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Rezeptionsästhetik. Die Ansätze von Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser im Vergleich

Eine kritische Betrachtung

Seminararbeit 2017 18 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehung der Rezeptionsästhetik

3. Rezeptionsästhetik nach Wolfgang Iser

4. Kritik an Wolfgang Iser

5. Rezeptionsästhetik nach Hans Robert Jauß

6. Kritik an Hans Robert Jauß

7. Vergleich der beiden Positionen

8. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Im Laufe der vielen Jahrhunderte, in denen Literatur nun bereits existiert, wurde sich auf die verschiedensten Arten und Weisen mit Texten auseinandergesetzt. Daher gibt es seit geraumer Zeit Literaturtheorien, mit deren Hilfe Wissenschaftler versuchen, die Bedeutung von Literatur zu erklären. In der Literaturtheorie der Rezeptionsästhetik, die Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein soll, wird das Augenmerk vor allem auf den Leser als denjenigen gelenkt, der die Bedeutung des Textes generiert und damit ausschlaggebend für die Interpretation von Literatur ist. Als Gegenbewegung zum Biographismus, in welchem die Bedeutung des Textes vor allem aus der Biographie des Autors hergeleitet wurde, wird der Schwerpunkt in der Rezeptionsästhetik auf den Rezipienten verlagert.

Innerhalb dieser Literaturtheorie gibt es zwei zentrale Positionen, die in einigen Bereichen voneinander abweichen. Die wichtigsten Vertreter dieser Positionen sind Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser, deren Positionen in dieser Arbeit kritisch betrachtet und einander gegenübergestellt werden sollen. Dabei wird mein Hauptaugenmerk darauf liegen, ob einer der beiden Vertreter einen überzeugenderen Erklärungsansatz für den Verstehensprozess von Literatur hat als der andere.

2. Entstehung der Rezeptionsästhetik

Um die beiden Theorieansätze von Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser angemessen vorstellen und schließlich miteinander vergleichen zu können, werde ich zunächst die wichtigsten Merkmale der Rezeptionsästhetik erläutern und dabei bereits allgemein auf ihre beiden wichtigsten Vertreter eingehen. Dieses Kapitel soll daher einen groben Überblick geben, um die beiden Positionen Jauß‘ und Isers schließlich besser in Abgrenzung zu anderen Literaturtheorien verstehen zu können.

Ende der 60er Jahre, als Antwort auf die bisherigen, für defizitär gehaltenen Literaturtheorien wie den Strukturalismus, die Hermeneutik oder den Biographismus, entstanden durch den Romanisten Hans Robert Jauß und den Anglisten Wolfgang Iser die unterschiedlichen Ansätze der Rezeptionsästhetik. Bekannt wurden diese unter den Begriffen der „Konstanzer Schule“ und der „Rezeptionsästhetik“. Im Folgenden werden diese beiden Ansätze unter dem Begriff der Rezeptionsästhetik gefasst, da diese häufig als Synonym für Rezeptionstheorien überhaupt verwendet wird. In beiden Ansätzen ging es den Wissenschaftlern vor allem darum, den Leser in den Mittelpunkt der Theorie zu rücken und somit den dialogischen Kreis von Text und Autor auf den Leser zu erweitern. Während Jauß sich in seiner Theorie aber vor allem literaturgeschichtlich orientiert, legt Iser den Fokus auf den Akt des Lesens selbst.[1]

Im Gegensatz zur Theorie des Strukturalismus, in der im Text bereits der literarische Sinn verhaftet und universell für alle Zeiten festgeschrieben ist, verlagern sowohl Jauß als auch Iser ihren Schwerpunkt vom Text weg auf den Leser und stellen so mit ihrer Theorie eine Ablösung der werkimmanenten Methode dar. Wie der Name Rezeptionsästhetik bereits vermuten lässt, ist die Erfassung von Sinn eines literarischen Werks bei beiden Theorieansätzen nur durch die Rezeption von Literatur durch den Leser möglich.

Wie Jauß selbst sagt ist die Rezeption in älterer Lehre ein passiver Akt des Empfangens einer Botschaft des Textes. Er und Iser hingegen vertreten eine modernere Auffassung, in der der Text nicht mehr als vom Autor vorgegeben gilt, sondern der Fokus auf den subjektiven Bedingungen des Verstehens liegt. Denn erst so können alte Texte auch in späteren Kontexten immer wieder anders interpretiert und Antworten auf Fragen gefunden werden, die sich im Entstehungskontext des literarischen Werks vielleicht noch gar nicht stellen konnten. Der Weg ging demnach von empfangender zu produktiver Rezeption, zu deren Vertreter sich auch Jauß und Iser zählen.[2]

Obwohl sowohl Jauß als auch Iser den Leser einmal als historischen und einmal als impliziten Leser in den Mittelpunkt ihrer Litertaturtheorie rücken, gibt es doch grundlegende Unterschiede zwischen beiden Ansätzen.[3] Daher werde ich zunächst die Positionen beider Vertreter einzeln erläutern, sie kritisch betrachten und schließlich im Hinblick auf ihre Schwachstellen miteinander vergleichen.

3. Rezeptionsästhetik nach Wolfgang Iser

Für Isers Ansatz einer Literaturtheorie ist der Leser Mittelpunkt seiner Erklärungen. Als Antwort auf Theorien wie den Strukturalismus erläutert er, dass Bedeutungen eines Textes nicht ausschließlich im Text selbst verankert sein können, weil Bedeutungen sich auch bei gleichbleibenden Wörtern immer wieder verändern.[4] Daher kann der Sinn nicht im Text selbst verhaftet sein, sondern muss im Prozess des Lesens generiert werden:

Offensichtlich aber muß der Text einen Spielraum von Aktualisierungsmöglichkeiten gewähren, denn er ist zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Lesern immer ein wenig anders verstanden worden, wenngleich in der Aktualisierung des Textes der gemeinsame Eindruck vorherrscht, daß die ihm eröffnete Welt, so historisch sie auch sein mag, ständig zur Gegenwart werden kann.[5]

Diese Aktualisierungsmöglichkeiten, von denen Iser spricht, werden in seiner Theorie auch Leerstellen genannt. Sie entstehen zwischen den sogenannten „schematisierten Ansichten“. Diesen Begriff übernimmt Iser von Ingarden, von dem er auch das Konzept der Leerstellen entlehnt hat. Diese schematisierten Ansichten stellen einen Gegenstand in einer repräsentativen Weise vor, können ihn jedoch nie in seiner Gänze wiedergeben. Dort, wo Bestimmungen eines solchen Gegenstands fehlen, entstehen demnach Leerstellen.[6]

Von diesen Leerstellen gibt es verschiedene Arten, da sie sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen befinden können, nämlich innerhalb der Textpragmatik, der Syntax oder der Semantik und dementsprechend eine andere Wirkung ausüben. Je nach Technik, mit der die einzelnen Handlungsstränge aneinandergereiht werden, wie zum Beispiel Montagetechnik oder Oppositionsprinzip, können dann mehr oder weniger Leerstellen entstehen.[7]

Die Verknüpfung der Handlungsstränge, die dann nicht explizit im Text erklärt wird, übernimmt somit der Leser. Er stellt die Beziehung zwischen den einzelnen schematisierten Ansichten her und erschafft somit erst eine ganzheitliche Geschichte.[8] Daher sind Leerstellen Appelle an den Leser, Konkretisationen durchzuführen, weshalb bei Isers Konzept auch von der Appellstruktur der Texte gesprochen wird.[9] Dabei bezeichnen diese Leerstellen aber keine Bestimmungslücke, die einfach durch die Vorstellungskraft des Lesers gefüllt wird wie bei einer fehlenden Beschreibung der Haarfarbe. Anstatt den Text durch die eigene Vorstellung zu komplettieren geht es Iser darum aufzuzeigen, dass Leerstellen eine Kombinationsnotwendigkeit erschaffen: „Indem die Leerstellen eine ausgesparte Beziehung anzeigen, geben sie die Beziehbarkeit der bezeichneten Positionen für die Vorstellungsakte des Lesers frei; sie ‚verschwinden‘, wenn eine solche Beziehung vorgestellt wird.“[10] Die Textkohärenz wird damit erst vom Leser selbst hergestellt, der aus einer Vielzahl an möglichen Anschlussmöglichkeiten wählen und somit die Leerstellen füllen muss.[11] Dies kann beispielsweise zwischen unterschiedlichen Textsegmenten der Fall sein, die unvermittelt aneinanderstoßen, wie es manchmal bei verschiedenen Kapiteln eines Buches vorkommt.[12] So kann ein plötzlicher Perspektivwechsel zwischen mehreren Figuren eine Leerstelle erzeugen, die der Leser erst durch seine eigenen Überlegungen füllen muss.[13] Der Text präsentiert sich demnach als eine Folge von Aspekten, die erst im Bewusstsein des Lesers, vorgegeben durch Schemata im Text, zu einer Gesamtheit geformt werden.[14]

Dieser Mitvollzug am Geschehen durch die Leerstellen ist es auch, der ein literarisches Werk erst spannend macht, da man das eigens miterschaffene Geschehen oft als realer empfindet. Sehr gezielt nutzen diesen Spannungsvorteil der Leerstellen vor allem Fortsetzungsromane, die die Beteiligung am Geschehen genau dadurch erhöhen, dass der Leser die Leerstelle zunächst mit eigenen Gedanken ausfüllt, bis er in der nächsten Ausgabe den tatsächlichen Fortgang der Geschichte erfährt.[15]

Damit solche Leerstellen nicht willkürlich vom Leser gefüllt werden, gibt es verschiedene Arten der Leserlenkung. Eine Art dieser Leserlenkungen wird durch den Erzählerkommentar vollzogen. Dieser kann beispielsweise so stark gegen die moralischen Wertvorstellungen des Lesers sprechen, dass der Leser automatisch brüskiert ist und das Geschehen daher noch stärker als ungeheuerlich empfindet.[16] Auch, wenn der Text wie in einem solchen Fall keine direkte Intention verbalisiert, entsteht diese doch aus dem Zusammenwirken von Text und Rezeption.[17] Dieses Zusammenspiel zwischen Text und Leser bezeichnet Iser auch als Interaktion. Eine solche kommunikative Interaktion zwischen Text und Leser funktioniert aber erst dann, wenn sie durch gewisse Steuerungskomplexe innerhalb des Textes vorgegeben wird wie durch den oben genannten Erzählerkommentar. Solche Steuerungselemente im Text verhindern die Willkür der Deutung des Lesers.

Als ein weiteres Beispiel für die Interaktion von Text und Leser zieht Iser Jane Austen heran, die im Dialog bewusst Leerstellen lässt, die den Leser dazu anregen, das Ausgesparte selbst zu projizieren. Dieses Verschwiegene verleiht dem Gesagten schließlich eine ganz andere Bedeutung, als es der reine Wortlaut zunächst vermuten lassen würde. Dieses Beispiel zeigt auf, dass der Sinn eines literarischen Werks erst in der Verschränkung von Text und Leser zutage gefördert werden kann und nicht der Text für sich allein:[18] „Denn es kennzeichnet die Leerstellen eines Systems, daß sie nicht durch das System selbst, sondern nur durch ein anderes System besetzt werden können.“[19] Leerstellen regulieren somit die Vervollständigungen des Lesers ebenso wie Negationen des Textes. Solche Negationen rufen zunächst Bekanntes auf, wie beispielsweise durch ihre Gattung, um dieses Bekannte schließlich zu negieren und somit eine Veränderung der Einstellung des Lesers zu bewirken.[20]

Iser geht dabei noch einen Schritt weiter. Er charakterisiert literarische Texte vor allem auch dadurch, dass die Intention des Textes in der Regel nicht ausformuliert ist und daher das wichtigste Element ungesagt bleibt. Die Intention des Textes liegt demnach nicht im Text selbst verankert, sondern in der Einbildungskraft des Lesers[21]: „Als Umschaltstelle funktioniert Unbestimmtheit insofern, als sie die Vorstellungen des Lesers zum Mitvollzug der im Text angelegten Intention aktiviert. Das aber heißt: Sie wird zur Basis einer Textstruktur, in der der Leser immer schon mitgedacht ist.“[22] Der Leser ist dementsprechend bereits bei der Produktion des Textes mitgedacht, da er für das Verstehen und die Gesamtheit des Textes zentral ist, denn der Text besteht aus zwei Polen, dem künstlerischen und dem ästhetischen. Der künstlerische Pol ist der Text, der ästhetische ist die vom Leser geleistete Konkretisation. Daraus folgt für Iser, dass ein literarisches Werk weder mit dem reinen Text noch mit der reinen Konkretisation durch den Leser übereinstimmt, sondern immer mehr ist, als die beiden Pole für sich allein.[23] Da beide Pole demnach grundlegend für den literarischen Text sind, folgert Iser daraus: „Der Text gelangt folglich erst durch die Konstitutionsleistung eines ihn rezipierenden Bewußtseins zu seiner Gegebenheit, so daß sich das Werk zu seinem eigentlichen Charakter als Prozeß nur im Lesevorgang zu entfalten vermag.“[24] Die Bedeutung des Textes ist demnach keine im Text versteckte Größe, sondern wird erst im Lesevorgang generiert.[25]

Dabei unterscheidet Iser in Vorstellungen ersten und zweiten Grades, die Folge einer solchen Leerstelle sind: „Vorstellungen zweiten Grades ergeben sich immer dann, wenn die von der Vorstellung des ersten Grades geweckte Erwartung nicht eingelöst wird.“[26] Mit Vorstellungen zweiten Grades reagieren wir demnach auf die Vorstellungen ersten Grades, die wieder verworfen werden müssen. Dies bewirkt eine stärkere Auseinandersetzung mit dem rezipierten Text und ist meist Ziel der Leerstellen, die zunächst eine bestimmte Erwartung hervorrufen, um diese schließlich zu negieren.[27] Zusätzlich zur stärkeren Auseinandersetzung mit der Literatur erzeugen solche Negationen auch eine gewisse Horizonterweiterung, indem sie uns dazu bringen, unsere alten Vorstellungen zu verwerfen und neue zu formen, die wir so bis dahin noch nicht hatten.[28]

Aus einer historischen Perspektive betrachtet erklärt Iser in seinem Theorieansatz auch, dass soziale Normen sowie zeitgenössische und literarische Anspielungen sich als Schemata erweisen, „die den Umfang aufgerufener Erinnerung bzw. des geweckten Wissensvorrats konturieren.“[29] Daher kann nur durch eine historische Rekonstruktion der damaligen Ansichten der historische Sinn eines literarischen Werks widerhergestellt werden.[30] Und erst, wenn diese Schemata in gewisser Weise durch den Text modalisiert beziehungsweise negiert oder aufgehoben werden, spricht Iser von einem ästhetischen Vorgang.[31] Das heißt, Iser bemisst die Ästhetik eines literarischen Werks daran, ob die bisher geltenden Normen und Erwartungen des Lesers durch den Prozess der Rezeption verändert werden. Dabei generiert das, was der Leser bereits gelesen hat, auch die Erwartungen an das noch Kommende innerhalb des literarischen Werks. Daher wird der vergangene Textsinn zu jedem Zeitpunkt der Rezeption mit Erwartungen über zukünftige Sinneinheiten verbunden.[32]

In Isers Theorieansatz ist vor allem zentral und daher besonders hervorzuheben, dass bei ihm der Leser kein reeller Leser ist, sondern eine spezielle Textstruktur, in der der Leser bereits mitgedacht ist. Daher wird bei Iser auch vom impliziten Leser gesprochen. Da jeder Leser aus seiner eigenen Erfahrungsgeschichte herausgehoben werden soll, muss der Leserblickpunkt im Text eingewoben sein.[33] Iser erklärt dementsprechend nicht, wie ein realer Leser mit dem Text umgeht, sondern, wie ein Text durch spezielle Elemente das Verstehen des Lesers lenkt:[34] „Er verkörpert die Gesamtheit der Vororientierungen, die ein fiktionaler Text seinen möglichen Lesern als Rezeptionsbedingungen anbietet.“[35] Der implizite Leser bezeichnet dementsprechend eine Textstruktur, in der der Empfänger immer schon vorgedacht ist.[36]

4. Kritik an Wolfgang Iser

Isers Theorieansatz der Rezeptionsästhetik ist aufgrund ihrer starken Subjektivierung an einigen Stellen kritikwürdig. Daher werde ich im Folgenden einige Erklärungen von Iser hinterfragen und sie kritisch auf ihre praktische Umsetzbarkeit hin prüfen.

Eine häufige Kritik an Isers Theorieansatz ist die Willkür der Deutung eines literarischen Werks. Iser aber setzt dieser Kritik die Textstrukturen entgegen, die eine willkürliche und somit nicht mehr nachvollziehbare Deutung eines literarischen Werks verhindern und eine wissenschaftliche Kommunikation über Literatur weiterhin ermöglichen sollen. Sie bilden nach Iser das Grundgerüst für alle Deutungen und lenken den Leser durch spezielle Techniken. Problematisch wird es aber, wenn diese Leserlenkung auf Vorannahmen basiert. So spricht Iser beispielsweise von Leserlenkung in Bezug auf die moralischen Einstellungen der Leser. Ein Erzählerkommentar, der bewusst gegen die moralischen Werte des Lesers spricht, erzeugt eine noch größere Empörung bei diesem. Dies ist aber nur der Fall, wenn der Leser eben diese moralischen Werte auch tatsächlich vertritt. Hier wird deutlich, dass Iser mit einem Durchschnittsleser kalkuliert. Das aber wiederum bedeutet, dass es immer eine Menge an Lesern geben wird, die einen Text ganz anders deuten und verstehen als eben dieser Durchschnittsleser.

Dieses Problem entsteht ebenfalls bei Isers Bewertung der Ästhetik eines literarischen Werks. Für ihn bemisst sich Ästhetik daran, ob Schemata wie soziale Normen durch einen Text modalisiert werden. Erst, wenn der Leser eine gewisse Horizonterweiterung durch einen Text erfährt, kann dieser für Iser als ästhetisch gelten. Hier entsteht nun erneut das Problem, dass Iser dabei von gewissen Schemata ausgeht, die der reale Leser so aber möglicherweise gar nicht lebt und empfindet. Indem der Leser aber als impliziter Leser bereits in den Textstrukturen vorgedacht ist, werden hier spezielle soziale Normen angesprochen und als die für den Leser geltenden Normen qualifiziert. Wenn sich der Leser mit diesen Normen aber nicht identifiziert, kann auch keine vom Autor intendierte Horizonterweiterung des Lesers stattfinden. Daher ist das Kriterium, mit dem Iser die Ästhetik von Literatur bemisst, stark vom individuellen Leser, seinen Erfahrungen, Erwartungen und Einstellungen abhängig, obwohl doch gerade die Ästhetik eines literarischen Werks nicht am Leser, sondern am Werk selbst festgemacht werden sollte.

Des Weiteren ist Isers impliziter Leser bereits im Text durch die Leerstellen vorgedacht und somit im Text fundiert. Fraglich ist hier allerdings, inwieweit dies mithilfe der Leerstellen tatsächlich, wie Iser es beschreibt, intentional geschieht. Ein mitgedachter Leser müsste vom Autor bewusst bei der Setzung von Leerstellen eingebracht werden, doch viele der Leerstellen sind nicht unbedingt intentional gesetzt, sondern sprachbedingt. Denn es ist vielmehr die Eigenart von Sprache, real existierende Objekte nicht in ihrer Gänze wiedergeben zu können, als dass Leerstellen in jedem Moment des Textes intentional eingearbeitet würden. Anders verhält sich dies jedoch bei speziellen Techniken wie der Montage- oder der Segmentiertechnik. Leerstellen, die durch solche Techniken explizit hervorgerufen werden, werden vom Autor speziell im Hinblick auf die Rezeption durch den Leser entworfen und eingesetzt. Hier müsste Iser expliziter zwischen sprachbedingt unausweichlichen Leerstellen innerhalb von Beschreibungen und solchen Leerstellen, die beispielsweise intentional zwischen Handlungssträngen gesetzt werden, unterscheiden. In diesem Zusammenhang spricht Iser auch von der unterschiedlichen Wirkung und Funktion von Leerstellen auf den verschiedenen Ebenen der Textpragmatik, der Syntax und der Semantik. Welche Wirkungen das aber im Einzelnen sind, expliziert er nicht.

Anhand der genannten Kritikpunkte ist zu erkennen, dass Isers Theorie einige Schwachstellen aufweist, die in der Praxis schwer umzusetzen sind. Im Folgenden werde ich die Rezeptionsästhetik nach Hans Robert Jauß erläutern und sie ebenfalls kritisch betrachten, um dann schlussfolgern zu können, ob eine der beiden Theorien überzeugendere Erklärungen für den Verstehensprozess von Literatur bietet.

5. Rezeptionsästhetik nach Hans Robert Jauß

Jauß vertritt, ähnlich wie Iser, einen Theorieansatz, in welchem der Leser im Mittelpunkt steht. Für Jauß aber steht dabei vor allem der historische Aspekt von Literatur im Fokus, da es für ihn keine ewig überdauernden, zeitlosen Wahrheiten in Texten gibt.[37] Der Leser nimmt bei ihm dabei die Rolle des historischen Lesers ein, dessen Horizont im Verstehensprozess ständig wieder umgeformt wird.

Dieser Horizont entsteht durch die Erwartungen, die der Leser an einen literarischen Text hat. Solche Erwartungen wiederum werden durch Signale des Textes generiert, wie beispielsweise die Gattung, ebenso wie durch vorherige Leseerfahrungen des Interpreten. Dabei können diese Erwartungen vom Text bestätigt oder aber negiert werden. Eine Enttäuschung der eigenen Erwartung kann auch für zukünftige Leseerlebnisse prägend sein, nämlich insofern, als dass durch neue Erfahrungen die eigenen Erwartungen umgeformt werden. Jede Rezeption von Literatur nimmt daher Einfluss auf zukünftige Erwartungen, die der Leser an einen Text stellt.[38]

Dieser Erwartungshorizont verändert sich im Laufe eines Rezeptionsvorgangs immer wieder durch Negationen der vom Text oder aus vorherigen Erfahrungen entstandenen Erwartungen. Erst solche Enttäuschungen von Erwartungen können dann schließlich auch zu einer Horizonterweiterung führen.[39] Daher bemisst sich für Jauß der literarische Wert eines Werks auch an genau dieser Differenz zwischen eigener Erwartung und der Erfahrung, die wir durch den Text machen. Diese Differenz nennt er auch „ästhetische Distanz“. Je größer diese ästhetische Distanz ist, desto höher schätzt Jauß seinen ästhetischen Wert ein.[40]

Dieses Verständnis von Literaturrezeption erklärt den historischen Aspekt, den Jauß in seiner Theorie sehr stark gewichtet: „Gewiß liegt es immer schon im Wesen geschichtlicher Erkenntnis, daß Erfahrungen und Erwartung nicht zur Dekkung gelangen, die Zukunft niemals aus Vergangenem allein abgeleitet werden kann.“[41] Für Jauß ist die Rezeption von Literatur ein Teil geschichtlicher Erkenntnis, weshalb er den Moment des Verstehens nur im geschichtlichen Verlauf der Horizonte zu ermitteln versteht. Dafür muss zwischen dem historischen Horizont und dem gegenwärtigen Horizont des aktuellen Lesers vermittelt werden.[42] Dabei stellt Jauß heraus, dass für die Erfahrbarkeit von Literatur eine Anknüpfung an bisherige Erfahrungen von grundlegender Wichtigkeit ist, denn wenn ein Text alle bisherigen Erfahrungen zunichtemachen würde, hätte der Leser keinerlei Bezug zum Geschehen. Für Jauß muss daher in Literatur immer auch die Möglichkeit zur Aktualisierung und damit Möglichkeit für einen Gegenwartsbezug bestehen, da das historisch vollkommen andere ebenfalls zur Unerfahrbarkeit von Literatur führen würde. So muss auch das Neue aus dem Alten und Vertrauten heraus verstanden werden.[43] In jedem aktuellen Horizont sind daher bereits weitere potentielle Horizont angelegt, die durch neue Erfahrungen generiert werden könnten. Erfahrung bildet sich dabei aus der Erfüllung oder der Enttäuschung von Erwartungen an den Text.[44]

Die Horizonte, von denen Jauß spricht, sind immer gegenwarts- und individuenbezogen.[45] Um den Sinn eines Textes zu konstruieren, müssen demnach auch die Horizonte der damaligen Leser berücksichtigt werden. Daher kann der Sinn eines Werks immer nur Schritt für Schritt im Lauf der Geschichte konkretisiert werden, um die historischen Abläufe zu berücksichtigen und durch sie die Horizonte zu rekonstruieren.[46] Das einzelne Werk muss daher in die literarische Reihe eingerückt werden, damit seine geschichtliche Stellung und Bedeutung im Erfahrungszusammenhang der Literatur erkannt werden kann. So hat ein neues Werk Lösungen für Probleme, die ein vorheriges Werk noch nicht hatte, wirft aber wiederum neue Probleme auf, die sich für das alte Werk so noch nicht stellen konnten.[47] Um aber die Funktion eines Werks in der historischen Reihe erkennen zu können, muss zunächst einmal das Problem identifiziert werden, auf das das Werk eine Lösung bietet. Erst in diesem Spiel aus Problem und Lösung kann die Bedeutung eines Werks für die Geschichte ebenso wie der historische Erwartungshorizont der Leser rekonstruiert werden.[48] In Jauß‘ eigenen Worten: „Jede Erfahrung hat ihren Erwartungshorizont: alles Bewußtsein steht als Bewußtsein von etwas immer auch im Horizont schon gebildeter und noch ausstehender Erfahrungen.“[49] Daher können Verstehenshorizonte nur im Verlauf der Geschichte rekonstruiert werden und nie losgelöst aus ihrem geschichtlichen Kontext. Diese Rekonstruktion des historischen Horizonts ist für Jauß unabdingbar für den Prozess des eigenen Verstehens des literarischen Werks, da wir die Vorordnung dieses Horizonts für unseren gegenwärtigen Verstehenshorizont benötigen.[50] Erst im Fluss und unter der Berücksichtigung der Geschichte können wir den Sinn eines Werks tatsächlich begreifen. Daher sind für Jauß literarisches und geschichtliches Verstehen unzertrennbar miteinander verschränkt: „Wäre der ursprüngliche Horizont des vergangenen Lebens nicht immer schon vom späteren Horizont unserer Gegenwart umfaßt, so wäre auch geschichtliches Verstehen nicht möglich.“[51]

Jauß betont weiterhin, dass bei der Berücksichtigung des historischen Horizonts für unser eigenes Verstehen die Horizonte nicht einfach angeglichen werden dürfen. Vielmehr soll eine Verschmelzung zwischen dem historischen und dem eigenen Horizont zu neuen Deutungsmöglichkeiten führen. Diese ergeben sich eben erst durch die Vermittlung beider Horizonte und eröffnen so neue Interpretationen, die die damals lebenden Menschen vielleicht so gar nicht wahrnehmen konnten.[52] Kommunikation entsteht nach Jauß daher nicht durch naive Horizontverschmelzung, sondern dadurch, dass „die eigene Erwartung durch die Erfahrung des anderen korrigiert und erweitert wird.“[53] So entsteht bei Jauß der Begriff des dialogischen Verstehens, da Verstehen von Literatur immer nur im wechselseitigen Austausch zwischen dem eigenen und dem fremden Horizont geschehen kann.

Ähnlich wie Iser wird auch Jauß häufig ein gewisser Psychologismus in seiner Theorie vorgeworfen. Diesem Vorwurf stellt Jauß aber entgegen, dass sich ein neues literarisches Werk nie als völlige Neuheit präsentiert, sondern durch versteckte Signale, Ankündigungen und vertraute Merkmale Erinnerungen an bereits Gelesenes weckt und somit an Erfahrungen anknüpft. Daher ist der Rezeptionsprozess kein Vorgang bloß subjektiver Eindrücke, sondern ein durch den Text gelenkter Wahrnehmungsprozess.[54] Idealerweise zählt ein Autor Werke auf, deren typischen Merkmalen er mit seinem Werk bewusst entgehen möchte.[55] Wenn solche expliziten Signale aber fehlen, benennt Jauß drei andere, mit denen er dem Psychologismus entgehen will:

Die Analyse der literarischen Erfahrung des Lesers entgeht dann dem drohenden Psychologismus, wenn sie Aufnahme und Wirkung eines Werks dem objektivierbaren Bezugssystem der Erwartungen beschreibt, das sich für jedes Werk im historischen Augenblick seines Erscheinens aus dem Vorverständnis der Gattung, aus der Form und Thematik zuvor bekannter Werke und aus dem Gegensatz von poetischer und praktischer Sprache ergibt.[56]

Der erste Punkt, das Vorverständnis der Gattung, kann Iser zufolge auf eine Gruppe von Lesern verallgemeinert werden und bietet somit durch eine Objektivierung und Verallgemeinerung der Lesererwartungen zu einem bestimmten Zeitpunkt die Möglichkeit, historische Erwartungshorizonte zu rekonstruieren.[57]

Des Weiteren können implizite Beziehungen zu dem Leser bereits bekannten Werken der literaturhistorischen Umgebung einen Bezugsrahmen bilden und sind somit ein weiteres Kriterium im objektivierbaren Bezugssystem der Erwartungen. Schließlich ist es der Gegensatz aus Fiktion und Wirklichkeit, demnach also der Abgleich zwischen der eigenen Lebensrealität und der im Werk dargestellten Welt, die es ermöglicht, Erwartungen an den Text zu objektivieren und somit eine Rekonstruktion des historischen Erwartungshorizonts zu ermöglichen. Dieser Faktor schließt ein, dass ein Leser ein Werk einerseits im Horizont der literarischen Erwartung, andererseits aber auch im Horizont seiner Lebenserfahrung wahrnehmen kann.[58]

In diesem Zusammenhang hat Literatur für Jauß auch eine gesellschaftliche Funktion:

Die gesellschaftliche Funktion der Literatur wird erst dort in ihrer genuinen Möglichkeit manifest, wo die literarische Erfahrung des Lesers in den Erwartungshorizont seiner Lebenspraxis eintritt, sein Weltverständnis präformiert und damit auch auf sein gesellschaftliches Verhalten zurückwirkt.[59]

Diese gesellschaftliche Funktion entsteht demnach dann, wenn die literarische Erfahrung des Lesers Einfluss auf den Erwartungshorizont seiner Lebenspraxis nimmt und dadurch sein Weltverständnis beeinflusst. Somit würde sich Literatur letztlich auch auf das gesellschaftliche Verhalten des Lesers auswirken.[60]

Insgesamt ist Jauß mit seinem historischen Theorieansatz der Rezeptionsästhetik vor allem an überindividuellen, gesellschaftlichen Funktionen von Texten interessiert. Sein besonderes Interesse wird dabei solchen Texten zuteil, die bestimmte Gattungsmerkmale bewusst missachten und so einen Horizontwandel des Lesers herbeiführen.[61] Diese Erwartungshorizonte sind dabei von vielen Faktoren beeinflusst, unter anderem sehr individuellen Faktoren wie der Bildung, der Religion, der Geschlechterrolle und vielem mehr. Daher müssten nicht nur historisch literarische, sondern auch außerliterarische Daten hinzugezogen werden, um historische Horizonte zu rekonstruieren. Jauß‘ Konzept des Erwartungshorizontes ist somit eine Aufforderung zur kontextuellen Betrachtung von Literatur.[62] Inwieweit diese aber auch praktisch umzusetzen ist, werde ich im folgenden Kapitel kritisch betrachten.

[...]


[1] Vgl. Ralf Schneider: Rezeptionstheorien. In: Ralf Schneider (Hg.): Literaturwissenschaft in Theorie und Praxis. Eine anglistisch-amerikanische Einführung. Tübingen 2004, S. 192.

[2] Vgl. Hans Robert Jauß: Die Theorie der Rezeption – Rückschau auf ihre unerkannte Vorgeschichte. Konstanz 1987 (= Konstanzer Universitätsreden 166), S. 9.

[3] Vgl. ebd., S. 15.

[4] Vgl. Wolfgang Iser: Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa. 2. unv. Aufl. Konstanz 1971 (= Konstanzer Universitätsreden 28), S. 6f.

[5] Ebd., S. 8.

[6] Vgl. ebd., S. 14f.

[7] Vgl. ebd., S. 23.

[8] Vgl. ebd., S. 14f.

[9] Vgl. Schneider 2004, S. 194.

[10] Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München 1976, S. 284.

[11] Vgl. ebd., S. 285f.

[12] Vgl. ebd., S. 288.

[13] Vgl. ebd., S. 302.

[14] Vgl. ebd., S. 238.

[15] Vgl. Iser 1971, S. 16f.

[16] Vgl. ebd., S. 22.

[17] Vgl. ebd., S. 25.

[18] Vgl. Iser 1976, S. 264f.

[19] Ebd., S. 266.

[20] Vgl. ebd., S. 267.

[21] Vgl. Iser 1971, S. 33.

[22] Ebd., S. 33.

[23] Vgl. ebd., S. 38.

[24] Ebd., S. 39.

[25] Vgl. Oliver Jahraus: Literaturtheorie. Theoretische und methodische Grundlagen der Literaturwissenschaft. Tübingen 2004, S. 305.

[26] Iser 1976, S. 290.

[27] Vgl. ebd., S. 292.

[28] Vgl. ebd., S. 293.

[29] Ebd., S. 233.

[30] Vgl. ebd., S. 247.

[31] Vgl. ebd., S. 233.

[32] Vgl. Schneider 2004, S. 194.

[33] Vgl. Iser 1976, S. 246.

[34] Vgl. Schneider 2004, S. 196.

[35] Iser 1976, S. 196.

[36] Vgl. ebd., S. 196.

[37] Vgl. Schneider 2004, S. 193.

[38] Vgl. Hans Robert Jauß: Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Frankfurt am Main 1991, S. 696.

[39] Vgl. ebd., S. 661f.

[40] Vgl. Hans Robert Jauß: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt am Main 1970, S. 178.

[41] Jauß 1991, S. 663.

[42] Vgl. ebd., S. 658.

[43] Vgl. ebd., S. 665.

[44] Vgl. ebd., S. 666.

[45] Vgl. ebd., S. 667.

[46] Vgl. ebd., S. 662.

[47] Vgl. Jauß 1970, S. 189.

[48] Vgl. ebd., S. 192.

[49] Jauß 1991, S. 665f.

[50] Vgl. ebd., S. 668.

[51] Ebd., S. 657.

[52] Vgl. ebd., S. 670.

[53] Ebd., S. 671.

[54] Vgl. Jauß 1970, S. 175.

[55] Vgl. ebd., S. 175.

[56] Ebd., S. 173f.

[57] Vgl. Schneider 2004, S. 193.

[58] Vgl. Jauß 1970, S. 175.

[59] Ebd., S. 199.

[60] Vgl. Jauß 1991, S. 697.

[61] Vgl. Schneider, S. 193.

[62] Vgl. ebd., S. 194.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668523890
ISBN (Buch)
9783668523906
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374183
Note
Schlagworte
rezeptionsästhetik ansätze hans robert jauß wolfgang iser vergleich eine betrachtung

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Titel: Rezeptionsästhetik. Die Ansätze von Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser im Vergleich