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Die Darstellung der Muttergestalten in Gerhart Hauptmanns 'Rose Bernd'

Seminararbeit 2001 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Hauptteil
2.1 Biografische Aspekte in Hauptmanns Mutterfiguren
2.1.1 Die meineidige Kindsmörderin Hedwig Otto als stofflicher Anhaltspunkt für die Figur Rose
2.1.2 Frau Flamm: Gemeinsamkeiten mit Hauptmanns Mutter Marie Hauptmann-Straehler
2.2 Mythische und religiöse Elemente in beiden Mutterfiguren
2.2.1 Rose repräsentiert die fruchtbare, natürliche Mutter
2.2.2 Frau Flamm vertritt den Typus der schmerzreichen Mutter (mater dolorosa)
2.3 Das Schicksal der Mutterfiguren: Hauptmanns Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen
2.3.1 Rose in Konflikt mit dem gesellschaftlichen Wertesystem
2.3.2 Frau Flamms und Roses Handeln als Ausdruck von Sozialkritik

3.0 Zusammenfassung

1.0 Einleitung

„Die Seele selbst der vollkommen glücklichen Frau wird auf die Dauer nicht erfüllt durch den Mann. Auch nicht durch das erwachsene Kind. Ganz erfüllt, ganz reich, wird sie nur durch neue Mutterschaft ... Sie [die Mutter] behält das Bewusstsein davon lange, wenn Missgeschick ihr den Säugling wieder entreißt.“ schreibt Gerhart Hauptmann am 10. Mai 1910, einen Tag nachdem sein zweiter Sohn Gerhart Erasmus zwei Tage nach seiner Geburt gestorben ist. Er drückt damit genau das Phänomen aus, das er schon in seinem 1903 erschienen Werk „Rose Bernd“ beschrieben hat: Glück und Schmerz der Mutterschaft.

In seinem Werk präsentiert er zwei Mutterschicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite die junge, schöne Rose, die aufgrund ihrer Sinnlichkeit von den Männern zum Sexualobjekt degradiert wird und schließlich ein uneheliches Kind zur Welt bringt; auf der anderen die ältere, kranke Frau Flamm, die trotz oder gerade aufgrund des frühen Verlusts ihres einzigen Kindes die Mutter schlechthin verkörpert. Detailgetreu beschreibt er Aussehen und Verhalten von Rose und Frau Flamm, die in gewisser Weise dasselbe Schicksal teilen: die Konfrontation mit dem Tod des eigenen Kindes, bei Rose noch in drastischerer Form sogar der Mord am eigenen Kind.

Hauptmann ist bekannt dafür, dass viele seiner Muttergestalten starke mütterliche Wärme ausstrahlen, aber auch dafür, dass er das Leid der Mütter kennt und es in seinen schmerzlichsten und erschütterndsten Zügen zu beschreiben vermag.

Von Interesse ist, was Gerhart Hauptmann dazu brachte, seine Mütter gerade so zu beschreiben und nicht anders und was seine Intention dabei war. Bei der Beantwortung dieser Fragestellung rücken drei Aspekte in den Vordergrund: Vorkommnisse aus seinem Leben, die er bewusst oder unbewusst in seine Figuren einfließen lässt; mythische Elemente, die ihm zur Objektivierung seiner Darstellungen dienen und schließlich sozialkritische Absichten, die er mit Roses und Frau Flamms Schicksal zu erreichen versucht. Im Folgenden sollen diese Themen ausgeführt werden.

2.0 Hauptteil

2.1 Biografische Aspekte in Hauptmanns Mutterfiguren

2.1.1 Die meineidige Kindsmörderin Hedwig Otto als stofflicher Anhaltspunkt für die Figur Rose

Vom 15. bis 17.April 1903 nahm Gerhart Hauptmann in Hirschberg als Geschworener an einem Prozess gegen die 25- jährige Landarbeiterin und Kellnerin Hedwig Otto teil. Der jungen Frau wurde vorgeworfen, ihr Kind in einem Gasthof getötet und dann einen Meineid geleistet zu haben. Hauptmann setzte sich zunächst erfolgreich für ihren Freispruch ein. Er wurde durch diesen Fall zur Niederschrift eines Kindsmörderinnen-Dramas angeregt, welches er bereits im September des gleichen Jahres unter dem Titel „Rose Bernd“ veröffentlichte. Die Figur Rose stimmt jedoch nicht völlig mit ihrer Vorlage überein. Hedwig Otto stammte zwar aus derselben Gesellschaftsschicht wie Hauptmanns Rose, arbeitete aber hauptsächlich als Kellnerin und brachte ihr Kind schließlich auch im Gasthof um. Hauptmann lässt Rose ihr Kind an einer großen Weide umbringen, was nicht als Gegensatz sondern als Parallele zu Hedwig Otto gesehen werden kann: Beide Frauen töteten ihr Kind in ihrem Lebensraum, die eine eben im Gasthof und die andere auf dem Feld.

2.1.2 Frau Flamm: Gemeinsamkeiten mit Hauptmanns Mutter Marie Hauptmann-Straehler

Auch die zweite Mutterfigur Frau Flamm zeigt Parallelen zu einer Frau aus Hauptmanns Leben, diesmal allerdings zu seiner Mutter Marie Hauptmann-Straehler. Diese hatte kein leichtes Leben: sie war in einem Gastbetrieb beschäftigt, und hatte durch die viele harte Arbeit wenig Zeit, ihrem Sohn eine fürsorgliche und gefühlvolle Mutter zu sein. Trotzdem bestand zwischen Mutter und Sohn eine tiefe Verbundenheit, die er sehr zu schätzen wusste: „Die Seeleneinheit, die mich mit meiner Mutter verband, machte mir das [Leben von Waisenkindern] unbegreiflich. Durch das Herz meiner Mutter, durch ihre Liebe bin ich...erst sozusagen ausgetragen worden“.[1]

In Hauptmanns Werken sind immer wieder Frauenfiguren zu finden, die seiner Mutter äußerlich ähneln, so z.B.die Jesus- Gestalten in Der Apostel und Der Narr in Christo Emanuel Quint[2] sowie Frau Flamm in „Rose Bernd“. Im Text wird Frau Flamm folgendermaßen beschrieben: „matronenhaft aussehende, anziehende Frau von vierzig Jahren...abgezehrten, feinen Hände(n)..Das Gesicht hat große, imponierende Verhältnisse. Ihre Augen sind hellblau und durchdringend, die Stirn hoch, die Schläfe breit. Ihr Haar ist bereits grau und dünn, sie trägt es in korrektestem Scheitel.“[3] Auch Hauptmanns Mutter trägt ihr schwarzes Haar gescheitelt, ihr Gesicht wird als oval und bleich beschrieben. Diese äußerlichen Gemeinsamkeiten lassen bei Hauptmann auf eine gewisse Vorbildfunktion der eigenen Mutter für die Figur Frau Flamm schließen.

Auch im Verhalten der beiden Frauen lassen sich ähnliche Züge feststellen: Frau Flamm ist wie Marie Hauptmann in ihrer Ehe unglücklich. Sie sieht als Ursache für die Entfremdung zwischen sich und ihrem Mann allerdings hauptsächlich den großen Altersunterschied: „Christel, was hab ich dir damals gesagt, da du rausgerickt kamst und du woll´st mich heiraten?...Ich bin viel zu alt fer dich. A Weib kann sechzehn Jahre jinger sein, aber nie drei oder vier Jahre älter.“[4]

Die Hauptmannschen Eheprobleme werden durch Uneinigkeiten bei der Testamentseröffnung des Großvaters Ferdinand Straehler ausgelöst. An diesem Tag brechen jahrelang verdrängte Frustrationsgefühle auf: Hauptmanns Vater fühlt sich in seinem Stolz verletzt und die Mutter äußert ihre Enttäuschung über das nicht eingelöste Versprechen, den Gastbetrieb zu verkaufen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Marie Hauptmann ihr Schicksal schweigend hingenommen: „Ihre Schlichtheit und tiefe Gläubigkeit lassen sie das eigene Leid durchstehen.“[5] schreibt Yeon-Don Roh über die Tapferkeit der Marie Hauptmann.

Der Schmerz über den frühen Tod ihres Kindes und die langjährige Lähmung fordern auch von Frau Flamm immer wieder Hingabe und Selbstbeherrschung, vor allem ihrem Mann gegenüber. Durch ihre innere Zufriedenheit und Weisheit stellt sie sich in gewisser Weise über die Geschehnisse und kann sie somit ertragen, ohne dass sie sich betroffen fühlt.

2.2 Mythische und religiöse Elemente in beiden Mutterfiguren

Gerhart Hauptmann notierte bereits lange vor der Niederschrift von Rose Bernd Ideen für ein Bauernstück: „Die Magd. Der Wind überm Acker. Die Geburt“[6] Im fertigen Stück findet sich diese Thematik in Form des Demetermythos wieder, der als Handlungsrahmen fungiert. In der griechischen Mythologie verläuft die Demeterhandlung folgendermaßen: Demeter, die griechische Göttin des Ackerbaus und der Feldfrucht, und Zeus sind Geschwister. Hades entführt deren Tochter Persephone in die Unterwelt. Demeter ist über alle Maßen bestürzt und ihre Trauer ist so groß, dass sie die Erde vernachlässigt, so dass die Pflanzen nicht mehr wachsen und die Menschen dadurch Hunger leiden. Zeus bringt seinen Bruder (Hades) dazu, das Mädchen wieder frei zu geben, allerdings ließ Hades Persephone zuvor Granatapfelkerne essen, so dass sie gezwungen war, alljährlich vier Monate (Herbst/ Winter) in der Unterwelt zu verbringen.

Der Mythos um Demeter beschreibt somit das Mysterium um Fruchtbarkeit und mütterliche

Liebe zu einem toten Kind, die beide Mutterfiguren trotz verschiedenen Schicksals verbindet.

[...]


[1] Roh, 1998, S.72

[2] vgl. Sprengel, 1982, S.74

[3] Hauptmann, 1965, S.25

[4] Hauptmann, 1965, S.72

[5] Roh, 1998, S.73

[6] Sprengel, 1982, S.285

Details

Seiten
14
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638368063
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37474
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Schlagworte
Darstellung Muttergestalten Gerhart Hauptmanns Rose Bernd

Autor

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