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Gottscheds Theaterreform im sozialhistorischen Kontext des 18. Jahrhunderts. Sozialhistorische Analyse von "Versuch einer Critischen Dichtkunst"

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Bestandsaufnahme: „Versuch einer Critischen Dichtkunst“
2. Das Zeitalter der Aufklärung
2.1. Wesen und Ziele der Aufklärung
2.2. Gottscheds Ästhetik der Frühaufklärung
3. Das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche System des Absolutismus
3.1. Historische Bedingungen der Aufklärung
3.2. Die neuen bürgerlichen Individuen

III. Zusammenfassung

I. Einleitung

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts existiert noch kein deutsches bürgerliches Theater. Wandertruppen ziehen durch das Land wie es seit der Zeit der englischen Komödianten im 17. Jahrhundert üblich ist. Ihre Spielorte sind Rathaussäle und Ballhäuser in größeren Städten wie Leipzig, Frankfurt am Main, Köln, Nürnberg oder München. In einigen Städten erhalten sie gelegentlich auch die Möglichkeit, auf großen Plätzen sogenannte „Spielbuden“ aufzubauen, die nach dem Ablauf der entsprechenden Spielzeit wieder abgerissen werden müssen. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts gibt es zwar schon einige nach französischem Vorbild eingerichtete Opernhäuser, allerdings sind diese der italienischen Oper oder französischen Schauspieltruppen vorbehalten. Hin und wieder bekommen sie zu feierlichen Anlässen ein Engagement bei Hof, doch man betrachtet sie misstrauisch. Zudem wird deutschen Dichtern und deutschen Komödianten die Kompetenz abgesprochen, etwas „Vernünftiges“ auf die Bühne zu bringen. Die Spielpläne der Wandertruppen sind so gestaltet, dass sie den gebildeten Bürgern nicht als Freizeitvergnügen dienen konnen. Zur Aufführung kommen meistens sogenannte Haupt- und Staatsaktionen oder Märtyrer- und Tyrannendramen, die durch komische Einlagen eines Harlekins oder eines Hans Wurst aufgelockert werden. Ein Ballett bildet das Nachspiel. Diese Stücke sind meistens eher eine Art Volksbelustigung, aber kein Theater für ehrbare Bürger. Dies soll sich im Laufe des 18. Jahrhunderts ändern. Den ersten Versuch, eine Theaterreform durchzuführen, startet Johann Christoph Gottsched.

In Anlehnung an die Wolff’sche Systemphilosophie und mit dem ästhetischen Vorbild des französischen Klassizismus, erscheint 1730 der „Versuch einer Critischen Dichtkunst“ von dem Leipziger Literaturprofessor Johann Christoph Gottsched. Sein Werk bringt es in den kommenden Jahrzehnten zu großer Popularität, weshalb es für die Theatergeschichte von großer Bedeutung und für die Wissenschaft von Interesse ist. Gottsched fordert einige Neuerungen des deutschen Theaters, so dass es für ein bürgerliches Publikum zugänglich gemacht und auf diese Weise die Grundlage für ein deutsches Nationaltheater geschaffen wird. In dem erwähnten Werk nennt Gottsched eine Reihe von Postulaten an das deutsche Theater, die in dieser Arbeit in Bezug auf ihre sozialhistorische Relevanz untersucht werden sollen. Sozialgeschichte meint hierbei mit der Geschichte gesellschaftlichen Handelns auch die politische sowie die Wirtschafts- und Bewusstseinsgeschichte, die für das Verständnis der Gottsched’schen Theaterreform notwendig ist. Was haben Gottscheds Vorschläge für eine Theaterreform mit den Vorstellungen der Aufklärung zu tun? Aus welchen historischen Bedingungen erwachsen diese Ideen? Und was bedeutet die Theaterreform für die Gesellschaft bzw. wie soll sie wirken? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Untersuchung nachgegangen und wenn möglich beantwortet werden.

Im ersten Kapitel werden zunächst die Forderungen Gottscheds an das deutsche Theater unter Berücksichtigung der Tragödie, der Komödie und der Oper näher erläutert. Danach, im zweiten Kapitel geht es um die Aufklärung und ihren Zusammenhang mit der Gottsched’schen Ästhetik. Das dritte Kapitel widmet sich dem Einfluss von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft des Absolutismus auf die Ideen der Aufklärung sowie den Kunstvorstellungen Gottscheds. Außerdem werden hier die Auswirkungen der aufgeklärten Philosophie auf das absolutistische System behandelt und die erwünschten Konsequenzen der Theaterreform beschrieben. Zum Schluss wird auf die Entstehung und das Wesen des Zielpublikums, nämlich auf die neuen bürgerlichen Schichten eingegangen.

1. Be standsaufnahme: „Versuch einer Critischen Dichtkunst“

Das Werk ist unterteilt in den allgemeinen theoretischen und den zweiten besonderen Teil, in dem die einzelnen Gattungen besprochen werden. Diese werden zunächst historisch eingeführt, definiert und anschließend hinsichtlich der Anforderungen an sie normativ beschrieben. Gottscheds „Regelwerk der Ästhetik“ fügt sich in das Vernunftkonzept der Aufklärung ein. Die Ästhetik hat sich an der Natur zu orientieren, die als völlig durchrationalisierte Ordnung begriffen und mit der Vernunft gleichgesetzt wird: „Das Natürliche wird als vernünftig, das Vernünftige als natürlich verstanden mit dem Unterschied, dass die Natur vollkommen, die menschliche Vernunft dagegen unvollkommen, wenngleich unendlicher Perfektionierung fähig sei.“[1]

Deshalb kann auch die Kunst nur dann vernünftig sein, wenn sie „Nachahmung der Natur“ ist. Nach diesem Kriterium bewertet Gottsched die einzelnen Gattungen der Poetik. Von diesen sollen nun die Betrachtungen über die dramatischen, d.h. die Tragödie, die Komödie und die Oper genauer untersucht werden.

Das zugrunde liegende Vernunftkonzept impliziert zum einen die didaktisch-funktionale Ausrichtung der tragischen Fabel. Der Dichter soll eine moralische Aussage durch die Fabel der Tragödie versinnlichen: „Der Dichter wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet.“[2]

Zum anderen soll die Tragödie den Regeln der Wahrscheinlichkeit unterliegen, um ein Höchstmaß an Objektivität und Glaubwürdigkeit zu garantieren, obwohl sie eine Erfindung ist und keine historische Authentizität beweisen muss. Die Fabel, d.h. das zugrunde liegende Handlungsschema der Tragödie, besteht aus einer Hauptfabel, der Haupthandlung, und mehreren Zwischenfabeln, aus denen die Umstände der Hauptfabel hervorgehen sollen. Die Fabel sollte in fünf etwa gleich große Stücke geteilt und kausal geordnet werden, so dass eine Handlung sich aus der vorherigen begründen lässt. Weiterhin soll die Fabel eine Steigerung enthalten und sich wie ein Knoten immer weiter zusammenschnüren bis er sich am Ende auflöst. Mit dieser Art der Spannungssteigerung soll die Aufmerksamkeit der Zuschauer erweckt und aufrecht gehalten werden. Fabeln sollten in der Tragödie wie in der Komödie einen Glückswechsel oder eine Entdeckung unbekannter Personen enthalten. Diese bezeichnet Gottsched als verworren, andernfalls sind sie einfach oder schlecht. Um den Zusammenhang einer Handlung nicht zu gefährden, sollen die verschiedenen Auftritte der Figuren stets miteinander verbunden werden, was bedeutet, dass die Bühne bis zum Ende eines Aufzuges nie ganz leer werden darf.

Ein weiteres wichtiges Postulat Gottscheds an die Fabel der Tragödie und der Komödie ist die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Letztere besagt, dass eine Fabel nur eine Haupthandlung enthalten dürfe, da sie auch nur eine Hauptintention, d.h. einen moralischen Lehrsatz beinhalte. „Alle Stücke sind also tadelhaft und verwerflich, die aus zwoen Handlungen bestehen, davon keine die vornehmste ist.“[3] Um den zeitlichen Verlauf einer Fabel wahrscheinlich zu gestalten, darf sie nur einen Tag, d.h. etwa drei bis vier Stunden umfassen und sollte auch nur tagsüber stattfinden. Die Einheit der Zeit meint also die Kongruenz des fiktionalen Zeitumfangs einer Handlung auf der Bühne mit der realen Dauer im Zuschauerraum: „Oder wie ist es wahrscheinlich, dass man es auf der Schaubühne etliche Mal Abend werden sieht; und doch selbst, ohne zu essen, oder zu trinken, oder zu schlafen, immer auf einer Stelle sitzen bleibt?“[4] Ähnlich verhält es sich mit der Einheit des Ortes. Da die Position der Zuschauer konstant bleibt, soll sich auch der Schauplatz der Handlung nicht ändern.

Hinsichtlich der Charaktere hält Gottsched an der Ständeklausel fest: Die Helden der Tragödien sollen adelig, die Komödie soll bürgerliche Hauptpersonen haben. Figuren der Tragödie sollen bekannte historische Namen tragen, um den Charakteren Ansehen und der Fabel eine gewisse Wichtigkeit zu verleihen. Figuren der Komödie hingegen dürfen nicht der Geschichte entstammen, um Verwirrung zu vermeiden, die bei Rezipienten vieler Komödien entstehen könnte. Es ist nicht erlaubt, Adelige als auslachenswürdig darzustellen, weshalb sie in der Komödie nicht auftreten sollen: „Die Personen, die zur Comödie gehören, sind ordentliche Bürger, oder doch Leute von mäßigem Stande, dergleichen auch wohl zur Noth Barons, Marquis und Grafen sind: nicht, als wenn die Großen dieser Welt keine Thorheiten zu begehen pflegten, die lächerlich wären; nein, sondern weil es wider die Ehrerbietung läuft, die man ihnen schuldig ist, sie als auslachenswürdig vorzustellen.“[5] Daraus wird ersichtlich, dass Gottsched zwar die Gleichwertigkeit von Menschen bewusst ist, jedoch formal Unterscheidungen in Ansehen und Bedeutung von Adel und Bürgertum trifft. Die Charaktere der Hauptpersonen sollen der Natur in Abhängigkeit von Alter, Stand, Geschlecht und Volk nachgeahmt und also wahrscheinlich und möglichst widerspruchsfrei gezeichnet werden, so dass die Handlungen plausibel werden. Änderungen des Charakters müssen durch gewisse Umstände wahrscheinlich gemacht werden: „Man muß die Natur und Art der Menschen zu beobachten wissen, jedem Alter, jedem Stande, jedem Geschlechte, und jedem Volke solche Neigungen und Gemüthsarten geben, als wir von ihnen gewohnt sind. Kömmt ja einmal was außerordentliches vor; z.E. dass etwa ein Alter nicht geizig, ein Junger nicht verschwenderisch, ein Weib nicht weichherzig, ein Mann nicht beherzt ist: so muß der Zuschauer vorbereitet werden, solche ungewöhnliche Charaktere für wahrscheinlich zu halten; welches durch Erzählung der Umstände geschieht, die dazu etwas beygetragen haben.“[6] Daraus ergibt sich eine starke Typisierung der Charaktere. Nebenpersonen wie Bedienstete sollten charakterlich nicht dargestellt werden.

[...]


[1] Siegrist, 281

[2] Gottsched, 317

[3] Gottsched, 319

[4] Gottsched, 320

[5] Gottsched, 351

[6] Gottsched, 354

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638368360
ISBN (Buch)
9783638864404
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37527
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
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Titel: Gottscheds Theaterreform im sozialhistorischen Kontext des 18. Jahrhunderts. Sozialhistorische Analyse von "Versuch einer Critischen Dichtkunst"