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Ist der Freund zum Feind geworden? Das "Feindbild Russland". Eine Diskursanalyse der jüngeren Berichterstattung in deutschsprachigen Printmedien

von Stan L. (Autor)

Masterarbeit 2015 57 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Problemstellung und Ziel der Arbeit
1.3 Gang der Arbeit

2 Zum Diskursbegriff
2.1 Diskursbegriff nach Foucault
2.2 Diskursbegriff nach Jürgen Link

3 Das Feindbild
3.1 Definition des Terminus Feindbild
3.2 Zur Entstehung eines Feindbildes
3.3 Stereotypenbildung/ Stereotypisierung
3.4 Kollektivsymbolik

4 Inhaltsanalyse: Definition und Unterkategorien
4.1 Die Methodik der Inhaltsanalyse
4.1.1 Definition
4.1.2 Verlauf einer Inhaltsanalyse
4.1.3 Die Kodierung von Inhalten
4.2 Auswahl von Zeitungen und Artikeln (Korpus)
4.2.1 Korpusbildung
4.2.2 Korpusinhalt
4.2.2.1 Korpussegment „Süddeutsche Zeitung“
4.2.2.2 Korpussegment „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
4.3 Profile der ausgesuchten Medien
4.4 Ergebnisse
4.4.1 Qualitative Korpusanalyse
4.4.1.1 Korpusanalyse Süddeutsche Zeitung
4.4.1.2 Korpusanalyse Frankfurter Allgemeine Zeitung
4.4.2 Quantitative Korpusanalyse
4.4.3 Interpretation der Ergebnisse
4.4.3.1 Allgemeine Aspekte der Interpretation
4.4.3.2 Spezielle qualitative Aspekte der Interpretation

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einführung in das Thema

Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist ein Wiedererstarken Russlands zu beobachten. Russland positionierte sich da- bei in den letzten Jahren in der Weltpolitik als Großmacht, wobei dieser Sta- tus aus Sicht Russlands vor allem durch die reichhaltigen Energieressourcen des Staates begründet ist. Zwar ist dieser neue Status nicht mehr mit einem festlegenden ideologischen Sendungsbewusstsein verbunden, trotzdem ver- folgt Russland mit seinen gewaltigen Energieressourcen handfeste politische Interessen. Dabei wird die Lieferung von Erdöl und Erdgas nicht selten mit einem handfesten Machtanspruch verbunden, dessen Inhalte rücksichtslos eingefordert werden.1 Schewtzowa spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem Willen Russlands zur Weltmacht.2 Dieses politische Verhalten impliziert eine Distanzierung von westlichen Interessen und eine zunehmen- de Verfolgung eigener russischer Interessen. Dabei dominiert in der politi- schen Elite Russlands immer noch ein Großmachtdenken und russische Poli- tiker sind der Ansicht, dass Russland aufgrund der geographischen Lage und der Sicherheitsinteressen kein normales Land sein könne, sondern nach weltweitem Einfluss streben sollte.3 Aus Sicht der EU impliziert dieses Großmachtdenken Russlands ein neues Verständnis von Russland, das Teil einer Beziehung zu Russland ist, die nun unter veränderten Vorzeichen steht. Dabei pflegen die EU und Russland in vielen Bereichen weitreichende Kontakte, Kooperationen und Partnerschaften. Mit Legvold lässt sich dieses Verhältnis der EU zu Russland als antagonistische Partnerschaft bezeich- nen. Russland bevorzugt in einigen Bereichen eine Kooperation, in anderen Bereichen geht es um Eindämmung und Distanz zum Westen. Russlands Außenpolitik gleicht dabei einem hybriden, widersprüchlichen Verhalten, das darauf abzielt, zum einen mit dem Westen zu kooperieren, ohne sich zu sehr an den Westen anzugliedern, gleichzeitig aber auch wieder gegen den Wes- ten zu agieren, um eigene Interessen in den Vordergrund zu stellen.4

Angesichts der Annexion der Krim, der Unruhen in der Ukraine und der in Russland thematisierten Vorstellung von Neurussland scheint Russland noch stärker auf Distanz zum Westen gegangen zu sein. Verbunden ist damit of- fenbar für einen patriotisch gestimmten Teil der russischen Bevölkerung eine zunehmende Bedeutung von Russland als Großmacht, wobei es zu einem neuen imperialen Denken gekommen ist. Dieses Denken erscheint als Ab- kehr von nationalen Minderwertigkeitsgefühlen und Kompensation der Prob- lematik, dass die Sowjetunion seit einigen Jahrzehnten zerfallen ist.5 In deut- schen Medien werden diese Ereignisse vor dem Hintergrund einer wachsen- den Gefahr Russlands dargestellt. Dabei wird Putin unterstellt, nicht nur die russische Bevölkerung mit Medienpropaganda und einer Einschränkung der Pressefreiheit zu manipulieren, sondern auch westliche Politiker zu belügen, weshalb es unmöglich erscheint, beispielsweise die russische Einmischung in der Ukraine klar und deutlich zu benennen. Dabei unterstellen Hildebrandt, Thumann und Ulrich in einem Kommentar in „Der Zeit“, dass der Westen von Putin manipuliert wird. Die dabei entstehende Begriffsverwirrung wird als wichtigste Waffe des russischen Präsidenten bezeichnet. Deutlich wird dabei darauf hingewiesen, dass Putin einen Lügenteppich gewoben habe, um sei- ne wahren Absichten zu verschleiern. Nach dieser Einschätzung gehen die Autoren offenbar davon aus, dass Putin den Westen offenbar beliebig mani- pulieren kann, wodurch dem russischen Präsidenten ein quasi übermenschli- cher Einfluss unterstellt wird, durch den der Westen am eigenen Handeln gehindert wird und nicht mehr eigene westliche Interessen verfolgen kann.6 Dieses Verständnis von Putin ist untrennbar mit Vorstellungen von Unbere- chenbarkeit und einer Projektion (etlicher oder sogar aller nur denkbarer) schlechter Vorstellungen verbunden, wie folgende Beurteilung von Putin ver- deutlicht, die angeblich die Sicht Angela Merkels auf Putin widerspiegeln soll: „Putin hält sie [Angela Merkel] für einen, vor dem man auf der Hut sein muss, dem man fast alles zutrauen muss, der einen 24 Stunden am Tag testet und jede Schwäche ausnutzt, wenn man nur einen Augenblick nicht aufpasst“.7 Diese und auch andere Darstellungen Russlands in den deutschen Medien basieren offenbar auf einem neuen Feindbild Russlands, für das ausschließ- lich negative Inhalte charakteristisch sind. Mit diesem Feindbild ist eine Ab- kehr von Verständnis und Entgegenkommen verbunden, die aus Sicht Russ- lands für den ehemaligen Außenminister Fischer sogar eine Schwäche oder sogar Dekadenz darstellen sollen8. Wie eng dieses Feindbild mit einem an- geblich für Russland nicht zu gewährendes Vertrauen zusammenhängen, zeigte sich bereits 2009 in den Verhandlungen zwischen der NATO und Russland, als der Staatspräsident Polens eben dieses Feindbild von Russ- land bemühte, um andere Regierungschefs vor einer angeblichen militäri- schen Bedrohung Russlands zu warnen.9 Negative Vorstellungen von Russ- land im Rahmen eines Feindbildes sind in diesem Sinne immer mit machpoli- tischen Überlegungen und einer darauf ausgerichteten Politik des Westens zu sehen. In diesem Sinne verweist ein von Medien und Politikern themati- siertes Feindbild Russlands auch immer auf einen Diskurs, denn durch die- ses Feindbild entstehen aufgrund von Macht Wirkungen und politische Kon- sequenzen.

1.2 Problemstellung und Ziel der Arbeit

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Untersuchung der Berichterstattung in ausgewählten Medien vor dem Hintergrund eines damit transportierten Feindbildes von Russland. Die Untersuchung wird dabei in Form einer In- haltsanalyse durchgeführt, woraus sich die Möglichkeit ergibt, bestimmte Ka- tegorien im Hinblick auf die semantischen Implikationen des Feindbildes zu entwickeln, um konkrete Inhalte des dargestellten Feindbildes aufzuzeigen. Die Inhaltsanalyse in dieser Arbeit gründet sich dabei auf einem Dualismus zwischen politischen Freund- und Feindbildern, wobei eine besondere Fo- kussierung auf die Person von Wladimir Putin erfolgt und die Putin zuge- schriebene Handlungsweise und für ihn charakteristische Interessenslage. Die Arbeit folgt dabei einem Verständnis dieser Darstellung der russischen Politik und der Person von Putin als Diskurs, was bedeutet, dass die in den Medien transportierten Bilder auch immer vor dem Hintergrund der damit verbundenen politischen Interessen und Machtkonstellationen zu sehen sind.

Daher stehen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt dieser Arbeit:

Wie lassen sich die qualitativen Wertungen in den Medien im Dualismus eines Freund-Feind-Schemas verorten?

Welche diskursrelevanten Implikationen ergeben sich durch die Thematisierung eines Feinbildes Russlands und wie lassen sich diese Implikationen unter Bezugnahme auf Machtinteressen und vor dem Hintergrund eines Glaubwürdigkeitsanspruchs der Medien beschreiben?

1.3 Gang der Arbeit

Im folgenden 2. Kapitel geht es zunächst um grundlegende Inhalte des Dis- kursbegriffs. Zugrundegelegt werden dabei die Ausführungen von Foucault und Link.

Im Mittelpunkt des 3. Kapitels steht der Terminus Feindbild. Dabei wird auf Entstehung von Feindbildern eingegangen, auf die damit verbundene Stereotypenbildung verwiesen und es werden auch die Implikationen des Feindbildes als Kollektivsymbolik dargestellt.

In Kapitel 4 geht es dann um die Inhaltsanalyse in verschiedenen deutsch- sprachigen Zeitungen vor dem Hintergrund eines Feindbildes Russlands. Dazu wird zunächst die Methodik der durchzuführenden Inhaltsanalyse dar- gestellt, die auch eine Kodierung der zu untersuchenden Inhalte umfasst. Daran schließt sich die Auswahl von Zeitungen und Artikeln mit Blick auf die Korpusbildung und den Korpusinhalt an. Im Folgenden werden dann die Pro- file der ausgesuchten Medien aufgeführt. Zur Fokussierung auf die eigentli- chen Inhalte erfolgt dann eine Darstellung und Interpretation der Ergebnis, wobei in quantitative und qualitative Elemente unterschieden wird.

Ein kurzes zusammenfassendes Fazit schließt die Arbeit ab.

2 Zum Diskursbegriff

2.1 Diskursbegriff nach Foucault

Die später so genannte Diskurstheorie wurde im Rahmen der poststruktura- listischen Ansätze der Schule um den französischen Philosophen Foucault entwickelt und bedeutet den Versuch, Strukturen sozialer Macht unter dem Paradigma der Herausbildung von sprachlichen Kategorien im Rahmen so genannter Diskurse darzustellen. Der Diskursbegriff, der einem solchen An- satz zugrunde liegt, bezieht sich auf die Mechanismen sozialer Verständi- gung, die durch Sprache vermittelt sind und Deutungsmuster des Seins und Denkens auf der Basis von Kontingenten Machtwirkungen, also dem Politi- schen einer Gesellschaft, hervorbringen und allgemein als praktische Ver- nunft durchsetzen.10

Der theoretische, stark linguistisch geprägte Begriff des Diskurses wird durch einen Begriff von der diskursiven Praxis ergänzt, in den neben den sprachli- chen Wirkmustern der sozialen Macht auch die Institutionen und die nicht- sprachlichen Kategorien geformter Realität eingehen. In weiterer Folge wer- den Aspekte diskursiver Praxis auch durch Aspekte körperlicher Symbolik und über Geschlechter- bzw. andere alternative Deutungskategorien erwei- tert.11

Die Diskurstheorie geht grundsätzlich davon aus, dass eine Wechselwirkung zwischen der „objektiven“ sozialen Macht und der Diskursebene besteht; Diskurse sind also nicht etwa als isolierte Machtstränge zu denken sondern werden vom „Unterbau“ der Sprache beeinflusst. In dieser Facette der Dis- kurstheorie drückt sich ein marxistischer Einfluss aus, der allerdings durch die Annahme, die Diskurse könnten objektive soziale Macht beeinflussen, abgeschwächt wird.12

Der Begriff ‚Diskurs’ wie ihn Foucault verwendet, lässt sich klar vom Begriff ‚Diskussion’ abgrenzen. Ein Diskurs umfasst mehr als Sprache, denn er ist in der Lage, Wirklichkeit zu schaffen und diese auch zu strukturieren. Ein Dis- kurs kann dabei Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren oder Ele-menten herstellen. Einem Diskurs liegt also nach Foucault stets ein durch Sprache ausgedrückter Sinnzusammenhang zugrunde.13

Wesentlich für den Zusammenhang von Macht und Diskurs ist nach Foucault, dass im Rahmen von Diskursen aufgrund von Macht Wirkungen entstehen.14 Dabei ist der Diskurs „ist Gegenstand des Begehrens; und der Diskurs - dies lehrt uns immer wieder die Geschichte - ist auch nicht bloß das, was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in Sprache über- setzt; er ist dasjenige, worum und womit man kämpft, er ist die Macht, derer man sich zu bemächtigen sucht“.15 Diskurse sind dabei gerade im Hinblick auf ihren Zusammenhang mit Macht Konstitutionsbedingung des Sozialen. Für Foucault impliziert die soziale Einbettung von Sozialen, dass Aussagen in soziale Kontexte erfolgt. Da Diskurse mit Macht verknüpft, erfolgt auch im Hinblick auf Macht eine Einbindung von Macht in soziale Bezüge, ja Macht wird sogar durch das Sprechen über Macht zu einem Konstituens des Sozia- len.16 Durch Macht werden demnach soziale Beziehungen entscheidend strukturiert und sie ist ein Ordnungsprinzip der Gesellschaft und ist stets prä- sent im Denken und Handeln der Individuen. Diese Bedeutung von Macht kommt in der Bezugnahme der Subjekte auf die Ordnungen der Diskurse zum Ausdruck, die letztlich zu einer Unterwerfung unter das Netz sozialer Regeln führt.17 Macht ist deshalb omnipräsent und kann von den gesell- schaftlichen Strukturen nicht getrennt. Macht bringt somit soziale Beziehun- gen und bestimmte Wirklichkeiten hervor.18 Diskurse spiegeln also nicht eine vorgegebene Wirklichkeit wider und verweisen auch nicht auf eine zuvor ge- gebene Ordnung. Ihr Einfluss auf soziale Beziehungen vor dem Hintergrund von Wirklichkeit besteht dabei darin, dass Absichten und Handlungen eines Individuums durch Diskurse erst entstehen, denn Absichten und stehen mit eben jener spezifischen Ordnung der Dinge in Verbindung, die durch die Dis- kurse hervorgebracht wird und die auch eine eigenständige Realität besitzt. Wird daher der Versuch unternommen, die Wirklichkeit von Macht zu be- schreiben, so kann dabei nicht die Ausübung von Macht im Sinne eines identifiziebaren Faktums im Mittelpunkt stehen, sondern es ist anzustreben, die Diskurse zu beschreiben, die die spezifische Ordnung der Macht hervorge- bracht haben und somit auch konstitutiv sind für die sozialen Beziehungen, die mit dieser Macht zusammenhängen.19 Für das Leben eines jeden einzel- nen Menschen bedeutet dies: „Der Diskurs bestimmt Gesellschaft, nimmt Einfluss auf die Lebenswelt des Einzelnen, determiniert Gegenwart, Vergan- genheit und Zukunft“.20

Darüber hinaus umfasst Erkenntnisinteresse der Diskursanalyse, Mechanismen politischer Entscheidungen oder Strategien zu deuten, müssen gezielt Diskurse herausgearbeitet werden, die die objektiven Machttendenzen solcher Aspekte begründen, stützen oder rechtfertigen können. Ein solcher Ansatz, der als eine methodische Weiterentwicklung der traditionellen marxistischen Ideologiekritik bezeichnet werden kann21, wird in der Literatur auch als kritische Diskursanalyse bezeichnet.

Unter Diskurs im Sinne Michel Foucaults ist ein komplexer, nach bestimmten kulturellen Regeln verlaufender, sprachlicher Prozess der Wahrheitsfindung zu verstehen. Wahrheit ist dabei nicht als kongruente Abbildung realer Gegebenheiten zu verstehen, sondern primär als das Ergebnis eines sozialen Aushandelns anzusehen.22

2.2 Diskursbegriff nach Jürgen Link

Der Diskursbegriff nach Jürgen Link schließt an die Arbeiten von Michel Foucault an. Diskurse sind nach seiner Aussage institutionalisierte und ge- sellschaftliche Redeweisen, welche grundlegend für das Handeln der Men- schen sind. Ein Diskurs kann somit machwirksam sein. Dadurch grenzt sich die Definition deutlich von anderen Definitionen ab, nach welchen Diskurse herrschaftsfrei sind, wie beispielsweise bei Jürgen Habermas.23

Jürgen Link greift die internen und die externen Kennzeichen des Diskursbe- griffs von Michel Foucault auf. Interne Definitionen beziehen sich auf die Lin- guistik. Hier spielen Faktoren wie der Stil und der Ton eine wichtige Rolle.

Externe Kennzeichen beziehen sich auf eine soziale Einbettung. Es handelt sich beispielsweise um den institutionellen Rahmen. Zwischen beiden Bereichen besteht nach Link eine zu große Lücke, welche er durch seine Definitionen schließen will.24

Nach Link verfügen Diskurse über einen materiellen Charakter.25

Im Rahmen der Definition des Diskursbegriffes nennt Jürgen Link die Unterform des Spezialdiskurses. Hierunter versteht er Diskurse, die einer Gruppe von Menschen spezielles Wissen zur Verfügung stellt. Das Publikum muss über eine entsprechende Spezialisierung verfügen. Die Spezialdiskurse unterteilt Link in drei Gruppen. Er nennt die human- und sozialwissenschaftlichen, die naturwissenschaftlichen und die kultur- und geisteswissenschaftlichen Diskurse. Die Unterschiede äußern sich unter anderem im Machteffekt. Kulturwissenschaftliche Spezialdiskurse besitzen ethische Macht und naturwissenschaftliche Diskurse technologische Macht.26

Sind die Diskurse nicht an einen bestimmten Spezialdiskurs gebunden, dann spricht Jürgen Link von einem Interdiskurs. Er bezeichnet sie als eine gegen- läufige Tendenz, da sie nicht spezialisiert sind. Sie stellen eine Kombination von verschiedenen Wissenskomplexen dar und sind einem breiten Publikum zugänglich.27

Interdiskurse verbinden unterschiedliche Spezialdiskurse miteinander und stellen eine Verbindung her. Sie sind nicht an Institutionen gebunden. Spezi- alkurse hingegen verfügen über eine Abhängigkeit zu einer Institution. Bei- den Varianten gemeinsam ist die Gebundenheit an historische Veränderun- gen.28

Link beschäftigt sich unter anderem mit der Kollektivsymbolik. Er schreibt den Kollektivsymbolen die Eigenschaft zu, kulturtypologisch spezialisierte Objektbereiche zu sein. Bei der Analyse der Diskurse in einem Kulturkreis muss immer die genaue Verwendung der Symbolik beachtet werden. Auch in einzelnen Diskursarten unterscheidet sich das Vorgehen.29

Kollektivsymbole werden von Link als Sinn-Bilder bezeichnet. Im Bereich der Interdiskurse sind die Kollektivsymbole so ausgelegt, dass sie von einem breiten Publikum verstanden werden. Sie besitzen eine kollektive Veranke- rung, die sich aus der Geschichte der jeweiligen Kultur ergibt. Durch den Einsatz wird die Kommunikation von Angehörigen verschiedener Spezialdis- kurse vereinfacht. Die Aufgabe von Kollektivsymbolen ist es, die Verständi- gung zu vereinfachen. Sie müssen daher dem jeweiligen Publikum zugäng- lich sein. Somit sind die Kollektivsymbole oftmals einer ganzen Gesellschaft bekannt.30

Das Hauptziel von Jürgen Link die Analyse von aktuellen Diskursen. Er be- trachtet Machtstrukturen und beschäftigt sich mit den dort vorhandenen Wir- kungsmitteln. So soll erörtert werden, mit welchen Mitteln die Wirkung erzielt wurde.31

3 Das Feindbild

3.1 Definition des Terminus Feindbild

Ursprünglich stammt der Begriff „Feindbild“ aus der militärischen Sprache. Von hier aus wurde er vor allem durch die Verwendung in den Medien in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen. In der Regel wird der Begriff mit einer Ergänzung gebraucht, die spezifiziert, über welche Art Feindbild ge- sprochen wird, zum Beispiel „Feindbild Islam“. Der alleinstehende Begriff Feindbild allgemein und unspezifisch ist und bietet keinen Hinweis darauf, welche Gruppe von Menschen als Feind angesehen wird. Ein Synonym für Feindbild wäre Phobie. Da auch im allgemeinen Sprachgebrauch Phobien mit einem Krankheitsbild verbunden werden, wird der Begriff Feindbild in der Regel bevorzugt.32

Der Terminus Feindbild findet sich auch in der Psychologie, genauer gesagt in der Sozialpsychologie, die sich mit der Wahrnehmung und dem Verhalten zwischen Individuen und zwischen sowie innerhalb von Gruppen beschäftigt, in denen Feindbilder wirken. Es muss jedoch bedacht werden, dass Feindbil- der kein Phänomen der Neueren Geschichte sind. Schon seit Urzeiten leben Menschen in unterschiedlichen Gruppen zusammen und müssen sich gegen Feinde, die meist anderen Gruppen angehören, verteidigen. Zudem ist die- ses Phänomen in den meisten Kulturkreisen der Erde zu finden.33

Christian Lotz und Katja Naumann bieten eine Definition, was genau unter einem Feindbild zu verstehen ist. Diese soll im Folgenden wiedergegeben werden, da hier unterschiedliche Aspekte berücksichtigt werden, da das Konstrukt des Feindbildes sich auch unterschiedlichen Komponenten zu- sammensetzt. Grundlegend ist jedoch, dass sich ein Feindbild immer auf ei- nen Menschen oder auf eine Gruppe von Menschen bezieht. Zudem handelt es sich bei einem Feindbild um eine subjektive Wahrnehmung.

- Es wird von einem Feindbild gesprochen, wenn der entsprechenden Person oder einer Gruppe allgemein negative Eigenschaften zugeschrieben werden.
- Des Weiteren wird von der Person beziehungsweise der Gruppe, auf die sich das Feindbild richtet, erwartet, dass ihre Handlungen negativ sind.
- Einzelnen Personen und Gruppen beziehungsweise deren Mitglieder werden als Bedrohung wahrgenommen.
- Diese Bedrohung wird nicht nur vereinzelt wahrgenommen, sondern sie ist existentiell und steht in einem größeren Zusammenhang. Die Wahrnehmung der Bedrohung macht einen wesentlichen Teil der eigenen Interpretation der Welt aus und bestimmt damit nicht nur die Wahrnehmung der Welt, sondern auch das Verhalten.34

Sylvia Breckl zählt unterschiedliche Merkmale von Feindbildern auf und stellt vor allem die negative Bewertung in den Vordergrund, die die Wahrnehmung der oder des anderen bestimmt. So sind Feindbilder grundsätzlich durch Misstrauen gekennzeichnet. In der Konsequenz ist alles, was von der ande- ren Seite kommt, schlecht, auch wenn es objektiv nicht der Fall ist. Dies resultiert in negativen Antizipationen, sodass immer davon ausgegangen wird, dass der Gegner mit allen Dingen, die er tut, dem eigenen Individuum oder der eigenen Gruppe Schaden zufügen will. In diesem Zusammenhang steht auch das Nullsummendenken, also der Gedanke, dass alles, was mit nützt, meinem Feind schadet und umgekehrt. Eng damit einher gehen Schuldzu- weisungen. Die Ursache für Spannungen und Probleme wird bei der ande- ren, gegnerischen Seite gesucht. Eigene Verfehlungen oder Vergehen wer- den nicht thematisiert. In Feindbildern wird der Gegner als das personifizierte Böse wahrgenommen. Da er als absolutes Gegenteil des eigenen Strebens wahrgenommen wird, wodurch die eigenen Werte bedroht sind, kann in der Konsequenz auch die Vernichtung des Gegners, des Feindes, gerechtfertigt werden. Aufgrund von Feindbildern werden die Mitglieder einer Fremdgruppe nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sodass es keine Differenzierun- gen mehr gibt und jeder, sodass jeder, der mit dem eigentlichen Feind Kon- takt hat, automatisch ebenfalls ein Feind wird und in das Feindbild integriert wird. Dies geschieht vor allem durch Empathieverweigerung, denn im Rah- men des Feindbildes sollen keine Gemeinsamkeiten zugelassen werden, die menschliche Gefühle oder ethische Bedenken zulassen würden. Der Feind soll möglichst abstrakt bleiben, was vor allem durch Stereotypisierungen er- reicht werden kann.35

Eine kurze Zusammenfassung bietet Gert Sommer, in der nicht nur die wich- tigsten Aspekte zusammengefasst sind, sondern auch die Auswirkungen, die Feindbilder in einer Gesellschaft haben können, angesprochen werden. „Feindbilder [sind, Einfügung des Autors] Deutungsmuster für gesellschaft- lich-politisches Geschehen; sie sind negative, hochemotionale, schwer ver- änderbare Vorurteile, die reichen können bis hin zur fantasierten oder gar realisierten Vernichtung des Gegners. Feindbilder können sich richten gegen einzelne Menschen, Gruppen, Völker, Staaten oder Ideologien.“36

In der Alltagssprache werden die Begriffe Feindbild, Feind und Feindschaft oft synonym verwendet, da die unterschiedlichen Begriffe eng miteinander verwoben sind. Der wesentliche Unterschied zwischen den Begriffen Feind- bild und Feindschaft besteht darin, dass eine Feindschaft immer reziprok wirkt, das heißt beide betreffende Parteien erkennen sich als Bedrohung und verhalten sich danach. Bei einem Feindbild steht nur die Wahrnehmung einer Gruppe im Vordergrund der Betrachtungen. Zudem ist eine Feindschaft in der Regel auch von Dritten beobachtbar, sodass sich der Begriff eher auf eine Situation anwenden lässt. Der Unterschied zwischen einem Feindbild und einem Feind besteht darin, dass der Begriff Feind in seiner Bedeutung enger gefasst ist. Er bezieht sich in der Regel auf einen speziellen Akteur.37

3.2 Zur Entstehung eines Feindbildes

Die Entstehung eines Feindbildes kann auf unterschiedliche Ursachen zu- rückgeführt werden. Es ist vor allen zu unterscheiden, ob es sich um indivi- duelle Feindbilder handelt, also um eine Weltsicht, die nur von Einzelnen ver- treten wird oder ob es sich bei eine Feindbild um ein kollektives Feindbild, welches von der Mehrheit einer Gruppe wie zum Beispiel einer Religionsge- meinschaft oder auch den Bewohnern eines Landes, handelt. Allen gemein- sam ist, dass Feindbilder immer auf eine Fremdwahrnehmung zurückgehen, denn sie sind Zuschreibungen, die von einem Individuum oder einer Gruppe auf ein anderes Individuum oder eine andere Gruppe gemacht werden. Wäh- rend individuelle Feindbilder aufgrund eigener persönlicher Wahrnehmungen entstehen, werden kollektive Feindbilder in der Regel vorgegeben und wirken dann indirekt auf die Wahrnehmung ein. Sehr oft lassen sich kollektive Feindbilder auf Vorgaben aus der Politik oder Religion zurückführen. Da sich ein Feindbild auf die subjektive Wahrnehmung von Individuen oder auch Gruppen bezieht, kann ein Feindbild sowohl aufgrund einer realen Bedro- hung als auch ohne tatsächlich bedrohlichen Hintergrund entstehen.38

Die Grundlage für die Entstehung von Feindbildern besteht darin, dass Men- schen die Welt in unterschiedliche Kategorien einteilen, um sich in ihr schnell orientieren zu können. So werden auch Mitmenschen als Mitglieder von Gruppen wahrgenommen, genauer als Mitglieder der eigenen Gruppe oder der Fremdgruppe. Im allgemeinen Sprachgebrauch geht es um 'wir' und 'die anderen' beziehungsweise auf individueller Ebene 'ich' und 'der andere'.

[...]


1 Vgl. Schneider-Deters 2008, S. 16.

2 Vgl. Schewtzowa 2007, S. 33.

3 Vgl. Schewtzowa 2007, S. 34.

4 Vgl. Legvold 2006, S. 7.

5 Vgl. Smirnova, o.S.

6 Vgl. Hildebrandt, Thumann,Ulrich 2014, o.S.

7 Hildebrandt, Thumann und Ulrich 2014, o.S.

8 Vgl. o.V. 2014, o.S.

9 Vgl. Schneider-Deters 2014, S. 114.

10 Vgl. Ruoff 2007, S. 67f.

11 Vgl. ebd., S. 71.

12 Vgl. Pundt 2008, S. 79f.

13 Vgl. Schneeberger 2009, S. 29.

14 Vgl. Bettinger 2008, S. 81.

15 Foucault 1977, S. 8 zitiert nach Bettinger 2008, S. 81.

16 Vgl. Landwehr 2006, S. 112.

17 Vgl. Bettinger 2008, S. 81.

18 Vgl. Bettinger 2008, S. 81.

19 Vgl. Bublitz 2002, S. 37.

20 Engelmann et. al. 2010, S. 73.

21 Vgl. ebd., S. 81.

22 Vgl. Foucault 1974, S. 8.

23 Vgl. Ata 2011, S. 17.

24 Vgl. Link 1984, S. 63.

25 Vgl. Ata 2011, S. 18.

26 Vgl. Ata 2011, S. 18.

27 Vgl. Ata 2011, S. 18.

28 Vgl. Dürbeck 2007, S. 35

29 Vgl. Link1984, S. 65.

30 Vgl. Oelinger 2000, S. 49.

31 Vgl. Oelinger 2000, S. 48.

32 Vgl. Hörner 2009, S. 177

33 Vgl. Breckl 2006, S. 70f.

34 Vgl. Lotz, Naumann 2005, S. 46.

35 Vgl. Breckl 2006, S. 69.

36 Vgl. Sommer 1992, S. 15f.

37 Vgl. Lotz/Naumann 2005, S. 47.

38 Vgl. Lotz/Naumann 2005, S. 46.

Details

Seiten
57
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668545588
ISBN (Buch)
9783668545595
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374646
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Schlagworte
Russland Medien Politik Diskurs Ukrainekrise Feindbild

Autor

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    Stan L. (Autor)

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