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Das Tauziehen um den Hainstädter Wald im Mittelalter

Das Verhältnis der Bauern und der Herrschaft zum Wald anhand des Weistums 1448 und der Dorfordnung 1589

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 32 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hainstadt

3. WaldnutzunginHainstadt
3.1 Waldnutzung in Hainstadt anhand des Weistums 1448
3.2 WaldnutzunginHainstadt anhand derDorfordnungl589

4. Wald- und Holzverknappung im Mittelalter
4.1 Situation derBauemschaft

5. Konflikterundumden Wald
5.1 Konflikte um den Hainstädter Wald

6. Nutzungsrechte der Bauern 1448 und 1589 im Vergleich
6.1 Einflußnahme und Besitzergreifung seitens der Herrschaft
6.2 ProtestderBauem

7. Fazit

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

In Fridankes Lehrgedicht „Bescheidenheit“[1] wird bereits im Jahr 1230 die Erweiterung der herrschaftlichen Sphäre auf die Marknutzungsrechte der bäuerlichen Bevölkerung angeprangert. Über 200 Jahre später, zu Beginn des hier untersuchten Zeitraumes, ist diese Thematik immer noch hochaktuell. Anhand zweier Dokumente aus Hainstadt, einem Weistum aus dem Jahr 1448 sowie einer Dorfordnung aus dem Jahr 1589[2], soll in dieser Arbeit das Verhältnis der Bauern[3] und der Herrschaft zum Wald, sowie zueinander, herausgearbeitet werden.

Nach einer kurzen Vorstellung der Gemeinde Hainstadt im Mittelalter und des herrschaftlichen Kontextes, soll die Relevanz des Untersuchungsgegenstandes Wald verdeutlicht werden, indem die Nutzungsformen aufgezeigt werden. Dies geschieht mit direktem Bezug auf Hainstadt anhand der Analyse der beiden Quellen. Es folgen wichtige Hintergrundinformationen: Ein geschichtlicher Abriss zur Entwicklung des Waldes und der Waldwirtschaft sowie die Situation der Bauernschaft im Verlauf des Mittelalters. Anschließend werden die Konflikte, die um die Waldnutzung, auch speziell in Hainstadt, entstanden sind, dargelegt. Im nächsten Schritt wird wieder quellennah untersucht, wie sich die Nutzungsrechte der Hainstädter Bauern 1448 und 1589 unterschieden. Um diese Erkenntnisse einzuordnen und zu verstehen, wie sich das Tauziehen um den Hainstädter Wald abgespielt hat, werden abschließend die Einflußnahme der Herrschaft, wie auch der Protest der Bauernschaft, eruiert. Ein abschließendes Fazit soll die Ergebnisse der Arbeit prägnant zusammenfassen.

Die meisten Konflikte konnten im Mittelalter durch Rückgriff auf Gewohnheitsrecht oder Verhandlungen beigelegt werden. Sonderfälle oder wiederkehrende Streitigkeiten fanden aber oft Niederschlag in Dokumenten, die uns heute als Quellen Einsicht geben in die damalige Zeit[4]. Das Weistum von 1448 ist ein, in Absprache mit der Herrschaft, im Zuge einer Gerichtssitzung von den Schöffen niedergeschriebenes Dokument. Die Dorfordnung von 1589 ist dagegen ohne Mitwirkung der Gemeinde entstanden. Weistümer, die kasuistischer, und

Dorfordnungen, welche systematischer angelegt sind, wurden in leicht verständlicher Sprache für die Bauernschaft angefertigt und enthielten beispielsweise Regelungen zur Allmendenutzung oder Strafanordnungen bei Nichtbeachten von Geboten[5].

2. Hainstadt

Die Gemarkung der Gemeinde Hainstadt liegt sowohl im Gebiet des heutigen Odenwaldes wie auch des Baulandes. Im 8. und 9. Jahrhundert ist in den Urkunden auch der Gau Wingarteiba als zusätzliche Ergänzung zur Bestimmung der Lage angegeben[6]. Die Ortschaft befindet sich auf einem Hochplateau, welches nach Norden zu leicht ansteigt und wird „vom bescheidenen Hainsterbach durchflossen“[7], welcher auch in einigen frühen Quellen Erwähnung findet. Gebäudereste aus römischer Zeit in der Gewannflur Häuserbrunnen sowie der Fund einer jungsteinzeitlichen Streitaxt bezeugen[8], dass das Gebiet schon in vor- und frühgeschichtlicher Zeit von Menschen besiedelt wurde. Mit dem fränkischen Königtum begann etwa im 6. und 7. Jahrhundert die Besiedelung des Odenwaldes. Erneut besiedelt wurde das Hainstädter Hochplateau schließlich im 8. Jahrhundert im Zuge des Landesausbaus durch die Reichskirche[9]. Die Lage der Ortschaft, die sich aus dem anfänglichen Haufendorf entwickelt hat[10], ganz im Süden der Gemarkung lässt auch heute noch gut erkennen, wie der Landesausbau von Süden gen Norden vorangetrieben wurde[11].

Erstmalige Erwähnung findet die Ortschaft in einer Urkunde des Lorscher Codex aus dem Jahre 775, die die Schenkung einer „Hofreite mit darauf stehendem Haus“[12], gelegen am Heinbach, betrifft. In weiteren Urkunden finden sich verschiedene Schreibweisen, sowohl des Hainsterbaches als auch von Hainstadt selbst, wie zum Beispiel Heymstat (1453) und Höenstat (1455). Etymologisch kann die Bezeichnung wohl auf die Bedeutung Heimstätte zurückgeführt werden[13].

Aufgrund der komplizierten Geschichte der Herrschaftssituation in Hainstadt und der komplexen Hainstädter Ganerbschaft soll hier nur ein vereinfachter Überblick des herrschaftlichen Kontextes zur fraglichen Zeit gegeben werden. Nur die wichtigsten, beziehungsweise relevanten Herren werden in aller Kürze vorgestellt. Etwa ab dem

8. bis 10. Jahrhundert waren die Stifte Würzburg und Mainz Grundherren in Hainstadt. Als Lehensträger des Würzburger Bischofs traten über die Jahrhunderte wechselnde Ortsherren in Erscheinung, die in Hainstadt auch oft ihren Sitz nahmen. Die Ortsherren des Würzburger Anteiles für Hainstadt waren von 1157-1330 die Ritter von Hainstadt, deren Lehensgüter an die Münch von Rosenberg übergingen. Die Münch von Rosenberg saß dann bis 1484 in Hainstadt, als sie von den Herren von Wichsenstein abgelöst wurde. Den mainzischen Anteil an der Hainstädter Ortsherrschaft hatte die Rüdt von Collenberg inne. Mitte des 15. Jahrhunderts besaß die Münch von Rosenberg etwa die Hälfte des Ortes, die Rüdt von Collenberg ein Achtel, weitere Ortsherren waren auf ganerbschaftlicher Basis unter anderem auch die von Berlichingen[14]. Zum Zeitpunkt der Entstehung der hier behandelten Quellen 1448 und 1589 und während des dazwischen liegenden Zeitraumes war Hainstadt somit ganerbschaftlicher, also gemeinsam erbschaftlicher, Besitz mehrerer Ortsherren.

3. Waldnutzung in Hainstadt

Im Folgenden soll anhand der beiden Quellen, des Weistums von 1448 sowie der Dorfordnung von 1589, die Waldnutzung in Hainstadt herausgearbeitet werden. Anschließend werden weitere Nutzungsformen des Waldes vorgestellt, die in den Quellen keinen Niederschlag gefunden haben. Es wird chronologisch vorgegangen, folglich wird also zuerst das Weistum aus dem Jahre 1448 untersucht.

3.1 Waldnutzung in Hainstadt anhand des Weistums von 1448

Obwohl die Holz- und Waldnutzung erst in Unterpunkt 18 besprochen wird, handelt es sich bei dem entsprechenden Abschnitt doch um einen der längsten, was auf die Wichtigkeit sowie die Konfliktträchtigkeit dieses Bereiches schließen lässt, worauf später noch genauer eingegangen werden wird.

Im Weistum heißt es Wan die gemeynde holtz bedarff zu eynem pflüge oder zu steckholtz. Mit dem pflüge ist hier stellvertretend eines der vielen Arbeitsgeräte genannt, die aus Holz hergestellt wurden. Das Holz war im Mittelalter der wichtigste Baustoff, und war Universalwerkstoff im Haus- und Werkstattbereich[15]. Vom Pflug über die Möbel bis hin zum Haus selbst wurde fast alles aus Holz hergestellt. Das erwähnte steckholtz meint Stangenholz. Die Stangenholzentnahme wurde oft stark reglementiert, um die Regeneration des Waldes sicherzustellen. Das Stangenholz fand vielfältige Verwendung in der Landwirtschaft und auf dem Hof. Es wurde genutzt als Zaunholz, „Bohnen- oder Hopfenstangen, Rebpfähle, Gerüststangen, geringes Bauholz, für Latten, Reifstangen und Reifen, für Leitern“[16] und viele weitere Anwendungen. Gerade das Eegen (hier: Einzäunen[17] ) verbrauchte große Mengen an Holz, weshalb es nicht verwundert, dass in vielen älteren Forstordnungen die Nutzung von Stangenholz zu diesem Zwecke untersagt war[18].

Weiter heißt es in der Quelle, dass die gemeynde gewalt hatt, brynneholtz zu hauwen in dem 'walde und nicht bauweholtz, als das isteychen, buchen und espen, das dann zu bauwen daugk. Hieraus geht hervor, dass den Mitgliedern der Gemeinde die freie Entnahme von Brennholz aus dem Wald erlaubt war. Holz war, neben der Wasserkraft, der wichtigste Energieträger im Mittelalter. Das Brennholz stellte der Menge nach die wichtigste Holznutzungsform dar. Jeder Hof und jede Herdstelle benötigte Brennholz zum Heizen, Backen und Kochen[19], allein zum Heizen wurden nach Gürth jedes Jahr 50 Raummeter benötigt[20]. Auch für die gewerbliche Nutzung wurden enorme Mengen an Brennholz benötigt.

Eine Vielzahl von Gewerben entwickelte sich im Zuge der fortschreitenden Entwicklung der Montanindustrie, viele von ihnen heutzutage obsolet und in Vergessenheit geraten, und sie alle benötigten Holz oder Holzkohle als Energiequelle[21]. Bergleute, Bäcker, Salinen, Metzger, Glasmacher, Brauer, Kalkbrenner, Gerber, Ziegeleien, Töpfer, Schmiede und viele mehr: sie alle benötigten Feuerholz oder Holzkohle[22]. In Köhlereien, eines der zahlreichen, heute ausgestorbenen Waldgewerbe, wurde diese Holzkohle hergestellt, wobei es zu Bedenken gilt, dass aus 100 kg Holz lediglich 10 kg Holzkohle gewonnen wurden[23]. Die Holzkohle wurde für Schmelzprozesse (vorrangig Eisen und Glas) im Handwerk benötigt[24]. Aschenbrenner erzeugten Holzasche, die zum Wäschewaschen verwendet wurde. Für die Glaserzeugung benötigte man neben der Holzkohle zum Schmelzen große Mengen an Pottasche. Weitere Holzprodukte waren Ruß aus Rußhütten, Harz sowie Teer und Pech aus Salbeöfen, die die Grundlage für Produkte wie Stiefelwichse, Wagenschmiere oder Druckerschwärze bildeten[25].

Bei den im Weistum erwähnten isteychen, buchen und espen handelt es sich um Eichen, Buchen und Eiben. Diesen Baumarten ist gemein, dass sie sehr hochwertiges Holz liefern. Das Eibenholz war besonders beliebt als Werkstoff, zum Beispiel eignete es sich aufgrund seiner Elastizität ausgezeichnet für die Herstellung von Bögen und Armbrüsten[26]. Eichenholz und Buchenholz eignet sich besonders als Bauholz, da es sehr stabil und hart ist. Außerdem standen diese beiden Baumarten oft unter besonderem Schutz, da es sich um Mastbäume handelt. Die Eicheln und Bucheckern wurden vor allem zur Schweinemast, Acherum genannt, verwendet[27]. Die Nahrungsversorgung der Schweine durch die Mastbäume war im Mittelalter eine „für die Bevölkerung lebenswichtige Angelegenheit“[28]. Die Schweine dienten vor allem im Winter zur Nahrungs- und Fettversorgung. Schon im Frühmittelalter finden sich häufig Schlagverbote für diese Mastbäume, was ihren Wert für die mittelalterliche Gesellschaft nochmals unterstreicht[29]. Dies ging so weit, dass der Wert eines Waldstückes im Hochmittelalter häufig nach der Zahl der dort zu mästenden Schweine bemessen wurde[30]. Zahlreiche Darstellungen und Illustrationen der herbstlichen Schweinemast sind überliefert.

In der Quelle heißt es weiter, man solle auch die banwayde hegen und kein ganckvihe daruff lassen gehen. Diese Vorschrift nimmt Bezug auf eine weitere äußerst wichtige Funktion des Waldes im Mittelalter: der als Weide für die Nutztiere. Das ganckvihe bezeichnet das Vieh, das zur Weide geht, im Gegensatz zum Stallvieh[31]. Im Falle der banwayde handelt es sich im Falle des Hainstädter Weistums um eine Waldweide namens Tannklinge. Bei einer Bannweide handelt es sich, ähnlich wie beim Bannwald, um ein Stück Weideland, dessen Zugriff gewissen Restriktionen unterliegt, die freie Nutzung ist also eingeschränkt. Die Waldweide war „ein wichtiges Element der vormodemen Landwirtschaft“[32]. Vor allem im Frühmittelalter gab es noch keine gepflegten Viehweiden oder Wiesen. Das Vieh wurde zur Weide in die Wälder getrieben. Zwischen den beweideten Waldflächen, den sogenannten Hudewäldern[33], und den Niederwaldflächen, welche man zur Nutz- und Brennholzgewinnung nutzte, gab es keine abgesteckten Grenzen, wie überhaupt die verschiedenen Nutzungsbereiche der Wälder nicht klar voneinander abgegrenzt waren[34]. Die Übergänge zwischen offener Weide, Waldweide und Wald waren also fließend, was sich auch im Sprachgebrauch mancher Region niederschlug, wo die Begriffe „Wald und Wonne [hier: Weideplatz[35] ] gleichgesetzt wurden“[36]. Ohne die Waldweiden, auf denen Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe weideten, wäre es nicht möglich gewesen, die zur Versorgung der Bevölkerung nötige Anzahl an Milch- und Mastvieh zu unterhalten[37]. Die Waldweide war also eine „extensiv genutzte Agrarfläche“[38], deren Erhalt lebensnotwendig war.

Nun bietet es sich an, die Waldnutzung der Hainstädter anhand der zweiten Quelle, die dieser Arbeit zugrunde liegt, noch näher zu untersuchen. Anschließend werden Aspekte der mittelalterlichen Waldnutzung, die in beiden Quellen keinen Niederschlag gefunden haben, ergänzt. Die Relevanz des Untersuchungsgegestandes Wald soll dadurch verdeutlicht werden.

3.2 Waldnutzung in Hainstadt anhand der Dorfordnung von 1589

Naturgemäß gibt es in der Dorfordnung von 1589 vielerlei Überschneidungen zum Weistum von 1448, weshalb an dieser Stelle nur noch auf neue Informationen zur und Hinweise auf die Waldnutzung eingegangen wird. Einige wertvolle Ergänzungen zu bereits angesprochenen Funktionen des Waldes werden dennoch berücksichtigt. Unter Punkt 9 der Dorfordnung findet sich die Waldordnung, welche die Bestimmungen zur Waldnutzung und entsprechende Strafandrohungen bei Missachtung derselben enthält: Holzfrevel wird mit 5 fl an die Herrschaft gebüßt. Holzfrevel meint ganz allgemein den Verstoß gegen die Waldordnung[39], beinhaltet aber sicherlich auch noch weitere Gewohnheitsrechte und -bestimmungen, die nicht extra aufgeführt wurden, da sie allgemein bekannt sind.

Das Brennen oder schwennen wird unter Strafandrohung untersagt. Mit Brennen ist die Brandrodung gemeint, schwennen bedeutet ebenfalls roden[40]. Obwohl die großen Rodungen im Zuge der Landnahme in der Rodungsperiode des Früh- und Hochmittelalters zu diesem Zeitpunkt bereits weit zurückliegen[41] muss es dennoch für angebracht gehalten worden sein, dieses Verbot in die Waldordnung aufzunehmen. Die Erhaltung des Waldes genoss also hohe Priorität, da ein brandgerodetes Stück Boden emährungstechnisch sehr wertvoll war, denn „eingebrandter Waldboden ergab den gleichen Ertrag wie ein gleich gelegener gut gedüngter Acker“[42]. Vor allem die Produktionsweisen der Montanindustrie, die, wie bereits ausgeführt wurde, sehr hohe Mengen an Holz(-kohle) verbrauchten, machten solche Rodungsverbote nötig[43]. Ob das Verbot in diesem Falle aufgrund aktueller Verstöße in die Waldordnung aufgenommen wurde, wovon man ausgehen könnte, handelte es sich bei der Quelle um ein Weistum, oder ob man es schlicht als Grundsatz festlegen wollte, kann nicht bestimmt werden.

Bau= und andere Zäune ausreißen wird in der Waldordnung ebenfalls unter Strafe gestellt. Die Agrarintensivierung des Hochmittelalters und die enorme Vergrößerung des Waldgewerbes im Spätmittelalter hatten jeden QuadratmeterNutzfläche zu einem begehrten Gut gemacht[44]. Zäune zu versetzen um die eigene Ackerfläche zu vergrößern, oder sie auszureißen, um etwa das Vieh auf der Bannweide im Wald grasen zu lassen, war deshalb sehr verlockend. Außerdem könnte der Hinweis auf die Zäune die Schlussfolgerung zulassen, dass die verschiedenen Nutzungsflächen mittlerweile stärker voneinander abgegrenzt waren.

Es folgen genauere Bestimmungen zur Einzäunung {dem Hegen) der Bannweide im Wald, vermutlich um diese vor Übernutzung und Verbiss zu schützen, aber natürlich ebenso, um die Grenzen der Waldweide festzulegen, sowie, um die Tiere in oder aus dem Tannklinge-Areal zu halten.

Außerdem finden wir in der Waldordnung von 1589 direkte Bezugnahme auf die Eichelmast der Schweine. Unter Strafe wird verboten, Eicheln aufzulesen und {bezüglich der Schweinemast und des Ekerichtriebes behalten sich die Ganerben das Recht vor, Anordnungen zu treffen, heißt es da. Wer also wann wie viele Schweine zur Fütterung in den Wald treiben darf wird von der Ortsherrschaft entschieden. Des Weiteren gibt es die Anordnung, dass die Untertanen das Holz, vermutlich sowohl Brenn- als auch Bauholz, vor Mittefasten aus dem Wald herausgeschafft haben müssen, da ihr Anspruch darauf sonst verfällt und zusätzlich eine Strafzahlung fällig wird. Auf beide dieser Aspekte wird noch näher einzugehen sein.

Abschließend folgen zwei Anordnungen zum Schutz des Waldes. Erstens wird es, abermals unter erheblicher Strafandrohung, untersagt, im Überhag sein Vieh weiden zu lassen. Hiermit soll die Regeneration des Waldes sichergestellt werden, in dem das Jungholz[45] vor Verbiss geschützt wird, was ein auf Nachhaltigkeit ausgelegtes Bewirtschaften des Waldes bezeugt. Zweitens geht es, im letzten Punkt der Waldordnung von 1589, nochmals um den Schutz vor Verbiss. Hier wird unter Strafandrohung verordnet, dass wegen des Schadens, den die Ziegen im Wald anrichten [...] solche die Kühe halten, nicht Ziegen auf die Weide treiben dürfen, armen Leuten, hier also solche, die kein Großvieh besitzen, wird jedoch gestattet, dort zwei Ziegen zu weiden. Ziegen und Schafe wurden oft von der Waldweidenutzung ausgeschlossen, oder der Zugang wurde nur unter gewissen Auflagen bewilligt, da sie die Jungtriebe der Bäume fressen und daher besonders schädlich sind. Dies wurde schon früh erkannt, weshalb sich Bestimmungen zur Schonung des Waldes in vielen Weistümern, Waldordnungen und Forstordnungen finden[46]. Ein Faktor, der eine weitere Regulierung der Waldweidenutzung notwendig gemacht haben könnte, könnte auch der zunehmende Viehbestand sein, der wegen des erhöhten Bedarfs an Dünger den Nutzungsdruck auf den Wald zusätzlich erhöhte[47]. Um die enorme Wichtigkeit des Waldes für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft herauszustellen, werden nun, zur Vervollständigung, noch weitere wichtige Funktionen des Waldes in Kürze vorgestellt.

Der Wald ernährte nicht nur die Tiere, ob es nun das Nutzvieh oder Wild war, sondern war auch direkte Nahrungsquelle der Menschen. Hier fanden die Menschen „Beeren, Pilze, Heilpflanzen, Obst, Nüsse und Honig“[48]. Honig, Endprodukt der Zeidlerei, war besonders begehrt, da es zur damaligen Zeit das einzige Süßungsmittel darstellte[49]. Gerade für die ärmere Bevölkerungsschicht war der freie Zugang zu diesen Produkten des Waldes „ein wichtiger Beitrag zu ihrer Ernährung und eine Überlebensfrage“[50]. Außerdem lieferte die Zeidlerei das Bienenwachs zur Herstellung von Luxusprodukten wie Kerzen. Auch Pech wurde aus Rohstoffen des Waldes gewonnen[51]. Man sammelte Laubheu, das getrocknet wurde und im Winter als Futterquelle für die Tiere sowie als Einstreu diente[52].

Eine letzte wichtige Nutzung des Waldes, auf die nun etwas näher eingegangen werden soll, obwohl sie keinen Niederschlag in den Quellen fand, ist die Jagd. Die Jagdleidenschaft der weltlichen und geistlichen Herrschaft war oft Motivation für Waldnutzungsregelungen und eine nachhaltigere Waldwirtschaft[53]. Das herrschaftliche Jagdrecht stellte ein besonderes Privileg dar, und der Stolz und Schmuck vieler Burgen und Schlösser sind bis zum heutigen Tage die zur Schau gestellten Jagdtrophäen[54].

[...]


[1] Vgl. Bezzenberger, H.E.: Fridankes Bescheidenheit, S. 135.

[2] Anm.: Die untersuchten Quellenausschnitte sind im Anhang zu finden. Da in dieser Arbeit nur zwei Quellen untersucht werden, deren Zitate kursiv gedruckt sind und die Arbeit so angelegt ist, dass eine eindeutige Zuordnung zu den Quellen unmissverständlich möglich ist, wird darauf verzichtet Quellenzitatejedes Mal mit einer Fussnote zu versehen.

[3] Anm.: Die ländliche Dorfbevölkerung ist keine homogene Masse, dennoch wird in dieser Arbeit der Einfachheit halber von „Bauern“ die Rede sein.

[4] Vgl. Hürlimann, K.: Dörfliche Waldnutzung, S.97.

[5] Vgl. Patzelt, E.: Grundherrschaft und bäuerliches Weistumsrecht, S. 23.

[6] Vgl. Götzelmann, P.A.: Das geschichtliche Leben eines ostfränkischen Dorfes, S.21.

[7] Kern, J.: Hainstadt in Baden, S.7.

[8] Vgl. Kreisbeschreibung des Landes Baden-Württemberg: Der Neckar-Odenwald-Kreis, S.691.

[9] Vgl. Kleberger, E.: Territorialgeschichte des Odenwaldes, S. 9.

[10] Vgl. Kern, J.: Hainstadt in Baden, S.7.

[11] Vgl. Kreisbeschreibung des Landes Baden-Württemberg: Der Neckar-Odenwald-Kreis, S.691.

[12] Codex des Kloster Lorsch, zitiert nach: Kern, J.: Hainstadt inBaden, S. 19.

[13] Vgl. Kern, J.: Hainstadt inBaden, S. 20.

[14] Vgl. Kern, J.: Hainstadt inBaden, S.29ff. Anm.: Eine ausführliche Beschreibung der Herrschaft und ihrer Entwicklung findet sich in der Kreisbeschreibung des Neckar-Odenwald-Kreises des Landes-Baden-Württembergs auf S. 691f. Eine nähere Beschreibung einiger der Ortsherren und Familien des niederen Adels finden sich außerdem bei Götzelmann (1925) auf S. 74 - 96.

[15] Vgl. Jeitler, М.-F.: Wald und Waldnutzung im Frühmittelalter, S. 18.

[16] Mantel, K.: Forstgeschichte, S. 429.

[17] Anm.: Das Zäunen musste auch oft nicht nur privat gemacht werden, sondern war auch eine wichtige, aber unbeliebte Aufgabe die die Gemeinde an die Bauern veigab, um beispielsweise die Allmendweise zu hegen, und die oft Anlass für Streitigkeitenwar. Siehe hierzu; Hürlimann, K.: Dörfliche Waldnutzung, S.96.

[18] Vgl. Mantel, K.: Forstgeschichte, S. 389.

[19] Vgl. Volk, O.: Waldnutzung inHessen, S. 26.

[20] Vgl. Gürth, P.: Wer hat dich, du schöner Wald, S.75.

[21] Vgl. Johann, E.: Wirtschaftsfaktor Wald, S. 29.

[22] Vgl. Gürth, P.: Wer hat dich, du schöner Wald, S.75.

[23] Vgl. Jeitler, M.F.: Waldund Waldnutzung imMittelalter, S. 18.

[24] Vgl. Rösener, W.: DerWaldals Wirtschaftsfaktor undKonfliktfeld, S. 15.

[25] Vgl. Gürth, P.: Wer hat dich, du schöner Wald, S. 75.

[26] Vgl. Ders.: Wer hat dich, du schöner Wald, S. 80.

[27] Vgl. Hürlimann, K.: Dörfliche Waldnutzung, S. 101.

[28] Mantel, K.: Forstgeschichte, S.91.

[29] Vgl. Rösener, W.: Der Waldals Wirtschaftsfaktor undKonfliktfeld,S. 15.

[30] Vgl. Epperlein, S.: Waldnutzung, Waldstreitigkeiten und Waldschutz, S.91.

[31] Vgl. Deutsches Rechtswörterbuch, Eintrag „Gangvieh“, online abrufbar: http://drw-www.adw.uni- heidelberg.de/drw-cgi/zeige?index=lemmata&term=gangvieh&firstterm=gang.

[32] Hürlimann, K.: Dörfliche Waldnutzung, S. 100.

[33] Vgl. Rösener, W.: Der Wald als Wirtschaftsfaktor und Konfliktfeld, S.21.

[34] Vgl. Küster, H.: Geschichte des Waldes, S. 114.

[35] Vgl. Grimm'sches Wörterbuch, Eintrag „Wonne“, online abrufbar: http://woerterbuchnetz.de/DWB/? sigle=DWB&mode=Vemetzung&lemid=GW26801#XGW26801.

[36] Johann, E.: Wirtschaftsfaktor Wald, S. 31.

[37] Vgl. Gürth, P.: Wer hat dich, du schöner Wald, S.71.

[38] Jeitler,M.-F.: Waldund Waldnutzung imFrühmittelalter, S.19.

[39] Vgl. Deutsches Rechtswörterbuch, Eintrag „Holzfrevel“, online abrufbar: http://drw- www.adw.uni-heidelberg.de/drw-cgi/zeige?term=holzfrevel&index=lemmata.

[40] Vgl. Grimm'sches Wörterbuch, Eintrag „schwenden“, online abrufbar: http://woerterbuchnetz.de/DWB/? sigle=DWB&mode=Vemetzung&hitlist=&pattemlist=&lemid=GS21948#XGS21948.

[41] Vgl. Volk, O.: Waldnutzung inHessen, S.21.

[42] Johann, E.: Wirtschaftsfaktor Wald, S. 33.

[43] Vgl. Jeitler, М.-F.: Wald und Waldnutzung im Mittelalter, S. 18.

[44] Rösener, W.: Der Wald als Wirtschaftsfaktor und Konfliktfeld, S. 19.

[45] Vgl. Götzelmann, P.A.: Das geschichtliche Leben eines ostfränkischenDorfes, S. 181.

[46] Vgl. Kern, J.: Hainstadt inBaden, S.25.

[47] Vgl. Johann, E.: Wirtschaftsfaktor Wald, S. 29.

[48] Jeitler, М.-F.: Waldund Waldnutzung imMittelalter, S. 18.

[49] Vgl. Johann, E.: Wirtschaftsfaktor Wald, S. 30.

[50] Ders.: Wirtschaftsfaktor Wald, S. 30.

[51] Vgl. Jeitler, M.F.: Wald und Waldnutzung im Mittelalter, S. 18.

[52] Vgl. Küster, H.: Geschichte des Waldes, S. 114.

[53] Vgl. Blickle, P.: Die Revolutionvon 1525, S. 59.

[54] Vgl. Küster, H.: Geschichte des Waldes, S. 126.

Details

Seiten
32
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668522077
ISBN (Buch)
9783668522084
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374960
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Dorf Wald Mittelalter Hainstadt Waldnutzung Bauern

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