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Nationalismus in Katalonien. Eine Einordnung der Nationalbewegung in Katalonien

von Magnus Roth (Autor)

Bachelorarbeit 2015 45 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Sonstige Staaten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

III. Tabellenverzeichnis

IV. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Ansatz und Forschungsperspektive
2.1. Annäherung an Nation, Nationalismus und Nationalstaat
2.2. Forschungsperspektiven und Forschungsdiskurs
2.2.1. Subjektivistische Definition
2.2.2. Objektivistische Definition
2.2.3. Konstruktivistische Definition
2.2.4. Zwischenposition
2.3. Die Nation ein volatiles Konstrukt

3. Untersuchungsdesign
3.1. Modifizierung des Designs

4. Katalanischer Nationalismus
4.1. Territoriale Erfassung Kataloniens
4.2. Parteiengefüge in Katalonien
4.3. Der Streit um das Autonomiestatut
4.4. Ökonomisches Verhältnis in Katalonien
4.5. Katalanische Sprache und dessen Bedeutung
4.6. Katalonien Nationalismus und die öffentliche Meinung
4.7. Massenmobilisierungen und ANC in Katalonien
4.8. Katalonien und die internationale Integration

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich der vier Dimensionen

Tabelle 2: Zeittafel Kataloniens nach dem Franco-Regime

Tabelle 3: Absicht in einem Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens abzustimmen

Tabelle 4: Nutzung der Sprachen

IV. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Politische Verhältnisse in Katalonien und deren Einstellung

Abbildung 3: Països Catalanes

Abbildung 2: Lage Kataloniens auf der Iberischen Halbinsel

Abbildung 4: Autonome Gemeinschaft Katalonien mit Comarcas

Abbildung 5: La Diada 2014_a

Abbildung 6: La Diada 2014_b

1. Einleitung

Schottland hatte am 18.[1] September 2014 ein Referendum um eine Unabhängigkeit von Großbritannien und für eine Eigenstaatlichkeit abgehalten, welches mit einer knappen Mehrheit verneint wurde. Dieses Referendum, über Jahre vorbereitet und von der Zent­ralregierung in London im Abkommen von Edinburgh legitimierte Vorhaben, polarisierte die europäische Medienlandschaft (vgl. Spiegel_a 2014). Über ein Referendum (glei­cher Intention) wurde im gleichen Zeitraum zwischen Spanien und Katalonien gespro­chen. Ein Referendum der Autonomen Gemeinschaft Kataloniens, die ebenso wie die Schotten ein Referendum über einen unabhängigen Staat abhalten wollten. Dieses wurde im Gegensatz zum schottischen Fall jedoch nicht von der Regierung in Madrid legitimiert (vgl. FAZ_a 2014). Dabei hat Ministerpräsident Mariano Rajoy dieses Refe­rendum mit der Begründung eines verfassungsrechtlichen Verstoßes abgelehnt. Sein Widersacher und Forderer des Referendums, Präsident von Katalonien Artur Mas, be­gründete das katalanische Recht ein Referendum abzuhalten anhand des Völkerrech­tes auf Selbstbestimmung (vgl. Zeit_a 2014). Letztlich wurde am 09. November 2014 ein Referendum durchgeführt, nicht von der katalanischen Regierung organisiert und auch nicht offiziell, sondern eine symbolische Abstimmung (vgl. Spiegel_b 2014). Doch wie kommt es, dass fast zwei Millionen Bürger bei einem inoffiziellen Referendum teil­genommen haben? Woher kommt die Intention das bisherige spanische Staatsgebilde in Frage zu stellen und für einen unabhängigen Staat zu kämpfen? Sind diese Intentio­nen auf ökonomischer, kultureller oder historischer Basis begründet? Insbesondere die Instrumentalisierung des 11. September 1714, den sogenannten „La Diada“ steht in diesem Kontext im Vordergrund. Doch was ist der Grund, weshalb ein Tag einer militä­rischen Niederlage gefeiert wird?

Dabei werden immer wieder mehrere Narrative diskutiert und als Erklärungsversuche herangezogen. Einer fokussiert sich auf die höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Kataloniens gegenüber dem übrigen Spanien (vgl. Ehrke 2014: 3). Ein weiterer, in die­sem Kontext, ist die wirtschaftliche Benachteiligung Barcelonas durch Madrid (vgl. Ehr­ke 2014: 3 / vgl. Bernecker 2010: 1). Bei dem dritten Erklärungsversuch ist die Beto­nung auf eine Besonderheit der katalanischen Sprache und Kultur und ihren damit ver­bundenen Anspruch auf Eigenstaatlichkeit (vgl. Bernecker 2010: 1).

Dies sind alles Faktoren, die im Kontext der Nationalbewegung diskutiert werden. In diesem Zusammenhang stelle ich die Hypothesen auf, dass:

Die katalanische Nationalbewegung ein Produkt der ökonomischen Benachteili-
gung sei.

Um die „Nation" Kataloniens zu erfassen, ist es notwendig zu Beginn eine theoretische Annäherung an die Terminologie „Nation", „Nationalismus" und „Nationalstaat" zu voll­ziehen. Dafür wird der aktuelle Forschungsstand und somit eine Differenzierung zwi­schen subjektivistischer, objektivistischer bzw. substanzialistischer und konstruktivisti­scher Definition von Nation dargelegt. In diesem Kontext wird auch einer Festlegung der Definition für die nachfolgende Arbeit gesetzt. Aus diesem theoretischen Kontext sollen Dimensionen der Nationalbewegung abstrahiert werden, welche mit dem des katalanischen Kontexts überprüft und eingeordnet werden sollen. Dabei sollen die Kernelemente der katalanischen Nationalbewegung herausgearbeitet werden und durch quantitative und qualitative Studien belegt werden. Anliegend wird zum einem das Verhältnis zwischen Zentrum-Peripherie untersucht, welches insbesondere bei der Diskussion um die Reform des Autonomiestatuts wichtig ist, aber auch andere Dimen­sionen wie ein wirtschaftliches Zentrum-Peripherie Verhältnis. Neben diesen materiel­len Werten und Faktoren sollen aber auch die Identitätselemente der Sprache und Ge­schichte und die damit verbundene Einstellung der Bevölkerung betrachtet werden. Aber auch die Parteien müssen einbezogen werden, da diese zentrale Akteure dieser Bewegung sind, hierbei liegt der Fokus auf den regional separatistischen Parteien. Begonnen wird nachfolgend mit einer theoretischen Einordnung der Nation, sowie dem damit verbundenen Forschungsdiskurs.

2. Theoretischer Ansatz und Forschungsperspektive

Im nachfolgenden Abschnitt werden zunächst terminologische Abgrenzungen und De­finitionen in Bezug auf Nation, Nationalismus sowie Nationalstaat vollzogen. In diesem Kontext werden zudem die verschiedenen Forschungsperspektiven erläutert und in Kategorien zusammengefasst. Insbesondere die Nation ist in den Sozialwissenschaf­ten ein viel diskutierter Begriff, der seit den 80er Jahren eine neue Dynamik erreicht hat (vgl. Eser 2013: 39).

Der Soziologe Norbert Elias bezeichnete das Potenzial des Nationalismus als „eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts" (Elias 1989: 194). Doch bevor die Terminologie selbst jedoch hinrei­chend erfasst wird, verweise ich auf eine vielzitierte Janusköpfigkeit des Nationalismus wie ihn Tom Nairn (1978)[2] beschreibt. Diese Metapher bezieht sich auf die innere Diversität und Ambivalenz des Begriffes. So hat es gleichzeitig eine hohe integrative, aber auch gleichzeitig eine exklusive Wirkung auf die Gesellschaft, somit soll eine Ein­ordnung in „gute" und „schlechte" Nationalismen verhindert werden. Dies betont Nairn im Folgenden: „Der Punkt ist eben der, dass - wie die einfachste vergleichende Analy­se erweist - alle Nationalismen zugleich gesund und krank sind" (Nairn 1978: 27).

Nachfolgend soll zunächst grundlegende Terminologie definiert und erklärt werden.

2.1. Annäherung an Nation, Nationalismus und Nationalstaat

Im deutschsprachigen Raum findet sich der Begriff erstmals 1774 in einer Schrift Jo­hann Gottfried Herders. Nation stammt von dem lateinischen Begriff natio welches mit Geburt, Geschlecht, Art, Stamm, Volk übersetzt werden kann (dtv-Atlas 2011: 63). Seitdem hat es in nahezu jeder Sprache Einzug gefunden und wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur wichtigsten politischen Legitimationsinstanz (vgl. Borggrä­fe/Jansen 2007: 7). Insbesondere im Kontext des 1. Weltkrieges haben die Nation und der Nationalismus sich in Europa durchgesetzt. Benedict Anderson, einer der wohl derzeit einflussreichsten Nationalismusforscher bezeichnet, die Zugehörigkeit zu einer Nation und den damit verbundenen Nationalstolz als den „am universellsten Wert im politischen Leben unsrer Zeit" (Anderson 2005: 12f.). Die Nation scheint etwas zu ver­mitteln, welches dem Staat fehlt.

Unter Nationalismus wird im ersten Sinne ein Konglomerat aus politischen Ideen, Ge­fühle und Symbole verstanden und im zweiten Sinne als eine politische Bewegung. Im Ersten Sinne sind diese Symbole wie Flaggen, Name der Nation, Mythen und vieles mehr. Der zweite Sinn versteht sich eher als eine Bewegung, welche zu Autonomie und nationale Einheit strebt (vgl. Borggräfe/Jansen 2007: 18-28).

Beim Nationalstaat wird die Übereinkunft von einer Nation und einem staatlichen Kon­strukt mit politischer Macht und Autonomie begriffen. Dabei ist offen, ob diese Selbst­bestimmung innerhalb eines anderen Staatensystems stattfindet, in das man integriert ist, wie die Europäische Union oder als vollständig souveräner Staat außerhalb dieses Systems (vgl. Borggräfe/Jansen 2007: 28-32).

Diese Abgrenzung zwischen Nation als Gruppe, Nationalismus als Bewegung bzw. als Konglomerat von Symbolen und Gefühlen und dem Nationalstaat als Übereinkunft zwi­schen der Nation und Staates kann nicht immer trennscharf betrachtet werden und bilden daher Idealtypen. Nationalismus vermittelt als Ideenkonstrukt zwischen dem Individuum und dem Gemeinschaft, somit zwischen dem Universellen und dem Parti­kularen (vgl. Keating 1996: 10f.). Aufgrund dessen wird Nationalismus als eine spezifi­sche Art und Weise der Gemeinschaft verstanden, die zwischen Mikro- und Makroebe­ne agiert.

Im nächsten Schritt werden die unterschiedlichen Forschungsperspektiven bzgl. der Nation betrachtet, um die theoretische Grundlage für eine Kategorisierung zu legen.

2.2. Forschungsperspektiven und Forschungsdiskurs

Bei den Forschungsperspektiven wird in Adaption zu Borggräfe und Jansen (2007) eine Differenzierung zwischen subjektivistische Definition, objektivistische Definition und als klonstruktivistische Definition vorgenommen.[3] Dieses Konzept wird erweitert, um den aktuellen Forschungsstand darzustellen.[4]

2.2.1. Subjektivistische Definition

Die ersten Schriften zur Nation begreifen diese als „große Kollektive, die auf einem grundlegenden Konsens ihrer Mitglieder beruhen" (Borggräfe/Jansen 2007: 11). Die Grundlage der Nation bildet somit einzig innere und zudem freiwillig geäußerte Über­zeugung der Mitglieder (Borggräfe/Jansen 2007: 11). Der Franzose Ernest Renan hat in seiner Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne die Nation als „ein Plebiszit Tag für Tag, wie das Dasein des einzelnen eine dauernde Behauptung des Lebens ist" (Renan 1996: 35) bezeichnet. Somit beruht der Zusammenhalt der Mitglieder auf einer frei getroffenen Entscheidung der Bürger (Renan 1996). Renan hat in seiner Rede auch die oftmals wiederholte These aufgebracht, dass Nationen Provisorien sind, die den Modernisierungsprozessen zum Opfer fallen (Borggräfe/Jansen 2007: 9): „Die Natio­nen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen" (Renan 1996: 36). Diese These wurde insbesondere durch den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, den aktuellen europäischen Nationalbewegungen und den erstarken nationaler Bewegun­gen in Südostasien wiederlegt. Diese subjektive Art der Definitionen von Nation macht es leicht in die Nation einzutreten. Die Zugehörigkeit dazu wird einzig durch Willensakt und innerer Intention vollzogen. Gegenüber dieser Subjektivistischen Definition gibt es weitere Perspektiven, wie die Objektivistische Perspektive.

2.2.2. Objektivistische Definition

Gegenüber der Subjektivistischen Definition beruht die Zugehörigkeit zu einer Nation in der Objektivistischen Definition nicht auf einem reinen Willensakt. Die Objektivistische Betrachtungsweise beruht auf Kriterien, die außerhalb des Einflusses der Individuen liegen (vgl. Borggräfe/Jansen 2007: 12). Die Objektivistische Definition wird des Öfte­ren auch als primordiale, soziobiologische oder subjektivistische Theorie bezeichnet. Diese Abgrenzung kann auf verschiedenen Eigenschaften beruhen: Sprache, Kultur, Tradition, Religion, Abstammung, Geschichte, gemeinsames Tutorium, die Landesna­tur, angeblich angeborene geistige oder psychische Eigenschaften (auch Volksgeist oder Volkscharakter bezeichnet) (vgl. Llobera 1999: 4ff./ Borggräfe/Jansen 2007: 12ff./ Weichlein 2006: 9-21). Zu diesen objektivistischen Theorien gehört auch die rassische Bestimmung der Nation über gemeinsamen Abstammung und Blutsverwandtschaft (vgl. Borggräfe/Jansen 2007: 13). Abstammung und Blutsverwandtschaft gehörte zu den exklusivsten und folgenreichsten Formen der Nation. Seinen negativen Höhepunkt hatte dies wohl in den Nürnberger Gesetzen von 1935.

Diese primordialen Einordnungen können noch durch interne Forschungslinien diffe­renziert werden. Wie Lammert darstellt unterscheidet Anthony Smith diese nochmal in drei Versionen: „(1) Ethnische Identität wird als zentraler Bestandteil der menschlichen Existenz angesehen, (2) aus einer sozialbiologischen Sicht sind Ethnien und Nationen etwas natürliches und (3) ist Ethnizität eine gegebene und mächtige soziale Bindung, die Vorrang vor allen anderen Bindungen zwischen Individuen besitzt" (Lammert 2004: 18).

Dieser Ansatz der Definition von Nation, die auf ethnischen und „natürlichen“ Eigen­schaften basiert, hat zur Folge, dass die Identität von Geburt an festgelegt ist. Damit wird die Zugehörigkeit zur Nation außerhalb der Entscheidungsmöglichkeit des Indivi­duums gesetzt.

Im deutschen Diskurs war vor allem Friedrich Meineckes Begriffsdefinition einflussreich und verbreitet. Meinecke unterschied zwischen „Staatsnation“, in dem ein bereits vor­handener Territorialstaat eine nationalistische Ideologie instrumentalisierte und von „Kulturnation“, in denen die Nationenbildung dem Territorialstaat vorausging (vgl. Mei­necke 1962).

Übertragen auf die hier benutze Einordnung gehört die Kulturnation zur Objektivisti­schen Betrachtungsweise und die Staatsnation entspricht der Subjektivistischen Defini­tion. Im nächsten Punkt wird die Konstruktivistische Definition vorgenommen.

2.2.3. Konstruktivistische Definition

In den 90er Jahren wurde der moderate subjektivistische Ansatz wesentlich radikali- siert, indem die Idee der Nation als natürliche Ordnung dekonstruiert wurde und infol­gedessen den Vorstellungen von nationalen Gemeinsamkeiten die Grundlage entzo­gen wurde (vgl. Borggräfe /Jansen 2007: 14.). Zu den bekanntesten Vertretern der konstruktivistischen Definition zählen im angelsächsischen Autoren Benedict Ander­son, Ernest Gellner, Eric J. Hobsbawn und im deutschsprachigen Diskurs Rainer Lep- sius. Das wohl bekannteste und inhaltstärkste Zitat zu dieser Sichtweise stammt von Anderson. Anderson sagt: „Sie (die Nation) ist eine vorgestellte politische Gemein­schaft - vorgestellt als begrenzt und souverän“ (Anderson 2005: 15). Begrenzt in dem Sinne, dass sich keine Nation mit der gesamten Menschheit gleichsetzen will und kann. Vorgestellt ist sie in dem Sinne, dass man denkt das ein Individuum mit anderen Individuen, die einem nicht direkt bekannt sind, verbunden ist und somit eine vorge­stellte Gemeinschaft also Nation bildet. Darauf begründet auch Gellner die Nation:

„Der Nationalismus steht somit für die Errichtung einer anonymen, unpersönli­chen Gesellschaft aus austauschbaren atomisierten Individuen, die vor allem anderen durch eine solche gemeinsame Kultur zusammengehalten wird“ (Gell- ner 1995: 89).

Die Nation wird somit als eine Vorstellung betrachtet. Die Gemeinschaft basiert auf der gleichen Kultur. Die Kultur wird als System verstanden, welches aus Ideen, Zeichen und Wegen, mit denen man in Kommunikation und Verhalten treten kann, verstanden wird (vgl. Gellner 1983: 7 & Gellner 1995: 17). Somit ist Kultur die Art und Weise wie sich Gemeinschaften verständigen. Diese diskursive Art der Nation benötigt ständige Erneuerung und Bestärkung der Nation. Die Integration der Individuen in die Nation erfolgt durch Symbole, Karten, Nationalhymnen, Flaggen und Flaggenehrungen, wel­che in Kombination mit informellen Gruppenzwang und Massenkommunikationsmedien und dem Erziehungssystem der Bevölkerung auch seinen Kindern beigebracht wird (vgl. Deutsch 1972: 44). Die Grundlage der Nation bildet, eine Vorstellung, dass die nationbildende Gruppe auf einer Kommunikationsgemeinschaft basiert, das heißt, dass die Mitglieder auf gleiche Mittel und Normen der Kommunikation setzen. Diese Kom­munikation wird als modernes Phänomen betrachtet und im Rahmen dessen hat An­derson dies mit der Erfindung des Buchdrucks und den damit einsetzenden Druckkapi­talismus in Verbindung gesetzt (Anderson 2005: 44ff.).

Ebenso behauptet Gellner, dass Nationen ein modernes Phänomen darstellen (vgl. Gellner 1983: 39-52). Allgemein wird die Entstehung der Nation mit der Industriellen Revolution verbunden und der damit einhergehenden Mobilisierung der Bevölkerung. Erst durch diese Mobilität wurde die Notwendigkeit geschaffen eine Identifikation zu schaffen. Die Nation bildet demnach ein Ort der Ruhe und der eigenen Verortung. Weichlein spricht daher von einer „funktional von ihrer vereinheitlichenden und inte­grierten Wirkung als Ausdruck der Modernität" (Weichlein 2012: 27). In immobilen Ge­meinschaften wären Nationen nach Gellner, Anderson, Hobsbawn und weiteren nicht entstanden. Hastings (1997) geht bei der Verbindung zwischen Modernität und Nation weiter: „The basic characteristic of the modern nation and everything connected with it is modernity"(Hastings 1997: 10). Hastings legt somit eine Kausalität zwischen Moder­ne und Nation an. Dabei wird Modernität mit einer Vielzahl von Veränderung verknüpft. Eine ähnliche Behauptung hat Waldron (1985) aufgestellt und zwar, dass der Nationa­lismus erst in der Folge von Konflikten konstruiert wird, ob diese Konflikte zwangsläufig aufgrund von Veränderungen der Moderne basieren bleibt dabei offen (vgl. Waldron 1985: 433).

Diese Position, der als von außen konstruierten Gemeinschaft, ist aktuell die populärs­te im wissenschaftlichen Diskurs. Doch es existieren auch Positionen zwischen der radikal konstruktivistischen und der objektivistischen Position.

2.2.4. Zwischenposition

Zwischen den beiden Positionen der Nation als natürliches, der objektivistischen und der konstruktivistischen, der Nation als rein menschlich konstruiertes moderne Phäno­men gibt es eine Zwischenposition, die der Autor Anthony D. Smith (2004) einnimmt. Dieser sieht die Ursprünge in objektivistischen bzw. ethnischen Merkmalen, also, dass die gemeinsame Herkunft mehr als ideologische Fiktion oder eine nachträgliche Kon­struktion sei (vgl. Borggräfe /Jansen 2007: 15). Anthony D. Smith beschreibt dies an­hand Polens (Smith 2004: 96). Zusammenfassend lässt sich hier sagen, dass die Eth­nie die Grundlage oder den notwendigen Ursprung darstellt, aus der die Nation infol­gedessen resultiert.

2.3. Die Nation ein volatiles Konstrukt

Aufgrund der Vielzahl der bereits vollzogenen Definitionsmöglichkeiten wird eine kurze Bestandsaufnahme vollzogen und eingeordnet. Je nach theoretischer Betrachtungs­weise werden die Faktoren der Nation unterschiedlich gewichtet. Diese Zusammenfas­sung basiert auf Hroch und wird noch erweitert (vgl. Hroch 2005: 38).

- Nationen haben Rückbindungen zur Vergangenheit, also zur Geschichte.
- Jede Abhandlung kann objektive Faktoren nicht übergehen, bzw. fragt sich jede Abhandlung inwiefern objektive Faktoren eine Rolle spielen. Dabei wird nicht der Anspruch erhoben diese als Ursache zu betrachten, sondern deren Rolle und Instrumentalisierung.
- Der Modernisierungsprozess spielt immer eine Rolle, ob in Form des Buch­drucks oder der Industrialisierung oder auch der Alphabetisierung.
- Interessenkonflikte spielen immer eine Rolle, ob diese von der sozialen Zuge­hörigkeit oder ungleicher Modernisierungsentwicklung stammen. Dabei findet oftmals eine Exklusion von Gruppen statt.
- Es findet eine Verknüpfung von kulturellen und sozialpsychologischen Zusam­menhängen statt, die darin beinhaltete Frage ist, inwiefern Nationen oder Nati­onalismus Gefühlsmobilisierung oder irrationale Triebe sind.
- Gleichgültig ob Nationen konstruiert sind, können deren Existenz nicht geleug­net werden, weil viele Menschen diese als real betrachten. Jedoch ist es empi­risch nicht nachprüfbar. Bielefeld schrieb bezeichnenderweise: „Letztlich er­weist sich das Volk nur in seinen Symbolisierungen als real (Bielefeld 1998: 425)“.

Diese Vielzahl von Faktoren werden, wie bereits angesprochen je nach Herangehens­weise unterschiedlich gewichtet und oder erweitert. Auf dieser Grundlage soll nachfol­gend eine Konzeptualisierung stattfinden, in denen Kategorien entwickelt werden. Die­se Kategorien befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen des öffentlichen und priva- ten Lebens, der sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Ebene. Diese Ka­tegorien basieren auf der zuvor theoretisch gelegten Grundlage.

3. Untersuchungsdesign

„Die Nation, wenn sie entsteht, bestimmt selbst die Merkmale, die sie bestimmen" (Ernst-Wolfgang Böckenförde). Wie bereits Böckenförde bezeichnend zusammenfass­te, sind die Merkmale und die Grundlage der Nationen selbstbestimmt. Insofern sind die Merkmale die genutzt werden können sehr variabel und teilweise volatil. Somit las­sen sich Nationen auf vieles reduzieren und definieren. Nachfolgend wird ein Design entwickelt, womit es (hoffentlich) möglich erscheint, die gegenwärtige Nationalbewe­gung in Katalonien zu erfassen und zu verorten. Dies hat zum Ziel, die zu Beginn auf­gestellte Fragen und Hypothese zu beantworten und zu wiederlegen bzw. zu zustim­men.

3.1. Modifizierung des Designs

Keating (2001) nutzt diverse Faktoren in seinem Buch zur Untersuchung der National­bewegungen in Quebec, Katalonien und Schottland. Diese vier Dimensionen nach Ke­ating (2001: 65-76) sollen als Grundlage gelten und entsprechend modifiziert werden. Diese Dimensionen sind aufgeteilt in kulturellen, sozialen, ökonomischen und politi­schen Dimensionen. Dafür werden nun diese definiert. Begonnen wird nachfolgend mit der kulturellen Dimension.

(1) Kulturelle Dimension

Eine kulturelle Dimension ist wohl für die Nation die relevanteste Dimension. Diese beinhaltet eine Konstruktion der Nationalgeschichte, welche auch in Mythen und Tradi­tionen Ausdruck findet. Die Geschichte wird als Argument genutzt, da diese eine Kon­tinuität konstruiert (Hroch 2005: 149f.). In diesem Kontext wird Nationalgeschichte im kulturellen Kontext verwurzelt[5]. Zur Geschichte gehören die Instrumentalisierung von Symbolen wie Flaggen, Mythen oder Nationalhymnen und deren damit verbundenen Mystifizierung.

Einen weiteren kulturellen Aspekt bildet die Sprache[6]. Bereits Renan sagte schon: „Die Sprache lädt dazu ein, sich zu vereinigen; sie zwingt nicht dazu"(Renan 1996: 27). Sprache[7] ruft ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervor, als Beispiel, wenn man im Ur­laub in einem Café andere Touristen deutsch sprechen hört (vgl. Spurk 1997: 52). Ob dieses Gefühl positiv ist oder nicht, interessiert hier nicht weiter. So war die National­sprache zunächst die Sprache der Eliten, welche an der Konstitution der Nation arbei­teten (vgl. Spurk 1997: 55). Über das öffentliche Schulwesen und die Verwaltung wur­de es von einer Sprache der Eliten zu einer Nationalsprache (vgl. Weichlein 2012: 14). Die Nationalbewegung leitet aus dem Sprachkriterium mehrere Forderungen ab, so das Recht die eigene Sprache zu sprechen und auch in der eigenen Sprache ange­sprochen zu werden (vgl. Weichlein 2012: 14). Somit wurde der „Kampf" um eine freie Ausübung der Sprache auch immer ein „Kampf" um die „nationale Sprachhoheit". Hobsbawn bezeichnet die Nationalsprache als: „Nährboden des nationalen Denkens und Fühlens" (Hobsbawn 1981: 68). Eine Kommunikation ist unerlässlich bei der For­mierung von Nationen. Die sprachliche Wirkung ist auch mit der ökonomischen Dimen­sion verwoben, so können diese Marktbarrieren aufbauen aufgrund der Notwendigkeit alles zu übersetzen (vgl. Keating 1996: 60-62).

Die Sprache kann in drei Kategorien unterteilt werden: regionale Sprache, staatliche Sprache und internationale Sprache. Die Einordnung ist je nach Kontext abhängig, so ist Spanisch in den USA eine Minderheiten Sprache aber in Lateinamerika eine inter­nationale Sprache. In Quebec ist die regionale Sprache französisch und die staatliche Sprache ist Englisch, dabei benötigen aber die Berufe mit dem meisten Prestige und dem höchsten Gehalt die Notwendigkeit des Operierens in beiden Dimensionen (vgl.

[...]


[1] Geschlechtsneutrale Sprachverwendung: In dieser Arbeit wird aus Gründen der Lesbarkeit auf die parallele Nennung von Personen männlichen und weiblichen Geschlechts („Migran- tinnen und Migranten“) verzichtet, wenn nicht gezielt auf ein Geschlecht Bezug genom­men werden soll. Mit „Migranten“ werden sowohl Männer als auch Frauen bezeichnet.

[2] Des Weiteren benutzen diese Metapher auch Christian Jansen / Henning Borggräfe (2007) und Patrick Eser (2013) zur Beschreibung des Nationalismus.

[3] Hier ist zu verweisen auf die Vielzahl der Möglichkeiten die Forschungsperspektiven zu kate­ gorisieren. So hat Llobera (1999) in Primordalist, Instrumentalist, Modernization und Evolutionary Theories differenziert. Louis Writh(1936) kategorisiert es wiederum in He­gemony Nationalism, Particularistic Nationalism, Marginal Nationalism und The Nationa­lism of Minorities. Zu nennen ist auch Guibernau (1996) der es in „natürlichen" und als „modernes Phänomen" untergliedert. Das Konzept von Borggräfe und Jansen (2007) wird genutzt, weil es den aktuellen Forschungsstand am besten differenziert und kate­gorisiert.

[4] Eine vollständige Darstellung des Forschungsstands ist nahezu unmöglich, jedoch ist eine der Darstellung der dominanten Strömungen des Diskurses über Nationen möglich welches im Folgenden vollzogen wird.

[5] Aleida Assmann unterscheidet vier Arten des Gedächtnisses: Individuelles, Soziales, Kollekti­ves und Kulturelles Gedächtnis. Der Inbegriff des kollektiven Gedächtnisses ist das na­tionale Gedächtnis. (Assmann 2006: 21-59).

[6] Die Sprache sollte nicht überbewertet bei der Nationsbildung, das beste Beispiel hierfür ist die Schweiz mit ihren insgesamt vier Nationalsprachen, von deren keine in allen Kantonen gelehrt und gesprochen wird.

[7] Besonders herausgestellt wird der Zusammenhang von Sprache, Kommunikation und Nation bei dem tschechischen Politologen Karl W. Deutsch in seinem Werk Nationalism and Social Communication. Dabei geht Deutsch auf eine strukturbedingte Entwicklung von Nationen aus, welche im Wesentlichen auf die Moderne und die damit rasante Zunah­me von Mobilität geschaffen wurde (Deutsch 1972). Kommunikation wurde durch diese Mobilität immer wichtiger. Sie sei in der Lage, Arbeitsbeziehungen und lokale Zusam­menhänge zu überschreiten, kulturelle und sprachliche Assimilation zu fördern (Hel- merich 2011: 438).

Details

Seiten
45
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668518179
ISBN (Buch)
9783668518186
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374098
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Internationale und Intergesellschaftliche Beziehungen
Note
2
Schlagworte
Katalonien Nationalismus Nationalbewegung Nation Unabhängigkeit Nation-Building ANC Katalanisch Spanien Seperatismus BREXIT Espana Politikanalyse Politikwissenschaft Soziologie Sprache

Autor

  • Magnus Roth (Autor)

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