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Das indonesische Schattentheater. Kulturelle, religiöse und politische Einflüsse auf das "wayang" und ihre Ausprägung in der Aufführungspraxis

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das indonesische Schattentheater – eine Annäherung

2. Die Bedeutung des Wortes wayang

3. Die kulturellen, religiösen und politischen Einflüsse auf das wayang
3.1. Die Anfänge in der Zeit der Ureinwohner
3.2. Die hindu-javanische Periode
3.3. Das Vordringen des Islam
3.4. Unter niederländischer Kolonialherrschaft
3.5. Im Kampf um die Unabhängigkeit
3.6. Nach 1950
3.7. Im Zeitalter von Tourismus und neuen Medien

4. Die Ausprägung der verschiedenen Einflüsse in der Aufführungspraxis des wayang
4.1. Die Handlung im wayang
4.2. Die Stoffe und Themen
4.3. Die Gestalt der Figuren
4.4. Die Bühne und einzelne Bühnenelemente
4.5. Die Rituale der Aufführung

5. Das wayang verstehen

Quellenverzeichnis

Zur Schreibweise:

Wörter die javanischen oder indonesischen Ursprungs sind setzte ich kursiv und schreibe sie klein, wie z.B. wayang. Eigennamen beginnen jedoch mit einem Großbuchstaben. Da im Javanischen oder Indonesischen der Plural nicht durch das Anfügen eines s deutlich gemacht wird, verzichte ich ebenfalls auf diese Schreibweise (wie z.B. dalangs). Ob es sich bei dem jeweiligen Wort um Singular oder Plural handelt wird entweder durch den vorangestellten Artikel oder aus dem Kontext klar.

1. Das indonesische Schattentheater – eine Annäherung

Als Europäer oder zumindest vom westlichen, vermeintlich „zivilisierten“ Kulturkreis geprägten Menschen erscheint die Welt der asiatischen Theaterformen oft fremd, undurchsichtig und geheimnisvoll. Doch auch wenn wir vielleicht nie ganz verstehen werden, worin das Geheimnis der Theaterwelt des asiatischen Raumes beruht, so ist es doch lohnenswert sich mit ihr auseinanderzusetzen, um einen Gewinn für sein eigenes Erleben, seine eigene Wahrnehmung zu ziehen. Mit der vorliegenden Arbeit verfolge ich das Ziel, mich der Schattenwelt Indonesiens anzunähern.

Um in die Welt des indonesischen Schattentheaters und seiner Jahrtausende alter Tradition einzudringen ist es – im Gegensatz zu westlicher Dramatik oder Theaterästhetik – von größter Wichtigkeit sich v.a. mit den religiösen, kulturellen und später auch politischen Einflüssen auf diese Theaterform zu beschäftigen. In diesen anthropologischen, soziokulturellen Untersuchungen liegt der Schlüssel zum Verständnis des Schattenspiels in Indonesien verborgen, da rein ästhetische Betrachtungen ungenügend wären.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich zuerst versuchen eine Begriffsbestimmung des Wortes wayang – welches ich in dieser Arbeit stellvertretend für das indonesische Schattentheater wie es v.a. auf Java zu finden ist, verwenden werde – zu unternehmen. Anschließend werde ich chronologisch die Entwicklung des Schattentheaters von seinen Anfängen bis heute untersuchen um die entscheidenden Einflüsse auf diese Theaterform deutlich zu machen. Im zweiten Teil wende ich mich der Frage zu, inwiefern sich eben jene Einflüsse auf die Inhalte, die Ästhetik und Aufführungspraxis ausgewirkt haben. Die Themenwahl, die Stoffe des indonesischen Schattenspiels und die Gestaltung der Figuren, bestimmte Bühnenelemente und die Rituale, die eine Vorführung begleiten, stelle ich hierbei in den Fokus.

2. Die Bedeutung des Wortes wayang

Das Wort wayang entstammt dem Indonesischen und ist als Oberbegriff für zahlreiche Theaterformen, für „so ziemlich alle szenischen Darstellungsformen mit kultischem Hintergrund“[1] zu verstehen. Um eine klare Unterscheidung oder Definition des äußerst vielschichtigen Begriffs zu ermöglichen werden meist Zusatzbezeichnungen wie wayang kulit oder wayang golek angefügt, welche z.B. Aufschluss geben über die verwendeten Figuren, die behandelten Themen oder das vornehmliche Gebiet der Aufführung. In der indonesischen Literatur sind bis zu 100 verschiedenen wayang -Formen bekannt.[2]

Allerdings ist das Wort wayang wesentlich mehr als ein Gattungsbegriff: In seiner ursprünglichen javanischen Bedeutung steht wayang für „Schatten“ – im Sinne von Geist oder Ahne. Hier deutet sich bereits an, dass das wayang -Spiel für Indonesien mehr ist als eine reine Unterhaltungsform. Das Schattentheater besitzt für die Menschen einen wesentlich höheren Wirklichkeitswert, es ist magisch und real zugleich:

„Das Schattenspiel ist das Spiel des Lebens, von dem unsere sichtbaren Taten Wiederspiegelungen sind. Diese Schatten sind die ursprüngliche Ursache für die Existenz des natürlichen Menschen, die ewigen Muster, nach denen er geschaffen wurde.“[3]

3. Die kulturellen, religiösen und politischen Einflüsse auf das wayang

Das wayang wurde im Laufe seiner Geschichte fast immer dazu genutzt, neue Ideen, Weltbilder oder die Interessen der Elite zu verbreiten. „Änderungen in der wayang -Tradition bedeuten und bedeuteten immer auch Änderungen in der javanischen Geistes- u. Kulturge-schichte“[4]. Aufgrund seines langen Bestehens und seiner engen Verknüpfung mit den Einwohnern Indonesiens ist das wayang der ideale Ausgangspunkt, um Einblicke in das Leben in Indonesien zu gewinnen.

3.1. Die Anfänge in der Zeit der Ureinwohner

Das wayang ist wahrscheinlich bereits in der Zeit der indigenen Bevölkerung Indonesiens entstanden, also weit vor Christi Geburt. Im Zentrum der damaligen Kultur stand ein animistischer Glaube, d.h. Totenkult und Verehrung von Ahnen hatten einen enormen Stellenwert und prägten das Leben. In okkulten Ritualen und Zeremonien wurden die Geister der unlängst Verstorbenen aber auch die der für die Gemeinschaft gottähnlichen Ahnen um Hilfe oder Rat angerufen, ihr Wohlwollen war ausschlaggebend für das Wohlergehen der Menschen. Diese Beschwörungen gingen einher mit dem Opfern von Büffelblut. Der Büffel wurde als „Geleiter der Totengeister in die Welt der Ahnen“[5] angesehen und sein Blut war das Verbindungsstück zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten. Dass hierin der Ursprung des wayang liegt, zeigt sich daran, dass die meisten Figuren des wayang, welche während der Aufführungen von den Geistern und Ahnen beseelt werden und ihnen Leben einhauchen[6], aus Büffelhaut gefertigt werden und die Holzstäbe an denen sie ursprünglich befestigt waren aus Büffelhorn waren.[7]

3.2. Die hindu-javanische Periode

Zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert nahm zusehends die indische Kultur Einfluss auf die indonesische Inselwelt und führte zu tiefgreifenden kulturellen und spirituellen Veränderungen. Durch Einwanderungswellen fasste zunächst der Buddhismus Fuß und wurde – v.a. während der als glorreiche Blütezeit empfundenen Epoche des Großreichs Majapahit (14. bis 16. Jahrhundert) – vom Hinduismus abgelöst. Auch die Schrift in Form von Sanskrit etablierte sich. Beim Vordringen des hinduistischen Glaubens handelte es sich allerdings nicht um eine rigide durchgesetzte Missionierung, Forscher sind eher der Auffassung, dass „die höhere Zivilisationsform von den Indonesiern ‚importiert‘ worden ist“[8].

Der animistische Glaube der Ureinwohner wurde allerdings nicht vollständig durch das hinduistische Weltbild verdrängt sondern erfuhr viel mehr eine Transformation. Es sind nun nicht mehr die Vorfahren eines Stammes die bei einer wayang -Vorführung von den Figuren Besitz ergreifen, es sind die Ahnen der Herrschergeschlechter von Majapahit. Und diese werden nun nicht um ihre Gunst angerufen sondern nehmen die Rollen der Helden der beiden altindischen Epen Mahabharata[9] und Ramayana[10], die wichtigsten frühen Quellen des hinduistischen Glaubens, an. In der Tat haben sich die Herrscher über Majapahit als „Abkömmlinge der Heroen des Mahabharata gesehen und damit als Nachfahren der hinduistischen Hochgötter“[11]. Die Inhalte der beiden Epen Mahabharata und Ramayana bilden – auch heute noch – das „Kernprogramm“ des wayang, wobei sie teilweise überarbeitet oder ergänzt wurden. Eine Vermischung von vorhinduistischer und hinduistischer Tradition hatte sich vollzogen.

3.3. Das Vordringen des Islam

Wahrscheinlich aufgrund von Handelsbeziehungen und durch die Einwanderung von bereits konvertierten Bevölkerungsgruppen kam es zu einer Verbreitung des Islam, welcher sich mit dem bisherigen Lebensstil der Einwohner Indonesiens vermengte. Es ist wohl anzunehmen, dass „der Islam, wie bereits der Hinduismus, nicht gewaltsam auf Java etabliert wurde“[12], wobei die neun wali sanga, die mystifizierten, islamischen Religionsführer auf Java, der Meinung streng gläubiger Moslems zufolge sehr wohl eine missionierende Stellung inne hatten.[13] Das Repertoire des wayang wurde in dieser Zeit zusehends um islamische Themen erweitert, da die islamischen Glaubensführer sich des wayang bedienten um ihre Lehren zu verbreiten. Nicht nur das islamische Glaubensbekenntnis oder die Beschreibung der Vereinigung von Allah und dem Propheten Muhammed, welche Einzug in die Stoffe des wayang hielten, belegen, dass „die javanische Mystik und damit auch das Schattenspiel stark durch die islamische Sufi-Lehre beeinflusst wurden“[14].

Mit dem Einzug des Islam kam einher das islamische Bilderverbot, das Verbot der menschlichen Darstellung von Göttern. Dies bedeutete für die wayang -Tradition eine Unterbindung von Seiten der Religionsführer, da die bisher verwendeten Puppen „an lebende Wesen erinnern und weil ein Mensch nichts Lebendiges schaffen kann, sind diese Figuren auch eine Blasphemie“[15]. Raden Patah, Herrscher über das damals einflussreichste Sultanat Demak (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts), wünschte aber wayang -Vorstellungen in ihrer ursprünglichen Form zu sehen. Um das islamische Bilderverbot zu umgehend und um die wali sanga nicht zu erzürnen ging man einen Kompromiss ein: es wurde eine dünne Leinwand gespannt, eine Fackel installiert und anstatt der Figuren „wurden deren Schatten gezeigt und damit nicht die Nachahmung von Menschen oder Göttern, sondern ein Abbild deren Charaktere“[16]. Dies war die Geburtsstunde des wayang kulit, der heute noch verbreitetsten und bekanntesten Form des wayang. Das tatsächliche Schattentheater in einem westlichen Sinne hatte sich entwickelt. Auch die wali sanga müssen mit dieser Form des wayang konform gegangen sein, da sie es ja nicht nur zur Verbreitung des Glaubens nutzten, sondern Sunan Kalijaga, einer der neun Glaubensführer, selbst gesagt haben soll:

„Eine Wayangvorstellung ist das Spiegelbild des Einen, oder auch das Spiegelbild der Gesetzmäßigkeiten. Das Wayangspiel steht dann für die gesamte Menschheit und der Dhalang [der Puppenspieler, RM] könnte mit Allah, dem Erschaffer des Universums verglichen werden.“[17]

3.4. Unter niederländischer Kolonialherrschaft

Etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung des Islam erreichten die Holländer Indonesien. Die private Handelsvereinigung VOC („Vereenigde Oost-Indische Compagnie“) gründete erste Handelszentren auf Java und mischte sich vermehrt in die Regierungsgeschäfte der javanischen Sultanate ein. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Niederlande die Kolonialmacht über Indonesien errungen.

Die niederländischen Kolonialherren strebten nun eine umfassende Beschreibung und Erfassung des javanischen Kulturguts, insbesondere des wayang, an. Sie begannen die „javanische[n] ‚Abweichungen‘ vom indischen ‚Mahabharata‘ und ‚Ramayana‘ mit dem nicht-islamischen, indischen ‚Original‘ zu vergleichen“[18], ihr Urteil fiel dabei sehr negativ aus. Sie empfanden die javanische Tradition „als degeneriert und den Inhalt oft als flach und unstimmig“[19] und sie standen der „ursprünglichen Dynamik der dalang, neue Erzählweisen zu schaffen, häufig ablehnend gegenüber“[20]. Seit dem als Java- oder Diponegara-Krieg (1825 bis 1830) in die Geschichte eingegangenen Aufstandes gegen die Kolonialmacht, welcher v.a. von islamischen Gruppierungen getragen wurde und während dem 8000 europäische und 7.000 indonesische Soldaten gefallen und über 200.000 Javaner ums Leben kamen, waren die niederländischen Kolonialherren bemüht den als gefährlich angesehenen Islam zurückzudrängen. Dies wirkte sich auch auf die weitere Entwicklung des wayang aus: nur „Schattenspiel-Inhalte mit hinduistischen Elementen [wurden] aufgezeichnet oder übersetzt. Erzählungen, die stark islamisch geprägt waren wurden weitgehend ignoriert“[21]. Hinzukam, dass die javanische Elite zusammen mit den Kolonialherren versuchte vermehrt Einfluss auf die dalang zu nehmen um so die wayang -Vorstellungen in kontrollierte, ihren Interessen entsprechende Bahnen zu lenken. Als Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Gründung von dalang -Schulen zu sehen. 1923 wurde die Schule Pasinaon Dhalang ing Surakarta (kurz Padhasuka) eröffnet. In diesen Schulen wurde eine standardisierte Form des wayang angestrebt, welche v.a. dazu diente die dalang in ihrer politischen Aussagekraft zu beschneiden:

„Durch die Betonung von geschriebenen Materialien, Notationen und Auswendiglernen wurde[n] aus den dalang, die bis zu diesem Zeitpunkt für ihre spirituellen Fähigkeiten respektiert und gefürchtet waren, [] Künstler[] mit außerordentlichen ‚technischen‘ Fähigkeiten, aber sie verloren dadurch einen wichtigen politischen Freiraum, der es ihnen ermöglicht hatte, sich freier gegenüber den Herrschenden zu artikulieren.“[22]

3.5. Im Kampf um die Unabhängigkeit

Als sich die indonesische Bevölkerung einer von strikten Repressalien bestimmten Regierung der Kolonialmacht ausgesetzt sah, begann unter politischen Aktivisten der Kampf um die Unabhängigkeit Indonesiens mit dem Ziel einer nationalen Einheit. Nach der Invasion der Japaner ergab sich die holländische Kolonialregierung im Jahr 1942. 1945 kapitulierte Japan, der niederländische Einfluss erstarkte wieder bis schließlich am 17. August 1950 durch Präsident Sokarno die Unabhängigkeit Indonesiens erklärt wurde und der indonesische Staat gegründet wurde.

In dieser von Unruhen und Umwälzungen gezeichneten Zeit hielt die moderne Politik Einzug in das wayang. Eine bis dahin nicht da gewesene Form des wayang entstand: das wayang suluh (suluh: Ind. für Fackel). Freiheitskämpfer instrumentalisierten das wayang -Spiel um die Bevölkerung über den Verlauf des Kampfes gegen die Kolonialherren auf dem Laufenden zu halten und um über ihre Ziele zu informieren. Es handelte sich hierbei nicht mehr um eine Schattenspiel, da es von äußerster Wichtigkeit war die Puppen zu sehen:

„[S]ie waren realistische Darstellungen lebender Personen, wie etwa Soekarno, Nehru, Hatta, Soldaten oder Rot-Kreuz-Schwestern. Sie waren entweder aus Leder oder aus Pappe und trugen manchmal aufgeklebte Photos der jeweiligen Personen als Gesicht“[23].

Nach dem Ende der Revolution verschwand das wayang suluh wieder.

3.6. Nach 1950

Nach der Unabhängigkeit Indonesiens wurde das wayang verstärkt zu Propagandazwecken genutzt. Insbesondere Präsident Sokarno und die Führung seiner kommunistischen Partei PKI identifizierten sich in ihren Reden oft mit Figuren des wayang, ihre politischen Programme wurden in eine von Allegorien und Metaphern aus der wayang -Welt sprühenden Sprache unters Volk gebracht. Dies nahm wohl derartige Ausmaße an, dass „ausländische Beobachter oft den Eindruck hatten, die politische Führung Indonesiens befinde sich in einem wayang kulit lakon [24] [25].

In den Jahren 1965/66 kam es in Indonesien zu einem rechten Militärputsch in Folge dessen Präsident Sokarno gestürzt wurde und General Suharto die Macht ergriff. In den darauffolgenden Wochen kam es zu massenhaft Festnahmen und schrecklichen Massakern unter den Anhängern der PKI. Von derartigen Repressalien waren auch dalang betroffen, die mit der kommunistischen Partei in Verbindung gebracht wurden, „viele wurden inhaftiert oder sogar getötet, einige durften bis in die 90er Jahre hinein keine Vorführungen geben“[26]. Dennoch verschwand das wayang in dieser schweren Zeit nicht, viel mehr wurde es auch unter Suharto zu propagandistischen Zwecken genutzt. Der dalang befand sich in einer äußerst schwierigen Position: zum einen war er gezwungen die Regierungsprogramme an die Bevölkerung weiterzugeben – da „der Sponsor vieler Aufführungen die Regierung war, ist klar dass die Stücke auch im Sinne des Sponsors aufgeführt wurden“[27] – zum anderen sollte oder wollte er vielmehr seiner Rolle als penjambung lidah rakyat Indonesia (Ind. für „Sprachrohr des indonesischen Volkes“) gerecht werden.

3.7. Im Zeitalter von Tourismus und neuen Medien

Die Regierung Indonesiens ist bemüht die Trennung von Religion und Staat aufrecht zu erhalten. Dies ist mit ein Grund warum das wayang zunehmend zum Symbol des „ Indonesia indah “ (Ind. Für „Schönes Indonesien“) geworden ist und v.a. durch immer stärker werdenden Tourismus viel von seiner ehemaligen Bedeutung verloren hat:

„[D]ie Definition des dalang nicht mehr als Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sondern bloß als technisch versierter Künstler, führte zu einem Verständnis des wayang, in dem statt einer Interpretation der Gegenwart durch die Vergangenheit nur noch die Imitation der Vergangenheit vorgeführt wird.“[28]

Durch die Verbreitung moderner Unterhaltungselektronik erschließt sich ein vollkommen neues Feld – v.a. für die Regierung um Kontrolle auszuüben – für das wayang. Immer mehr wayang -Vorstellungen werden über das Fernsehen oder das Radio übertragen und werden so einem breiteren Publikum zugänglich gemacht – auch wenn somit viel von ihrer ursprünglichen Einzigartigkeit und dem Magischen, das einer Vorführung anhaftet, zerstört wird. V.a. unter Jugendlichen verliert das wayang in seiner originären Form an Bedeutung, denn sie „konnten auf Nachfrage nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob in ihrem Viertel noch ein Dhalang wohnt, der auch Vorführungen abhält“[29]. Allerdings hat das wayang einen anderen Weg gefunden v.a. Jugendliche zu erreichen: in Form des Comics. Besonders die Comics von R.A. Kosasih sind äußerst populär, seine 37 Bände umfassende Mahabharata Seri erfreuen sich in Indonesien äußerster Beliebtheit. Besonders „die große ästhetische Ähnlichkeit zwischen den flachen, schwarzweiß Zeichnungen und den traditionellen wayang kulit -Schatten“[30] muss frappierend sein. Allerdings unterscheiden sich seine Comics auch in einigen Dingen von der eigentlichen wayang -Ästhetik: so sprechen z.B. die einzelnen Figuren mit verteilten Stimmen (nicht wie beim wayang, bei dem der dalang alles spricht) oder auch die Bewegungsabläufe sind wesentlich freier als im originalen wayang, in dem es genaue Vorschriften für die Bewegungen eines jeden Charakters gibt[31].

4. Die Ausprägung der verschiedenen Einflüsse in der Aufführungspraxis des wayang

Durch meine obigen Ausführungen wird deutlich, in welchem Maße das wayang mit dem Leben der Menschen in Indonesien verknüpft ist: Zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte der Bevölkerung des Inselarchipels hat das wayang unmittelbar zur Reflexion der Lebensumstände beigetragen – wenn nicht sogar die Lebensumstände mitbestimmt.

[...]


[1] Spitzing, Günter: Die Schattenwelt Indonesiens: wayang als Weg zum Verständnis der Menschen auf Bali, Java und Lombok. Hamburg: Asu poleng, 2002, S. 28.

[2] Dittrich, Iris: Wayang Kulit: Mythos und Provokation im indonesischen Schattentheater. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2001, S. 21.

[3] Spitzing 2002, S. 14.

[4] Dittrich 2001, S. 39.

[5] Spitzing 2002, S. 38.

[6] Weitere Ausführungen hierzu unter 4.5.: Rituale der Aufführung.

[7] Spitzing 2002, S. 39.

[8] Dittrich 2001, S. 29.

[9] Der große Kampf der Nachkommen des Bharata (Skr.) handelt vom Kampf zweier blutsverwandter Familien um ein Königreich. Göttermythen, Tierfabeln, religiöse Lieder und Lehrgedichte sind eingestreut. Als religiöses und philosophisches Werk werden alle Aspekte der hinduistischen Ethik angesprochen. Es umfasst über 100 000 Doppelverse. Quelle: wikipedia.org

[10] Ramas Lebenslauf (Skr.) behandelt das Leben der siebten Inkarnation des Gottes Vishnu. Ideale wie königliches Heldentum, eheliche Treue und Pflichterfüllung werden von den Figuren verkörpert. Quelle: wikipedia.org

[11] Spitzing 2002, S. 40.

[12] Dittrich 2001, S.33.

[13] Ebd.

[14] Köberlein, Marc: „Geschichte des Schattenspiels“Indonesia Portal: Indonesien von A-Z. <http://indonesia-portal.de/artikel/kultur-0/wayang-kulit/schattenspiel-geschichte.html>, 3. Absatz „Der Einfluss des Islam“.

[15] Ibrić, Almir: Islamisches Bilderverbot: Vom Mittel- bis ins Digitalzeitalter. Münster: LIT, 2006, S. 66.

[16] Wayang <http://de.wikipedia.org/wiki/Wayang>, 2. Kapitel.

[17] Köberlein „Geschichte des Schattenspiels“, 3. Absatz „Der Einfluss des Islam“.

[18] Dittrich 2001, S. 119.

[19] Köberlein „Geschichte des Schattenspiels“, 4. Absatz „Der Einfluss Hollands auf das Wayang“.

[20] Dittrich 2001, S. 119.

[21] Köberlein „Geschichte des Schattenspiels“, 4. Absatz „Der Einfluss Hollands auf das Wayang“.

[22] Dittrich 2001, S. 137.

[23] Ebd., S. 148f.

[24] lakon (Jav.) bezeichnet die Handlung einer wayang -Vorstellung. Dittrich 2001, S. 176.

[25] Dittrich 2001, S. 148.

[26] Köberlein „Geschichte des Schattenspiels“, 6. Absatz „Das Schattenspiel in der unabhängigen Republik Indonesien“.

[27] Ebd.

[28] Dittrich 2001, S. 164.

[29] Köberlein „Geschichte des Schattenspiels“, 7. Absatz „Das Wayangspiel im heutigen Indonesien“.

[30] Dittrich 2001, S. 167.

[31] Ebd., S. 168.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668541252
ISBN (Buch)
9783668541269
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375146
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Das indonesische Schattentheater. Kulturelle, religiöse und politische Einflüsse auf das "wayang" und ihre Ausprägung in der Aufführungspraxis