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Lernen in der Freizeit? Freizeipädagogik und die Bedeutung informeller Lernfelder

Hausarbeit 2017 33 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Abstract

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Was ist Freizeit?
2.2 Freizeit aus historischer Perspektive - von der Antike bis zur Gegenwart
2.3 Freizeitansätze
2.4 Freizeitwissenschaft
2.5 Freizeitforschung

3. Freizeitpädagogik
3.1 Entstehung und historische Phasen
3.2 „Veraltete" Disziplin?

4. Informelles Lernen
4.1 Begriffsannäherung
4.2 Lernfelder
4.3 Informelle Bildungsorte
4.4 Informelle Lernbereiche - erziehungswissenschaftliche Sicht

5. Aus der Praxis - Projekt „Alles NUR Theater"
5.1 Theoretischer Hintergrund
5.2 Das Projekt
5.3 Informelles Lernen im Projekt
5.4 „Kai Hendricks Verwandlung" - Theater mal anders

6. Fazit

7. Ausblick

Literaturverzeichnis

0. Abstract

Hintergrund: In sozialpädagogischen Theorien, Konzepten etc. betont, dass es neben dem elterlichen Erziehen und dem unterrichtlichen Lehren, dem alltäglichen Sozialisieren, eine besondere Form des Lernens gibt: alles, was, bewusst oder unbewusst, außerhalb formalisierter Bildungsinstitutionen und Lehrveranstaltungen abläuft und von den individuellen Interessen der Akteure gesteuert wird. Dieses informelle Lernen ist meist ungeplant, beiläufig, implizit, unbeabsichtigt, d. h. ein (freiwilliges) Selbstlernen in unmittelbaren Lebenszusammen­hängen, innerhalb wie außerhalb formaler Institutionen (Rauschenbach, et al., 2004 S. 29), (BMFSFJ, 2005 S. 127-128). In der Sozialpädagogik wird dabei oft zwischen formellen und informellen Bildungsprozessen einerseits sowie formalen und non-formalen Bildungssettings andererseits unterschieden (BMFSFJ, 2005 S. 130).

Der derzeitige Forschungsstand lässt noch keine empirisch gesicherten Aussagen über informelle Lernprozesse an non-formalen Bildungsorten zu. Dennoch zeigen neuere Ergebnisse das Potential bisher vernachlässigter Bildungsmöglichkeiten auf Basis informellen Lernens, wie z. B. die Entwicklung von demokratischem Bewusstsein und Handeln in freiwilligem Engagement (Düx, 2005 S. 402) sowie der Möglichkeit eigenständiger Persönlichkeitsentwicklung. Angesichts dessen werden Wirkmechanismen erörtert, welche die zunehmende Bedeutung informeller Lernprozesse aufzeigen. In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nach dem Lernen in der Freizeit nachgegangen, Freizeitpädagogik und die Bedeutung informeller Lernfelder diskutiert werden.

Methode: Die Fragestellungen werden anhand der historischen Entstehung von Freizeit als Voraussetzung für die Entwicklung einer Freizeitpädagogik und in Folge einer Freizeitwissenschaft besprochen. Die Einschätzung der Bedeutung informellen Lernens wird mit Hilfe der Veränderungen in der Vorstellung des Freizeitbegriffs und der historischen Entwicklung von Freizeitpädagogik dargestellt. Im Zusammenhang damit werden Freizeitwissenschaft und Freizeitforschung angerissen. Im Weiteren wird Bezug auf die praktischen Erfahrungen aus Projekten in non-formalen Einrichtungen bezüglich informellen Lernens junger Erwachsener genommen.

Schlussfolgerungen: In der Freizeit findet ein Großteil aller sozialen Lernprozesse statt. Freizeitpädagogik ist frei von Zwängen und Leistungsdruck, damit optimal für Lernprozesse. Informelle Bildungsprozesse, nicht schulische und direkt verwertbare Kompetenzen werden mit Freizeitangeboten in Sozialer Arbeit angeregt und gefördert: Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Phantasie/Kreativität, Problemlösungsvermögen, Abstraktionsfähigkeit, Sensibilität und Innovationsvermögen.

1. Einleitung

„Wer eine Arbeit hinter sich hat, soll eine Aufgabe vor sich haben" „Wir müssen endlich wieder die Tugend des Faulenzens entdecken und darin nicht nur sinnloses Nichtstun sehen."

(Opaschowski - Zitate)

Opaschowski zufolge darf Freizeit gleichwohl nicht per se mit freier Zeit im Sinne von Muße und Freisein gleichgesetzt werden. Trotz einer in den vergangenen 100 Jahren zu beobachtenden Zunahme und zum jetzigen Zeitpunkt historischen Höchststand an erwerbsarbeitsfreier Zeit, ist die Wahrnehmung und das Ausleben von Freizeit durch Alltagsverpflichtungen, - die Obligationszeit - getrübt. „Freizeit ist formal ebenso wie inhaltlich bestimmbar, einmal durch negative Abgrenzung gegenüber anderen Zeiträumen, andererseits durch positive Funktions- bzw. Inhaltsbestimmung" (Prahl, 2002). Bildungsprozesse finden keineswegs nur ausschließlich in der Schule statt. In Deutschland haben empirische Studien, wie z.B. die des Deutschen Jugendinstituts (Furtner-Kallmünzer, et al., 2000), (Furtner- Kallmünzer, et al., 2002), neben zahlreichen theoretischen Arbeiten (Owervien/Hungerland, 2004), (Otto/Rauschenbach, 2004), (BMFSFJ, 2005) (Trully, 2006 S. 9-18), (Rauschenbach, et al., 2007); (Grunert, 2012) aufgezeigt, dass der Freizeitbereich auf die Vermittlung von Wissen und bestimmten Kompetenzen einen enormen Einfluss hat. In freizeitkontextuellen Settings werden Bildungsräume eröffnet, die schulisches und überfachliches Lernen, wie z.B. den Erwerb von sozialen Kompetenzen, fördern. Hier kommt insbesondere den informellen und non-formalen Bildungsorten und -prozessen eine zentrale Bedeutung zu.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, der Frage nachzugehen, was die Bedeutung informeller Lernfelder ausmacht, welche Wirkmechanismen zugrunde liegen. Im ersten Teil nähert sich diese Arbeit der Beantwortung der Frage: Was ist Freizeit? Im Folgenden steht die historische Entwicklung der Freizeitpädagogik im Mittelpunkt. Es geht um die Frage: Ist Freizeitpädagogik aktuell oder eine veraltete Disziplin? Im Zusammenhang damit wird der Gegenstand von Freizeitwissenschaft und Freizeitforschung angerissen. Des Weiteren wird dargelegt was unter informellem Lernen zu verstehen ist und in welchem Zusammenhang es zu freizeitpädagogischen Aspekten steht. Hierzu wird ein Projekt aus der Praxis kurz vorgestellt. Kompetenzen können nur aufgebaut und gefestigt werden, wenn die Teilnehmenden sich in entsprechende Situationen begeben, wobei das Vermeidungsverhalten durchbrochen werden muss. Sowohl der Aufbau einer sozialpädagogischen Allianz zwischen Lernenden und Sozialpädagogen als auch das Einhalten einer inhaltlich non-formalen Struktur von Projekten, eines Manuals bedingen den Erfolg im Wesentlichen mit. Inwieweit dies auch für den Erfolg von informellem Lernen in der Freizeit gilt, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Was ist Freizeit?

Voraussetzung für die Entwicklung einer Freizeitpädagogik und in Folge einer Freizeitwissenschaft war die Entstehung der Freizeit. Sie näher zu bestimmen, scheint um einiges schwieriger und komplexer zu sein. Freizeit ist ein modernes Phänomen, sie ist das Produkt einer neuen zeitlichen Organisation des Alltags. „Der Freizeitbegriff verweist auf eine spezifische Form arbeitsfreier Zeit, die es so in vormoderner bzw. vorindustrieller Zeit nicht gegeben hat, und basiert - im Unterschied zu älteren Formen (wie der Muße) - auf einer klaren raum-zeitlichen Trennung von Arbeit und sonstigem Leben sowie einer strengen zeitlichen Regelung und auch Begrenzung der Erwerbsarbeit“ (Fromme, et al., 2001 S. 610). Das allgemeine Freizeitverständnis geht zurück auf ein dialektisches Verhältnis von Arbeit und Freizeit basierend auf einem grundlegenden Wandel des Arbeitsbegriffs und des Zeitbewusstseins (Giesecke, 1983) Freizeit wird hier zunächst negativ bestimmt, als Nicht­Erwerbsarbeitszeit. „Was ist die Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es“, sagt der Kirchenvater Augustinus, „will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“. Ähnlich geht es einem mit dem Begriff Freizeit.

2.2 Freizeit aus historischer Perspektive - von der Antike bis zur Gegenwart

Die Komplexität des Phänomens „Freizeit“ für und in den einzelnen Epochen ist historisch bedingt nur schwer in ihrer Ganzheit einzufangen. Freizeit ist keine Erfindung der Neuzeit, erst recht nicht der Postmoderne. „Lediglich“ ihr Ausmaß variiert in Bezug auf das jeweilige Zeitalter und war - und ist nach wie vor - von der sozialen Stellung und Position eines Menschen abhängig. Zudem betont Opaschowski (2006), dass die häufig angenommene sukzessive Zunahme an freier Zeit über die Jahrhunderte hinweg bis in die heutige Zeit nicht - zumindest nicht in der Quantität - den realen Gegebenheiten entspricht Hieraus erfolgen Verzerrungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, die in der Folgezeit nur schwer zu revidieren sind.

In der Epoche des griechisch-römischen Altertums war es gesellschaftlicher Konsens den Tagesablauf nach Arbeit und freier Zeit, die als „Muße“ verstanden wurde, zu unterscheiden. Dabei stellte Muße einen im Dienst des Staatswesens stehenden Zustand dar, der in Form von Bildung, Gesprächsführung und Gedankenbildung die Kultivierung von Erkenntnis und Weisheit zum Ziel hatte (Prahl, 2002 S. 89f). Sie war im gesellschaftlichen Bild derart stark verankert, dass Arbeit ihr untergeordnet war. (Ganguin, 2010 S. 30) Allerdings war Muße ein Privileg der herrschenden Klasse. Die (unfreiwillige) Lohnarbeit wurde von Sklaven geleistet, während sich die freien Menschen vorwiegend der Politik und den Künsten widmeten“ (Opaschowski, 2006 S. 28f) Dies umschreibt jedoch ausschließlich die Situation der Menschen in der Stadt. Das Leben auf dem Lande war vielmehr „durch harte Arbeit und jahreszeitliche Rhythmen geprägt" (Prahl, 2002 S. 91). Freizeit in der Antike stellte - zumindest in Städten - ein gesamtgesellschaftliches, auf Kollektivität ausgelegtes und öffentlich zu Schau gestelltes Ereignis dar.

Das Mittelalter kennzeichnet sich unter anderem dadurch, dass Erwerbstätigkeit und Privatleben eine Einigkeit bildeten. Wohnort und Arbeitsort standen miteinander in engster Verbindung. Zwischen Berufsausübung und Freizeit war keine strenge Trennung üblich. Der überwiegende Teil der Menschen lebte in der Sozialform des „ganzen Hauses", einem Vorläufermodell der Familie, die eine ganze Reihe an gesellschaftlich notwendigen Funktionen übernahm. Die freie Zeit wurde damit nicht in der Öffentlichkeit verbracht (Prahl, 2002 S. 92) Beten und strenge Arbeitsdisziplin prägten den Tagesablauf vieler Menschen. Demgegenüber kam dem Feudaladel und dem (gehobenen) Klerus die Aufgabe der repräsentativen Öffentlichkeit in Form von Zeremonien, Wettkämpfen, dem Zelebrieren von Kunst und Musik zu und diente der Machtdemonstration und der Erhaltung vorhandener Herrschaftssysteme.

Das Ende des Hochmittelalters markierte eine zunehmend „klassentypische Differenzierung der Muße und Kultur [...] die bis weit in die Neuzeit fortwirkte" (Prahl, 2002 S. 93) Der Adel demonstrierte seine Überlegenheit durch „Prunk, Konsum und Mußeveranstaltungen, (z.B. Musik- und Theateraufführungen, Jagden, Festspiele, Wettkämpfe). Auf der anderen Seite entwickelten Handwerk und Stadt-,Pöbel’ eigene Formen der Mußedemonstration (z.B. volkstümliche Gesänge, Ballspiele - Anfang des Fußballspiels, Sportveranstaltungen). Das Mittelalter stellt auch die Epoche der ersten Formung des Begriffs „frey zeyt" (hier: Frieden auf Zeit) als den Vorläufer des modernen Verständnisses von „Freizeit" (Prahl, 2010 S. 405) .

In der Neuzeit wich unter dem Einfluss der Reformation die ursprüngliche Anschauung der Arbeit als von Gott gewollter und dem Menschen auferlegter Mühsal der Auffassung, dass sich der Mensch im Beruf vor Gott verwirklichen könnte. Arbeit wurde zum eigentlichen Lebenszweck. Das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit wurde damit im Zuge der von Martin Luther formulierten Reform und seiner im Jahre 1517 veröffentlichten Thesen neu austariert: Während Muße nun mehr als Trägheit verstanden wurde, erfuhr die Arbeit nicht nur eine Neubewertung, sondern eine Aufwertung und wurde verstärkt zum Selbstzweck des Lebens (Opaschowski, 1996 S. 102). Freizeit wurde zu einer Restzeit, also einer Zeit, die nach der Erfüllung beruflicher Verpflichtungen übrigblieb. Diese wurde in aller Regel vom privathäuslichen in den öffentlichen Bereich verlagert (Prahl, 2002 S. 95). Formen der Vergesellschaftung außerhalb des privaten Kontextes gewannen zunehmend an Bedeutung und stellten erstmals auch einen kommerziellen Bereich (z.B. Wirtshäuser oder auf Märkten angebotenen Vergnügungen) für einen großen Teil der Bevölkerung dar. (Prahl, 2002) (Opaschowski, 2006 S. 30).

Das Industriezeitalter Mitte des 18. Jahrhunderts zog eine bis dahin beispielslose Landflucht nach sich. Die Verstädterung und voranschreitende Mechanisierung von Arbeit hatte weitreichende Konsequenzen auf die gesamte Arbeitsmarksituation. Diese spiegelte sich in einem Überangebot an Arbeitskräften wider, was für die Menschen - zum großen Teil auch für Kinder und Jugendliche - einen Anstieg realer Arbeitszeit auf 14 bis 16 Std. pro Tag, sechs bis sieben Tage die Woche, zur Folge hatte (Opaschowski, 2006 S. 30). Eine Freizeit im Sinne einer freien Zeit war im Tagesablauf der Industriearbeiter bis weit in das 19. Jahrhundert nicht vorgesehen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich aufgrund industrieller Modernisierungsprozesse und der Erkenntnis, dass auch bzw. insbesondere die Arbeiter als Konsumenten notwendig sind, ihre Situation allmählich verbessert (Prahl, 2002 S. 99f). Arbeitsfreie Zeit wurde zur Konsumzeit. Gesellschaftliche Veränderungen und weitreichende Modernisierungsprozesse hatten Folgen auf den Freizeitbereich: „Massenmedien (z.B. Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Kino) wurden auf Massenkonsum umgestellt“, zudem kam es zu einer „Verschiebung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit“ sowie zu „einem Wandel von der elitären zur demokratischen Massenkultur“ (Prahl, 2002 S. 102ff).

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg steht in Deutschland in erster Linie für die Weimarer Republik. Eine historisch gesehen kurze Phase, die bereits zu Beginn durch wachsende Inflation, Armut der Bevölkerung, politischer Instabilität, Weltwirtschaftskrise geprägt war. Dennoch steht sie für einen bis dahin nicht gekannten kulturellen Aufschwung, der sich in kultureller Vielfalt niederschlug. Insbesondere in der mittleren Phase „die goldenen Zwanziger“ bricht laut Prahl (2002, S. 106) eine Zeit des kulturell-freizeitkontextuellen Experimentierens aus: „Lebensstile und -formen wurden ausprobiert [...] In Kunst und Musik wurden viele neue Richtungen aufgenommen und zum Teil mit herkömmlichen Stilen verschmolzen. Die neuen Medien (Radio, Schallpatte, Film und Fotografie) machten zahllose kulturelle Strömungen in Windeseile zugänglich, verbreiteten diese bis in den letzten Winkel der Republik und trugen so zur raschen Diffusion neuer Richtungen und Denkweisen bei“ (ebd.). Freizeit gewann in Form ihrer gesellschaftlichen Demokratisierung eine neue Qualität. Sie fungierte nicht mehr als Gegensatz zur Arbeit, wurde zum Experimentierfeld für neue Denk- und Verhaltensmodi.

Die Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahre 1933 markierte eine tiefgreifende Zäsur in allen Lebensbereichen. Der Nationalsozialismus steht für eine Phase in der die „freie Zeit“ vom totalitärem Regime weitestgehend zum Kollektivgut transformiert, öffentlichkeitswirksam aufgearbeitet, systematisch kontrolliert, primär zu Propagandazwecken und zur Verbreitung ideologischer Vorstellungen missbraucht wurde. Freizeitkontextuelle Einrichtungen, Institutionen/Organisationen sowie Verbände wurden der sogenannten „Gleichschaltung“ unterzogen, politisiert. Sie dienten bereits in der Jugendphase (Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädels) einer radikalen Rassenlehre und sollten einen unmittelbaren Zugang zum nationalsozialistischen System herstellen (Prahl, 2002 S. 107)

Die Rüstungsbemühungen seit 1936 und der Beginn des Zweiten Weltkriegs führten unweigerlich zu Mehrarbeit. Auf Grund zahlreicher Einbindungen und Verpflichtungen in und an NS-Organisationen wurde Freizeit, verstanden als Privatheit, äußerst knapp. Sie wurde zur Massenbewegung, Disziplinierung, sozialer Kontrolle, zur Steigerung kollektiver Loyalität instrumentalisiert (Prahl, 2010 S. 407)

Vor dem Hintergrund des 1945 verlorenen Krieges stehen insbesondere die 1950er Jahre im Zeichen des Wiederaufbaus, des sich daraus entwickelnden „Wirtschaftswunders“. Entsprechend war der Lebensalltag mehr mit Arbeit, weniger mit Freizeit durchsetzt. Freizeit als eigenständiger lebenskontextueller Bereich wird jedoch durch Schaffung von Wohlstand in Kombination mit Modernisierungsprozessen zur konsequenten Folge jener Zeit und damit zu einer weitreichenden Errungenschaft der Postmoderne. Entsprechend wird der freien Zeit von allen Altersgruppen ein enormer Bedeutungsgehalt beigemessen. Durch die Verlängerung von Ausbildungszeiten entsteht ein Freizeitmoratorium. Freizeit erhält speziell in der Lebensphase Jugend einen gesonderten Stellenwert und rückt in den Blickwinkel unterschiedlicher Jugendstudien (vgl. z.B. Shell-Jugendstudien, Sinus-Milieustudie etc.).

Damit ist die Akzentuierung der Freizeit in erziehungswissenschaftlichen Gegen­wartsdiskursen im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten eine andere: Freizeit ist im heutigen Verständnis weit mehr als die Negation der Determinationszeit. Ihre Funktion als arbeitsfreie Regenerationszeit stellt ausschließlich ein Nebenprodukt dar, ohne primären Bedeutungsgehalt. Freizeit wird vielmehr als eine zweckfreie Tätigkeit, als eine private und individuell zugeschriebene MußeZeit erfasst (Opaschowski, 2006 S. 26). Allerdings keineswegs länger in ihrer ursprünglichen, in der Epoche des griechisch-römischen Altertums geprägten, Form: So wird beispielsweise „Schule [...] semantisch der Arbeit zugeschlagen. Freizeit ist damit auch die Zeit, die außerhalb von Schule verbracht wird“ Damit wird Freizeit von formalisierter Bildung weitestgehend abgekoppelt, was allerdings nicht bedeutet, dass sie eine bildungsfreie Zeit darstellt. Ebenso wie gegenwärtig im Zusammenhang mit Freizeit und Arbeit diskutiert wird, dass beide Bereiche immer mehr aufeinander zugehen, vielleicht sogar mit einander verschmelzen, sind auch die Grenzen und Übergänge zwischen Freizeit und (informeller) Bildung als fließend zu bezeichnen.

Die Zeitzäsuren in der Freizeitentwicklung der Postmoderne zur Moderne sind nach Opaschowski (2006): Dominanz der Arbeitszeit (1950); Freizeit holt auf (1970), Freizeit überholt Arbeitszeit (1990); Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit (2010).

2.3 Freizeitansätze

Obwohl das Erleben der Freizeit kaum erforscht ist, bieten sich einige nützliche Definitionen dessen, was Freizeit ist. Unterschiedliche Formulierungen des Freizeitbegriffs prägten die vergangenen Jahrzehnte. Einige Unterscheidungen zwischen dem was wissenschaftlich unter Freizeit verstanden wird, finden sich in den folgenden Freizeitansätzen.

Der arbeitsorientierte Ansatz geht davon aus, dass Freizeit nicht ohne Arbeit existieren kann. Vertreten wird der Ansatz, dass die Freizeit überhaupt nur durch den Faktor Arbeit definiert werden könne. Indem Menschen einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, die sie während ihrer Arbeitszeit ausführen, wird Freizeit als Gegenteil von Arbeitszeit erst möglich.

Die negative Freizeitdefinition beschreibt das, was Freizeit nicht ist. Ähnlich der arbeitsorientierten Freizeitdefinition wird der negative Freizeitbegriff als Gegenteil von Arbeit verstanden. Das resultiert daraus, dass man davon ausgeht, dass Freizeit nichts Anderes sei, als die Freiheit von Arbeitszeit. Der negative Freizeitbegriff hat den Vorzug, dass er auch auf die nicht arbeitende Bevölkerung abzielt und ebenso Tätigkeiten wie Schlafen, Essen, Hygiene, Hausarbeit oder Kindererziehung der Arbeitszeit zugerechnet werden.

Der positive Ansatz grenzt Freizeit nicht mehr negativ von der Arbeitszeit ab. Freizeitinhalte und deren Funktion sind von grundlegender Bedeutung. Freizeit wird als eigenständiger Zeitraum gesehen, der von jedem gemäß seiner individuellen Freiheit, durch eigenständiges, selbstgewähltes Handeln gestaltet werden kann.

Der moderne Ansatz versucht sich der Freizeitdefinition noch von einer anderen Seite anzunähern, indem er die beiden gegensätzlichen Begriffe, Arbeit‘ und, Freizeit‘ durch einen einzigen, dem der "Lebenszeit" ersetzt. Er knüpft am positiven Freizeitbegriff an und erweiterte diesen. Die Lebenszeit wird in drei Kategorien eingeteilt: Determinationszeit, Obligationszeit und Dispositionszeit. Die Determinationszeit beschreibt die durch äußere Zwänge wie dem Verdienen des Lebensunterhalts, Erziehung der Kinder, Schlafen, Essen usw. geprägte Zeit. Die Obligationszeit ist frei von äußeren Zwängen, aber nicht wirklich frei disponible Zeit. Sie umfasst alle Dinge, die zur Lebensführung zwingend notwendig sind und die man nur in der Nicht-Arbeitszeit erledigt kann. (z.B. Wäschewaschen). Im Gegensatz zur Determinationszeit ist der Erfüllungszeitpunkt dieser Pflichten flexibel. Die Dispositionszeit ist hingegen völlig frei von jeglichen Zwängen und steht dem Individuum frei „disponibel“ zur Verfügung.

Die Zeit eines T ages, die einem Menschen zur Verfügung steht, setzt sich aus sich aus Arbeitszeit, gebundener Zeit und Freizeit zusammen. Die Arbeitszeit beträgt acht Stunden und ist tariflich geregelt. Die gebundene Zeit besteht aus den Grundbedürfnissen wie Essen, Schlafen und persönlichen Verrichtungen, Wegezeiten, Hausarbeiten und Familienbetreuung. Freizeit ist die gesamte restliche verbleibende Zeit. Sie dient der Erholung, Entspannung und Entwicklung der Persönlichkeit, sowie der Erhaltung sozialer Kontakte. Freizeit hilft, die Leistungsfähigkeit wiederherzustellen und die seelische und körperliche Energie zu fördern. Diese Zeit füllt der Mensch meist mit Dingen aus, die ihm Freude und Spaß bereiten. Dazu zählen Hobbys, wie zum Beispiel Musik, Lesen, Kunst und Sport treiben. Aber auch Aktivitäten mit Familie und Freunden nehmen einen hohen Stellenwert ein.

Schließlich kann Freizeit auch in einzelne Unterbegriffe zerlegt werden, die sich auf spezifische Elemente der Freizeit beziehen. Dabei wäre auf der analytischen Ebene zwischen mindestens drei Unterbegriffen von Freizeit zu unterscheiden: Freizeit als freie Zeit, Freizeit als Summe von Aktivitäten und Freizeit als relativ eigenständiger Bereich der individuellen und sozialen Erfahrung und Sinnstiftung. Freizeit als freie Zeit meint diejenige Zeit, die nach Abzug der vom Individuum (subjektiv) als Pflicht erlebten Zeit bleibt. Freizeit als Summe von Aktivitäten sind Handlungen, deren Ausübung vom Individuum (subjektiv) als freiwillig gewählt eingeschätzt wird. Freizeit als relativ eigenständiger Bereich der individuellen und sozialen Erfahrung und Sinnstiftung ist ein Lebensbereich oder soziales Subsystem mit spezifischen Funktionen und Strukturen, das besondere Leistungen in Bezug auf die Sinnstiftung und Identitätsbildung des Akteurs und damit auch der Gesellschaft als Ganzes erbringt.

Auf der theoretischen Ebene ist es schwierig, eine allgemein verbindliche Definition von Freizeit zu finden, die ihre mannigfaltigen Inhalte sämtlich impliziert. Es kann somit festgestellt werden, der Freizeitbegriff ist nicht eindeutig. Es vereinen sich in ihm sowohl objektive (zeitliche) wie auch subjektive (emotionale) Handlungselemente. Arbeitsfreie Zeit ist die Voraussetzung für unmittelbare persönliche Freiheit und für die Entfaltung der persönlichen Fähigkeiten

2.4 Freizeitwissenschaft

Freizeitwissenschaft umfasst die Gesamtheit jener Erkenntnisse, die nach wissenschaftlichen Grundlagen die Probleme und Erscheinungsformen von Freizeit, Freizeitgestaltung Freizeittätigkeiten und deren Rahmenbedingungen zum Gegenstand haben. (Agricola) Freizeitwissenschaft gibt es seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts. Fritz Klatt machte sich schon 1921 Gedanken über die Notwendigkeit einer "schöpferischen Pause" für Arbeitende und forderte eine Freizeithochschule.1932 veröffentlichte Pearl Greenberg die erste "psychologische Studie" über Freizeit. Johannes Feige publizierte wenig später (1936) in den "Arbeiten zur Entwicklungspsychologie" eine systematisch-historische Abhandlung über den Erlebnis-Wandel vom "Feierabend" zur "Freizeit". Umfangreiche empirische Arbeiten entstanden in den 60er Jahren. Hans Thomae untersuchte 1960 die Beziehungen zwischen Persönlichkeitsstruktur, Freizeitverhalten und sozialen Faktoren. Dieter Brinkmann und Ursula Lehr lieferten 1961 psychologische Analysen zum Verhältnis von Mensch und Freizeit. 1964 untersuchte der Schweizer Dieter Hanhart nicht mehr nur das Freizeit-"Verhalten", sondern bezog in seine empirische Untersuchung auch bestimmte Weisen des "Erlebens" ein. Reinhard Schmitz-Scherzer legte schließlich 1974 die erste systematische Monographie zur "Sozialpsychologie der Freizeit" vor. Freizeitpsychologie wurde dabei als Teil einer interdisziplinären Freizeitwissenschaft verstanden. Einen Schritt weiter ging Walter Tokarski mit seiner sozialpsychologischen Studie von 1979, in der er das Verhältnis von Arbeit und Freizeit auf der Basis des Erlebens bestimmte und Wege für eine erfahrungs-wissenschaftlich theorieorientierte Erforschung der Freizeit ebnete. Prof. Dr. Horst W. Opaschowski: prägte die Disziplin der Zukunftsforschung in Deutschland und ist wegweisender Autor mit Werken wie: „Einführung in die Freizeitwissenschaft“, „Pädagogik der freien Lebenszeit“, „Freizeit­pädagogik in der Schule“, „Aktives Lernen durch animative Didaktik“ „Pädagogik der Freizeit. Grundlegung für Wissenschaft und Praxis“.

Die 1990er Jahre lassen sich insofern als der Beginn der Etablierung einer interdisziplinären Freizeitwissenschaft deuten, zugleich aber auch als Einläuten eines Auslaufens der bisherigen Studiengänge der „Freizeitpädagogik“ (in Göttingen, Zwickau, Bielefeld und Hamburg). Zum Teil wurden sie in Studiengänge mit anderer Schwerpunkt­setzung überführt (z.B. im Bereich Interkulturelle Bildung, Erwachsenenbildung). Hierbei wird eine neue Offenheit gegenüber den anderen Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft und nicht-pädagogischen Disziplinen deutlich. Dies spiegelt sich u.a. auch in der Umbenennung der Zeitschrift ,Freizeitpädagogik‘ seit 1995 in ,Spektrum Freizeit‘ wider. Freizeit- und Tourismuswissenschaftler gründeten die Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT). Außerdem änderte die Kommission „Freizeitpädagogik“ ihren Namen in „pädagogische Freizeitforschung“. Sie unterstützte die Einrichtung des ersten freizeitwissenschaftlichen Studiengangs 1998 in Bremen. Internationale Initiativen (Erasmus) zur Entwicklung eines internationalen freizeitwissenschaftlichen Curriculums führten zur Gründung des Internationalen Studiengangs Angewandte Freizeitwissenschaft an der Hochschule Bremen. Mit der zentralen Ausrichtung auf Freizeitpädagogik, Freizeitplanung/-politik/-ökologie und Freizeitökonomie wurden die handlungsorientierten Zugänge gesichert. Freizeitwissen­schaftliche Departments bzw. Studiengänge unter dem Namen ,Leisure Studies‘ oder ,Recreational and Leisure Studies‘ entwickelten sich: z.B. Griffith University; Australien, University of Waterloo; Kanada, University of Minissota; USA, Bradford College; England, Freizeit-Freizeitpädagogik-Freizeitwissenschaft Niederlande, European Leisure Recreation Association (ELRA), die World Leisure Recreation Association (WLRA).

2.5 Freizeitforschung

Jede Zeit hat ihre eigene Forschung. Fünf Phasen der Freizeitforschung zeichnen sich ab: In den 50er Jahren entwickelte sich eine anthropologisch und kulturphilosophisch bestimmte Freizeitdiskussion. In den 60er Jahren sorgten Soziologie und Ökonomie für Grundlagendaten in der Freizeitforschung. In den 70er Jahren gaben Pädagogik und Politik den Ton an. Freizeitpädagogische und freizeitpolitische Programme wurden auf breiter Ebene diskutiert. In den 80er Jahren gingen wesentliche Impulse der Freizeitforschung von der Psychologie und Ökologie aus. Freizeitforschung war immer auch qualitative Forschung, deckte die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit auf und machte die Grenzen und Folgen des Wachstums bewusst. In den 90er Jahren dominieren Ethik und interdisziplinär­ganzheitliche Forschungsansätze. Fragen nach der Sinngebung des ganzen Lebens stehen im Mittelpunkt. Einzelwissenschaftliche Ansätze verdichten sich immer mehr zur Verwirklichung der Freizeitwissenschaft als interdisziplinäre Freizeitforschung. Die Freizeit­Hauptbereiche (Tourismus/Medien/Kultur/Sport/Konsum) korrespondieren mit interdisziplinären Sichtweisen/Aspekten der Freizeitforschung. Im Einzelnen lassen sich Tourismus-, Medien-, Kultur-, Sport- und Konsumwissenschaftliche Freizeitforschung unterscheiden. Wissenschaftstheoretisch sind drei Hauptrichtungen der Freizeitforschung ausgeprägt: (1) Die strukturfunktionalistische Theorie untersucht die Bedeutung der Freizeit für die Funktionsfähigkeit des zugehörigen sozialen Systems sowie die Rolle entsprechender Institutionen. (2) Die konflikttheoretisch orientierte Freizeitforschung untersucht den Zusammenhang von Freizeit und sozialem Konfliktpotenzial (Entfremdung). (3) Der interpretative Ansatz befasst sich mit der Sinnorientierung der Akteure im Freizeitbereich. Im Rahmen der empirischen Soziologie nehmen Forschungen zum Wandel des Freizeitverhaltens, zu bestimmten sozialen Gruppierungen (Industriearbeiter, ausländische Arbeitnehmer, Jugendliche, Landbevölkerung) vergleichsweise breiten Raum ein. Kritische Sozialforscher stehen den Entwicklungen der Freizeit skeptisch gegenüber, während konservative Freizeitforscher die mit der Zunahme der Freizeit gewachsenen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten sehen. Es hat sich gezeigt, dass es in den Arbeits- und Berufsfeldern der Freizeit komplexer Kompetenzen bedarf. Eine ausschließlich pädagogische Qualifikation reicht nicht aus. Insbesondere kaufmännische und planerische Kenntnisse werden gefordert. Nachhaltige bzw. zukunftsfähige Konzepte sind gefragt. Zudem bedarf es für die weitere Theorie- und Konzeptentwicklung umfassender Freizeitforschungen. Freizeit ist besonders stark kulturellen und sozialen Wandlungsprozessen ausgesetzt. Forschungen, die über rein pädagogische Fragestellungen hinausgehen, sind notwendig. Das BAT Freizeitforschungsinstitut sei hierfür beispielhaft genannt (Freizeitmonitor, Freizeit aktuell). Freizeitentwicklung und ihre Gestaltung stellen im Rahmen der zentralen Zukunftsbereiche.

3. Freizeitpädagogik

Freizeitpädagogik ist die pädagogische Arbeit in und über Freizeit. Sie gibt Anregung für eine sinnreiche Freizeitgestaltung, das heißt ihre Nutzung für Kultur, Erholung und soziales Engagement. Die Freizeitpädagogik bietet dem Einzelnen Alternativen gegenüber dem vorherrschenden „Konsumzwang“. Ihre Aktivitäten fördern die Persönlichkeits- und damit auch die Gesellschaftsentwicklung.

Freizeitpädagogik ist eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft, die auf individuelle und gesellschaftliche Problemlagen im Kontext von Freizeit reagiert. Sie ist für einen speziellen Problembereich zuständig, der in den anderen speziellen oder allgemeinen ,Pädagogiken‘ nicht ausreichend thematisiert wird. Die Abgrenzung zur Schulpädagogik erfolgt u.a. über den Ansatz einer spezifischen Freizeitdidaktik (vgl. Opaschowski 1990). Freizeitsituationen erfordern ein besonderes pädagogisches Handeln. Das Lernen im freizeitpädagogischen Feld orientiert sich an der Wirkung, die sich aus der Interaktion mit Dingen aus Natur und Umwelt ergeben. Dem individuellen Erleben sowie dem Gruppenprozess als Gesamtheit kommt eine wesentliche Bedeutung zu. Das wechselseitige Miteinander, die Entwicklung und Stützung von Fähigkeiten, das Herantasten, Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit Grenzen werden gefördert.

3.1 Entstehung und historische Phasen

Die Entwicklung der Freizeitpädagogik ist direkt mit der Entstehung und Entwicklung von Freizeit verbunden. Mit der Entstehung größerer zeitlicher Freiräume in der Phase der Industrialisierung werden sowohl Chancen als auch Probleme der Freizeit thematisiert. Bereits vor dem 1. Weltkrieg erfolgten erste Auseinandersetzungen mit der Gestaltung der Freizeit. Es wurden vor allem zwei Bevölkerungsgruppen besonders in den Blick genommen: die Arbeiterschaft und die Jugend. Für erstere sollten vor allem alternative Angebote zum Alkoholkonsum im Wirtshaus erstellt werden. Der Jugend sollten vor allem im Sinne eines ,erzieherischen‘ Anspruchs Fähigkeiten zur Freizeitgestaltung vermittelt werden (Giesecke, 1983). In der Weimarer Zeit setzen sich diese ,Bewegungen‘ fort. Pädagogische Einrichtungen begannen verstärkt Freizeitangebote zur Verfügung zu stellen. Eine besondere Rolle kam hier den Jugendverbänden und -vereinen zu. Durch Freizeitgestaltung in der Gemeinschaft sollte implizit ,sinnvolle‘ Freizeitgestaltung erlernt werden. Als ein weiterer freizeitpädagogisch relevanter Bereich ist die einsetzende Wanderbewegung vor allem junger Menschen zu nennen. Es fanden kurzeitpädagogische Maßnahmen in Landschulheimen, Jugendherbergen und Heimvolkshochschulen statt. Im gemeinsamen Erleben auf ,Jugendfreizeiten‘ wurde ein eigener pädagogischer Wert erkannt. Die erlebnispädagogischen Kurzschulen Kurt Hahns spiegeln diesen Ansatz wieder. Fritz Klatt war es jedoch, der als erster das Lernpotenzial auf Freizeiten explizit zum Gegenstand freizeitpädagogischer Betrachtung erhob. Seine Erfahrungen beruhen auf der mehrjährigen Leitung eines Volkshochschulheims in Prerow auf der Ostseeinsel Darß. Die besondere Lernsituation fern der täglichen Berufszwänge der berufsgebundenen jungen Menschen ermöglichte ein Lernen in der Freizeit mit unterschiedlichen Lernzielen und Lerninhalten und einer besonderen Zeitstruktur. Er führte erstmals den Begriff der ,Freizeiterziehung‘ ein, die jedoch nach wie vor dem Beruf, der Arbeit dienen sollte. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme veränderten sich die Freizeitbedingungen grundsätzlich. Alle bisherigen demokratischen Bestrebungen und vielfältigen Bewegungen in der Freizeit kamen zum Erliegen. Es wurden kaum andere Organisationen neben der staatlichen NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF, gegründet 1933) geduldet. Es erfolgte eine umfassende staatliche Kontrolle und Organisation der Freizeit im Sinne der NS-Ideologie. Bisherige Jugendorganisationen wurden aufgelöst oder gingen in die HJ (Hitler-Jugend) über. Da jedwedes demokratische Freiheitsdenken damit vernichtet wurde, spricht Nahrstedt (1990, S. 105) von einer Pervertierung der Freizeitgestaltung und einer faktischen Vernichtung der Freizeitpädagogik. Nach 1945 starteten die Diskussionen zur Freizeitpädagogik erneut. Die Weiterentwicklung nach dem 2. Weltkrieg soll hier kurz in Anlehnung an Nahrstedt (1990, S. 108ff) skizziert werden. Progressive Freizeitpädagogik (1945-1966), Emanzipatorische Freizeitpädagogik (1967-1979), Freizeitpädagogik (seit 1980), Innovatorische Postmoderne Freizeitpädagogik als Perspektive?

Die Progressive Phase ist gekennzeichnet vom Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und ersten Modernisierungen. Die Arbeitsorientierung steht im Zentrum, doch werden zunehmend aus der Freizeit heraus die traditionellen Wertorientierungen in Frage gestellt. Die Phase erscheint progressiv, da „schrittweise die Freizeit als eigenständiger Ausgangspunkt für die Freizeitpädagogik entdeckt" wird (Nahrstedt, 1995 S. 109). Freizeit wird als Erholungszeit, als Mußezeit und mit der expandierenden Freizeit- und Konsumindustrie auch als Konsumzeit diskutiert.

In der emanzipatorischen Phase wurde vor allem eine politische Perspektive entwickelt. In Orientierung an den erziehungswissenschaftlichen Diskussionen wird der Emanzipationsbegriff der Kritischen Theorie rezipiert. Im Kontext von Systemkritik wird eine demokratische Freizeitpädagogik gefordert, die auch mögliche Entfremdungen in der Freizeit thematisiert und die Entwicklung von Handlungskompetenzen fördert. Die Realität der Freizeitpraxis und Freizeitsozialisation wird zum Ausgangspunkt gewählt. Mit anderen Worten, die Lebenswelt jenseits des ökonomischen und staatlichen Systems. Animation und Soziokultur werden zu Leitbegriffen. Die empirischen Untersuchungen des BAT Freizeitforschungsinstituts (jetzt: Stiftung für Zukunftsfragen) zeigen, der freizeitkulturelle (erlebnisorientierte) Lebensstil setzt sich immer mehr gegen die Arbeitszentrierung durch.

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Details

Seiten
33
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668518032
ISBN (Buch)
9783668518049
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374188
Institution / Hochschule
Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam
Note
0,7
Schlagworte
lernen freizeit freizeipädagogik bedeutung lernfelder

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Titel: Lernen in der Freizeit? Freizeipädagogik und die Bedeutung informeller Lernfelder