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Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert

Seminararbeit 2016 23 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

A. Relevanz des Themas „Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert“ und Ziele der Seminararbeit (S. 4)

B. Die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert (S. 6)
1. Probleme/Konflikte bei der Geburt indischer Mädchen (S. 6)
1.1. Gründe für Abtreibung und Kindsmord sowie deren Ausbreitung in den sozialen Schichten (S. 6)
1.2. Trends bei Abtreibungen und Kindsmorden und deren Ursachen (S. 7)
1.3. Lösungsansätze zur Verbesserung der Lage (S. 8)
1.4. Veranschaulichung des Problems des korrupten Rechtssystems am Beispiel der Dr. Mitu Khurana (S. 9)
2. Kindheit indischer Mädchen (S. 10)
2.1. Reale Diskriminierung indischer Mädchen (S. 10)
2.2. Subjektive Wahrnehmung dieser Diskriminierung durch die Mädchen (S. 11)
2.3. Mädchenhandel und Kinderarbeit (S. 12)
2.4. Kinderheirat (S. 13)
3. Jugend indischer Mädchen (S. 14)
3.1. Einschränkungen der indischen Mädchen während ihrer Jugend (S. 14)
3.2. Diskriminierung der Mädchen durch diese Einschränkungen (S. 16)
4. Indische Frauen in der Ehe (S. 17)
4.1. Die Rolle als Ehefrau (S. 17)
4.2. Die Rolle als Mutter (S. 18)
4.3. Die Rolle als Schwiegertochter (S. 18)
4.4. Mitgift-Morde – „Brennende Bräute“ (S. 19)

C. Zusammenfassen der Ergebnisse und Einordnung in den Gesamtzusammenhang mit dem Thema „Sexismus oder Emanzipation – Die Rolle der Geschlechter in Kulturen und Religionen“ sowie Zukunftsausblick (S. 21)

D. Bibliographie (S. 23)

Zwei Jahre nach der Vergewaltigung einer dänischen Touristin kam es in Neu-Delhi zu einem Gerichtsurteil: Fünf der neun Angeklagten wurden zu lebenslangen Haftstraften verurteilt. Von den restlichen vier ist einer während des Prozesses verstorben, bei den anderen drei wird noch vor einem Jugendgericht verhandelt, da diese zum Tatzeitpunkt noch minderjährig waren.[1]

Doch man muss nicht mal einen Blick in die Medien werfen und die großen, öffentlichen Fälle betrachten, um sich ein Bild von der indischen Gesellschaft in Bezug auf die Rechte und Achtung der Frauen dort machen zu können. Es reicht oftmals, wenn man seinen Blick auf den Alltag der Inder und Inderinnen richtet. Die offensichtliche Diskriminierung von Frauen in Indien habe auch ich bei meinem Indienbesuch im Jahr 2013 zu spüren bekommen: Für die Familie meines Austauschpartners ist es ganz selbstverständlich, dass sich meine Gastmutter beim Abendessen nicht mit zu uns an den Tisch setzt, sondern danach allein isst.

Solche vermeintlich „verkraftbaren“ Dinge, die für indische Frauen jedoch harte Realität darstellen, haben mich zum Nachdenken gebracht. Dies war der Anstoß, mich mit dem Thema genauer und differenzierter auseinanderzusetzen. Den meisten Westeuropäern ist, den Medien sei Dank, das Problem der Diskriminierung der Frauen in Indien bekannt. Doch wie der Alltag indischer Frauen hinter den Medienberichten dann tatsächlich aussieht, ist weniger offensichtlich und erfordert viel Recherchearbeit.

In meiner Seminararbeit möchte ich deshalb die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert umfassend darstellen und erklären. Am Ende soll sich also ein tiefgründiges Bild der indischen Gesellschaft ergeben, welches die Stellung der dort lebenden Frauen von verschiedenen Seiten beleuchtet, und ein fundiertes Fazit ermöglicht.

Meine Analyse soll ebenda beginnen, wo auch die Diskriminierung der indischen Frauen beginnt, nämlich mit ihrer Geburt. Die Orientierung an der Zeitskala eines „typisch indischen Lebens“[2] mit zentralen Ereignissen wie Geburt, Kindheit, Erwachsenwerden und Heirat erscheint mir als die beste Voraussetzung, um sich ein Bild über die verschiedenen Formen der Diskriminierung von Frauen in der indischen Gesellschaft machen zu können.

Da hinduistische Traditionen in Indien bis zuletzt großen Einfluss auf das Leben der Inderinnen und Inder haben, lässt sich eine Analyse, deren Ergebnisse der Wahrheit entsprechen sollen, gar nicht ohne Einbeziehung der hinduistischen Traditionen durchführen, sodass hier und da Bezug auf hinduistisch-religiöse Hintergründe genommen wird. Klar sollte jedoch trotzdem sein, dass meine Seminararbeit nicht allein das hinduistische Frauenbild behandelt. Denn Religion bedeutet immer auch Interpretation, was natürlich bedeutet, dass vorgeschriebene Rollenbilder vom Standpunkt des Betrachters abhängen. Die Rolle der Frau in Indien ist jedoch größtenteils unabhängig von Religion und deren Interpretation und in Tradition und Kultur verankert.

1. Probleme/Konflikte bei der Geburt indischer Mädchen

„Wir finden in den Gesängen Gebete für Söhne und Enkel, für männlichen Nachwuchs, männliche Erben, gelegentlich auch für Ehefrauen, niemals aber für Töchter“ [3]

Dieses Zitat des britischen Sanskritisten A. A. MacDonell beschreibt das Ausmaß sowie die Tiefe, in der die Benachteiligung der Mädchen in der indischen Kultur verwurzelt ist. Für die meisten Menschen, die in einer westlichen Gesellschaft aufgewachsen sind, ist es heutzutage unvorstellbar, wie das Geschlecht den Wert eines menschlichen Individuums beeinflussen soll.

Um nun die Hintergründe dieser Diskriminierung von indischen Frauen verstehen zu können, wollen wir nun dort mit der Analyse beginnen, wo auch die Diskriminierung der indischen Frauen beginnt – mit ihrer Geburt. Streng genommen sogar schon vor der Geburt, denn bisweilen ist vielfach nachgewiesen, dass viele werdende indische Eltern, von der Unterschicht, teils sogar bis in die hohe Mittelschicht hinein, die Geburt eines Sohnes gegenüber der einer Tochter vorziehen würden.[4] In einem solchen Ausmaß vorziehen, dass sie vor keiner Methode zurückschrecken, die die Geburt einer Tochter verhindern würde.

1.1 Gründe für Abtreibung und Kindsmord sowie deren Ausbreitung in den sozialen Schichten

So sieht das auch Kamla Bhasin, Vorsitzende der indischen Frauenorganisation „Jagori“. Ihrer Ansicht nach seien die Mitgiftzahlungen, die eigentlich bereits seit 1961 gesetzlich verboten sind, hauptverantwortlich für die massenhafte Abtreibung weiblicher Babys und die Kindsmorde nach der Geburt.[5] Weitere Gründe seien außerdem Armut, fehlende Bildung sowie ein korruptes Rechtssystem.[6] Eine weitere interessante, und für dieses Thema relevante, Aussage ihrerseits ist: „Arme Menschen sind einfach nicht gierig“[7],[8]. Folglich nimmt sie explizit eine Gruppe von Indern und Inderinnen von diesem Phänomen der aktiven Diskriminierung also von vornherein heraus: Die Armen, die auf dem Land leben, ließen ihre Töchter am Leben. Denn diese Frauen würden später einmal arbeiten und so Geld in die Familie bringen.[9]

Auch nach Prabhat Jhu, Epidemologe am Zentrum für weltweite Gesundheitsforschung in Toronto, würden Mädchen und Frauen überwiegend in Haushalten mit höherem Einkommen abgelehnt und diskriminiert.[10]

Interessanterweise gibt es auch Fakten, die gegen die Argumentation von Frau Bhasin sprechen. Als Beispiel kann man das Dorf Devda im Bundesstaat Rajasthan, deren Einwohner wie alle anderen indischen Bauern von Armut geplagt sind, heranziehen: Laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) kämen hier auf 300 Jungen nur 20 Mädchen.[11] Das Dorf habe seit Jahrzehnten keine Hochzeit mehr gesehen. Auch das Gesetz zum Verbot der Mitgiftzahlungen, das bereits 1961 verabschiedet wurde, habe nichts an diesem Verhältnis ändern können.[12] Sicherlich haben wir hier ein Extrembeispiel vor uns, jedoch teilen offenbar auch Teile niedrigerer sozialer Schichten in der indischen Gesellschaft den Glauben, ein Sohn sei für die Familie wertvoller als eine Tochter. Insgesamt gesehen kann man trotzdem davon ausgehen, dass Abtreibung eher ein Phänomen der indischen Mittelschicht ist.

1.2 Trends bei Abtreibungen und Kindsmorden und deren Ursachen

Auch ist in der Entwicklung der Abtreibung bzw. der Kindstötung ein Trend erkennbar: Die Anzahl der indischen Mädchen, die auf 1000 Jungen kommen, hätte 2001 noch bei 927 gelegen. Zehn Jahre später seien es nur noch 919 gewesen.[13] Aus anderer Quelle seien es 2012, ausgerechnet im modernen Delhi, ca. 860 Mädchen pro 1000 Jungen gewesen.[14] Zum Vergleich: Im weltweiten Durchschnitt läge die Geschlechterverteilung bei Neugeborenen bei 100 Mädchen zu 105 bis 106 Jungen,[15] was umgerechnet ca. 947 Mädchen auf 1000 Jungen ergibt. Mittlerweile würden in Indien insgesamt sogar 37 Millionen mehr Männer als Frauen leben.[16] Die Summe der Abtreibungen und/oder der Kindsmorde muss also gestiegen sein. Laut bpb seien in Indien „vor allem die systematischen Abtreibungen“[17] ein Problem für die niedrige Geburtenrate der Mädchen.

Dies lässt sich auch leicht erklären: Der Wohlstand nimmt in Indien im Allgemeinen zu, dies geschieht durch enormes wirtschaftliches Wachstum. Maria von Welser, eine deutsche Fernsehjournalistin, außerdem stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland spricht sogar davon, dass „die Inder inzwischen zu einer unglaublichen Konsumgesellschaft geworden sind“[18]. Durch die wachsenden Einkommen können sich immer mehr Familien, auch aus den sozial schwächeren Schichten, geschlechtsbestimmende Untersuchungen während der Schwangerschaft leisten. Die Abtreibungsrate nimmt deshalb konstant zu und wird wahrscheinlich auch in Zukunft weiter anwachsen.

Nach der deutschen Indologin Birgit Heller läge der Ursprung der Abtreibungen auch in anderen Gründen, als nur in den Mitgiftforderungen: Da ein Sohn für die Altersvorsorge der Eltern verantwortlich sei, hinge der Status einer Frau davon ab, mindestens einen Sohn zu gebären. Der Sohn gelte in Indien deshalb als „sozialer Erlöser“ der Frau.[19]

1.3 Lösungsansätze zur Verbesserung der Lage

Wie soll man dem Phänomen Abtreibung also entgegentreten? Für Kamla Bhasin kommt den Frauen des Mittelstands die Schlüsselrolle bei der Lösung des Problems massenhafter Abtreibung indischer Mädchen zu: „[…] erst, wenn auch die Frauen der mittleren Klassen arbeiten gehen, wenn sie eigenes Geld verdienen – erst dann wird sich in Indien das Blatt zugunsten der Frauen wenden“[20]. Das Problem könnte auch behoben werden, indem die Gesetze zur Geschlechtsbestimmung und zur Mitgiftforderung von Justiz und Polizei durchgesetzt würden. Denn passende Gesetze gibt es bereits: Seit 1994 sei eine Bestimmung des Geschlechts eines Fötus strengstens verboten,[21] die Zahlung von Mitgift bereits seit 1961.

[...]


[1] vgl. Zeit Online (2016): Lebenslange Haft für Vergewaltigung einer dänischen Touristin.

[2] Mit dem „typisch indischen Leben“ ist das Leben der rund 1,23 Milliarden InderInnen gemeint, die der Mittel- bzw. Unterschicht angehören, das sind ca. 99% aller Einwohner Indiens. Halbiert ergeben sich daraus ca. 620 Millionen Inderinnen, deren Lebenslauf ich in der Seminararbeit analysieren werde. Es soll also nicht die Oberschicht betrachtet werden, welche durch extremen Reichtum und gewandelte Werte das Bild auf die Mehrheit der Gesellschaft verfälschen würde.

[3] Kakar, Kakar, S. 49

[4] vgl. Riecker

[5] vgl. von Welser, S. 125

[6] vgl. ebd.

[7] ebd.

[8] Um Missverständnissen vorzubeugen: Im Satz zuvor wurde Armut noch als Grund für Abtreibungen genannt, und nun werden arme Menschen als „nicht gierig“ dargestellt. Armut ist in diesem Fall als bildungshemmender Faktor zu verstehen. Die fehlende Bildung ist also bedingt durch Armut, da die Argumentation von Fr. Bhasin sonst keinen Sinn ergibt.

[9] vgl. von Welser, S. 125

[10] vgl. a.a.O., S. 156

[11] vgl. Riecker

[12] vgl. ebd.

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. Blume

[15] vgl. Stang

[16] vgl. von Welser, S. 117

[17] Riecker

[18] von Welser, S. 117

[19] vgl. Heller, S. 45

[20] von Welser, S. 125f.

[21] vgl. a.a.O., S. 156

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668545151
ISBN (Buch)
9783668545168
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374683
Note
1,0
Schlagworte
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