Präventions- bzw. Interventionsmöglichkeiten werden dazu erörtert und der Handlungsbedarf der aus unserer Sicht noch besteht, diskutiert. In der abschließenden Diskussion werden die wichtigsten Schlussfolgerungen dieser Arbeit resümiert.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Begriffsklärung

Wir werden alltäglich mit den verschiedensten Vorurteilen konfrontiert. Die vorgefertigten Bilder schwingen in Werbungen, Nachrichten oder Boulevardzeitschriften mit. Somit begleiten diese Befangenheiten unseren Alltag (vgl. Pilarek, 2013, S. 2).

Vorurteile lassen sich als herabsetzende Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen oder ihren Mitgliedern definieren (vgl. Geschke, 2012, S. 34). Die Beurteilung der einzelnen Personen oder Gruppen geschieht aufgrund von zugeschriebenen Eigenschaften. Meinungen Anderer werden ohne jegliche Prüfung kritiklos übernommen (vgl. Pilarek, 2013, S. 2). Vorurteile stellen an sich kein Problem dar, denn jeder ist frei in dem was er denkt und fühlt. Problematisch wird es allerdings dann, wenn diese negativen Einstellungen eine Grundlage für ein negatives Intergruppen-Verhalten bilden (vgl. Geschke, 2012, S. 35). Somit wäre ihre Existenz weniger bedeutsam, wenn sie in den Köpfen der Menschen eingeschlossen blieben und sich nicht in diskriminierendem Verhalten niederschlügen (vgl. Bergmann, 2005, S. 12). Vorurteile können zwar auf den ein oder anderen harmlos wirken und müssen nicht mit einer abwertenden Intention verbunden sein, gerechtfertigt sind sie jedoch nie. Denn jeder Mensch hat das unbestreitbare Recht darauf, individuell beurteilt und nicht auf seine Abstammung, Herkunft oder Hautfarbe reduziert zu werden (vgl. Pilarek, 2013, S. 2).

Im Gegensatz dazu wird eine Diskriminierung als eine „ungleiche, ausgrenzende und benachteiligte Behandlung von Einzelnen oder Gruppen“ verstanden, (vgl. Schneider & Yemane, 2014, S. 15). Diskriminierung geschieht, indem Unterschiede, die zwischen den Menschen existieren, in Ungleichheiten verwandelt werden. Dadurch wird die Grenze zwischen zwei Gruppen, beispielsweise Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten, markiert. Durch negative Zuschreibungen wird dem Menschen der Status als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft bestritten. Des Weiteren werden sie durch den Verweis in benachteiligte soziale Positionen in ihrer Selbstachtung beschädigt (vgl. Scherr, 2012, S. 7).

Nicht jedes Vorurteil ist zwingend mit negativen Urteilen verbunden, manche Zuschreibungen können sogar als Lob verstanden werden. Wie beispielsweise der Ausdruck „brasilianischer Fußballzauber“ (vgl. Pilarek, 2013). Dennoch werden wir uns in unserer Arbeit ausschließlich auf den Bereich der negativen Formen dieses Phänomens konzentrieren.

Die Begrifflichkeiten können zwar theoretisch klar voneinander abgegrenzt werden, in der Praxis bemerkt man allerdings einen fließenden Übergang zwischen Vorurteilen und Diskriminierung (vgl. Pilarek, 2013, S. 2). Dieser Tatsache werden wir gerecht, indem wir für die Klärung des Phänomens Diskriminierung auch das Konzept der Vorurteile heran ziehen. Nachdem mit der Klärung der Begrifflichkeiten eine Grundlage zur Diskussion dieser Thematik geschaffen wurde, werden im folgenden Kapitel die verschiedenen Ausprägungen, welches das komplexe Phänomen aufweisen kann, beleuchtet.

2.2. Diskriminierungsformen

In der Literatur wird grundsätzlich zwischen der institutioneilen, strukturellen und der individuellen Diskriminierung unterschieden (vgl. Heckmann, 2015, S. 231 ff).

Die institutionelle Diskriminierung nimmt Bezug auf bestimmte Regeln und Praktiken einer Einrichtung, die eine Ungleichbehandlung zur Folge haben. Diese Ungleichbehandlung wird durch das Handeln von Menschen hervorgerufen, die wiederum den Richtlinien des Konzepts einer Institution folgen. Durch das Befolgen dieser Regeln und das Ausüben bestimmter Positionen diskriminieren sie andere Menschen (vgl. Heckmann, 2015, S. 233). Da es sich hierbei nicht um diskriminierende Einzelhandlungen, sondern viel mehr um Organisationsprozesse innerhalb von Institutionen handelt, wird häufig auch von einer indirekten oder versteckten Diskriminierung gesprochen. Somit stellt sie, im Hinblick auf ihre Bekämpfung eine vielschichtige Aufgabe dar (vgl. Fereidooni, 2011, S. 24). Im Wesentlichen kann institutioneile Diskriminierung auf zwei Ebenen betrachtet werden. Einerseits die Institutionalisierung von Regeln in Gesetzen und Vorschriften, andererseits die eigenen tradierten Regelungen und ungeschriebenen Gesetze in Bildungseinrichtungen und Organisationen. Zu einer Institutionalisierung von Regeln in Gesetzen und Vorschriften können die unterschiedlichen Chancen und Rechte von Deutschen und Migrantinnen und Migranten aufgeführt werden. Nicht deutsche Bürgerinnen und Bürger besitzen beispielsweise kein Wahlrecht, werden aber zum Zahlen von Steuern verpflichtet (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 20). Durch diese rechtliche Ungleichstellung wird eine hierarchische Ordnung erzeugt, was eine Benachteiligung von Migrantinnen und Migranten nach sich zieht (vgl. Gomolla & Radtke, 2009, S. 18). Die fehlende schriftliche Dokumentation der tradierten Regeln und ungeschriebenen Gesetzen erhöht die Schwierigkeit eine institutioneile Diskriminierung aufzudecken. So sind Entscheidungsprozesse in der Notenflndung, die eine ungleiche Behandlung der Schülerinnen und Schüler hervorrufen können, empirisch nicht nachweisbar. Wenn Entscheidungen nicht nur aufgrund von legitimierten Begründungen getroffen, sondern durch bestehende Vorannahmen beeinflusst werden, haben sie ein verfälschtes Ergebnis zur Konsequenz (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 20).

Dahingegen hat eine strukturelle Diskriminierung die benachteiligte soziale Lage einer Bevölkerungsgruppe im Fokus und kann weder durch eine institutioneile noch durch eine massive individuelle Diskriminierung erklärt werden (vgl. Heckmann, 2015, S. 243). Hinter diesem Konzept steht eine ungleiche Behandlung oder Benachteiligung von Individuen/ Gruppen aufgrund von Zugehörigkeitsmerkmalen. Solch eine strukturelle Diskriminierung kann beispielsweise bei der Verteilung von Bildungseinrichtungen beobachtet werden. Migrantinnen und Migranten oder sozial schwächere Familien ziehen häufig in bestimmte Stadtteile, die aufgrund von baulichen und infrastrukturellen Missständen eine vergleichsweise geringere Miete aufweisen. Die dadurch entwickelte ungünstige Bevölkerungsstruktur lässt Unterschiede zwischen den verschiedenen städtischen Bildungseinrichtungen hinsichtlich ihrer Qualität entstehen. Die geringe Motivation und ein häufiger Wechsel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Einrichtung, die oftmals in Institutionen problematischer Stadtvierteln zu beobachten ist, wirkt sich negativ auf die Qualität einer Bildungseinrichtung aus. Da Bildung in unserer Gesellschaft allerdings den Schlüssel für den Erfolg des späteren Lebens darstellt, ist eine bestimmte Qualität der Bildungseinrichtungen von großer Bedeutung. Wenn es durch eine Ungleichgewichtung der Qualität von Bildungsinstitutionen zu einer Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen kommt, kann von einer strukturellen Diskriminierung gesprochen werden (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 19). Ähnlich wie bei der institutioneilen Diskriminierung ist auch die strukturelle Form nicht eindeutig erkennbar und kann nur schwer aufgedeckt werden (vgl. Hormel & Scherr, 2010, S. 31).

Die individuelle Diskriminierung nimmt Bezug auf das Verhalten zwischen Individuen, das eine Abwertung oder Ausgrenzung einzelner Personen zur Folge hat (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 19). Diese Form der Diskriminierung kann weiter in sich differenziert werden. Das Verhalten kann einerseits auf bestimmten Vorurteilen beruhen, andererseits kann es sich aber auch ohne Vorurteile vollziehen (vgl. Heckmann, 2015, S. 232). Ausländische Schülerinnen und Schüler können zum einen von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern zum anderen von Lehrkräften diskriminiert werden (vgl. Beelmann & Jonas, 2009, S. 341). Das zeigt, dass individuelle Diskriminierung von einzelnen Individuen oder auch Gruppen ausgeübt werden kann. Diese Ausprägungsform der Diskriminierung kann mit den beiden oben genannten Formen (institutioneller und struktureller Diskriminierung) in Verbindung Stehen oder aus diesen resultieren (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 19).

Die oben genannten Ausführungen haben gezeigt, dass man die Ausprägungsformen des komplexen Phänomens analytisch voneinander abgrenzen kann. Im schulischen Bereich bedingen sie sich allerdings gegenseitig (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 19). Des Weiteren wurde deutlich, dass eine illegitime Ungleichbehandlung vielfältige Erscheinungsformen aufweisen kann. Um eine Diskriminierung frühzeitig zu erkennen und um adäquat handeln zu können, ist ein ganzheitliches Verständnis von großer Bedeutung.

Nachdem die verschiedenen Formen einer Diskriminierung erläutert wurden, wird ทนท der Fokus auf die Möglichkeiten der Entstehung gelegt. Menschen werden häufig aufgrund äußerer, wahrnehmbarer Merkmale diskriminiert (vgl. Fleiter, 2005, S. 3). Diese Merkmale, die Anhaltspunkte für eine unzulässige Diskriminierung darstellen können, werden im Folgenden aufgezeigt.

2.3. Diskriminierungsdimensionen

Es ist schwer die Merkmale einer Diskriminierung eindeutig zu nennen und voneinander abzugrenzen. Diese Problematik kann mit der Komplexität des Phänomens begründet werden. Eine Diskriminierung ist häufig mehrdimensional und somit nicht eindeutig zu umreißen. Gerade um mögliche Verflechtungen und Überkreuzungen der Merkmale wahmehmen zu können, ist eine mehrdimensionale Betrachtung von Diskriminierungsmerkmalen von großer Bedeutung. Potentiell diskriminierungsrelevante Merkmale können Z.B. die ethnische Herkunft, das Geschlecht oder die Religion darstellen. Des Weiteren wird eine unzulässige Ungleichbehandlung häufig an der sexuelle Identität, einer Behinderung, der soziale Herkunft oder an dem sozialen Status festgemacht (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 20). Die genannten Merkmale sind aber nicht der Grund für eine Diskriminierung, sondern sie werden lediglich zum Anlass genommen um daran eine illegitime Ungleichbehandlung fest zu machen (vgl. Heckmann, 2015, S. 222). Im Folgenden werden einige dieser möglichen Anknüpfungspunkte genauer erläutert.

Sowohl in der Gesellschaft, als auch im Bildungswesen wird nach dem Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit gehandelt. Dabei werden bestimmte Rollenvorstellungen und Rollenhierarchien vermittelt, die durch die Gesellschaft vorgegeben werden. Die Vermittlung dieses Prinzips wirkt sich einerseits auf die Identitätsentwicklung von Schülerinnen und Schülern aus, andererseits können Diskriminierungen und Ungleichheiten daraus resultieren (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 21). Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Ursachenzuschreibung bei gleich erbrachter Leistung häufig vom Geschlecht abhängig ist. So wird eine herausragende Leistung bei Frauen abgewertet, indem sie auf glückliche Umstände oder große Anstrengungsbereitschaft zurückgeführt werden, wohingegen bei Männern das Erbringen gleicher Leistung mit ihrer Kompetenz erklärt wird. Dies geschieht besonders dann, wenn es sich bei der zu behandelnden Aufgabe um eine von der Gesellschaft gesehene typisch maskuline Aufgabe handelt. Gleich erbrachte Leistungen werden somit unterschiedlich wahrgenommen, auf andere Ursachen zurückgeführt und häufig unterschiedlich bewertet (vgl. Beelmann & Jonas, 2009, S. 203).

Ein weiteres Merkmal, an dem eine illegitime Ungleichbehandlung festgemacht werden kann, ist die sexuelle Identität. Darunter versteht man einerseits das biologische und empfundene Geschlecht, andererseits die sexuelle Präferenz. In vielen Fällen werden Menschengruppen diskriminiert, die nicht den Formen des Mainstreams- Sexual verhalten zugeordnet werden können. Darunter fallen beispielsweise homo- und bisexuelle lebende Menschen (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 23). Empirische Daten zeigen, dass einige homo­oder bisexuelle lebenden Menschen bei einer Offenbarung ihrer sexuellen Orientierung Ablehnung und sogar Gewalt erleben (vgl. Beelmann & Jonas, 2009, S. 242). In Deutschland entwickeln sich immer neue Familienmodelle, die den sozialen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler mitbestimmen. Häufig sind Schulbücher und andere Unterrichtsmaterialien jedoch von heterosexuellen Lebensformen geprägt, präsentieren klare Rollenverteilungen und übermitteln Stereotypen von Geschlechtern. Solange diese Vorstellungen weiter vermittelt werden und gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, sogenannte Regenbogenfamilien, als vernachlässigendes „Anderes“ missachtet werden, bleiben die Kinder aus Regenbogenfamilien potenzielle Adressatinnen und Adressaten von Diskriminierung (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 48 f).

Ein weiteres mögliches Merkmal wird durch das Ergebnis einer Studie, in der die Bestimmungsfaktoren der Leistungsbewertung von Lehrpersonen im rheinland-pfälzischen Bereich untersucht wurden, deutlich. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Lehrkräfte bei der Notenvergabe häufig durch die soziale Herkunft der Kinder beeinflussen lassen. Somit werden Kinder, die aus einem gebildeten Elternhaus stammen und in einer, von der Gesellschaft empfundenen guten Gegend wohnen, bevorzugt, (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 50 f). Die soziale Herkunft stellt daher einen weiteren Anknüpfungspunkt für eine illegitime Ungleichbehandlung dar. Menschen werden aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit und durch das Anknüpfen an ihre soziale Situation benachteiligt (vgl. Scherr, 2014, S. 23).

Des Weiteren kann eine Diskriminierung auch aufgrund von ethnischer Herkunft geschehen. Eine Gruppe, die sich durch kulturelle, religiöse oder geschichtliche Ähnlichkeiten eine gemeinsame Identität schafft, wird als Ethnie bezeichnet. Sowohl Brauchtum als auch Sprache können solch eine Verbindung darstellen. Diese wahrnehmbaren Zugehörigkeitsmerkmale oder gar nur Vermutungen darüber werden für eine Ungleichbehandlung genutzt (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 20 f). Häufig kommt es bei Menschen mit ausländischen Wurzeln aufgrund ihres Aussehens oder Hautfarbe zu einer gezielten Ausweiskontrolle durch die Polizei. Bei der Wohnungssuche werden Bewerberinnen und Bewerber mit ausländisch klingenden Namen häufiger abgelehnt als deutsche Interessentinnen und Interessenten. Diese Beispiele von Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft sind leider keine Seltenheit (vgl. Goll & Moehl, kein Datum).

Die Tatsache, dass in Deutschland Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen nicht immer an allgemeinen Schulen gefördert und unterrichtet werden, sondern auf Sonderschulen geschickt werden, stellt eine weitere Art einer Diskriminierung dar (vgl. Jennessen, Kastirke, & Kotthaus, 2013, S. 44). Diskriminierungen dieser Art sind schwer zu erkennen und verstecken sich häufig in Alltagsroutinen. So erfahren Betroffene bereits durch den mitleidsvollen Blick anderer oder durch die Reaktionen ihnen gegenüber gesellschaftliche Ausgrenzung. Behinderungen bilden somit einen weiteren Anknüpfungspunkt für eine illegitime Ungleichbehandlung (vgl. Rommelspacher, 2006).

Alle der oben genannten Arten von Diskriminierung, egal ob aufgrund von Geschlecht, sexueller Identität oder sozialer Herkunft, bedeuten in jedem Fall eine Behinderung für die Betroffenen in ihrer Lebenswelt. Eine Ungleichbehandlung reduziert die Chancen etwas zu verwirklichen und steigert Konflikte zwischen Erwartungen und Fähigkeiten (vgl. Hormel & Scherr, 2010, S. 314).

Nachdem ทนท eine theoretische Grundlage geschaffen wurde, werden im folgenden Kapitel mögliche Ursachen und Wirkungen von Diskriminierung in den Blick genommen. Die folgenden Überlegungen zielen darauf ab, verschiedene Ansätze zur möglichen Erklärung der Ursachen aufzuzeigen.

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668547407
ISBN (Buch)
9783668547414
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375304
Note
1,0
Schlagworte
wenn vorurteilen diskriminierung inwiefern schule handlungsbedarf

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Titel: Wenn aus Vorurteilen Diskriminierung wird. Inwiefern kann in der Schule präventiv dagegen vorgegangen werden und wo besteht noch Handlungsbedarf?