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Qi Gong. Eine Anleitung zur Atmung nach fernöstlicher, westlicher und ganzheitlicher chinesischer Tradition

von Britta van Tast (Autor)

Fachbuch 2017 55 Seiten

Ratgeber - Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Atmung nach westlicher Vorstellung (faktenbasierte Betrachtung)
Der Atemprozess und in die Atmung involvierte Muskulatur

Brücken zwischen westlicher und östlicher Vorstellung?
Ein Kapitelvorwort
Terlusollogie – Hyothesen zu Atemtypen
Exkurs: Bioelektrizität und Biophotonen – die Brücke?

Atmung nach chinesischer Vorstellung (ganzheitliche Betrachtung)
Die Geschichte der Atemtechniken in der chinesischen Kultur

Atemtechniken
Natürliches Atmen
Harmonisieren des Atems
Fingeratmung
„Die Weisen atmen durch die Füße.“
Lao Gong-Atmung
Brustkorbatmung
Bauchatmung
Normal – buddhistisch
Gegenläufig – daoistisch
In das Herz atmen
Atmung des Atemanhaltens
Komplettes Ein- und Ausatmen
Körperatmung oder Hautatmung
Hand- und Fußatmung
Yin-Atmung
Leere-Atmung (Empty Force Breathing)
Knochen-Atmung
Thread Breathing
Kompressionsatmung (Eisenhemd-Qi Gong)
„Winterschlaf“-Atmung
Atmung der Schildkröte
Geist-(Shen)-Atmung
Wirkliches Atmen
Zurück-zur-Kindheit-Atmung (Fǎn Tóng, 返童) – auch Embryonalatmung (Tái Xī, 胎息)
Übungen mit Bezug zur Atmung oder Lungenfunktion aus dem Tai Ji Qi Gong (太极气功十八式)
Verbrauchte Luft ausatmen und frische Luft einatmen (Dao-Übung)
Xi Xi Hu-Gehen
Die Sechs Heilenden Laute
1. Laut Si – Metall, Lunge/Dickdarm
2. Laut He – Feuer, Herz/Dünndarm
3. Ton Shui – Wasser, Niere/Blase
4. Laut Xu – Holz, Leber/Gallenblase
5. Laut Hu – Erde, Magen/Milz-Pankreas
6. Ton Xi – Pericard/3-Erwärmer
Abschließende Bemerkungen

Quellenverzeichnis und Literaturempfehlungen

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Diese Arbeit ist entstanden im Rahmen des Ausbildungsabschnittes zur Qi Gong-Kursleiterin bei der Deutschen Qigong Gesellschaft e.V. Da sich immer weitere interessante Aspekte und Sachverhalte bei der Recherche über Atem und Atemtechniken ergeben hatten, habe ich mich entschlossen, nicht nur die „obligatorischen“ Seiten für die Abschlussarbeit zusammenzustellen, sondern das zusammengetragene Wissen in einem etwas größeren Rahmen weiteren Interessenten zugänglich zu machen. Ich wünsche mir, dass ich damit den einen oder anderen inspirieren kann.

Die Übungen sind meist lediglich in ihren Grundzügen beschrieben. Die genaue Durchführung der Übungen kann in einer Qi Gong-Übungsgruppe mit einem erfahrenen Lehrer erarbeitet werden. Sie können auch in entsprechenden Originaltexten nachgelesen werden, die in vielen Büchern oder auf Internetseiten bereits veröffentlicht wurden. Die Quellenangaben sind jeweils vermerkt.

Die Chinesischen Fachbegriffe werden mit den entsprechenden (vereinfachten) Zeichen sowie in der Pinyin-Umschrift (拼音, pīnyīn) mit der Kennzeichnung der entsprechenden Töne dargestellt. (1. Ton, z.B. ā, 2. Ton z.B. á, 3. Ton, z.B. ă, 4. Ton, z.B. à).

Trotz sorgfältiger Recherche bleibt es nicht aus, dass sich Fehler oder Ungenauigkeiten einschleichen können. Es empfiehlt sich immer bei aufkommenden Zweifeln oder sich einstellenden Beschwerden, die Übungen oder Aussagen mit einem erfahrenen Qi Gong-Lehrer oder in Fällen von gesundheitlichen Beschwerden mit einem Arzt abzuklären. Die Autorin übernimmt in keinem Fall die Verantwortung für etwa durch falsches Üben oder bei Üben unter falschen Voraussetzungen (Kontraindikationen beachten!) aufkommende Beschwerden und weist hiermit explizit auf die Eigenverantwortung und die gebotene Achtsamkeit bei der Ausführung der Übungen hin. Die Ausführung unter der Anleitung eines erfahrenen Qigong-Lehrers oder –Kursleiters ist in jedem Fall zu empfehlen.

- Im August 2017 -

Einleitung

Wir tun es, meist ohne zu überlegen und stets – in Ruhe etwa 12 Mal in der Minute: atmen [Do1-2015]. Erst wenn „die Luft knapp“ wird, bemerken wir (wie so oft), dass etwas fehlt, dass Atmung eines unserer grundlegendsten Bedürfnisse ist.

Erhalten wir keinen neuen Sauerstoff, weil der Atem stockt, fallen wir innerhalb von 20 Sekunden ins Koma und nach nur 3 Minuten ist unser Gehirn so irreversibel zerstört, dass ein Leben nur noch mit massiven Einschränkungen und oft nur mit apparativer Unterstützung, wenn überhaupt, möglich ist. Nach längstens 5 Minuten ohne Sauerstoff tritt der Hirntod ein – eines der Zeichen, dass der Mensch nicht länger als lebendiges Wesen existiert [Sch2014a]. Ein Grund, warum ein Erste-Hilfe-Kurs und das Anwenden zumindest der Herz-Druck-Massage zum Repertoire von jedem von uns gehören sollte.

Über den Atem sind wir mit unserer Umgebung eng verbunden – schließlich atmen wir in der Minute etwa 8-10 Liter der uns umgebenden Luft ein [Do1-2015]. Wir atmen dabei auch von der Luft und mit ihr transportierte Stoffe ein, die vielleicht unser Sitznachbar eben ausgeatmet hat. Da die uns umgebende Luft in ständiger Bewegung ist, atmen wir mit Sicherheit auch irgendwann Luft ein, die von weiter her an unserer Nase vorbeikommt.

Atmung heißt dabei nicht nur, Bauch- und Brustkorb zu dehnen und wieder enger werden zu lassen. Atmen heißt auch, Sauerstoff über den Luftstrom ein- und vermehrt Kohlendioxid wieder abzuatmen. Auf diese Weise regulieren wir über unseren Atem nicht zuletzt den pH-Wert (Maß für den Säuregehalt) unseres Blutes, der innerhalb ganz enger Grenzen stabil bleiben muss, um unser Leben zu ermöglichen. Das Ein- und Ausströmen des Luftstroms, der Atemvorgang an sich, ist auch Grundlage für den Transport von Duftstoffen in unsere Nase und ermöglicht uns das Riechen[1] – unser entwicklungsgeschichtlich ältester und heute in unseren Breiten nur noch selten überlebensnotwendiger Sinn. Auch Sprechen oder Singen ist nur möglich, indem Luft, über Mund oder Nase eingeatmet, an unseren Stimmritzen vorbeizieht und so das Entstehen von Tönen und das Artikulieren von Lauten ermöglicht. Auf diese Weise können wir auch einen Bezug zu den Sechs Heilenden Lauten des Qi Gong herstellen. Und beim Gähnen (mit oder ohne Ton) strömt ebenfalls Luft durch unseren Mund ([Sch2007], S. 270).

Darüber hinaus ist das Atmen ein ganz wesentliches Hilfsmittel – nicht nur für uns gestresste Westler – um wieder zur Ruhe zu kommen oder für asiatische Kampfkünstler, um ihr Qi zu lenken und über die Jin-Kraft einzusetzen: „Die Atmung ist ein wichtiger Qi-Regulator.“ ([And2009], S. 183, 184, 185)

Interessanterweise kann der Atemrhythmus und die Atemdauer von uns (auch) willentlich gesteuert werden. Und er gibt über eine Rückkopplung das Signal „alles ok“ oder „ich bin nervös“. Eine „Lebensversicherung“ ergibt sich einerseits über den Einatemreflex, der nichtwillentlich steuerbar ist und das Einatmen quasi erzwingt, sollten wir einmal zu lange die Luft anhalten wollen. Oder andererseits über den Hustenreflex, sollten wir einmal etwas in den „falschen Hals“ bekommen haben.

Die hier zusammengetragenen Zusammenhänge und Hypothesen nach chinesischer und westlicher Vorstellung sowie die Atemtechniken und ihre Wirkungen erheben weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch den Anspruch, die Wirkungen aller dargestellten Atemtechniken am eigenen Leib erfahren zu haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Übungen oftmals eine jahre- oder eher jahrzehntelange intensive Übungsphase bedingen, um ihre Wirkung zu entfalten oder diese vom Ausübenden gespürt werden können.

Es ist jedoch ein Anliegen darzustellen, wie vielfältig und doch in sich stimmig sich die jahrtausendealte chinesische Sichtweise im Qi Gong ausdrückt und uns im positiven Sinn über Atemtechnik – entsprechend unseres momentanen Übungsstandes – nützt. Viel Spaß!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Atmung nach westlicher Vorstellung (faktenbasierte Betrachtung)

Die Entwicklung unserer Lungen beginnt natürlich bereits im Mutterleib – allerdings ist sie selbst bei der Geburt noch nicht vollständig abgeschlossen.

Etwa 12 Tage nach der Befruchtung haben sich aus den verschmolzenen Ei- und Samenzellen das Ekto- und Entoderm (Keimblätter) gebildet. Aus dem Entoderm entwickeln sich die inneren Organe, also auch die Lunge [Sch2014c]. Deren Entwicklung startet etwa um den 28. Tag der Schwangerschaft aus der so genannten Laryngotrachealrinne[2]. Dabei entsteht ein sackartiges Gebilde, das ab dem dritten Entwicklungsmonat aus dem Vorderdarm entspringt. Im weiteren Entwicklungsverlauf bilden sich aus einer Vorstufe der Luftröhre die Lungenlappen mit ihren Segmenten. Bis zum vierten Entwicklungsmonat hat die entstehende Lunge Ähnlichkeit mit einer Drüse (medizinisch: Glandula). Aus diesem Grund wird dieser Entwicklungsstand pseudoglanduläre Phase genannt. Es gibt in dieser Phase weder Bronchiolen noch Alveolen (Lungenbläschen).

Jetzt, etwa in der 16. Schwangerschaftswoche, ist das gesamte luftleitende System der Lungen grundsätzlich ausgebildet. Nun beginnt die Entwicklung der Lungenteile, die später für den Gasaustausch zuständig sind, den Zweck unserer Atmung als eigenständiger Mensch. Die Alveolen allerdings entstehen erst in den letzten Wochen vor der Geburt. Und selbst zum Zeitpunkt der Geburt ist erst ein Drittel der insgesamt etwa 300 Millionen Alveolen einer voll entwickelten Lunge ausgebildet.

Die Anzahl der Alveolen steigt vor allem in den ersten 6 Lebensmonaten nach der Geburt enorm an und ist etwa zum Ende des zweiten Lebensjahres abgeschlossen. In diesen beiden ersten Lebensjahren entwickelt sich auch die „Abwehrfähigkeit“ der Lunge gegen eingeatmete Krankheitserreger. Das in den Alveolarepithelien gebildete „Surfactant“ ist für eine möglichst entspannte Einatmung lebensnotwendig. Da sich sowohl Alveolen und somit aus deren Epithelien gebildete Surfactant erst spät in der Schwangerschaft ausbilden, zeigen Frühchen das so genannte Atemnotsyndrom und benötigen daher oftmals apparative Atemhilfen. Das Surfactant setzt die Oberflächenspannung der Alveolen herab und unterstützt so eine Einatmung ohne größeren Kraftaufwand (Muskelarbeit) [Lun2015], [Do4-2015], [Sch2014b].

Der erste Atemzug nach der Geburt wird ausgelöst, wenn das Kind nicht mehr über die Nabelschnur und Plazenta mit sauerstoffhaltigem Blut versorgt wird. Dadurch steigt der Kohlendioxidgehalt im kindlichen Körper an. Die sensiblen Sensoren im menschlichen Körper signalisieren dem Atemzentrum (Formatio reticularis der Medulla oblongata [Car2010]), dass zu viel Kohlendioxid (CO2) vorhanden ist und lösen so den ersten Atemzug aus, um das Kohlendioxid abzuatmen und über das Atemluftgemisch frischen Sauerstoff (O2) einzuatmen. Nach [Do3-2015] hat sowohl Sauerstoffmangel als auch ein veränderter pH-Wert eine niedrigere Priorität beim Auslösen des Atemreflexes verglichen mit dem CO2-Gehalt im Blut.

Mit dem Ende der Pubertät hat die Lunge ihre vollständige Größe erreicht, nicht jedoch das Ende ihrer Entwicklung. Alterungsprozesse führen zu einer Veränderung von Atemmustern (z.B. Atemgeschwindigkeit) und später oft zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion. Beispielsweise unterliegen vor allem Raucher dem Risiko, eines Tages an COPD, der Chronic Obstructive Pulmonary Disease (chronisch-obstruktive Lungenerkrankung), zu erkranken. Auch hier kann ein Bogen zu Qi Gong geschlagen werden, da die langsamen, kontinuierlichen Bewegungen in Verbindung mit Atemübungen – belegt durch Studien[3] – zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen können.

Biologen und Mediziner unterscheiden zwischen äußerer und innerer Atmung. Unter äußerer Atmung versteht man den Gasaustausch, d.h. die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlendioxid über die Lungen. Die innere Atmung wird auch Zellatmung genannt und ist ein biochemischer Prozess, der in unseren Körperzellen abläuft. Ziel der Zellatmung ist es, im Köper verwertbare Energie in Form von ATP (Adenosintriphosphat) zu gewinnen [Do3-2015]. Hautatmung ist beim Menschen irrelevant, da sie mit weniger als 1% an der Atmung beteiligt ist [Wiki1-2015]. Der Fokus der vorliegenden Betrachtung liegt nur auf der „äußeren Atmung“.

Das Atemluftgemisch entspricht der uns umgebenden Atmosphäre. Das Einatemgemisch enthält demzufolge im Idealfall etwa 21% Sauerstoff, 0,03% Kohlendioxid, 78% Stickstoff und etwa 1% Edelgase. Unsere Ausatemluft ist etwa 35°C warm und enthält 95% Luftfeuchtigkeit. Das Ausatemgemisch setzt sich in etwa zusammen aus 17% Sauerstoff, 4% Kohlendioxid, 78% Stickstoff und etwa 1% Edelgase [Do2-2015] (Atemzugvolumen). Der Sauerstoff wurde dabei im Prozess der Zellatmung biochemisch umgesetzt („verbraucht“, s.o.). Als eines der Produkte dieser biochemischen Reaktionen entsteht Kohlendioxid, was sich im höheren Kohlendioxidgehalt unseres Ausatems widerspiegelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Zusammensetzung unserer Ein- und Ausatemluft

Das Atemminutenvolumen eines erwachsenen Menschen in Ruhe beträgt etwa 8-10 Liter. Es berechnet sich aus dem Atemzugvolumen (AZV) * Zahl der Atemzüge/Minute (Atemfrequenz). Dabei beträgt das AZV zwischen 0,5 und 3 Liter und die Atemfrequenz liegt zwischen 12 und 18 Atemzügen pro Minute. Setzen wir also eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78 Lebensjahren an, kommen wir bei etwa 40.996.800 Lebensminuten in Ruhe mit einem Atemminutenvolumen von 9 Liter auf etwa ein Gesamt-Atemvolumen von 368.971.200 geatmeten Litern oder 368.971,2 Kubikmeter. Ein Sport-Heißluftballon fasst durchschnittlich 3.000 Kubikmeter[4]. Insofern atmet durchschnittlich jeder von uns in seinem Leben mehr als 123 Heißluftballone ein und aus.

Unter der Vitalkapazität unserer Lunge verstehen wir die Summe aus Atemzugvolumen zuzüglich der exspiratorischen und inspiratorischen Reservevolumina. In der Ruheatmung wird die Atmung sehr energiesparend durchgeführt – wie eigentlich alles in unserem Körper (und der Natur generell) auf „Energieeffizienz“ ausgelegt ist. Das bedeutet, die Atemmuskulatur hebt den Brustkorb an, das Zwerchfell senkt sich ab, dabei wird – da im Brustkorb ein leichter Unterdruck herrscht und die Lungenflügel über die Pleura (s.u.) eng am Brustkorb anliegen – die Lunge ausgedehnt. Als Folge hiervon strömt Atemluft durch die Nase und Luftröhre in unsere Lungen. Das Ausatmen findet normalerweise völlig ohne Muskelbeteiligung statt, da die Brustkorbmuskeln sowie das Zwerchfell erschlaffen, so die Lungenflügel nach innen-oben „drücken“ und damit das Ausatmen ermöglichen. Die Lungenflügel sind von einer Gewebeschicht, der Pleura, umgeben. Hierdurch entsteht bei der Atmung an den Rippen oder dem Zwerchfell (Diaphragma) keine Reibung. Die Pleura ist eigentlich eine „doppelschichtige Hülle“ – im Spalt zwischen den beiden Gewebeschichten, dem Pleuraspalt, befindet sich Gewebeflüssigkeit, die dieses „reibungsfreie“ Atmen ermöglicht.

Die Reservevolumina kommen als zusätzliche Atemkapazität ins Spiel, wenn wir uns anstrengen, Sport treiben oder unter Stress (!) stehen. Dabei kommen die Atemmuskeln stark, eventuell sogar die Atemhilfsmuskeln, zum Einsatz.

Außerdem arbeiten wir beispielsweise mit den Reservevolumina unserer Lunge, wenn wir die Kompressionsatmung des (Eisenhemd-)Qi Gong einsetzen oder an der Erweiterung unseres Atemzugvolumens sowie der Atemfrequenz, wenn wir unsere Atemtechniken soweit entwickelt haben, dass wir die Atmung der Schildkröte praktizieren können.

Das Residualvolumen der Lunge ist ein Teil der Atemluft, die unter normalen Bedingungen, auch bei intensivem Ausatmen, in der Lunge verbleibt (physikalische Gründe).

Insgesamt setzt sich die Totalkapazität unserer Lunge also zusammen aus dem Atemzugvolumen, den ex- und inspiratorischen Reservevolumina zuzüglich des Residualvolumens [Do2-2015] (vgl. Abbildung unten).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Unsere Lungenkapazität – Fachbezeichnungen

Im Folgenden werden die körperlichen Reaktionen mit Bezug zur Atmung beschrieben, die für uns in stressigen Situationen innerhalb kürzester Zeit spürbar sind.

Was Stress für den Einzelnen bedeutet, kann natürlich sehr verschieden sein: Eine Situation, die den einen völlig aus dem Gleichgewicht wirft, ringt der anderen nur ein müdes Lächeln ab. Dennoch gibt es für jeden und jede Situationen, die „Stress“ bedeuten.

Bei unseren Urahnen mobilisierte der Stressmechanismus Energiereserven mit dem Ziel, Flucht oder Kampf zu überstehen. Da unser Körper sehr energieeffizient arbeitet, liegt ihm viel an einer Balance aus Stresssituationen und Ruhephasen. Hier unterstützt ihn das vegetative, unwillkürliche, Nervensystem. Es besteht aus zwei einander entgegenwirkenden Teilen, dem Sympathikus („aktiv“, sichert Überleben) und dem Parasympathikus („passiv“, geistige Ruhe, Nahrungsaufnahme, -ausscheidung, Fortpflanzung, etc).

In beiden Situationen, Kampf oder Flucht, muss dem Körper Energie und den Muskeln genügend Sauerstoff für die bevorstehende „Arbeit“ zur Verfügung gestellt werden. Diese vermehrte Sauerstoffaufnahme wird realisiert, indem sich die Bronchien in den Lungen erweitern, die Atemfrequenz und auch die Atemtiefe durch Einsatz weiterer Atemmuskeln oder sogar Atemhilfsmuskeln steigt. Eventuell atmen wir in bestimmten Situationen (‚Ärger, Aufregung, Stress) auch „oberflächlicher“. Leider atmen viele von uns auch in normalen Alltagssituationen nur noch oberflächlich, d.h. kurze Atemzüge und überwiegend über den Brustkorb. Beobachten Sie sich selbst und seien Sie ehrlich – wölbt sich Ihr Bauch und idealerweise auch Ihre Flanken beim normalen Atmen?

Bereits diese kurze Beschreibung zeigt, wie wichtig für unser Wohlbefinden, sogar für unsere Gesundheit, ein ruhiges, gleichmäßiges, tiefes Atmen ist. Denn in der oben beschriebenen Folge von „Stress“ liegt auch bereits ein Schlüssel zum Stressabbau: Unser Körper glaubt, was wir ihm mitteilen! Wenn wir ruhig atmen, geht unser Körper (Rückkopplungen über das Nervensystem) davon aus, dass alles ok ist und kein Grund zur Aufregung, zu Flucht oder Kampf, besteht! Also wirkt bewusstes, tiefes und gleichmäßig ruhiges Atmen „Stress“ und seinen Folgen entgegen[5].

Qi Gong (qì gōng, 气功) wie auch Tai Ji Quan (tài jí quán, 太极拳) oder andere äußere und innere Kampfkünste setzen gezielt Atemtechniken ein – nicht immer nur, um den Atem zu verlangsamen, zu vertiefen oder zu relaxen, sondern auch um Energien gezielt zu aktivieren und einzusetzen – doch das ist eine andere Geschichte.

Der Atemprozess und in die Atmung involvierte Muskulatur

Der wichtigste Muskel im Atmungsprozess ist das Diaphragma, das Zwerchfell. Es ist der einzige Atemmuskel, der an jedem Atemzug aktiv beteiligt ist und es bildet eine Trennung zwischen Brustkorb und Unterleib. Innerhalb des Brustkorbes herrscht gegenüber der uns umgebenden Atmosphäre ein leichter Unterdruck. Dies erleichtert – gemeinsam mit dem Surfactant der Alveolen (u.a. Herabsetzung deren Oberflächenspannung)[6] – das Einatmen und ermöglicht das Ausatmen ohne größere Zuhilfenahme der weiteren Atemmuskulatur.

Der Atemrhythmus besteht aus drei Phasen (erweitert nach Prof. Fred Wouters Göttingen – dochcheck.com, Abruf 29.04.2016, ergänzt nach [Sch2014b]):

1. Einatmung:

Zusammenziehen des Zwerchfells und hierdurch seine Abflachung in Richtung Bauchraum, so dass sich das Brustraumvolumen vergrößert. Zusätzliche Beteiligung von Atemmuskeln (z.B. des Interkostalmuskels; M. scaleni) sowie gegebenenfalls der Atemhilfsmuskulatur[7] (Einatem-Reservevolumen). Hierdurch wird der Unterdruck im Brustkorb verstärkt, die Lunge entlang der Rippen gedehnt. Die Atemluft aus der Umgebung wird somit durch die Nase in die Lungenflügel, über die Bronchien bis zu den Alveolen „gesogen“.

Überwiegt die Brustkorbmuskulatur im Einatemprozess, spricht man von Brustatmung (unter westlichen Erwachsenen sehr verbreitet!). Überwiegt die Zwerchfellkontraktion, so handelt es sich um Bauchatmung (bei Säuglingen noch sehr ausgeprägt); vgl. auch Kapitel „Atmung nach chinesischer Vorstellung (ganzheitliche Betrachtung)“.

2. Post-Inspiration:

Beginn der passiven Ausatmung. In der Ruheatmung genügt es, die passiven Muskelrückstellkräfte wirken zu lassen (Erschlaffen des Zwerchfells sowie der Atemmuskeln), die dadurch den Druck im Brustkorb erhöhen und so – ohne eine weitere Muskulatur zu beanspruchen (daher „passiv“) – die Ausatmung auslösen.

3. Aktive Ausatmung:

Wird bei körperlicher Arbeit, bei Sport oder unter Stress mehr Sauerstoff benötigt, unterstützt die entsprechende Muskulatur (exspiratorische Muskeln[8] ) die tiefere Ausatmung (Retraktionskraft der Lungen).

4. Atempause bis zur erneuten Einatmung:

Während die Einatmung unter normalen Bedingungen (Ruhe) fließend in die Ausatmung übergeht, liegt meist zwischen der Ausatmung und der erneuten Einatmung eine kurze Atempause.

Verschiedene westliche Atemtherapien (z.B. „Verbundenes Atmen“) arbeiten ohne diese Atempause. Daher rührt auch der Name dieser Methode „Verbundenes Atmen“.

Durch die Gewebeflüssigkeit im Pleuraspalt geschützt, kann sich die Lunge im gesunden Zustand nahezu reibungsfrei bewegen. Die Lunge folgt bedingt durch Adhäsionskräfte der Pleuraflüssigkeit der im Fall des Einatmens ausdehnenden Bewegung der Rippen. Der in Ruheatmung im Pleuraspalt herrschende leichte Unterdruck beträgt relativ und bezogen auf den Umgebungsatmosphärendruck etwa -0,5 kPa[9]. Daher kann die Lunge auch nicht in sich zusammenfallen. Fällt die Lunge aufgrund einer Verletzung des Brustkorbs und nachfolgend einströmender Luft in sich zusammen (Pneumothorax), kann dies lebensbedrohlich werden. Vorsicht ist daher bei verschiedenen Akupunkturpunkten (z.B. Gb-21, Lu-1, Ma-12, KS-1 oder Ni-22) in der Nähe der Schulter, des Brust- oder des Schlüsselbeins geboten. Dort kann bei falscher oder zu tiefer Nadelung ein Pneumothorax ausgelöst werden, welcher als Kunstfehler geahndet wird!

Darüber hinaus können unterschiedliche Reflexe unsere Atmung beeinflussen, mit dem Ziel, unsere Lunge zu schützen:

- Hustenreflex, wenn wir etwas „in den falschen Hals“, also in die Luftröhre, bekommen haben – der Ausatemstrom wird reflexartig stark erhöht, sodass ein Aushusten eines Fremdkörpers möglich wird.
- Chemische Kontrolle, z.B. der Blutgaskonzentration in der Medulla oblongata[10] – zu viel Kohlendioxid im Atemkreislauf und somit ein zu niedriger Blut-pH-Wert[11] löst eine vertiefte Ausatmung bzw. Ausatmung mit erhöhter Frequenz aus.
- Kardio-respiratorische Koordination zwischen dem Atemzentrum und der Medulla oblongata verbindet das Atemzentrum mit dem vegetativen Nervensystem. Auf diese Weise wird die Atmung (Frequenz, Atemtiefe) an psychische (Depression, Angst, Trauer) und physische (Laufen, etwas tragen, etc) Faktoren angepasst. Auch deshalb kann Qi Gong mit seinen entsprechenden Atemtechniken als Entspannungsmethode sehr erfolgreich und vor allem nachhaltig wirksam sein!

Wie bereits weiter oben beschrieben, führen Alterungsprozesse zu einer Veränderung von Atemmustern (z.B. Atemgeschwindigkeit) und später oft zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion. Verstärkt durch den Trend zur „alternden Gesellschaft“ und durch entsprechendes Verhalten (z.B. Risikofaktor Rauchen), nimmt der Anteil an chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) in der Bevölkerung immer weiter zu. Im Laufe einer COPD-Erkrankung kommt es zu einer irreversiblen und immer weiter fortschreitenden Einschränkung der Lungenbelüftung verursacht durch eine Kombination von chronisch obstruktiver Bronchitis (z.B. Verengung der Bronchien) und Lungenemphysem (irreversible Dehnung der Bronchiolen und Alveolen) [nach DocCheck Flexikon, COPD, Abruf am 30.04.2016].

Zu den ergänzenden Langzeittherapieverfahren von COPD gehört u.a. körperliches Training im Rahmen der individuellen Möglichkeiten. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Qi Gong oder Tai Ji Quan positiv unterstützende Therapieformen darstellen. Siehe beispielsweise die unter Fußnote 2 genannten Untersuchungen.

Brücken zwischen westlicher und östlicher Vorstellung?

Ein Kapitelvorwort

Bevor Sie sich ob der „esoterischen“ Ideen in diesem Kapitel angewidert abwenden und das Skript weglegen, möchte ich ein paar Dinge zu bedenken geben.

Sowohl die alten asiatischen Kampfkünste als auch die Heilmethoden der Chinesischen Medizin beruhen auf Beobachtungen der Natur, des Sternenhimmels, des menschlichen Körpers und immer wiederkehrender Prozesse, wie beispielsweise der jahreszeitlichen Rhythmen, im Kontext des chinesisch-asiatischen Kulturkreises. Unter anderem Beobachtungen der jahreszeitlichen Veränderungen wurden vor Einführung der Technisierung auch in unseren Breitengraden zu Verbesserung von Ernteerträgen gern genutzt. Dabei bleibt natürlicherweise nicht aus, dass wir in unserer heutigen „zivilisierten“ und hochtechnologisierten und informationsüberfluteten Welt viele Zeichen nicht mehr wahrnehmen oder deuten können, die eher naturverbundenen Völkern (oder Menschen) noch selbstverständlich Hinweise geben.

Viele Zusammenhänge unserer Umwelt können wir natürlich bereits über mathematische Modelle oder sonstige naturWISSENSCHAFTliche Erkenntnisse erklären – diese bleiben jedoch für einen wohldefinierten Kontext immer noch MODELLE.

Dies alles stelle ich nicht wertend fest, sondern um dafür zu werben, dennoch offen für andere Sichtweisen zu sein und zu akzeptieren, dass auch Dinge, die wir (noch) nicht wissenschaftlich erklären können, vorhanden sein können.

Oder meinen Sie, dass bis vor etwa 100 Jahren (natürliche) radioaktive Elemente/Isotope (z.B. Radon, Uran) noch nicht vorhanden waren, nur weil der Mensch keinen „Sinn“ dafür hat und die geeigneten Messgeräte noch nicht erfunden waren? Oder wissen Sie bereits, wer oder was und auf welche Weise den ersten Herzschlag[12] in einem Embryo[13] auslöst[14],[15],[16] oder wie unsere „Seele“, unser Bewusstsein, startet oder nach bzw. mit dem Tod endet – wenn es endet? Herzlichen Glückwunsch, dann sind Sie vermutlich ein Anwärter auf einen der nächsten Nobelpreise!

Die diesbezüglich „Offengeistigen“ – vielleicht eher „Forschergeistigen“ – sind aufgrund anderer Ansichten, noch nicht „bewiesener“ Hypothesen, sensiblerer Wahrnehmungsfähigkeit oder aufgrund ihrer (genaueren) Beobachtungsgabe noch lange nicht ver-rückt oder esoterisch! Zu unterscheiden sind sie jedoch von den Zeitgenossen, die meinen, mit in einem Wochenendkurs erworbenen Laien- oder Halbwissen verzweifelte oder leichtgläubige Menschen manipulieren oder ihnen das Geld aus der Tasche ziehen zu können und zu diesem Zweck beispielsweise unhaltbare Heilsversprechen abgeben!

Doch nun zum eigentlichen Gegenstand des Kapitels, auf den ich durch meine Neugier in Bezug auf Tai Ji Quan und den Aufbau der Jin-Kraft über das Buch von Frieder Anders, Volker E. Brauner und Alexander Zock „Taiji – Atemergetik und Biomechanik – Der Weg zur Inneren und Äußeren Technik“ [And2009] gestoßen bin.

Terlusollogie – Hyothesen zu Atemtypen

Die Beobachtungen des Musikers Erich Wilk in den 1930/40ern in Bezug auf die Wirkung von Sonnen- und Mondstand auf Menschen, liegen den Hypothesen der so genannten Terlusollogie zugrunde. Der Begriff Terlusollogie setzt sich zusammen aus den ersten Silben von Ter ra (lat. Erde), Lu na (lat., Mond) und Sol (lat., Sonne) sowie logos (gr., Lehre). Erich Wilk stellte unter anderem die These auf, dass Sonne und Mond einen jeweils polaren Einfluss auf unseren Organismus haben und es zwei unterschiedliche Atemtypen (sowie einen „Fragezeichen-Typ“) geben könnte, die durch die Energie von Sonne oder Mond geprägt werden – je nachdem, welche Konstellation im Moment der Geburt dominiert [Hag2013]. Nach der Theorie von Erich Wilk, die er gemeinsam mit der Kinderärztin Dr. Charlotte Hagena erprobte und weiterentwickelte, erfährt der Mensch bei seiner Geburt, abhängig vom Geburtsdatum, entweder einen dehnenden Einfluss des Mondes und bildet so ein dehnendes Einatemsystem aus (ein Einatemtyp). Oder er unterliegt dem verengenden Einfluss der Sonne und bildet auf diese Weise ein durch Verengung oder Ausatmung gekennzeichnetes Atemsystem aus (ein Ausatemtyp) [Hag2013]. Bei der Einordnung in dieses Schema muss selbstverständlich berücksichtigt werden, ob die Wiege auf der nördlichen oder südlichen Hemisphäre bzw. in Pol- oder Äquatornähe liegt und ob zum Zeitpunkt der Geburt eine Zeitumstellung stattgefunden hat.

Aufgrund des Gravitatiosgesetzes und der Bahnen von Sonne, Mond und Erde innerhalb der Himmelskugel, sind durchaus unterschiedliche Kraftwirkungen aufgrund der jeweiligen Konstellationen von Sonne, Mond und Erde zu einem bestimmten Zeitpunkt denkbar.

Wie im Kapitelvorwort dargelegt kann Offenheit für neue Thesen zu einer Weiterentwicklung von bisher als bekannt und stabil eingeschätzten Sachverhalten führen. Jedoch auch kritisches Prüfen von neuen Konzepten und Thesen ist durchaus legitim, ja sogar notwendig. Nicht zuletzt, um sich eine persönliche Meinung zu bilden.

Interessant für unser Thema Atmung im Qi Gong könnte der Bezug zu den Atemtypen und den daraus folgenden Körperhaltungen sein. Hierzu wurde die folgende Tabelle 1 aus den für unser Thema relevanten Teilen der im Buch [Hag2013] beschriebenen Beobachtungen zusammengestellt. Ihre Einordnung als lunarer oder solarer Typ können Sie anhand von Tabellen oder Berechnungen, z.B. nach Irina Norris oder Prof. Andreas Löffler, überprüfen [Hag2013]. Ebenso, ob die Charakteristika der jeweiligen Typen tatsächlich auf Sie zutreffen.

Nach den Hypothesen der Terlusollogie kann die Haltung im Sitzen oder Stehen mehr vor- oder rückgebeugt sein. Verursacht durch die individuelle Typologie. Beispiele anhand der Haltungen verschiedener Meister des Tai Ji Quan werden im Buch von Frieder Anders et al. [And2009] erläutert.

Für mich selbst als solarer Atemtyp – nach den in [Hag2013] beschriebenen Thesen – jedoch aufgrund meines Geburtsdatums mit Nähe zu einem Fragezeichentyp – kann ich sagen, dass meine bevorzugte Schlafhaltung nach der unten genannten Beschreibung durchaus stimmt. Dass andererseits meine Haltung in Qi Gong- und Tai Ji Quan-Übungen zu einem (kleineren) Teil mit der lunaren Haltung übereinstimmt (könnte das der „Fragezeichenanteil“ sein?) und dennoch genau so für mich „stimmig“ ist. So finde ich beispielsweise mein Gewicht öfter fersenbetont verlagert, während ich andererseits tatsächlich ein linksbetonter Stehtyp bin sowie den Oberkörper aufrecht trage, wie es für den solaren – also „meinen“ Atemtypen beschrieben wird.

Insgesamt kann ich für mich persönlich sagen: Ein Teil der Hypothesen aus der Terlusollogie passt für mich, ein Teil jedoch auch nicht.

Tabelle 1 - Auswahl von Charakteristika in der Gegenüberstellung von Lunarem und Solarem Atemtyp – exemplarisch aus [Hag2013]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bleibt zu beobachten, inwieweit sich die spannenden Thesen von Wilk/Hagena zukünftig in Therapiekonzepten und Übungssequenzen in Übungsgruppen in der Breite bzw. international wiederfinden werden und auf ihre Allgemeingültigkeit überprüft werden können.

Ein Abruf nach dem Stichwort „Terlusollogie“ bzw. „Terlusollogy“ bzw. „Terlusol*“ sowohl bei Doccheck[17] als auch über die Metadatenbank Pubmed[18] am 26.06.2016 ergab in allen Fällen nur einen einzigen Eintrag: Das Buch von Christian Hagena. Folglich gibt es offenbar aktuell keine weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirksamkeit oder Wirkung von Terlusollogie.

Die Bezeichnung des Kapitels als Brücke zwischen asiatischer (östlicher) und westlicher Vorstellung habe ich auch gewählt, weil ich Überlegungen zum Einfluss der Erde bzw. der eigenen Position auf der Erde auf eine geeignete Ausrichtung des Qi Gong-Praktizierenden beim Üben im Buch von Yang Jwing-Ming [Yan1997] entdeckt habe. Diese dort beschriebenen Beobachtungen und Hypothesen möchte ich im weiteren Verlauf hier kurz skizzieren.

Exkurs: Bioelektrizität und Biophotonen – die Brücke?

Dr. Yang Jwing-Ming stellt in seinen Büchern, u.a. in [Yan1997], Hypothesen zur Lage des Unteren Dan Tian, zum Erspüren des Qi-Flusses und geeignete Qi Gong-Übungspositionen vor. Unter anderem nutzt er zur Erläuterung dieser Hypothesen die so genannte bioelektrische Energie, die inzwischen auch im Westen langsam wahrgenommen und wissenschaftlich untersucht wird, z.B. [Jai2015].

Unter anderem weist Dr. Yang darauf hin, dass es sich bei „Qi“ (qì, 气) nach heutigem Verständnis um Bioelektrizität handeln könne. Er vergleicht unseren Körper mit einer großen Batterie, die aus vielen kleinen „Zellenbatterien“ zusammengesetzt ist und die am Ende das elektromagnetische Feld des Menschen bildet.

Auch in neueren Veröffentlichungen werden „alte Heilmethoden“, wie das Handauflegen, inzwischen über bioelektrische Stimulation erklärt [Fel2009], [Ham2015], [Kaf2015]. Dr. Yang – selbst Physiker und Maschinenbau-Ingenieur – stellt hierbei auch selbstkritische Fragen, unter anderem, wie es beispielsweise möglich sein könne, dass das Gehirn dann den Qi-Fluss lenke – auch er verweist darauf, dass noch viele weitere Untersuchungen zur Klärung dieser Fragen notwendig sind.

Nichtsdestotrotz versucht er sich an der Erklärung des Unteren Dan Tians – des wichtigen Energiezentrums der alten Kampfkünste als Quelle der elektromagnetischen Kraft (EMF), die in Form von bioelektrischer Energie (Qi) in unserem Körper durch Widerstände oder Spulen (Organe) fließt. Eine weitere These lautet, dass wir Menschen mit unserem menschlichen elektromagnetischen Feld[19] durch das Erdmagnetfeld beeinflusst werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 - Lage des Erdmagnetfeldes und Thesen zur Auswirkung auf Menschen nach Dr. Yang.

Eine Parallele aus der westlichen Welt ist beispielsweise das EKG (Elektrokardiogramm). Durch geeignet auf unserer Hautoberfläche angebrachte Elektroden lässt sich die elektrische Aktivität, die unser Herz durch seine elektrischen Impulse generiert, messen. Dabei stoppen die elektromagnetischen Wellen natürlich nicht auf unserer Hautoberfläche, sondern setzen sich noch in unsere Umgebung fort, bis sich die Wellen so weit abgeschwächt haben, dass sie mit unseren Messgeräten oder anderen Sensoren nicht mehr wahrgenommen werden können. Unsere Nerven leiten Informationen durch elektrische Impulse – auch hierdurch wird ein (sehr schwaches) Magnetfeld erzeugt. Neueste medizinische Erkenntnisse lauten darüber hinaus, dass der Mensch eigentlich nicht nur ein Gehirn hat, sondern drei. Neben dem bekannten Gehirn in unserem Kopf auch ein Herz-Hirn und ein Darm-Hirn, was dem Begriff „Gut-Feeling“ (z.B. eine Entscheidung „aus dem Bauch heraus zu treffen“) eine neue Bedeutung gibt! Dies hat seine Berechtigung insofern als festgestellt wurde, dass auch um das Herz und vor allem um den Darm herum eigentlich mehr Neuronen (Nervenzellen) existieren als selbst in unserem Gehirn. Desweiteren gibt es Untersuchungen des HeartMath® Institutes, die belegen, dass sich die Herzfrequenz bei Menschen angleicht, die sich räumlich nahe stehen (und sich dann meist auch im übertragenen Sinn nahe stehen) [Chi2010].

Dr. Yang erläutert in seinen Büchern, u.a. in [Yan1997], wie dieser Sachverhalt mit den Beobachtungen von Meditierenden in Einklang zu bringen ist – nämlich dass ein stärkerer Qi-Fluss aufgebaut und gespürt werden kann, wenn man (auf der nördlichen Hemisphäre) mit dem Gesicht nach Süden meditiert. In diesem Fall können die magnetischen Feldlinien ideal über das obere Dan Tian (unseren „Südpol“ – wenn wir auf der Nordhalbkugel sind) in unseren Körper eindringen und möglicherweise den Qi-Fluss (Bioelektrizität) positiv beeinflussen.

[...]


[1] Natürlich läuft das „Riechen“ eigentlich mit Hilfe bestimmter Zellen in der Nase und mit Unterstützung bestimmter Gehirnareale ab.

[2] Larynx = Kehlkopf; schließt im voll entwickelten Menschen die Luftröhre gegenüber der Speiseröhre ab Trachea = Luftröhre

[3] Beispielsweise: [Cha2011], [Cha2013], [Niu2014], [Moy2015]

[4] Quelle, z.B. www.ballonteam-sauerland.de oder www.ballonteam-paderborn.de

[5] Vgl. auch beispielsweise Meditationsübungen oder Mind-Body-Stress-Reduction (MBSR) von Jon Kabat-Zinn

[6] Auf diese Weise wird ermöglicht, dass bei hohem Sauerstoffbedarf auch die kleinsten Alveolen noch zur Sauerstoffaufnahme genutzt werden können, ohne dass sie aufgrund der ansonsten hohen Oberflächenspannung zerstört werden.

[7] Zur weiteren Atemhilfsmuskulatur gehören M. Intercostales externi sowie – bei weiterer Anforderung – M. sternocleidomastoideus, M. pectoralis minor, M. trapezius (oberer Anteil), M. serratus posterior superior und M. levator scapulae – bei einem Asthmaanfall kann zusätzlich noch der M. pectoralis major zum Einsatz kommen.

[8] beispielsweise die Bauchmuskeln (innere Kostalmuskeln; M. intercostales interni) oder Bauchpresse (M. rectus abdominis, M. obliquus externi / interni) mit Verdrängung des Zwerchfells in den Brustraum sowie der M. serratus posterior inferior

[9] Z.B. Interneterläuterung „Atemmechanik“, Ruhr-Uni Bochum

[10] wichtiges Reflexzentrum am Übergang des Gehirns zum Rückenmark

[11] Der physiologische pH-Wert von Körperflüssigkeiten liegt bei 7,40. Bereits eine Änderung in der zweiten Nachkommastelle (!) kann lebensgefährdende Störungen von Körperprozessen verursachen [Sch2014b].

[12] Das menschliche Herz (eher: ein Konglomerat von „Herzzellen“) beginnt ab der fünften Schwangerschaftswoche zu schlagen – ab etwa der achten Schwangerschaftswoche ist dies auch über eine Ultraschalluntersuchung zu erkennen. [frauenärzte-im-netz.de; Abruf 09.07.2016, 21:07]

[13] Vom menschlichen Embryo spricht man von der Konzeption bis zur neunten Schwangerschaftswoche, ab der neunten Schwangerschaftswoche vom Fetus.

[14] Auch wenn am Modell „Zebrafisch“ [Zei2010] die Zellen entdeckt wurden, die das Herz schlagen lassen, lässt dieser Artikel die Frage nach dem Auslöser für den ersten Herzschlag nach wie vor offen!

[15] „[…] The electric stimulus that triggers the muscular portion of the heart, known as myocardium, to contract is myogenic. This means that the contractions arise spontaneously within the myocardium itself, and propagate from cell to cell.[…]” [madsci.org, Abruf 09.07.2016, 21:08]

[16] Das voll entwickelte Herz kann autonom elektrische Impulse erzeugen und weiterleiten, die das Herz schlagen lassen (Sinusknoten, AV-Knoten, Purkinje-Fasern, etc). Selbstverständlich sind diese Zellen durch ihre DNA hierzu in der Lage, sobald sich eine „kritische Masse“ dieser Zellen entwickelt hat, das Schlagen zu starten. Was jedoch diese „Programmierung“ auslöst, muss m.E. dennoch jeder für sich selbst entscheiden. [nach: community.babycenter.com „What causes the first heartbeat in an embryo?”, Abruf 10.07.2016, 21:20]

[17] www.doccheck.com

[18] www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed - Metadatenbank mit mehr als 26 Millionen Zitaten aus der biomedizinischen Literatur

[19] Das EKG (Elektrokardiogramm) oder das EEG (Elektroenzephalogramm) der westlichen Medizin macht sich die elektrische Aktivität der Herzmuskelfasern bzw. der Nervenzellen in der Hirnrinde zunutze, um anhand von Unregelmäßigkeiten der Messkurven Schlüsse auf bestimmte Krankheiten zu ziehen. Diese elektrische Aktivität bildet ein (schwaches) elektromagnetisches Feld.

Details

Seiten
55
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668524323
ISBN (Buch)
9783668524330
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375075
Note
1,5
Schlagworte
Qigong Atemtechnik Tai Ji Lebenspflege Lebensqualität

Autor

  • Britta van Tast (Autor)

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Titel: Qi Gong. Eine Anleitung zur Atmung nach fernöstlicher, westlicher und ganzheitlicher chinesischer Tradition