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"Griffbereit" und "Rucksack KiTa". Zwei Bildungsprogramme unter Berücksichtigung der mehrsprachigen Erziehung

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mehrsprachige Erziehung
2.1. Gefahr oder Chance der Mehrsprachigkeit?
2.2. Frühkindliche Spracherziehung

3. Das Bildungsprogramm RUCKSACK
3.1. Historie
3.2. Konzept
3.3. Charakteristika
3.4. Ziele

4. Das Bildungsprogramm GRIFFBEREIT
4.1. Konzept
4.2. Ziele

5. Diskussion der Bildungsprogramme
5.1. Vorteile der Bildungsprogramme GRIFFBEREIT und RUCKSACK
5.2. Nachteile der Bildungsprogramme GRIFFBEREIT und RUCKSACK

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Damit Zuwanderer die Chancen in unserem Land voll nutzen können, müssen sie die deutsche Sprache gut beherrschen. […] Für die Sprachförderung heißt das: Wir müssen so früh wie möglich ansetzen: sei es beim Spracherwerb im Herkunftsland. Sei es hier in Deutschland in den Kindergärten.“ [BÖHMER 2011]

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sprachliche Heterogenität innerhalb einer Gesellschaft normal ist. [vgl. FÜRSTENAU 2011, 26] Auf Grund gesellschaftspolitischer Ereignisse ist die Mehrsprachigkeit ein andauerndes Phänomen, welches aktuell und auch zukünftig durch Migration bedingt wird. Dies bedeutet, dass mehrsprachige Kinder meist aus eingewanderten sprachlichen Minderheiten kommen. Laut einer Berichtserstattung von 2008 [vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008, 105] sind in den westdeutschen Bundesländern zwischen 30% und 50% der eingeschulten Kinder mehrsprachig, in den ostdeutschen Bundesländern etwa 10%. Der steigende Anteil der mehrsprachigen Kinder lässt Diskussionen und Konzepte in Bezug auf mehrsprachige Erziehung zunehmen.

Die „Unabhängige Kommission Zuwanderung“ beispielsweise betrachtet die deutsche Sprache als „Schlüsselkriterium“ für eine erfolgreiche Integration, geht aber in ihren Vorschlägen auf die Herkunftssprache und eine mögliche „Erziehung zur Zweisprachigkeit“ ein. [vgl. REICH/ROTH 2002, 5]

Diese kontroversen Diskussionen werde ich, besonders im frühkindlichen Kontext, genauer betrachten. Ein mögliches Konzept der mehrsprachigen Sprachförderung ist in den Bildungsprogrammen RUCKSACK und GRIFFBEREIT enthalten. Diese möchte ich bezüglich ihrer Strukturen, Abläufe und Ziele untersuchen. Für die abschließende Beurteilung werden vornehmlich Meinungen von Teilnehmern der Programme aus der „Kölner RUCKSACK-Studie“ herangezogen. [vgl. ROTH/TERHART 2015, 29ff]

Ich habe mich für dieses Hausarbeitsthema entschieden, da ich selbst einen Migrationshintergrund vorweise, und meine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Mehrsprachigkeit gemacht habe. Da ich erst mit 21 Jahren mit der deutschen Sprache in Kontakt gekommen bin, hat meine Muttersprache eine besondere Bedeutung für mich. Die Wertschätzung einer Minderheitssprache und der damit verbundenen Kultur ist mir sehr wichtig. Auch für meine zukünftige Tätigkeit als Lehrer möchte ich mich daher genauer mit den Bildungsprogrammen RUCKSACK und GRIFFBEREIT beschäftigen.

2. Mehrsprachige Erziehung

2.1. Gefahr oder Chance der Mehrsprachigkeit?

Im öffentlichen und bildungspolitischen Diskurs ist das Bildungsziel Mehrsprachigkeit, das die Sprachen von Minderheitenkindern berücksichtigt, höchst umstritten. [vgl. GOGOLIN/NEUMANN 2009, 15] Dabei variieren die Meinungen fast jährlich, wobei verschiedene Phasen aufeinanderfolgen: Phasen, in denen die Zweisprachigkeit als schädlich für die persönliche und sprachliche Entwicklung angesehen wird mit Phasen der Hervorhebung des kognitiven und beruflichen Nutzens von Zweisprachigkeit und Phasen neutraler Betrachtung, in der Mehrsprachigkeit als etwas Gewöhnliches und Normales angesehen wird. [vgl. TRACY/ GAWLITZEK-MAIWALD 2000, 505]

Was genau spricht gegen bzw. für eine mehrsprachige Erziehung?

Laut einer Studie, in der 126 Kindergartenkinder (63 Kinder mit Migrationshintergrund, 63 deutschsprachig aufwachsende Kinder) im Alter von 57-72 Monaten hinsichtlich ihrer kognitiven Entwicklung verglichen wurden, haben zweisprachig aufwachsende Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko für schulische Lernstörungen. [vgl. DASEKING 2011, 351] Als mögliche Risiken, die die Ausbildung der Sprachkompetenz in der Mehrheitssprache „deutsch“ gefährden können, werden eine einseitige Sprachstimulation [vgl. FÜRSTENAU 2011, 29] oder auch eine mangelnde Kompetenz bereits in der Muttersprache genannt. Die Migrationsfamilien weisen häufig einen niedrigeren sozioökonomischen Status auf, so dass der Umgang mit der Mehrsprachigkeit von Kindern aus sozialen Minderheiten auch ein Umgang mit sozialer Ungleichheit bedeutet. Sind gleiche Bildungschancen für Kinder jeder Herkunft das Ziel, liegt eine „Vereinheitlichung“ der Sprache auf die Mehrheitssprache „deutsch“ nahe.

Des Weiteren führen verschiedene Faktoren dazu, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit etwas anderes ist, als doppelte Einsprachigkeit. [vgl. FÜRSTENAU 2011, 30] Die Mehrheitssprache „deutsch“ wird so beispielsweise nicht unter muttersprachlichen Bedingungen erworben, wird mit anderen Emotionen verknüpft und die Kinder mischen die Sprachen in ihren Alltagssituationen. Dieses Phänomen bei Kindern aus eingewanderten sprachlichen Minderheiten wird als „lebensweltliche Mehrsprachigkeit“ bezeichnet. [vgl. GOGOLIN 2005, 17] Im öffentlichen und bildungspolitischen Diskurs wird diese negativ bewertete „doppelte Halbsprachigkeit“ als Problem und Ursache für Bildungsmisserfolge gesehen. Wird die Muttersprache als biografisch erdrückend für die Kinder empfunden, weil sie negative Emotionen aus der Familie heraus oder aber durch Missbilligung in der Gesellschaft damit verknüpfen, entsteht ein weiteres Problem, das eine einsprachig deutsche Erziehung bevorteilt.

Der aktuelle Forschungstand sieht eine Retardierung der allgemeinen Sprachentwicklung durch muttersprachliche Zweisprachigkeit als unwahrscheinlich an [vgl. TRACY/GAWLITZEK-MAIWALD 2000, 507] und belegt vielmehr, dass diese „lebensweltliche Mehrsprachigkeit“ die kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindern positiv beeinflusst. [vgl. FÜRSTENAU/GOGOLIN 2008, 245] Das menschliche Gehirn befähigt jedes Kind, mehrere Sprachen zu erlernen [vgl. LIST 2001, 12] und dank der angeborenen Spracherwerbsfähigkeit kann das Kind die einzelnen Sprachen unterscheiden. Sprachmischungen werden demnach in mehrsprachigen Gemeinschaften funktional eingesetzt. Die Kinder sind früh geübt darin, sich auf komplexe Situationen einzustellen und haben so Vorteile im Erwerb weiterer Fremdsprachen und bei der Bewältigung kognitiver Herausforderungen. [vgl. HESSE/GÖBEL 2009, 283]

Ein weiterer Punkt, der für die mehrsprachige Erziehung spricht, ist die emotionale Bedeutung der Muttersprache. Der Spracherwerb ist ein sozialer Prozess in natürlichen Lebenssituationen, der durch die emotionale Nähe der Eltern-Kind-Interaktion begünstigt wird. [vgl. FÜRSTENAU 2011, 34] Zudem sollten die Eltern möglichst viel mit ihrem Kind sprechen, und zwar am besten in einer Sprache, in der sie sich am wohlsten fühlen. Daher widerspricht ein einseitiger Fokus auf Deutsch als Zweitsprache für „lebensweltlich mehrsprachige“ Kinder den Erkenntnissen der Spracherwerbsforschung.

Der Wissenstransfer aus der Erstsprache ist ein weiteres Argument, das eine Chance in der Mehrsprachigkeit sieht. Kinder knüpfen immer an ihr Vorwissen an, unabhängig davon, in welcher Sprache sie es erworben haben. Daher ist es für die Weiterentwicklung ihrer sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten nicht förderlich, den Erwerbsprozess in der Erst- bzw. Familiensprache abzubrechen.

Bei der gegenüberstellenden Betrachtung von Vor- und Nachteilen einer mehrsprachigen Erziehung rückt der Fokus auf die frühkindliche Spracherziehung, die sich den Herausforderungen mehrsprachiger Erziehung annimmt um deren Chancen zu nutzen.

2.2. Frühkindliche Spracherziehung

Die Bildungspläne und Bildungsprogramme in Deutschland betonen eine möglichst früh einsetzende sprachliche Bildung bzw. Förderung, mit dem Ziel von mehr Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund. [vgl. RUBERG 2011, 105] Studien haben gezeigt, dass die kompensatorische Wirkung einer Förderung von Kindern aus Familien mit einer geringen Sprachentwicklungsstörung am größten ist, wenn diese in den ersten drei Lebensjahren beginnt. [vgl. DOYLE et al. 2009, 3]

Das Alter des Kindes beim Zweitspracherwerb spielt eine große Rolle, da besondere alters- und situationsgerechte Sprachlernfähigkeiten zur Geltung kommen. Bereits im ersten Lebensjahr werden beispielsweise die Kategorien des Lautsystems der Umgebungssprache angeeignet, was völlig unbewusst abläuft. [vgl. REICH/ROTH 2002, 11]

Die bildungspolitischen Forderungen beziehen sich im hohen Maß auf die Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen, da bestehende Bildungsdefizite vor dem Eintritt in die Schule ausgeglichen werden sollen. Beim Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen knüpfen Kinder an verschiedene Kompetenzen oder Vorläuferfähigkeiten an, die bereits im Kindergartenalter erworben werden. [vgl. KNIEVEL 2010, 20] Die Beherrschung der Sprache stellt eine entscheidende Vorrausetzung für erfolgreiches Lernen da, so dass der Kindergartenbesuch und die damit verbundene Ausbildung schulrelevanter Kompetenzen eine besondere Rolle zukommt. [vgl. BECKER/BIEDINGER 2006, 672]

Zudem ist die Motivation eines Kindes, eine Sprache zu lernen, eine ganz andere als die Motivation eines Erwachsenen, eine Fremdsprache zu erlernen. Kinder lernen die Sprache, um sich mit ihrer Bezugsperson oder anderen Kindern auszutauschen. Sie erweitern ihre Sprachkenntnisse durch alltägliche Situationen: „Sprachliche Bildung und Förderung in Kindertageseinrichtung gelingt am besten, wenn sie eingebettet ist in das, was Kinder tun und was sie interessiert.“ [ZEHNBAUER/BEST 2011, 10] Eine wichtige Voraussetzung für den Erwerb von Sprache ist aus diesem Grund die Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrung durch Singen & Tanzen, aktives Zuhören und die visuelle Wahrnehmung der Schriftsprache.

Empirische Untersuchungen belegen, dass für Kinder aus sprachlichen Minderheiten, die erst im Kindergartenalter mit der Zweitsprache „deutsch“ in Kontakt treten, ein vollständiger Erwerb der deutschen Satzstrukturen innerhalb von 10 Monaten möglich ist. [vgl. TRACY 2007, 104] Dies setzt genügend Beispiele in ihrer sprachlichen Umgebung, d.h. ein differenziertes deutschsprachiges Angebot, voraus. Einer Befragung von 140 türkisch-deutschen Vorschülern in Hamburg zufolge sprechen 53 Prozent der Eltern ausschließlich türkisch mit ihren Kindern, 45 Prozent mischen beide Sprachen in unterschiedlichen Verhältnissen und zwei Prozent sprechen nur deutsch mit ihren Kindern. [vgl. REICH/ROTH 2002, 13] Daran ist der hohe Stellenwert der Sprachförderung in Kindertagesstätten (KiTa) zu erkennen, da im familiären Rahmen nicht ausreichend sprachliche Vorbilder zur Verfügung stehen. Das Ziel einer Förderung der natürlichen Zweisprachigkeit sollte der Aufbau einer differenzierten Sprachverwendung der deutschen Sprache bei gleichzeitiger Anerkennung der mehrsprachigen Kompetenz sein. [vgl. GOGOLIN 2005, 18] Diese konsequent zweisprachige Erziehung setzt allerdings die nötige Sprachkompetenz bei den Erzieher/innen voraus.

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Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668543263
ISBN (Buch)
9783668543270
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374692
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Spracherziehung Sprachförderung Migrationshintergrund Griffbereit Rucksack

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Titel: "Griffbereit" und "Rucksack KiTa". Zwei Bildungsprogramme unter Berücksichtigung der mehrsprachigen Erziehung