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"Der Hexenhammer". Eine pseudowissenschaftliche Abhandlung mit misogynen Tendenzen?

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. I. Einleitung: Vom Magieglauben zur Hexenverfolgung

2. II. Das Frauenbild des Hexenhammers: Bigotterie oder anerkanntes Gesellschaftsbild?

3. III. Pseudowissenschaftliche Thesen und wie sie untermauert werden

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Vom Magieglauben zur Hexenverfolgung

„Was sich für den einen auf vollkommen natürlichem Boden bewegt, kann dem andern als Wunder, dem dritten als Zauberei erscheinen" (Soldan/Heppe, Geschichte der Hexenprozesse). [1]

Die Hexenverfolgung ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Sie beruhte unter anderem auf den unterschiedlichen Interpretationen und Glaubensvorstellungen von Menschen dieser Zeit, dem Wandel des Geprägten an der Schwelle der Antike bis in die Zeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und speiste sich aus dem vermittelten Bild der katholischen Kirche, die dem bereits bestehenden Magieglauben der Antike allmählich eine neue, durchweg negative, Richtung gab.

Bereits in der Antike war der Magieglaube - welcher mit Ausbreitung des Christentums in Form der Dämonenlehre des Neuplatonismus und Judentums zunehmend fester Bestandteil der kirchlichen Lehre wurde und dessen Ausübung durch magische Praktiken - sehr verbreitet. Die antike Götterwelt sowie alle heidnischen Rituale und Praktiken wurden dem Teufel und seinen Dämonen zugeschrieben, während geistliche Stellvertreter selbst ähnliche Praktiken betrieben, wie z.B. Orakel durch willkürliches Bibelaufschlagen[2], Amulette und Exorzismen.[3]

Die Folter von Hexen kam 1252 erstmals unter Papst Innocenz IV. zum Einsatz und diente dazu, ein Geständnis der eigenen Schuld sowie das Anzeigen von Mitschuldigen zu erzwingen. Inquisitoren bezogen ihr Gehalt anfangs von den Gemeinden, später aus Quoten des beschlagnahmten Vermögens. Sie konnten sich gegenseitig Absolution erteilen. Wurde beispielsweise eine der Frauen zu Tode gefoltert, kam es zwar zur Exkommunikation, doch ein zweiter Geistlicher konnte den Inquisitor sofort davon freisprechen.[4]

Mitte des 15. Jahrhunderts gab es in Deutschland bereits Hinrichtungen wegen Hexerei, aber erst 1498 mit der päpstlichen Bulle Innocenz des VIII. und der Verbreitung des Malleus Maleficarum seit 1486, nahm der Hexenglaube in der Bevölkerung erneut Überhand. Dieser sog. „Hexenhammer“ wurde von seinen Autoren unter großen Mühen publik gemacht und erläutert das Wesen der Hexerei in wissenschaftlichem Stil. Dabei stellen sie den aus ihrer Sicht „effektivsten“ Prozess dar.

Die beiden Autoren, Heinrich Kramer Institoris und Jakob Sprenger - obwohl es bis heute als umstritten gilt, ob Sprenger tatsächlich an dem Werk beteiligt war, oder ob sein Name, wie der einiger anderer, lediglich missbraucht wurde, um den angestrebten Zweck zu erfüllen - stießen mit ihren Methoden anfangs auf heftigen Widerstand. Kramer, der 1430 in Schlettstadt im Elsass geboren und als Mitglied des Dominikanerordens sowohl Prior als auch Doktor der Theologie wurde und ein Grundstudium der Philosophie ablegte, wurde zum Inquisitor in Oberdeutschland berufen, während Jakob Sprenger für die Rheingegenden zuständig blieb.[5]

Vermutlich waren es der heftige Widerspruch, die Anzweiflung ihrer richterlichen Kompetenz, allgemeiner Zweifel an der Existenz der Zauberei an sich, sowie der Schutz, den ihre Opfer durch weltliche Mächte erfuhren, der die beiden zum Verfassen und publik machen des Malleus Maleficarum veranlassten. Da Kramer gewiss die treibende Kraft hinter dem Hexenhammer war und fraglich bleibt, ob Sprenger tatsächlich an der Abhandlung beteiligt war, wird im Folgenden nur noch von einem Autor die Rede sein.

Es stellt sich vor allem die Frage, warum es vornehmlich Frauen waren, die der Hexerei beschuldigt und – wie es die vorliegenden Auszüge aus dem Buch anschaulich untermauern – unter größten Mühen herabgewürdigt wurden. Inwiefern beruhen die Thesen des „Hexenhammers“ auf dem gesellschaftlichen Frauenbild des Mittelalters und inwieweit wurden dessen negative Seite von den Autoren missbraucht? Wurde in die verwendeten Zitate aus den Werken anderer Schriftsteller mehr hineininterpretiert und dazu gedichtet als es der ursprünglichen Intention entsprach? Und was war die Intention von Heinrich Kramer? Anhand einer mentalitäts- und geschlechtergeschichtlichen Betrachtung möchte ich auf diese Themen näher eingehen und dabei der Frage nachgehen, warum es laut Kramers Meinung mehr Hexen als Hexer gegeben haben soll.

II. Das Frauenbild des Hexenhammers:

Bigotterie oder anerkanntes Gesellschaftsbild?

Das mittelalterliche Frauenbild war zweigeteilt: Einerseits gab es das kirchlich geprägte Bild von der „sündhaften“ Eva und der „heilsbringenden“ Maria; die Frau wurde als „Gehilfin“ des Mannes angesehen, dementsprechend als etwas Mangelhaftes betrachtet, das zum „eigenen Wohle“ unterworfen werden müsse. Selbst die Zeugung einer Frau galt für Thomas von Aquin, einem Wegbereiter kirchlicher Überzeugung, als Zeichen der Schwäche oder rührte, seiner Meinung nach, von „feuchten Südwinden“ her.[6]

Beide Schriften, sowohl die Summa Theologica als auch der Malleus Maleficarum fördern eine zutiefst misogyne Einstellung der Autoren zutage, die in dem Sinne interessant wird, als beide, von Aquin ebenso wie Kramer, dem Dominikanerorden zugehörig waren. So zitiert Kramer bereits im dritten Absatz die Interpretation eines gewissen Chrystomos über Math. 19, 10 herausgerissen aus dem Kontext – nämlich eines Lebens in freiwilliger Enthaltsamkeit – um sein Frauenbild biblisch untermauert zu postulieren: „Was anders ist die Frau als die Feindin der Freundschaft, eine unentrinnbare Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Heimsuchung, ein wünschenswerter Verlust, eine häusliche Gefahr, ein ergötzlicher Schaden, ein Fehler der Natur, mit schöner Farbe bemalt?“[7]

Die vorliegenden Auszüge aus dem Malleus Maleficarum basieren überwiegend auf einer Erniedrigung der Frau unter Zuhilfenahme von Bibelzitaten, bekannten Philosophen und Persönlichkeiten. Die Beispiele verworfenen Verhaltens einer Frau sind zahlreich. So wird die Frau neben einer gewollten Assoziation mit dem Teufel – sie sei „bitterer als der Tod“ und unter Berufung auf die Erbsünde, auch als Objekt dargestellt, das unterwiesen, gebraucht und „geleitet“ werden müsse.[8] Diese Vorstellungen waren im Mittelalter zwar nicht ungewöhnlich, sondern eher Regel als Ausnahme, allerdings gehen die Vorwürfe des Malleus Maleficarum deutlich tiefer: Nicht nur sei die Frau das schwächere Wesen, sie vergesse auch, aus „Mangel an Erinnerungsvermögen“, dass sie geführt werden müsse.[9]

Deutlich herabwürdigender sind auch jene stets zu Ungunsten der Frau ausgelegten Zitate, wie: „besprich dich mit der Frau darüber, worüber sie sich ereifert“ und letztendlich vom Autor der völlig zusammenhangslose und verallgemeinernde Schluss gezogen wird, es gäbe mit Frauen keine Übereinkunft, weil diese „stets neidisch und rivalisierend“ wären.[10]

Frauen seien gefährlich in jedweder Hinsicht warnt Kramer, weil der Schrecken durch eine liebliche Fassade verdeckt, dem Mann zum Verhängnis werde. Ihre Stimme sei „geschmeidiger als Öl und zuletzt scharf wie Absinth“,[11] zitiert er zusammen mit einem Chimärenvergleich: Beide seien schön anzusehen, aber in ihrer Berührung grausig und ihr Umgang tödlich. Mit eben beschriebener Zunge, seien es auch die Frauen, welche die Männer durch ihr Gerede aufstachelten, um sie zu Zorn und Streit zu reizen, denn wie die Autoren Eccl 2534 zitieren, sei „kein Zorn schlimmer als der Zorn der Frau“ und eine „liederliche“ Frau schlimmer als ein Löwe oder Drache, folglich die größtmögliche Strafe. Außerdem seien sie geschwätzig und hätten eine „schlüpfrige Zunge“.[12]

Dabei geht der Autor sogar soweit mit den Worten des Senator Cato Uticensis, einem bekannten Widersachers Caesars, zu schreiben, „Wenn die Welt ohne Frauen sein könnte, wäre unser Lebenswandel göttlich.“[13] Denn ihr Verstand und Verstehen sei anders als beim Mann, was sie leichtfertig in ihrem Urteil mache.[14]

Neben zahlreichen weiteren negativen Eigenschaften, die den Frauen angedichtet werden, wie „Boshaftigkeit“, „Rachsüchtigkeit“, „mangelndes Pflichtgefühl“, „Streitsüchtigkeit“, „Unehrlichkeit“, „Eitelkeit“, „Ungläubigkeit“, „Habsucht“[15] und vor allem der „Wollust“, verweist Kramer dabei auf bekannte Beispiele aus der Mythologie, der Geschichte und der Bibel. Er vergleicht sie mit Sirenen, verweist auf das unlautere Vorgehen der Königin Jezabel, kritisiert Kleopatra, nur um noch im gleichen Atemzug darauf hinzuweisen, dass es die Frauen seien, die „fast alle Reiche der Welt […] zerstört [hätten].“[16]

Dabei stilisiert der Autor die Frau wissentlich oder unwissentlich auch zum Sündenbock, der die Schuld an allem trägt. Das sieht er zum einen im Schöpfungsmythos begründet, da die Rippe, aus der sie erschaffen wurde, derjenigen des Adams entgegengeneigt sei, woraus er den Schluss zieht, eine Frau würde „immer täusch[en].“[17] Zum anderen leitet er die Minderwertigkeit der Frau schon aus dem lateinischen Begriff femina ab, indem er allein aus der Wortzusammensetzung folgert, sie sei schwächer im Glauben.[18]

Ein besonderes Augenmerk richtet Kramer also auf die biblisch begründete Schwäche der Frau, die er de facto als Hauptargument nutzt, zu erklären, warum gerade die Frauen anfällig für Hexerei seien. Diese seien nicht nur schwach gegenüber der Fleischeslust, welche sie zur „Teufelsbuhlschaft“ treibe und schwach in ihrem Glauben, was sie anfällig für Dämonen mache, sondern ebenso unstet in ihrer körperlichen Verfassung, wobei er als Beispiel das „Eindringen von Seperatsubstanzen“ anführt.[19]

Darüber hinaus würden nicht nur die Aussagen vor Gericht glaubhaft machen, dass es mehr Hexen als Hexer gebe, sondern auch die eigene Erfahrung habe ihn dies gelehrt.[20] An dieser Stelle wirft sich zwar die Frage auf, welche schrecklichen Erlebnisse Kramer mit einer oder mehreren Frauen gemacht haben könnte oder ob sich seine frauenfeindlichen Ansichten allein aus dem Erfahrungsaustausch mit seinen Ordensbrüdern und Vorgesetzten herleiten, doch leider ist es aus Mangel an Überlieferungen aus seinem Privatleben oder überhaupt seiner frühen Jahre nahezu unmöglich derartiges zu rekonstruieren.[21]

Obwohl nahezu alle Ansichten Kramers kirchlich motiviert zu sein scheinen, manifestiert sich gerade im Argument der „Woll-“ und „Fleischeslust“ die theologische Ansicht des Inquisitors Kramer, der die Sexualität als etwas Sündhaftes und Negatives beschreibt, eine „gute Frau“, so verdeutlicht er mit Verweis auf Maria und das Neue Testament, sei dieser ledig.[22] Dieses von der Kirche geprägte Frauenbild ist besonders widersprüchlich, da es vermutlich ausschließlich von Männern geprägt wurde, da das weibliche Geschlecht „von den wichtigen Funktionen innerhalb der Kirche […] nach dem Grundsatz ‘mulieres in ecclesiis taceant‘ [ausgeschlossen blieben]“,[23] was sich in etwa mit das Weib schweige in der Gemeinde übersetzen lässt.

Doch nicht alle Strömungen des Mittelalters waren frauenfeindlich. So z.B. auch der ritterliche Minnedienst, welcher zwar Impulse aus dem Marienkult erhielt, aber auf einer Überlegenheitsvorstellung der Frau über den Mann beruhte, der „das Beziehungssystem zwischen Dame und Ritter geistig und erotisch prägte.“[24] Gleichwohl die Kirche ein offizielles Machtzentrum war und in anderer Form bis heute noch ist, genoss die Frau, gemäß ihrem Stand, Rechte und Schutz vor Gericht, obwohl sie stets auf ihren Vormund angewiesen blieb, der im Regelfall in jungen Jahren der Vater, später der Ehemann war. Denn rechtlich blieb sie handlungsunfähig.[25]

[...]


[1] Siehe Soldan, W.G./Heppe, H.: Geschichte der Hexenprozesse 1, Kettwig 1986, S. 18.

[2] Anm.: Weissagungen durch zufällig geöffnete Bibelverse, vgl. ebd., S. 97.

[3] Vgl. ebd., S. 75 f.

[4] Vgl. ebd., S. 176 f.

[5] Vgl. Soldan/Heppe: Geschichte der Hexenprozesse, S. 213.

[6] Von Aquin, Thomas: Das Frauenbild in der Summa Theologica, in: Peter Ketsch: Frauen im Mittelalter: Quellen und Materialien, Bd. 2: Frauenbild und Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft, Düsseldorf 1984, S. 75-77.

[7] Heinrich Kramer (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum. Kap. I, 6: Es folgt die Frage bezüglich der Hexen selbst, die sich den Dämonen unterwerfen, S.1.

[8] Siehe ebd., S. 5, Spalte 1.

[9] Siehe ebd., S. 4, Spalte 1.

[10] Siehe Heinrich Kramer: Der Hexenhammer, Kap. I, 6, S.3, Spalte 3.

[11] Siehe ebd., S. 4, Spalte 3.

[12] Siehe ebd., S. 2, Spalte 2.

[13] Siehe ebd., S. 4, Spalte 3.

[14] Siehe ebd., S. 3, Spalte 1.

[15] Siehe ebd., S. 1, Spalte 2; S. 4, Spalte 1; S. 4, Spalte 3; S. 5, Spalte 2, S. 2, Spalte 1.

[16] Siehe ebd., S. 4, Spalte 2.

[17] Siehe ebd., S. 3, Spalte 2.

[18] Siehe Heinrich Kramer: Der Hexenhammer, Kap. I, 6, S. 3, Spalte 2.

[19] Siehe ebd. S. 2, Spalte 2.

[20] Siehe ebd. S. 1, Spalte 1.

[21] Vgl. Historicum.net: https://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/personen/artikel/Kramer_Heinrich_Henricus_Institoris/, Zugriff: 27.08.2016.

[22] Siehe Heinrich Kramer: Der Hexenhammer, Kap. I, 6, S. 2, Spalte 2.

[23] Siehe Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter, München 1993, S. 65.

[24] Siehe Volkert, Wilhelm: Kleines Lexikon des Mittelalters. Von Adel bis Zunft, Bremen 21999, S. 65.

[25] Vgl. Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter, S. 34.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668514065
ISBN (Buch)
9783668514072
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373775
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fakultät VI - Human- und Gesellschaftswissenschaften
Note
Profilbildungsmodul (unbenotet)
Schlagworte
Malleus Maleficarum Hexenhammer Quelleninterpretation Pseudowissenschaft Misogynie Hexe Mittelalter Hexenverfolgung

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