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Die Korrelation von frühkindlichem Trauma, Gehirnentwicklung und Konzentrationsfähigkeit

Zum Einfluss von frühkindlichen Traumata aus neurowissenschaftlicher Perspektive auf die schulische Konzentrationsfähigkeit von Kindern im Grundschulalter

Seminararbeit 2017 16 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsfrage und Erkenntnisinteresse
1.2 Gliederung

2. Frühkindliche Traumata erkennen und verstehen
2.1 Begriffliche Explikation des Traumas
2.2 Ursachen von frühkindlichen Traumatisierungen

3. Trauma und Hirnentwicklung
3.1 Wie frühkindliche emotionale Erfahrungen die funktionelle Entwicklung des Gehirns beeinflussen können
3.2 Zur Bedeutung der Spiegelneuronen

4. Die Relevanz externer Einflüsse auf die Konzentrationsfähigkeit im schulischen Kontext
4.1 Merkmale von Konzentrationsschwierigkeiten bei traumatisierten Kindern
4.2 Der richtige Umgang mit betroffenen Kindern im schulischen Unterricht

5. Pädagogische Fördermaßnahmen
5.1 Pädagogische Fördermaßnahmen im Unterricht
5.2 Heilpädagogische Praxis
5.3 Medizinische und psychologische Therapie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1 Literaturen in Papierform
7.2 Literaturen in elektronischer Form (Internet)

1. Einleitung

Einschneidende Erlebnisse in der Kindheit können sowohl die emotionale, als auch die kognitive Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen und evozieren in den schlimmsten Fällen Traumatisierungen, die wiederum durch daraus resultierende Konzentrationsschwierigkeiten der Kinder im Unterricht die schulische Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen können. Oft trifft man auf Eltern und LehrerInnen, die mit der Situation solcher Kinder überfordert sind, weil es ihnen an den erforderlichen Kompetenzen mangelt, entsprechende Hilfe zu gewährleisten, um Kindern das Lernen zu erleichtern. Aus diesem Grund sind pädagogische Interventionen beim Vorliegen von Konzentrations- und Lernschwierigkeiten unumgänglich und bieten Eltern sowie Kindern Unterstützung an, sodass die Entwicklung der betroffenen Kinder keinen destruktiven Einflüssen unterliegt und daraus resultierend die schulische Leistung nicht erschwert wird. Insbesondere LehrerInnen haben die Aufgabe, Kinder mit Lernschwierigkeiten im Unterricht individuell zu fördern und unter Umständen ein persönliches Gespräch mit deren Eltern aufzusuchen, um eine gemeinsame Lösung zu finden und den Schulalltag dieser Kinder maßgeblich zu erleichtern.

1.1 Forschungsfrage und Erkenntnisinteresse

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen in dieser Arbeit die Auswirkungen von frühkindlichen Traumata auf die Konzentrationsfähigkeit von Kindern im Grundschulalter. Diesbezüglich gilt es in dieser Arbeit folgende Frage zu beantworten: „Inwiefern können frühkindliche Traumatisierungen die Konzentrationsfähigkeit von Kindern im Grundschulalter beeinträchtigen und mit welchen pädagogischen Fördermaßnahmen kann dieser Problematik begegnet werden?“ Die Fragestellung ist im Hinblick auf die schulische Entwicklung von besonderer Bedeutung, da frühkindliche Traumata nicht nur eine gesunde Entwicklung der menschlichen Psyche, sondern auch die der kognitiven Fähigkeiten erheblich beeinträchtigen können. Anhand dieser Fragestellung soll untersucht werden, in welchem Ausmaß die Konzentration von Kindern in der Grundschule durch frühkindliche Traumatisierungen beeinträchtigt wird und welche pädagogischen Fördermaßnahmen sich hierzu anbieten. Die zentrale These dieser Arbeit stützt die Annahme, dass durch frühkindliche Traumatisierungen erhebliche emotionale und kognitive Rückstände bei betroffenen Kindern vorliegen und die Konzentrationsleistung sichtlich erschwert wird. Das Vorliegen von emotionalen sowie kognitiven Entwicklungsrückständen ist zumeist gekoppelt mit Adaptationsschwierigkeiten[1] der betroffenen Kinder, die deren Schulalltag deutlich erschweren können. Damit alle Kinder vom Unterricht profitieren und ihre individuellen Fähigkeiten und Begabungen in der Schule entfalten können, bieten sich pädagogische Fördermaßnahmen an, auf die im Laufe der Arbeit näher eingegangen wird.

1.2 Gliederung

Die Arbeit wird folgendermaßen gegliedert: Im Hauptteil wird, nach einleitender Explikation des Begriffes „Trauma“, die Thematik eingeleitet und daran anknüpfend werden die Ursachen von Traumatisierungen dargelegt. Dies soll die Basis für das Verständnis über die Entstehung von Traumata bilden und einen Überblick über das Symptomspektrum bieten. Somit fällt es leichter nachzuvollziehen, welche Ereignisse die Herausbildung von Traumata begünstigen können und welchen Stellenwert die individuelle Wahrnehmung Betroffener bei der Entstehung von Traumatisierungen einnimmt. Im Anschluss daran wird aus neurowissenschaftlicher Perspektive die funktionelle Entwicklung des Gehirns nach frühkindlichen Traumata beleuchtet. Dieses Kapitel ist insofern von Bedeutung, da eine neurowissenschaftliche Erklärung der Herausbildung von Traumata eine neue Dimension verleiht und konstatiert, dass Körper und Geist eine Einheit bilden, die beide in Wechselwirkung zueinander stehen. Im weiteren Verlauf wird die Relevanz von externen Einflüssen auf die Konzentrationsfähigkeit im schulischen Kontext beleuchtet. Hierbei ist es wichtig zu veranschaulichen, wie sich Konzentrationsstörungen bei Kindern im Unterricht äußern, damit ihnen mit entsprechenden pädagogischen Fördermaßnahmen adäquat begegnet werden kann. Im Schlussteil werden die im Hauptteil aufgegriffenen Erkenntnisse kurz zusammengeführt und die daraus resultierenden Ergebnisse mit der Forschungsfrage in Relation gesetzt. Abschließend wird eine Antwort auf die behandelte Forschungsfrage geliefert und auf künftige Verbesserungsvorschläge verwiesen.

2. Frühkindliche Traumata erkennen und verstehen

2.1 Begriffliche Explikation des Traumas

Der Begriff „Trauma“ ist im alltäglichen Sprachgebrauch allgegenwärtig und beschreibt einen Zustand, der sich auf Körper, Geist und Seele auswirkt. Ein traumatisches Erlebnis kann einen enormen Einfluss auf das emotionale und körperliche Wohlbefinden sowie auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten von Kindern haben (vgl. Kline/Levine 2005, S. 21). Laut Lewis (1999, S. 20) weisen Kinder nach traumatischen Ereignissen innerhalb weniger Tage Symptome auf. Bei einigen Kindern hingegen macht sich die Symptomatik erst später bemerkbar (vgl. Lewis 1999, S. 20). Dies ist oft nach körperlichen Verletzungen der Fall, da der Fokus anfangs auf den körperlichen Symptomen liegt und die emotionale Reaktion auf das traumatische Ereignis erst im Nachhinein auftritt (vgl. Lewis 1999, S. 20). In den meisten Fällen können sich betroffene Personen an das traumatische Ereignis erinnern. Lewis (1999, S. 20) erläutert dies folgendermaßen:

„After single traumas, children can almost always remember the events of a trauma. If the child is old enough, they will usually be able to give clear, detailed account of the experience although fear and anxiety may prevent the child from doing so. There is some debate around whether children younger than 2 years are able to remember a trauma, but it seems that they do remember at least some parts of the experience. Even children below the age of 12 months who have been exposed to a trauma and who have no verbal memory of the trauma, can experience physical sensations that evoke their experience. (Lewis 1999, S. 20)

Lewis veranschaulicht hiermit, dass auftretende Trauma-Symptome auf unsere menschlichen Instinkte zurückzuführen sind und sich somit in Form einer Reaktion auf äußere Einflüsse des Umfeldes und der Lebensbedingungen bemerkbar machen. Insbesondere Kinder sind aufgrund ihrer Verletzbarkeit und mangelnden Schutzmechanismen gefährdet, an den Folgen eines, von ihnen als bedrohlich empfundenen, Ereignisses zu leiden. Wie Lewis es in seinen Ausführungen schildert, können bereits in einem sehr frühen Entwicklungsstadium stattgefundene Erlebnisse negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes ausüben. Dies gilt auch für die Konzentrationsfähigkeit des Kindes und den dadurch erschwerten Schulalltag von Kindern in der Grundschule.

2.2 Ursachen von frühkindlichen Traumatisierungen

Die Ursachen für eine Herausbildung von Traumatisierungen können vielfältiger Natur sein. Grundsätzlich werden potentielle Ursachen für die Entstehung von Traumata in der Kindheit in fünf Kategorien unterteilt. Hierbei zählen laut Kline/Levine (2005, S. 35f) zu den häufigsten Ursachen:

1. Unfälle und Stürze, beispielsweise Autounfälle,
2. Medizinische und operative Eingriffe, z.B. Vergiftungen oder Behandlungen beim Zahnarzt,
3. Gewalthandlungen/Angriffe, z.B. Mobbing, familiäre Gewalt, körperlicher und sexueller Missbrauch,
4. Verlust, z.B. Scheidung, Trennung oder Tod und
5. Umgebungsbedingte Stressfaktoren und Naturkatastrophen.

In der frühen Kindheit sind erzieherische Einflüsse und das soziale Umfeld besonders ausschlaggebend (vgl. Ettrich 2004, S. 28): „Die unmittelbare Entwicklungsumwelt des Kindes entscheidet über seine Lernmöglichkeiten.“ (Ettrich 2004, S. 28) Da die Ursachen für Traumata je nach subjektiver Wahrnehmung variieren können, kann jede mögliche, für Erwachsene noch so harmlos erscheinende, Situation einen traumatischen Effekt auf Kinder ausüben. „Deshalb kann grundsätzlich jede Situation, die das Kind als Bedrohung wahrnimmt und die seine aktuelle Fähigkeit, mit dem Ereignis umzugehen, übersteigt, Auswirkungen auf seine Gefühle und sein Verhalten haben.“ (Kline/Levine 2005, S. 36)

Durch diese Auflistung der Ursachen von Traumata wird deutlich, dass die Entstehung von Traumatisierungen als ein innerhalb der subjektiven Wahrnehmung befindliches Phänomen betrachtet werden kann. Diese Erkenntnis ist besonders im schulischen Kontext von Bedeutung, weil viele LehrerInnen meist mit Unverständnis auf jegliche Konzentrations- und Lernschwierigkeiten reagieren und das Problem betroffener Kinder verstärken, indem sie ihnen ein Gefühl der Hilflosigkeit vermitteln, ohne Interesse an den Beweggründen ihres Verhaltens zu zeigen. Je nach Altersgruppe kann das Auftreten der Symptomatik variieren, ebenso wie der Schweregrad der Folgeerscheinungen. Hiermit lässt sich die Frage beantworten, warum gewisse alltägliche Ereignisse, die bei vielen Menschen keinerlei Stressreaktionen auslösen, bei anderen wiederum als eine enorme Last empfunden werden können.

3. Trauma und Hirnentwicklung

3.1 Wie frühkindliche emotionale Erfahrungen die funktionelle Entwicklung des Gehirns beeinflussen können

Es besteht die Annahme, dass Trauma-Symptome nicht im Ereignis, sondern im Nervensystem verankert sind (vgl. Kline/Levine 2005, S. 22). „Das frühkindliche Gehirn entwickelt seine Intelligenz, seine emotionale Widerstandskraft und die Fähigkeit zur Selbstregulierung in einem ausgefeilten anatomischen Gestaltungsprozess (…). Bei einem traumatischen Ereignis wird die Einprägung der neurologischen Muster dramatisch verstärkt.“ (Kline/Levine 2005, S. 25) Der Neurowissenschaftler António Damasio hatte bereits darauf verwiesen, dass der Zusammenhang von Emotionen und Gehirn überlebensnotwendig ist (vgl. Kline/Levine 2007, S. 10). Sobald wir etwas wahrnehmen, was Angst in uns auslöst, reagiert der Körper mit Flucht oder Erstarrung, um uns aus der Gefahrensituation zu verhelfen (vgl. Kline/Levine 2007, S. 10). Der frontale Kortex spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob eine Situation als gefährlich oder ungefährlich eingestuft wird. Wenn sich eine anfangs als gefährlich eingestufte Situation als ungefährlich herausstellt, stellt das Signal, das der Kortex an die Amygdala zurücksendet, im Normalfall die Angst ein (vgl. Kline/Levine 2007, S.10). Bedauerlicherweise ist der Kortex bei einer traumatisierten Person unfähig, das Angstsignal einzustellen (vgl. Kline/Levine 2007, S. 10f). Umwelteinflüsse sind für die Entstehung und Aufrechterhaltung funktioneller synaptischer Netzwerke im sich entwickelnden Gehirn von zentraler Bedeutung (vgl. Bock et al. 2003, S. 51). Hüther (2003, S. 94) definiert die Hirnentwicklung als einen sich selbst organisierenden Prozess. Neuronale Verbindungen und synaptische Verschaltungen können sich nur auf Grundlage fundierter Interaktionsmuster bilden und stabilisieren. „Die Selbstorganisation vollzieht sich nach dem Psychologen Allan Schore im Kontext von Beziehungen.“ (Nollau 2015, S. 62) Bock et al. (2003, S. 51) sind der Ansicht, dass es im Verlauf der Hirnentwicklung zu einem Wechselspiel zwischen endogenen und exogenen Faktoren kommt, bei der vorgeburtlich die genetisch determinierten Faktoren dominieren, wohingegen nach der Geburt die erfahrbare Umwelt einen beträchtlichen Einfluss auf die Hirnentwicklung ausübt. Somit nehmen ab dem Zeitpunkt der Geburt die sensorischen, motorischen und emotionalen Erfahrungen Überhand, um die Hirnentwicklung des Individuums optimal an seine Umwelt - und Lebensbedingungen anzupassen (vgl. Bock et al. 2003, S. 51). Frühe Erfahrungen werden daher in der Gehirnarchitektur abgespeichert (vgl. Nollau 2015, S. 63). In Bezug auf emotionale Kommunikation ist der rechte Kortex beim Menschen in den ersten drei Lebensjahren ausgeprägt (vgl. Nollau 2015, S. 64). „Die rechte Hirnhälfte ist ein Leben lang zentral an allen vitalen Funktionen beteiligt, die das Leben unterstützen (auch Stressregulation). Die linke Hirnhälfte formt sich in den folgenden Jahren aus.“ (Nollau 2015, S. 64) Belastende und traumatisierende Erfahrungen werden, ebenso wie Bewältigungsstrategien, im rechtsseitigen Erinnerungssystem des Kindes eingespeichert (vgl. Nollau 2015, S. 65). Nollau beschreibt den neurologischen Prozess einer Traumatisierung wie folgt:

[...]


[1] Adaptation=physiologische und psychische Anpassung an veränderte Umweltbedingungen, hier: Individualisierung des Lernprozesses

Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668540354
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374443
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Bildungswissenschaft
Note
2
Schlagworte
Neurowissenschaften Schule Traumata

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