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Die Ziele und Organisationformen der jüdischer Erwachsenenbildung unter dem Einfluss des Nationalsozialismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Lage der deutschen Juden

3. Organisationsformen jüdischer Erwachsenenbildung
3.1. Die deutsche Volkshochschulbewegung
3.2. Das „Freie Jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt am Main
3.3. Die „Schule der Jüdischen Jugend“ in Berlin
3.4. Hechalutz und Jugendalijah

4. Ziele jüdischer Erwachsenenbildung

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In den letzten 90 Jahren kam der Erwachsenenbildung immer mehr Bedeutung zu. Aufgrund des defizitären Problembewusstseins und der Voreingenommenheit sind jedoch nur sehr wenig historische Schriften über die Erwachsenenbildung, vor Allem über die jüdische Erwachsenenbildung während des Nationalsozialismus vorhanden.

Anfänglich ist immer noch von Volksbildung die Rede, erst ab 1945 etabliert sich der Begriff Erwachsenenbildung endgültig und löst den der Volksbildung ab. Zusätzlich setzt sich der Begriff Weiterbildung als Oberbegriff gegenüber Erwachsenenbildung durch. Da die beiden Begriffe oft nicht klar voneinander zu unterscheiden sind und synonym verwendet werden, empfiehlt sich eine kurze Definition.

Weiterbildung dient der Vermittlung von Qualifikationen für die Sicherung beruflicher Leistungsfähigkeit (vgl. Kaiser 2001, S.91). Erwachsenenbildung hingegen orientiert sich an dem Einzelnen und hilft bei der Gewinnung und Sicherung von Identität (ebd.).

Im Folgenden sollen die Ursprünge der jüdischen Erwachsenenbildung aufgezeigt werden, sowie deren Entwicklung und Veränderung unter Einfluss des Nationalsozialismus.

Anschließend soll gezeigt werden, wie das Judentum durch das NS-Regime beeinflusst wurde und welche Ziele die jüdische Erwachsenenbildung verfolgt hat.

2. Die Lage der deutschen Juden

Bevor Organisationsformen und Ziele jüdischer Erwachsenenbildung angesprochen werden können, muss zuerst ein Überblick über die Lage der deutschen Juden zur Zeit des Nationalsozialismus gegeben werden.

Das Jahr 1933 stellte ein Ende der Erwachsenenbildung dar, denn die „Chance zur Selbstbildung und freien Entscheidung“ war nicht mehr gegeben.

Vor allem Juden wurden rasch aus allen Ebenen und Bereichen der Erwachsenenbildung ausgeschlossen. Einige Jahre lang haben sich jedoch auch nach 1933 Institutionen jüdischer Erwachsenenbildung unter schwierigsten Bedingungen, aber in eingeschränkter Weise halten können.

Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 war das Leben der deutschen Juden von ständig zunehmenden Repressionen geprägt. Bis zur Reichskristallnacht am 9. November 1938 war das jüdische Leben in Deutschland von Jahr zu Jahr immer weniger möglich.

Auch die Erwachsenenbildung in dem Sinne, wie wir sie heute kennen, gab es nicht mehr. Es waren vielmehr viele verschiedene Modelle, Anschauungen und Theorien, welche nebeneinander in geistiger Freiheit existierten.

Das Jahr nach 1933 brachten starke Veränderungen mit sich. Dies wurde auch in Hitlers Rede auf dem Nürnberger Parteitag 1935 deutlich:

„(...) daß alle Deutschen weltanschaulich zu Nationalsozialisten zu erziehen sind, daß weiter die bestehenden Nationalsozialisten Parteigenossen werden und daß endlich die besten Parteigenossen die Führung des Staates übernehmen!“ (Adolf Hitler: Schlußrede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg (1935). In: Keim, H., Urbach, H., 1967, S. 41)

In diesem Zitat ist sehr deutlich erkennbar, dass der Fokus stark auf Erziehung zum Partei-Gehorsam lag und weniger auf der Persönlichkeitsentwicklung der Bürger.

Der Druck der Nationalsozialisten zwang die deutschen Juden schließlich dazu, aus freier Hand Selbsthilfeorganisationen zu schaffen. Da ein 1933 entstandenes Gesetz allen nichtarischen Beamten die Ausübung ihrer Berufe verbot, waren vor Allem handwerkliche und landwirtschaftliche Qualifizierungsmaßnahmen von großer Bedeutung, um die deutschen Juden auf die Auswanderung nach Palästina und einen neuen Beruf vorzubereiten. (vgl. Olbrich, J. 2001, S. 257f.)

Die Orientierung an einer Auswanderung nach Palästina war im Wesentlichen theoretisch. Die deutschen Juden waren weit davon entfernt, das Kommende in seinem ganzen Umfang und Schrecken vorauszusehen, denn ansonsten hätte man die deutschen Juden von Beginn an direkt zur Übersiedlung nach Palästina vorbereitet.

Die Arbeit der jüdischen Erwachsenenbildung lag hauptsächlich in zionistischen Vereinigungen. Ab 1933 bekam das theoretische Vorhaben der Auswanderung nach Palästina einen ziemlich starken Bedeutungszuwachs. Die zionistisch organisierten Juden waren die ersten, die die Notwendigkeit einer Auswanderung erkannten und stellten schließlich auch den Hauptteil derer dar, welche nach Palästina und nicht in andere Länder auswanderten. (vgl. Buber, M. 1986, S. 119f.)

Obwohl das deutsch-jüdische Bürgertum auf einem guten intellektuellen Niveau war, konnten sie aus ihrem gesellschaftlichen Leben nicht ahnen, was sich ankündigte. Sie lasen nur Bücher, welche für sie interessant waren, besuchten nur bestimmte Theaterstücke und lebten lediglich unter Gleichgesinnten. Auch die sogenannte „Mischehe“, also die Ehe zwischen einem jüdischen Jungen und einem nicht-jüdisches-Mädchen (oder anders herum), führte zu keinem Zugang zur nicht-jüdischen Gesellschaft. (vgl. Simon 1959, S. 21 ff.)

Selbst die Berufung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 führte zu keinem Sinneswandel. In diesem Zusammenhang ist auch der Brief eines jungen Juden aus dem Jahr 1931 an seinen Vater zu erwähnen. Der Junge schrieb, dass keine mittlere Lösung zu erwarten sei, sondern dass eine der Gruppen siegen würde, was entweder zu Nazismus oder Kommunismus führen würde, was beides für den Fortbestand einer jüdischen Gesellschaft höchst gefährlich sei. Daher riet der Sohn seinem Vater, Deutschland zu verlassen. Der Vater meinte jedoch, er könne Deutschland doch nicht in seiner Not verlassen. (vgl. Simon 1959, S. 23f.) Die Tragik dieser Geschichte steckt in der subjektiven Echtheit der Zugehörigkeit vieler Juden zu Deutschland, welche jedoch nicht erwidert wurde.

Der 1. April 1933, auch Tag des Judenboykotts genannt, öffnete vielen Juden, wenn auch nur vorübergehend, die Augen. Die Zerstörung aller jüdischen Geschäfte oder die Nichtachtung jüdischer Kriegsteilnehmer stellte das Ende der Emanzipation dar. Die neue Bewegung und Gesetzgebung richtete sich nun gegen die jüdische „Rasse“. Die Mehrzahl der deutschen Juden wurde auf ihren biologischen Ursprung, auf den “Juden“ reduziert und musste mit dieser Tatsache zurechtkommen. (vgl. Simon 1959, S. 24f.)

Die nationalsozialistische Gesetzgebung und Verwaltungspraxis vergegenwärtigte den Juden mit zunehmender Verschärfung immer wieder ihre gemeinsame Situation. So erließ der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung am 10. Juli 1935 Bestimmungen für jüdische Jugendverbände. Deren §1 lautet:

„Die Errichtung von jüdischen Jugendherbergen ist zu gestatten, wenn diese nicht in unmittelbarer Nähe geschlossener Ortschaften oder von einzelnen Wohnungen liegen, so daß deren Bewohner durch die Nähe der jüdischen Jugendherbergen sich nicht beruflich benachteiligt oder sonst unangenehm berührt fühlen können...“ (Simon 1959, S. 26)

Hier wird schnell deutlich, dass die jüdischen Bürger mit Desintegration von allen Seiten konfrontiert wurden und keinen Teil der Gesellschaft mehr darstellen sollten. Auch die Proklamation der Münchener jüdischen Gemeinde an ihre Mitglieder, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuhalten, bestätigt die verschärfte Situation. Während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurde Juden empfohlen, Verwandte und Freunde nicht in Gaststätten zu treffen, sondern diese besser zu sich nach Hause einzuladen.

Der zunehmende Druck führte schließlich zu Auswanderungen, gegenseitiger Hilfe und Erziehung, was nicht zuletzt auch Programm der Reichsvertretung der deutschen Juden, einer Zusammenfassung sämtlicher Strömungen unter einer zugleich zentralen unextremen Leitung wurde. (vgl. Simon 1959, S. 26ff.) Für die in Deutschland zurück gebliebenen Juden bildeten sich verschiedene Formen der jüdischen Erwachsenenbildung, welche ihnen halfen, ihr Leben in Deutschland fort führen zu können.

3. Organisationsformen jüdischer Erwachsenenbildung

Im Folgenden sollen einige ausgewählte Organisationsformen jüdischer Erwachsenenbildung genauer beleuchtet werden.

3.1. Die deutsche Volkshochschulbewegung

Seit der Begründung des neuen deutschen Kaiserreichs 1871 gab es eine große Masse an Ungebildeten, denen der Zugang zum Reichtum an Kulturgütern ermöglicht werden sollt.

Das Jahr 1910 stellte ein Jahr des Umbruchs von extensiver Volksbildung im Sinne einer übergreifenden Propaganda hin zu intensiver Volksbildung dar, welche sich an die wenigen einzelnen wandte und eine neue Schärfe und Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung beinhaltete. (vgl. Simon 1959, S. 3ff.)

Volksbildung wurde zu einer gemeinsamen Anstrengung aller an ihr Teilnehmenden und auch die Arbeitspläne der Volkshochschultagungen befassten sich immer mit einem zentralen Thema.

Frank Rosenzweig machte einen ersten Anstoß zu den Gedanken über eine Zusammenarbeit zwischen den Gelehrten und Volksbildung sowie schließlich zur Begründung der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums“.

Auch Professor Ernst Kanorowicz versuchte nach 1933 die besondere Position der deutschen Soziologie mit wachsendem Erfolg auf die jüdische Erwachsenenbildung der Hitlerzeit zu übertragen. (vgl. Simon 1959, S. 7)

Bei den Tagungen der deutschen Volkshochschulbewegung spielte „Jüdisches“ keine Rolle. Jüdische Bünde waren weder vertreten, noch eingeladen.

3.2. Das „Freie Jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt am Main

Der Gegensatz zwischen extensiver und intensiver Volksbildung machte sich auch im jüdischen Leben bemerkbar. Die typische „jüdische Volkshochschule“ diente ausschließlich der verbreitenden Volksbildung, genügte nun jedoch nicht mehr den Ansprüchen.

Rosenzweig sah ebenso wie der Hohenrodter Kreis - eine Zusammensetzung der in der deutschen Erwachsenenbildungsbewegung führenden Menschen - eine Not darin, das jüdische Wissen zu verbreiten. (vgl. Simon 1959, S. 9f.) Daher gründete Rosenzweig 1920 das „Freie jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt am Main.

Die Not des jüdischen Menschen war jedoch nur teilweise mit der des Deutschen identisch. Im sozialen Bezirk geringer, im geistigen schossen die jüdischen Bedürfnisse über die deutschen hinaus. Jüdisch-traditionelle Schichten waren eher in den unteren und mittleren Kreisen der Gesellschaft vertreten. (vgl. ebd., S. 11)

Das Jüdische hörte auf, bloßer Stoff zu sein und wurde zur formenden zentralen Kraft. Die allgemeinen Bildungsstoffe des „Lehrhauses“ wurden vom jüdischen Mittelpunkt angezogen und durchgestaltet. Das Erlernen der hebräischen Sprache spielte hierbei die Hauptrolle. (vgl. Simon 1959, S. 11f.)

Die Zusammensetzung der Dozentenschaft des Lehrhauses stellte ebenso einen grundsätzlichen Unterschied zu den bisherigen jüdischen Volkshochschulen dar. Sie wurden nicht mehr von Rabbinern oder Lehrern geleitet und bestimmt, also von Menschen, denen das jüdische Wissen selbst beruflich primär war, sondern von Lehrern, die selbst an der Peripherie des Judentums standen und mit ihren Schülern zusammen den Weg zurück ins Judentum fanden. Das Lehrhaus war also eine Schule nicht nur für Unwissende, sondern auch von Unwissenden.

Die jüdisch Ungebildeten wurden selbst zu Lehrern, um sich selbst weiter zu entwickeln. So schreib auch Ernst Simon 1959, dass

„[...] nur wenn Lehrer zu Schülern und Schüler zu Lehrern wurden, weil sie Hand in Hand dem Urquell ihres Judentums wieder zustrebten, [...] die Gradunterschiede zwischen ihnen manchmal bis zur Unkenntlichkeit verwischt werden (durften).“ (Simon 1959, S. 13)

3.3. Die „Schule der Jüdischen Jugend“ in Berlin

In indirektem Zusammenhang mit dem Lehrhaus standen die Bemühungen in Berlin, die „Schule der Jüdischen Jugend“ zu gründen. Diese bestand jedoch leider nur wenige Jahre bis kurz vor dem Tod Rosenzweigs 1929 und auch nur wenige Jahre darüber hinaus.

Die Dezentralisierung der Kurse durch die Berliner Großstadt, das fast vollkommene Zurücktreten des allgemeinen Bildungsgutes zugunsten des jüdischen stand durch den stärkeren Anteil an Zionisten im Gegensatz zum „Freien jüdischen Lehrhaus“ in Frankfurt am Main. Eine Gemeinsamkeit der beiden Institutionen war jedoch die Vorahnung einer geschichtlichen Veränderung. (vgl. Simon 1959, S. 14f.)

Die geistige Haltung wurde von den zentralen Institutionen der neuen jüdischen Volksbildung in die Herzen der Lernenden gepflanzt. „Aus dieser Haltung ist der spätere geistige Widerstand eines Teils des deutschen Judentums gegen die Gewaltherrschaft erwachsen.“ (Simon 1959, S. 15)

Geistiger Widerstand thematisiert zum einen die Verwurzelung des geistigen in der inneren Substanz, die äußeren Stürmen defensiv gewachsen ist. Zum anderen aber auch aktiven Einsatz jener Substanz gegen feindliche und minderwertige Kräfte, die sie und die von ihr getragenen Werte bedrohen. Der zu dieser Zeit vorhandene geistige Widerstand war jedoch meist nur in ihrer ersten, der scheinbar passiveren Form angewendet worden. Die aktivere Form ist eher Teil der zionistischen Bewegung. (vgl. Simon 1959, S. 15f.)

3.4. Hechalutz und Jugendalijah

Die zionistische Vereinigung hatte eine intensive und starke ideologische Wirkung auf einen kleinen, aber ausgewählten Teil des deutschen Judentums.

Vor allem die Kombination aus drei Elementen, sollte zu einem persönlichen Neuergreifen des jüdischen Seins und zu deren Verbindung mit dem Aufbau Palästinas führen: Zum einen das moderne Nationalitätenproblem und seine Bewusstwerdung, die massensoziologische und einzelpsychologische Analyse von Antisemitismus und Assimilation und die stark willensmäßig betonte Konsequenz aus den beiden Erkenntnisreihen.

Hieraus schuf sich ein Ansatz zu einem neuen jüdischen Menschentypus, bei welchem eine gewisse innere Sicherheit im Zentrum stand.

Anders als Rosenzweig, richtete Blumenfeld den Fokus bei seinen Schülern stärker auf eine sofort einsetzende Bewegung und Funktion. Rosenzweig formte zunächst Bemühungen um den Aufbau jener Substanz, nach deren Erlangung daraus eine Bewegung entstehen sollte. (vgl. Simon 1959, S. 16f.)

Beide Haltungen können als „die der Aktion und die des vorbereitenden Lernens“ voneinander abgegrenzt werden. (Simon 1959 S. 17) Sie standen sich ziemlich kritisch und zweifelnd gegenüber, wobei sie zusammen als ideale Partner einer umfassenden Bildungsarbeit am jüdischen Menschen hätten wirken können. Rosenzweig fehlte der unmittelbare Zugang zur alltäglichen Wirklichkeit Palästinas, welcher bei Blumenfeld erheblich stärker vorhanden war. Blumenfeld blieb jedoch bei seinen Schülern allzu sehr im Theoretischen und Programmatischen stecken.

Genau hier setze die Hechalutz-Bewegung ein. Mit Blumenfelds Einfluss und Förderung bildete sich die Bewegung einer jüdischen, zionistischen Generation, welche mit der Forderung, Palästina in ihr persönliches Lebensprogramm aufzunehmen, wirklich ernst machte.

Der deutsche Hechalutz (hebr. der Pionier) war hierbei eine Gesamtorganisation aus jüngeren Landwirten, welche sich auf die Einwanderung nach Palästina vorbereiteten. Diese konnten aus den Erfahrungen ihrer Vorgänger und deren Scheitern lernen. (vgl. Simon 1959, S. 17f.)

Das Problem der Arbeit, welches für die allgemeine deutsche Erwachsenenbildung stets ungelöst blieb und im Frankfurter Lehrhaus sogar kaum Aufmerksamkeit fand, stand hier im Mittelpunkt. Der Hechalutz stellte sich auf die entschiedene Hebraisierung und konkrete Verbindung mit der Lebenswirklichkeit der neuen zukünftigen Heimat ein, da viele Auswanderer später in Palästina den Anschluss an die palästinensische Arbeiterschaft suchten. Die fast einzigartige Lösung des Arbeiterproblems im Sinne der Bildung und Umformung des Gesamtmenschen wurde durch den Hechalutz weitgehend verwirklicht.

Auch Institutionen der jüdischen Sozial- und Jugendpflege begannen besonders unter den ostjüdischen Jugendlichen zu wirken. Diese bildeten den Teil der in Deutschland lebenden Juden, der am ausgesetztesten lebte und dadurch den Stoß am frühesten spürte. Rechta Freier hatte die neue Sachlage schon zu Beginn des Jahres 1932 erkannt und durch die Gründung der „Jüdischen Jugendhilfe“ erste organisatorische Konsequenzen gezogen. (vgl. Simon 1959, S. 18ff.)

Aus diesem Kern entwickelte sich bald die „Jugendalijah“ (Alijah hebr.: Aufstieg), welche sich auf eine planmäßige, berufliche und sprachliche sowie seelische Ausrichtung junger Menschen auf die Auswanderung nach Palästina und ihre Eingliederung in das jüdische Siedlungswerk konzentrierte. Die hebräischen und beruflichen Kurse schufen eine Vorform für die nach 1933 einsetzenden ähnlichen Bestrebungen in der deutschen Erwachsenenbildung.

Die Auswanderung wurde hier schon längst nicht mehr als individueller Entschluss gesehen. Eltern trennten sich von ihren Kindern und sandten diese fort, ohne Hoffnung und Gewissheit, sie jemals wieder zu sehen oder ihnen folge zu können.

Von der Krise und der Angst erfasst, mussten die Jugendlichen und Kinder frühzeitig zu Erwachsenen werden und auch deren Lebensprobleme wurden mit denen der Erwachsenen weitgehend identisch. Als 1933 die Krise total ausbrach, wurden die Erwachsenen zwangsweise wieder zu Jugendlichen, die einer neuen Erziehung bedürfen. (vgl. Simon 1959, S. 19f.)

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Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668514614
ISBN (Buch)
9783668514621
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374174
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
2,0
Schlagworte
Geschichte Erwachsenenbildung Nationalsozialismus Ziele Organisation

Autor

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Titel: Die Ziele und Organisationformen der jüdischer Erwachsenenbildung unter dem Einfluss des Nationalsozialismus