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Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Eine Herausforderung für die soziale Arbeit?

Bachelorarbeit 2016 53 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Theoretische Grundlagen
2.1 Definitionen
2.1.1 Trauma
2.1.2 Posttraumatische Belastungsstörung
2.2 Mögliche Ursachen einer Traumatisierung
2.3 Risiko- und Schutzfaktoren
2.4 Folgen einer Traumatisierung
2.5 Entwicklungstrauma

Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe
3.1 Hilfen zur Erziehung
3.2 Gründe für eine stationäre Unterbringung

Traumapädagogik
4.1 Definition und Entstehung
4.2 Grundhaltung
4.3 Konzepte und Methoden der Traumapädagogik
4.4 Traumapädagogische Einrichtungen
4.5 Fallbeispiel

Bezug zur sozialen Arbeit
5.1 Voraussetzungen für traumapädagogisches Handeln
5.2 Inhalte des Studiums
5.3 Selbstfürsorge

Fazit und Handlungsempfehlung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter.

Einleitung

Erschreckende Bilder von Menschen, die unter unvorstellbaren Bedingungen aus ihrer Heimat flüchten, um dem Krieg zu entkommen, darunter auch unzählige Kinder und Jugendliche.

Hinzu kommen terroristische Anschläge und Amokläufe, die mittlerweile auch in Europa nicht mehr selten sind. Bei den Anschlägen in Paris am 13. November 2015 wurden 130 Menschen getötet und mehr als 352 schwer verletzt.

Am 28. Juni diesen Jahres verloren am Flughafen in Istanbul 45 Menschen ihr Leben und 235 wurden verletzt. Auch das Attentat in Nizza mit 85 Todesopfern und 300 Schwerverletzten macht fassungslos.

Aktueller kann der Bezug zum Thema Traumapädagogik leider kaum sein.

In der Tageszeitung und den Nachrichten wird in erschreckender Regelmäßigkeit über traumatisierende Ereignisse berichtet.

Auch bei Menschen, die diese schrecklichen Erlebnisse nicht hautnah miterleben mussten, kommen Fragen und Ängste hoch.

Da ich während der Anschläge in Paris in einer integrativen Wohngruppe gearbeitet habe, konnte ich die Reaktionen der Kinder direkt miterleben. Ein Mädchen beschäftigte noch Wochen später immer wieder die Frage, warum das alles passiert sei.

Doch wie müssen sich dann erst die Menschen fühlen, die alles mit ansehen mussten und vielleicht sogar Familienangehörige und Freunde verloren haben? Wie geht man im professionellen Kontext mit traumatisierten Menschen um und welche Möglichkeiten gibt es, ihnen dabei zu helfen, solche tragischen Erlebnisse zu verarbeiten?

Diese Fragen stellte ich mir während meines Praxissemesters sehr oft.

Weitere Motive dieses Thema auszuwählen, sind berufliches Interesse und der Wunsch mich auf diesem Gebiet weiter zu bilden.

Ich habe mich erstmals während meines Praxissemesters intensiv mit der Traumapädagogik beschäftigt. Einige der Kinder und Jugendlichen, die in der integrativen Wohngruppe ein zweites Zuhause gefunden haben, sind von traumatischen Ereignissen gekennzeichnet worden, wie zum Beispiel Gewalterfahrungen in der Familie oder die Flucht aus einem Kriegsgebiet.

Genau aus diesem Grund möchte ich mich in dieser Bachelorarbeit mit dem Thema Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe befassen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Fragestellung, in wie weit die Traumapädagogik eine Herausforderung für das Berufsfeld der sozialen Arbeit darstellt.

Ein besonders umfangreiches und einprägsames Werk zum Thema pädagogische Arbeit bei Traumatisierung ist das Buch von Corinna Scherwath und Sibylle Friedrich. (Scherwath; Friedrich 2014)

Konsequent legen die beiden Autorinnen die Aufmerksamkeit auf die umfassenden psychosozialen Auswirkungen von Traumatisierung, - nicht wie bei den meisten anderen Fachbüchern auf medizinisch-diagnostisch relevante Symptome. Im Mittelpunkt der sozialpädagogischen Arbeit steht die pädagogische Beziehung und die Qualität der Bindung zwischen Klient und Pädagoge. Aktuelle Forschungen und bestehende Literatur zum Thema wurden in diesem Buch übersichtlich zusammengefasst, anschaulich formuliert und mit Praxisbeispielen ergänzt.

Zu den Meilensteinen der aktuellen Forschung zählt sicherlich auch das 2016 in der dritten unveränderten Auflage erschienene Sammelwerk „Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen" von Heidrun Schulze, Ulrike Loch und Silke Birgitta Gahleitner, in dem die Herausgeber ein „Plädoyer für eine Psychosoziale Traumatologie" halten. Das umfassende Werk beginnt mit relevanten Begriffsdefinitionen, leitet Ergebnisse empirischer Studien auf das professionelle Handeln ab und vereint das Erfahrungswissen von Fachkräften aus zehn verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, um daraus rekonstruktive Theorien zu bilden. (Schulze; Loch et al. 2016)

Auch Luise Reddemann ist eine oft zitierte Autorin, die umfassende Fachliteratur zum Thema Trauma veröffentlicht hat, wie zum Beispiel „Trauma heilen - Ein Übungsbuch für Körper und Seele". (Reddemann; Dehner-Rau 2013)

Die Arbeit mit traumatisierten Menschen wird auch trotz neuer Forschungsergebnisse vorwiegend den Therapeuten zugeordnet.

Und das, obwohl traumatisierte Menschen viel häufiger in anderen Hilfekontexten aufzufinden sind, wie zum Beispiel dem betreuten Wohnen oder der Suchtberatung. Traumatisierende Erlebnisse belasten den Alltag der Betroffenen und können auch genau dort aufgearbeitet werden - im Alltag.

(vgl. Weiß 2016, S.85ff).

Somit möchte ich mit meiner Bachelorarbeit einen kleinen Beitrag dazu leisten, das Thema Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe etwas mehr zu verankern.

Im ersten Teil der Arbeit werde ich theoretische Grundlagen zusammenfassen, die für das Verständnis von Traumata relevant sind. Dazu habe ich mich mit aktueller Fachliteratur befasst und verschiedene Autoren miteinander in Beziehung gesetzt.

Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den möglichen Ursachen von Traumatisierung, sowie Schutz- und Risikofaktoren, die eine Traumatisierung begünstigen oder ihr entgegenwirken.

Darüber hinaus zeige ich mögliche Folgen einer Traumatisierung auf und an welchen Symptomen diese zu erkennen sind.

Danach folgen wichtige Aspekte des Kindheitstraumas oder des so genannten Entwicklungstraumas, da dies für die Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe eine hohe Relevanz darstellt.

Im dritten Kapitel geht es um die stationäre Kinder- und Jugendhilfe, die ich mit anderen Leistungsformen vergleiche und Gründe aufzeige, warum eine stationäre Unterbringung in manchen Fällen unumgänglich ist.

Aus der Theorie werden dann im vierten und fünften Kapitel traumapädagogische Handlungsweisen für das Berufsfeld der stationären Jugendhilfe abgeleitet, um einen professionellen Umgang mit den Betroffenen und Selbstfürsorge für das Fachpersonal zu gewährleisten.

Darüber hinaus werden zwei traumapädagogische Konzepte und ein Fallbeispiel aus der Praxis vorgestellt.

Kapitel sechs soll schlussfolgernd alle Ergebnisse zusammenfassen, um einen Überblick über die Dynamik eines Traumas und dessen Auswirkungen auf die Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe zu geben.

Da zu diesem Thema bereits viel geforscht wurde und es umfassende Fachliteratur gibt, ist es möglich die vorliegende Fragestellung auf Basis einer Literaturarbeit zu beantworten. Empirische Untersuchungen werden darum innerhalb dieser Arbeit nicht durchgeführt.

Die allgemeinen Grundlagen zum Thema Trauma werden nur sehr komprimiert dargelegt, da der Schwerpunkt meiner Arbeit auf die pädagogische Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe gerichtet ist.

Hauptsächlich möchte ich mich mit den Folgen traumatischer Erfahrungen in der frühen Kindheit und den Auswirkungen auf die Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe befassen. Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, heraus zu finden, in wie weit Traumapädagogik ein mögliches Hilfsmittel für die Soziale Arbeit sein kann.

Theoretische Grundlagen

Im Folgenden Kapitel werde ich relevante theoretische Grundlagen erläutern und verschiedene, im Fachgebiet diskutierte, Definitionen miteinander vergleichen.

Als besonders aufschlussreich und aussagekräftig lassen sich die Werke von Luise Reddemann, Peter Riedesser und Franz Ruppert einstufen.

2.1 Definitionen

Wichtig ist an dieser Stelle die Unterscheidung von Trauma und Posttraumatischer Belastungsstörung, daher untereile ich das Kapitel Definitionen in zwei Unterkapitel.

2.1.1 Trauma

Ursprünglich kommt der Begriff Trauma aus dem Alt - Griechischen und bedeutet so viel wie Wunde oder Verletzung.

Seit dem 19. Jahrhundert wird der Begriff auch in der Medizin verwendet, um eine Verwundung zu bezeichnen, wie zum Beispiel beim Schädel-Hirn-Trauma. Der Mediziner und Mitbegründer der modernen Neurologie Jean-Martin Charcot aus Paris bezeichnete bereits 1887 traumatische Erfahrungen als Auslöser von hysterischen Symptomen. Sein Schüler Pierre Janet trug wesentlich zum Verständnis des Zusammenhangs zwischen psychischen Traumata und daraus resultierenden psychopathologischen Symptomen bei. Ein weiterer Schüler war Sigmund Freud, der Charcots Erkenntnisse in seiner Psychoanalyse verarbeitete und dadurch weltweit bekannt wurde. (vgl. Zaudig 2006, S. 793)

Im Alltag wird der Begriff „Traumatisierung“ hauptsächlich verwendet, um seelisches Leiden auszudrücken.

Der Begriff des Traumas wird in Fachkreisen nicht exakt definiert verwendet. Viele Jahre war nicht geklärt, ob mit „Trauma“ das Ereignis, die Auswirkungen, die Symptome oder das innere Leiden gemeint ist. Die Fachautoren stimmen jedoch überein, dass ein Ereignis alleine nicht reicht, um von einer Traumatisierung zu sprechen. Selbst wenn tatsächlich die so genannte Notfallreaktion (Fight, Flight, Freeze) in Gang gesetzt wurde, muss dies nicht automatisch in einer Traumatisierung der betroffenen Person enden.

Nur wenn es nach langer Zeit immer noch nicht gelingt, die gemachten Erfahrungen zu verarbeiten, kann von einem Trauma gesprochen werden.

(vgl. Hantke 2012, S.53f)

Kurz zusammengefasst kennzeichnet eine Notfallreaktion das Abschalten des bewussten Denkens. Die gesamte Energie wird für Kampf und oder Flucht (Fight or Flight) bereitgestellt. Falls Kampf oder Flucht nicht erfolgreich sind und die Spannung nicht abgeführt werden kann, kommt es zu einer Ruhigstellung des Körpers. Entweder durch Einfrieren der Spannung (Freeze) oder Ohnmacht, also dem völligen Verlust der Körperspannung. Unbewusst werden Notprogramme für die Sicherung von Schutzbefohlenen aktiviert, wie zum Beispiel bei einer Mutter, die ganz alleine ihr Kind aus einem brennenden Auto rettet und sich später an nichts mehr erinnern kann.

Ein Trauma bezeichnet vor allem das Leiden, eine gemachte Erfahrung nicht aufarbeiten und bewältigen zu können. (vgl. Hantke 2012, S.58ff)

Der deutsche Psychoanalytiker Günter H. Seidler beschreibt in der Zeitschrift für psychosomatische Medizin und Psychotherapie von 2002 ein Psychotrauma als Zustand massiver Angst und Hilflosigkeit, welche die Verarbeitungsmöglichkeiten des Individuums übersteigt. Dieser Zustand kann sowohl auf einzelne als auch auf mehrere Ereignisse zurückgehen. (vgl. Seidler 2002, S. 7)

Eine Definition, die auch von anderen Fachleuten häufig genutzt wurde, findet sich im „Lehrbuch der Psychotraumatologie“ von Gottfried Fischer und Peter Riedesser. Sie definieren ein Trauma als vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen

Bewältigungsmöglichkeiten, dass mit den Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt. (vgl. Fischer und Riedesser 2009, S.84)

Schaut man sich diese beiden Definitionen einmal genauer an, kann man wichtige Merkmale daraus entnehmen.

Besonders deutlich kommt heraus, dass bei traumatischen Erfahrungen immer ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit aufkommt.

Des Weiteren ist ein Trauma nicht vorhersehbar und immer abhängig von Zeit, Ort und der Person die diese Erfahrung macht.

Nach Franz Ruppert ist die Bewertung abhängig von situativen Bedingungen und von Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Bewältigungsmöglichkeiten und Schutzfaktoren, die der Person zur Verfügung stehen.

Nur wenn das Erlebte die persönlichen Bewältigungsstrategien übersteigt, kommt es zu diesem „Diskrepanzerlebnis“.

Eine Situation wird erst dann zu einer traumatischen Belastung, wenn sie die Fähigkeiten eines Menschen zur Bewältigung dieser Situation überfordert. Das bedeutet, dass die gleiche Erfahrung für den einen Menschen eine traumatisierende Wirkung haben kann, für den anderen hingegen nur stresserzeugend oder belastend ist. Hierbei können Lebensalter, Erfahrung, Reaktionsschnelligkeit oder die Vorbelastung durch frühere Traumaerfahrungen den Unterschied ausmachen.

Ein weiterer Punkt den man aus den Definitionen ziehen kann ist, dass es sich bei einem Trauma um „vitale“ Folgen handelt. Also Dinge die das Leben betreffen und dieses nachhaltig verändern können, wie zum Beispiel schwere Krankheiten oder Arbeitslosigkeit.

Im Gegensatz zu den Symptomen von Stress und Belastungssituationen, verschwinden die Folgen eines Traumas nie vollständig und hinterlassen eine dauerhafte Veränderung in Körper und Seele. (vgl. Ruppert 2005 S. 66ff)

Luise Reddemann definiert ein traumatisches Ereignis anhand folgender Kriterien:

Die Person war selbst Opfer oder Zeuge eines Ereignisses, bei dem das eigene Leben oder das Leben anderer Personen bedroht war oder eine ernste Verletzung zur Folge hatte. Die Reaktion des Betroffenen beinhaltet Gefühle von intensiver Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen.

(vgl. Reddemann 2013, S. 13)

Um eine Erkrankung zu definieren ist ein Blick in die internationalen Klassifikationssysteme ICD 10 und DSM - IV naheliegend.

ICD steht für “International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems”. Ins Deutsche übersetzt bedeutet dies „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Das ICD wird von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben.

Das DSM ist ein weiteres Klassifikationssystem. Die Abkürzung steht für „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", also ein diagnostischer und statistischer Leitfaden für psychische Störungen.

Im ICD 10 und im DSM - IV wird das Trauma nicht aufgeführt, da ein Trauma an sich noch keine Erkrankung darstellt.

Anders sieht es aus bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die sowohl im ICD 10 als auch im DSM-IV aufgelistet wird.

Erstmalig aufgenommen wurde die PTSB im Jahre 1980 im DSM-III, nach umfangreicher Forschung an Kriegsveteranen und KZ-Überlebenden.

(vgl. Beckrath-Wilking 2013, S.33)

Die Diagnose der PTBS beinhaltet aber in beiden Klassifizierungsverzeichnissen eine Definition der vorangegangenen traumatisierenden Ereignisse.

Im ICD 10 werden psychische Traumata von der WHO als „kurz- oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem Menschen tiefgreifende Verzweiflung auslösen würden" definiert. (vgl. ICD-10-GM 2016, F43.1)

Im DSM-IV werden Traumata beschrieben als: „Potentielle oder reale Todesbedrohungen, ernsthafte Verletzungen oder einer Bedrohung der körperlichen Versehrtheit bei sich oder anderen, auf die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert wird". (DSM-IV: American Psychiatric Association 2013)

Daran schließt auch die Definition von Luise Reddemann an. Sie beschreibt ein Trauma als: „Traumatische Erfahrungen, die das Erträgliche übersteigt. Wir fühlen uns ohnmächtig und hilflos. Danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Wir haben Angst, sind panisch oder fühlen uns leer - wie abgetötet."

(vgl. Reddemann 2013, S.10)

Luise Reddemann und Ulrich Sachsse verdeutlichen, dass die traumatischen Reaktionen von Säugetieren identisch verlaufen. „Neurobiologisch gedacht ist ein Trauma ein massives, die Reizverarbeitungsfähigkeit eines Säugetiers massiv überforderndes Geschehen, das bei allen Säugetieren, also auch beim Homo sapiens, zu ähnlichen biologischen Reaktionsmustern auf körperlicher Ebene führt." (vgl. Reddemann und Sachsse 2000, S.555)

In Gefahrensituationen wollen wir genau wie andere Säugetiere kämpfen oder fliehen und vor allem unseren Nachwuchs beschützen. Um zu überleben wird der gesamte Köper in Alarmbereitschaft versetzt.

(vgl. Reddemann 2013, S.27)

Wie in den verschiedenen Definitionen deutlich wurde, sind die Gefühle von Angst und Ohnmacht, kennzeichnend für eine Traumatisierung. Das Selbst- und Weltverständnis wird nachhaltig verändert. Ob ein belastendes Ereignis eine Traumatisierung hervorruft, liegt immer an den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen.

Neben Gewalt oder Missbrauch können auch Unfälle oder Schicksalsschläge eine traumatisierende Wirkung auslösen.

Im Fokus meiner Bachelorarbeit stehen jedoch Kinder und Jugendliche. Daher ist es wichtig zu betonen, dass gerade Kinder besonders verletzlich sind und auch durch Vernachlässigung oder medizinische Eingriffe traumatisiert werden können.

(vgl. Reddemann 2013, S.8)

Im Plural werden die Begriffe Traumata oder Traumen gleichbedeutend verwendet. In der folgenden Arbeit habe ich mich für die Pluraldefinition Traumata entschieden, da sie im allgemeinen Sprachgebrauch eher geläufig ist.

2.1.2 Posttraumatische Belastungsstörung

Neben der beinahe inflationären Verwendung des Begriffes Trauma, fällt die Rede auch oft auf die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung.

Diese Diagnose wird gestellt, wenn es Betroffenen nicht gelingt, ein erlebtes Trauma zu verarbeiten. Im ICD-10 wird von einem Zeitraum von maximal sechs Monaten gesprochen, ausgehend von der traumatischen Situation bis hin zum Auftreten der ersten Symptome. Dies entspricht jedoch nicht der Realität. Manche Menschen entwickeln noch Jahrzehnte später eine PTBS, sodass eine Einteilung in „akute PTBS" und „komplexe PTBS" Sinn macht.

(vgl. Reddemann 2013, S.43ff)

Kennzeichnend für die PTBS sind die Symptome Intrusion, Numbing und Hyperarousal.

Die Intrusion, bezeichnet das ungewollte und unkontrollierbare Wiedererleben der traumatischen Situation, auch Flashbacks genannt. Den Betroffenen fällt es schwer in solchen Momenten zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden.

Auslöser für diese Flashbacks sind Schlüsselreize, sogenannte Trigger. Beispiele hierfür sind bestimmte Wörter, Gegenstände oder Gerüche, die an die traumatische Situation erinnern. (vgl. Beckrath-Wilking 2013, S. 43ff.)

Numbing bezeichnet eine emotionale Taubheit und ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Betroffene vermeiden zum Teil bewusst bestimmte Situationen, die mit dem Trauma assoziiert werden, um sich selbst zu schützen. Ein anderer Fachbegriff für diese Bewältigungsstrategie nennt sich Konstriktion. Hierunter fallen auch Drogenkonsum und Suchtverhalten, wenn sie dazu dienen aufkommende Gefühle zu betäuben.

Zur Vermeidung gehören auch Dissoziationen, die unbewusst vom Organismus hervorgerufen werden, um vor Übererregungszuständen zu schützen. Daher sind traumatisierte Menschen oftmals nicht ansprechbar oder verleugnen Dinge, die sie getan haben.

Genau an diesem Punkt sieht man, wie wichtig traumaspezifisches Wissen für Sozialarbeiter ist. Dissoziative Zustände könnten sonst schnell als Verweigerungshaltung, Lügen oder Ausreden missverstanden werden, obwohl die Betroffenen dies nicht bewusst steuern können und tatsächlich unter Amnesien leiden. (vgl. Reddemann 2013, S.28)

Ebenfalls kennzeichnend für die PTBS ist die Hyperarousal, die so genannte Übererregung. In diesem Zustand reichen schon kleine Belastungen aus, um Angst und Stress auszulösen.

Es herrscht eine ständige Alarmbereitschaft, sodass Betroffene nicht mehr zwischen harmlosen Alltagssituationen und tatsächlichen Gefahren unterscheiden können. Typisch sind auch massive Schlafstörungen, plötzliche aggressive Impulsdurchbrüche und Orientierungslosigkeit. (vgl. Beckrath-Wilking 2013, S.46)

Auch in der stationären Jugendhilfe gibt es oftmals Situationen, in denen Kinder und Jugendliche von einem auf den anderen Moment aggressive Impulsdurchbrüche haben, die für andere Menschen dann nur schwer nachvollziehbar sind.

In der Zeitschrift „Kindheit und Entwicklung“ weisen Marc Schmid, Jörg Fegert und Franz Petermann darauf hin, dass die Diagnosekriterien für die PTBS sehr stark auf die Symptome von Erwachsenen ausgerichtet sind und daher nicht unbedingt eine Hilfe darstellen in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen.

Die Symptome die bei Kindern und Jugendlichen beobachtet werden können, erfüllen die offiziellen Diagnosekriterien der PTBS häufig nicht, sodass wertvolle Zeit verloren geht, bis solchen Kindern geholfen wird. (vgl. Schmid 2010, S.48ff)

2.2 Mögliche Ursachen einer Traumatisierung

„Der reißende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ (Bertolt Brecht 1964, S.103)

Dieses Zitat von Bertolt Brecht ist immer noch brandaktuell und beschreibt sehr deutlich, dass oft nur die Auswirkungen, die auf den ersten Blick zu sehen sind beachtet werden. Im schlimmsten Fall werden diese negativ bewertet und das Kind erfährt Ablehnung oder Sanktionen. Von der Norm abweichendes Verhalten von Kindern und Jugendlichen hat jedoch immer einen Grund. Auslöser sind meist prägende Erlebnisse in der Herkunftsfamilie oder im nahen Umfeld.

Ein weiteres Zitat, welches für die Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe überaus treffend ist, stammt aus dem Jahr 1994 von Miriam und Howard Steele, beide Professoren der Psychologie.

„Für die spätere Entwicklung ist das gravierendste Moment, nicht die physischen Verletzungen, die ein Kind durch die Misshandlung erfährt, sondern die Zerstörung des Urvertrauens gegenüber der Person, auf deren Schutz es am dringendsten angewiesen ist.“

(vgl. Wöller 2009, S. 40 zit. n. Steele 1994)

Bei der Recherche zu den Ursachen einer Traumatisierung fiel mir direkt auf, dass besonders häufig Leonore Terr zitiert wird. Ihre Klassifizierung, die von zwei Traumatypen ausgeht, stammt aus dem Jahr 1991.

Traumatyp 1 steht für plötzlich und unerwartet auftretende Ereignisse von kurzer Dauer, die eine akute Lebensgefahr mit sich bringen. Beispiele dafür sind schwere Verkehrsunfälle, kriminelle Gewalttaten und Naturkatastrophen von kurzer Zeitdauer.

Traumatyp 2 bezeichnet langanhaltende und sich wiederholende Situationen der Überforderung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Beispiele sind Folter, Kriegsgefangenschaft, sexuelle und körperliche Misshandlungen oder Mobbingsituationen. Andere Fachautoren benennen dies als sequentielles Trauma, beispielsweise im Zusammenhang mit Kriegs- und Fluchterfahrungen.

Zu unterscheiden ist weiterhin, ob jemand die Traumaerfahrung selbst durchleben muss oder ob er Zeuge der Traumaerfahrung eines anderen Menschen wird. Wie die Erfahrung zeigt, kann das Miterleben eines Traumas auch die Beobachter, Zeugen und Helfer psychisch traumatisieren. Wenn sie ohnmächtig mit ansehen müssen, wie andere Menschen leiden oder sterben müssen, erschüttert das auch ihr Selbst- und Weltverständnis.

(vgl. Ruppert 2005, S. 68f zit. n. Terr 1991)

Andreas Maercker erweitert die beiden Traumatypen von Leonore Terr noch um die Kategorie der medizinisch bedingten Traumata. Beispielsweise akute lebensgefährliche Erkrankungen, chronische Krankheiten oder medizinische Eingriffe mit einem komplizierten Handlungsverlauf.

(Vgl. Beckrath-Wilking 2013, S.35ff)

Eine weitere Klassifizierung, die vorgenommen wird, nennt sich „man-made- Traumata". Diese Bezeichnung steht für Traumata, die durch Mitmenschen verursacht wurden, wie zum Beispiel Vergewaltigungen oder Raubüberfälle.

In einer anderen Kategorie, manche bezeichnen sie als „non-man-made" oder höhere Gewalt, stehen Naturkatastrophen oder schwere Schicksalsschläge, zum Beispiel der Tod einer geliebten Person. (vgl. Reddemann 2013, S.9ff)

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Details

Seiten
53
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668521971
ISBN (Buch)
9783668521988
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374146
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen – Katholische Hochschule NRW Abteilung Münster
Note
2.3
Schlagworte
traumapädagogik kinder- jugendhilfe eine herausforderung arbeit

Autor

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Titel: Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Eine Herausforderung für die soziale Arbeit?