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Das Happy End in Alexander Kluges "Blechernes Glück"

Hausarbeit 2016 10 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1. Einleitung

Die internationale DFG-Tagung Glück am Ende? Episodisches Erzählen in Mittelalter und Gegenwart brachte internationale Expertinnen und Experten der Narratologie, der Alt- und Neugermanistik, der Literatur- und Medienwissenschaft sowie Nachwuchswissenschaftle- rinnen und Nachwuchswissenschaftler verschiedenster Disziplinen zusammen, um sich ge- meinsam der quest - der Suche nach der Sinnhaftigkeit und der Problematiken eines glück- lichen Endes zu widmen. Das Glück offenbart dabei seine Doppeldeutigkeit: Zum einen das äußere Glück (fortuna) im Sinne eines ordnungsdestabilisierenden und kontingenten Mo- ments, bei welchem die Zeit als Zäsur empfunden wird. Zum anderen das kohärenzstiftende Streben eines jeden Menschen nach innerem Glück (felicitas), bei dem ein Zeitkontinuum erzeugt wird. Als Konnex der interdisziplinären Tagung fungierte die nicht erst in der mo- dernen Literatur- und Filmwelt geschätzte Episode, die als „in sich geschlossene, in die Haupthandlung eingeschaltete, für deren Kontinuität nicht unbedingt notwendige und mit ihr meist nur locker verknüpfte Nebenhandlung […]“,1 sowie als für eine erzählerische Ko- härenz relevante Sequenz einer Haupthandlung2 definiert werden kann.

Die studentische Projektgruppe Heidelberg präsentierte Überlegungen zu Alexander Kluges Blechernes Glück. Die Erzählung verbindet die Hauptthemen der DFG-Tagung des episo- dischen Erzählens und der quest und soll im Folgenden näher beleuchtet werden, indem nach Details zur Konzeption, die narrative Instanz in den Vordergrund gerückt wird. Da- raufhin werden drei Thesen vorgestellt, welche die Motivierung der Erzählung darlegen, das typische Happy End problematisieren und die Plausibilität der dargestellten Glücksbe- griffe überprüfen.

2. Alexander Kluge: Blechernes Glück

Die Erzählung Blechernes Glück von Alexander Kluge wurde erstmals 2003 in der 500 Ge- schichten umfassenden Sammlung Die Lücke, die der Teufel läßt3 veröffentlicht. Der Titel des Sammelwerkes präsupponiert zweierlei: Er weist auf eine nicht zu unterschätzende, ernste Gefahr hin und spricht gleichzeitig die Möglichkeit eines Ausschlupfes vor der Ge- fahr an. In den 500 Geschichten setzt Kluge nach eigenen Angaben die „SUCHE NACH ORIENTIERUNG fort, aber mit einem neuen Erzählinteresse: Die »Geisterwelt« der »ob- jektiven Tatsachen« tritt stärker in den Vordergrund.“4 Kleinere und größere Katastrophen und Pannen, große Schlachten sowie Einzelschicksale werden in meist nüchterner, sachli- cher Sprache thematisiert und enden häufig ohne Pointe mit ungelösten Fragen. Kluge erzählt, er habe sich vorgenommen, aufgrund von unerträglichen Ereignissen der Weltgeschichte, „Geschichten über Rettung unter unwahrscheinlichen Umständen“5 zu schreiben. Das ist ihm im Fall von der Erzählung Blechernes Glück gelungen, in der ein Entschluss zum Selbstmord zu einer glücklichen Verbindung von zwei Menschen führt und sich somit Unglück in Glück verwandelt.

Die Art des Erzählers, dem Leser die Geschehnisse in Blechernes Glück zu vermitteln, führt dazu, dass sich der Leser dem Geschehen fern fühlt und somit auch Identifikation mit der Protagonistin vermieden wird. Die Hauptereignisse werden gerafft und ohne Ausschmü- ckungen dargestellt. Obwohl in Blechernes Glück eine Nullfokalisierung vorliegt, da die Erzählinstanz eine Art Übersicht der Geschehnisse darlegt und es scheint, als könne sie von jedem Ereignis aus eigener Erfahrung berichten, wird nur an einer Stelle - als Wilma Bison mit einem „Schrei des Entsetzens“ vom Dom springt - Einblick in die Aktantenperspektive gewährt. Diese Erzählart verursacht eine merkwürdige und ungewohnte Distanz. Es wirkt, als verfüge der Erzähler über eine Mitsicht des Geschehens, als wäre er ein aktorialer Er- zähler und könne anhand von interneter Fokalisierung6 über die Innenwelt der Protagonis- tin erzählen, tut es aber nicht. Er entscheidet sich bewusst dagegen, den Leser an dem Mit- wissen teilhaben zu lassen, möglicherweise um ein bestimmtes Bild der Protagonistin zu erzeugen. Er beschreibt Wilma Bison und ihre Erlebnisse außerdem an keiner Stelle mit- fühlend, sondern scheint sie und ihre Empfindungen nicht ernst zu nehmen und sie eher ironisch präsentieren zu wollen. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass Wilma Bison zu- nächst als Frau beschrieben wird, die sich ihres gewollten Todes sicher ist.7 Doch schon im darauffolgenden Satz betont der Erzähler, sie habe „die Stärke ihres Entschlusses über- schätzt.“8 An späterer Stelle im Text wird erneut deutlich, dass der Erzähler die Protagonis- tin gering achtet, wenn er berichtet, sie habe auf ihrer Glückssuche im Westen „nach ihren Eindrücken“9 negative Erfahrungen gemacht, die zu ihrem Selbstmord führten. Wilmas Ent- scheidung gegen das Leben wird von der narrativen Instanz als nicht verständlich und über- trieben gewertet, was für keinerlei Empathie spricht. Des Weiteren kann die Aussage der Protagonistin, „sie habe befürchtet, als Leiche auf dem Pflaster des Domplatzes unschön auszusehen“ den Leser dazu veranlassen, eine abwertende Meinung zu entwickeln und Wilma Bison als oberflächlich, makaber und/oder psychisch labil einzuschätzen. Unpassend objektiviert zeugt auch die Beschreibung Wilma Bisons nach ihrem Sturz, sie sähe „auf groteske Weise beschädigt“10 aus, von ironischer Distanz zu der Protagonistin.

2.1. These 1: Der Handlungsverlauf wird durch kausale und finale Motivierungen vo- rangetrieben.

Nach Martinez und Scheffel ist die Motivierung eines Geschehens das Epitom der Beweggründe für den Gang der Handlung. Einzelne Ereignisse einer Erzählung werden durch die Motivierung - oder auch Motivation - in einen kohärenten Kontext eingegliedert und lässt diese nicht wahllos, sondern nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit aufeinander folgen. Es sind kausale, finale - und ästhetisch-kompositorische Arten der Motivierung zu parzellieren, welche während einer Handlung durchaus in Kombination auftreten können. Die kausale Motivierung stellt Ereignisse - Geschehnisse oder Handlungen - in einen empirisch möglichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Seltener tritt die finale Motivierung auf, bei welcher die Handlung durch eine göttliche Allmacht begründet ist. Die ästhetisch-kompo- sitorische Motivierung folgt künstlerischen Kriterien.11

Die episodische Erzählung Blechernes Glück ist anachronistisch aufgebaut. Beginnend mit dem Selbstmordversuch der Protagonistin, deren Name zunächst nicht genannt wird, be- schreibt die narrative Instanz ein Geschehnis, das chronologisch betrachtet in der Mitte der Erzählung seinen Platz hätte. Details zu der Protagonistin wie Name, Alter, Herkunft und Motivation des Selbstmordversuchs erfährt der Rezipient erst nach der ausführlichen Be- schreibung des Sturzes. Hier bedient sich der Erzähler der Form der Analepse,12 da er die Vorgeschichte erst nach Schilderung des Selbstmordversuches aufbereitet.

[...]


1 WERTHEIM, Ursula: Art. „Episode“, in: Sachwörterbuch der Literatur. Hg. von Gero VON WILPERT. Stuttgart 2001, S. 224.

2 Vgl. MARTINEZ, Matias/Michael SCHEFFEL: Einführung in die Erzähltheorie. München 2012, S. 113.

3 KLUGE, Alexander: Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2003.

4 KLUGE, S. 7.

5 Interview mit Alexander Kluge von Ulrich Greiner, Gesprächsführung: Iris Radisch, DIE ZEIT Nr. 44, 23.10.2003, online unter: http://www.zeit.de/2003/44/L-Kluge (zuletzt ab-gerufen: 27.08.2016).

6 Vgl. MARTINEZ/SCHEFFEL, S. 67.

7 Vgl. KLUGE, Z. 2 f.

8 Ebd., Z. 4.

9 KLUGE, Z. 15 f.

10 Ebd., Z. 9.

11 Vgl. MARTINEZ/SCHEFFEL, S. 114-117.

12 Vgl. ebd., S. 35.

Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668541238
ISBN (Buch)
9783668541245
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375216
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Alexander Kluge Blechernes Glück Happy Ende

Autor

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