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Der Rhein als Konfliktpunkt zwischen Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert

Brücke oder Grenze?

Hausarbeit 2015 10 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Rhein im 19. Jahrhundert: Brücke oder Grenze?

2. „Frankreich – Deutschland“ als Karikatur einer gewaltlosen Krise
2.1. Adler und gallischer Hahn. Der publizistische Stellungskrieg
2.2. Mit Pauken wie Trompeten: Erwachendes deutsches Nationalgefühl

3. Was auf der einen Seite trennt, führt auf der anderen zusammen

4. Literaturverzeichnis

1. Der Rhein im 19. Jahrhundert: Brücke oder Grenze?

Wasser hat seit jeher eine große geschichtliche Bedeutung. Städte siedelten sich an den Ufern großer Flüsse an, Meere bildeten natürliche Grenzen zu anderen Kontinenten und dessen Abwesenheit ließ gar nicht erst Leben aufkommen. Wo es kein Leben gibt, wird auch keine Geschichte geschrieben. Daher kann auch die Bedeutung der Flüsse in diesem Kontext nicht geschmälert werden, die bekanntlich keine „stillen“, sondern vielmehr „rauschende“ Gewässer sind. Auch Flüsse bildeten in der Vergangenheit territoriale Abgrenzungen, erschlossen Räume und wurden zu Zentren des geistigen und kulturellen Wachstums.

So hat der Rhein, als einer der größten Ströme Deutschlands, eine besonders bewegte Vergangenheit. Kaum ein anderer europäischer Fluss war je so begehrt wie umstritten, dass er sogar einem poetischen Gefecht anheimfiel.[1] In der sog. „Rheinkrise“ erhob Frankreich 1840, als mögliche Konsequenz gescheiterter Expansionspolitik im Nahen Osten, erneuten Anspruch auf das linke Rheinufer als „natürlicher Grenze“ des Landes.[2] Die Reaktion auf diese Forderung war beachtlich. Nicht wenige Deutsche fassten dies als erneute Bedrohung auf […] „damit Germanien, weiland das Schrecken der Jenseitswohnenden, unbeschirmt vor ihnen läge.“[3] und riefen zum Zusammenhalt des deutschen Volkes gegen Frankreich auf. Im Frieden von Lunèville hatte Napoleon die Abtretung des linken Rheinufers festgelegt, nachdem er bereits 1793, den Vorstellungen Ludwig des XIV nachfolgend, den Rhein als Staatsgrenze Frankreichs festgelegt hatte. Diese Sorge ließ Ernst-Moritz Arndt in seinen Texten wiederaufleben und sie wurde auch von anderen Schriftstellern, Musikern wie Künstlern, aufgegriffen. Unter anderem entstanden das Lied Die Wacht am Rhein von Max Schneckenburger, sowie August von Fallerslebens Lied der Deutschen, dessen dritte Strophe zur deutschen Nationalhymne wurde. Viele von ihnen waren Mitglieder der Mitte des 18. Jahrhunderts gegründeten Burschenschaften.[4]

Ebenso wirft die Lithographie „Deutschland-Frankreich“ einen lebendigen Blick auf das Zeitgeschehen. Sie zeigt die Bewohner beider Länder im hegen musikalischen Wetteifer. Die genaue Herkunft, Maler, wie Entstehungsjahr des Bildes sind unbekannt. Es wird auf das Jahr 1840 verortet, in die Zeit reger publizistischer Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich, einer Art „Ringen“ um den Rhein.

Dabei hat der Betrachter es mit einer optischen Frontstellung ohne Waffen zu tun. Denn beide Seiten stehen sich im publizistischen Stellungskrieg gegenüber.

2. „Frankreich – Deutschland“ als Karikatur einer gewaltlosen Krise

Wie bereits oben angedeutet, spielt die Rolle des Wassers eine große Rolle bei der Entwicklung von Kulturen. Flüsse sind sowohl Verbindungselemente als auch naturgegebene Trennungslinien,[5] sie vereinen und halten auseinander und es steht außer Frage, dass sie vom Menschen seit jeher genutzt werden. „Der alte Vater Rhein war also lange Zeit ein Gefangener und sogar eine Geisel der Menschen“ (Lucien Febvre).[6]

Im Folgenden möchte ich daher am Beispiel des Rheins näher darauf eingehen, welche Bedeutung Flüsse in der Geschichte innehaben konnte und ob der Rhein im 19. Jahrhundert eher ein Trennungs- oder Verbindungselement darstellte. Mittig durch das Gemälde Frankreich-Deutschland verläuft der Rhein mit minimaler links-rechts Diagonale und trennt dabei die Uferzonen ihn ähnlich große Gebiete.[7] Er bildet also ein Trennungselement zwischen zwei sich scheinbar unterscheidenden Kulturen. Denn in gewisser Weise hebt der Künstler dieser Karikatur die Unterschiede der beiden Völker stilistisch hervor. Vorne rechts im Bild, proportional größer als der Rest, befindet sich eine größere Gruppe von Menschen aller Altersklassen wie sozialer Schichten, die wohl das deutsche Volk repräsentieren sollen. Sie werden wesentlich größer dargestellt als die Franzosen und wirken wesentlich unruhiger, unharmonischer, sowie Chaos verbreitend. Während die Deutschen ein ganzes Arsenal an Instrumenten bei sich tragen, von Violine und Cello über Blasinstrumente jeglicher Form und Größe bis hin zu Pauken und Trommeln, stehen weniger als ein Drittel der Franzosen auf einer Tribüne im Hintergrund und spielen Trompete. Ihnen scheint die Konfrontation weniger wichtig, beinahe gleichgültig zu sein. Sie wirken gelassen, während sich ihre Kontrahenten mit Nachdruck behaupten. Dahingehend weist auch die Fahne am Horizont mit einer Passage aus Nikolaus Beckers Gedicht Der Deutsche Rhein „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“, das in der Trierischen Zeitung erschien und über 100 mal vertont wurde.[8] Der nebenliegende Adler, der über den Rhein fliegt, gilt als deutsches Symbol.

Er lässt sich noch in die Zeit des Heiligen Römischen Reichs zurückverfolgen, wurde später als Wappenzeichen getragen und hat bis heute seine Bedeutung als Staatssymbol nicht verloren.[9]

Was kriegerisch begonnen hatte, verlief schnell zu einem gewaltlosen Schauspiel: 1839 hatte Frankreichs Regierung unter Adolphe Tiers den ägyptischen Pascha Muhammad Ali gegen Sultan Mahmud II. und das Osmanische Reich unterstützt, was jedoch im Gegensatz zu den Interessen anderer Großmächte stand. Russland, England, Preußen und Österreich hatten beschlossen dem geschwächten Osmanischen Reich, dem „kranken Mann am Bosporus“, entgegenzukommen und schlossen einen Viermächtevertrag, ohne sich dabei mit Frankreich zu konsultieren. Dieses fühlte sich übergangen und unmissverständlich an die vergangene antinapoleonische Koalition von 1813 zurückerinnert. Ein französischer Nationalismus wurde wach. Die Stimmung im Land war geladen, was sich auf die publizistische Öffentlichkeit übertrug.[10] Aus einer Krise im Orient wurde plötzlich eine Debatte über die frontìere naturelle, dem Rhein als natürlicher Grenze Frankreichs. Adolph Tiers führte mit einer Anleihe von 56 Millionen Francs Kriegsvorbereitungen, Aufrüstung, sowie eine Verstärkung der Grenzfestungen durch. Er zog 465.023 Wehrpflichte zusammen,[11] um dieser Politik Nachdruck zu verleihen, was einen vermehrten Nationalismus auf deutscher Seite zur Folge hatte und der Rheinlied-Bewegung zwischen Oktober 1840 und Mitte 1841 einen kräftigen Impuls verlieh. Die Viermächtekoalition stellte Muhammad Ali ein Ultimatum, das ignoriert wurde und zwang ihn schließlich militärisch zum Rückzug aus den besetzten Gebieten.[12]

Mit dem Fall Beiruts am 20. September 1840 wurde die Niederlage der ägyptischen Armee besiegelt und die politische Situation in Frankreich spitzte sich immer weiter zu. Frankreichs Pläne, bezüglich eines Expansions- und Einflussgebiets in Richtung Afrika waren gescheitert, der Verlust des Rheinlands 1814/5 noch nicht überwunden und die außenpolitische Isolation bedenklich. Louis Phillipe, der letzte französische König, der eine andere, friedlichere Politik im Sinn hatte, entließ Adolphe Thiers und ersetzte ihn durch François Guizot. Man fand einen diplomatischen Lösungsansatz für die Krise: Frankreich rüstete ab, Muhammad Ali durfte Ägypten behalten und mit dem Meerengen-Vertrag von 13. Juli 1841 wurde Frankreich wieder in das Mächtegleichgewicht eingegliedert, was zum Abflauen der Rheinkrise führte. Jegliche kriegerische Absicht war somit ausgeräumt.[13]

Die Tricolore am linken Rheinufer mit dem Slogan „Wir wollen ihn gar nicht haben, den alten deutschen Rhein“, spiegelt also zum einen ein Umschwenken der Grundstimmung wieder, zum anderen Frankreichs schwindendes Interesse an einer Konfrontation.

2.1. Adler und gallischer Hahn. Der publizistische Stellungskrieg

Nachdem der französische Imperialismus im Orient eine Niederlage erfahren hatte, lenkten Regierung und Medien die Empörung des Volkes auf ein anderes Thema: Die Rückgewinnung des Rheinlandes. 1840 meldete beispielsweise der Dichter Alphonse de Lamartin in einer Rede vor der französischen Kammer die Ansprüche Frankreichs auf den Rhein.[14] Der Begriff, der bereits im 18. Jahrhundert geprägten frontìere naturelle, wurde wiederaufgegriffen. So beschrieb bereits Georges Danton 1793 ihre Bedeutung mit den Worten „Frankreichs Grenzen werden von der Natur gezogen […] Dem Meer, dem Rhein, den Alpen und den Pyrenäen“ (Braudel 1989, S.330). Es war kein plötzlich aufkommendes Thema, sondern eine bereits zum wiederholten Mal auflaufende Debatte, die auch im nächsten Jahrhundert nicht völlig beendet sein sollte. Angefangen mit dem Zufallen der Rheingebiete an Preußen durch den Wiener Kongress, über die Jahre 1848 und 1859 andauernden Wellen des Konflikts, dem Deutsch-Französischen Krieg 1870, über das Wilhelminische Kaiserreich bis hin zum ersten Weltkrieg. Noch von 1919 bis1930 versuchte Frankreich die rheinische Bevölkerung auf diplomatischem Weg für sich zu gewinnen. So entstand 1927 Kurt Schwitters Satire „Vater Rhein“. Ein unumstrittenes Ende der Rheinkrise war folglich bis ins 20. Jahrhundert nicht abzusehen.[15]

Empört über die Idee des Rheins als einer „natürlichen Grenze“ Frankreichs, die als dreister Affront, insbesondere nach der erst kürzlich abgeworfenen Fremdherrschaft durch Napoleon, empfunden wurde, setzte sich in Deutschland eine Maschinerie publizistischer, wie musikalischer Gegenwehr in Bewegung. So beschreibt beispielsweise der Text „Die deutschen Rheinlande und Frankreichs Grenze“ eingehend die pathetisch-empörte Stimmung des Jahres 1831. Der unbekannte Autor, der ausgesprochen überzeugt von seiner eigenen hohen Gesinnung zu sein scheint, schreibt darin von der „absichtlich verletzende[n], völkerrechtswidrige[n] Sprache von der einen […] und der „edle[n], zugleich aber auf würdevolle[n] Entgegnung von der anderen Seite […].“[16] Abstammung, Sprache und Geschichte wären noch am ehesten geeignet, mögliche Grenzen zweier Länder zu bestimmten.

Alles andere sei „französisches Journal- und Tribünengeschrei.“ Jener Tribüne möglicherweise, die auch in der Karikatur Deutschland-Frankreich dezent in Szene gesetzt wird.

[...]


[1] Bundeszentrale für politische Bildung: Deutscher Rhein, Französischer Rhein, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-im-fluss/135684/deutscher-rhein-franzoesischer-rhein?p=all, Zugriff: 05.12.15.

[2] Brophy, James: The Rhine Crisis of 1840 and German Nationalism. Chauvinism, Skepticism, and Regional Reception, in: The Journal of Modern History 13/85, March 2013.

[3] Arndt, Ernst-Moritz: Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze, Leipzig 1813, S. 3-15, Z. 14/15.

[4] Lönnecker, Harald: Burschenschaft, in: Andreas C. Hofmann (Hrsg.): Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, https://www.historicum.net/purl/237z4a, Zugriff: 05.12.15.

[5] Suckow, Dirk: Der Rhein als politischer Mythos in Deutschland und Frankreich, in: Beata Hallicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom, Frankfurt am Main 2007, S. 47-60.

[6] Febvre, Lucien: Der Rhein und seine Geschichte, 2Frankfurt/Main 1995, S. 44-57.

[7] Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Handschriftensammlung: Frankreich-Deutschland, Lithographie 1840.

[8] Grandjean, Wolfgang: Orgel und Oper Georges Schmitt 1821-1900. Ein deutsch-französischer Musiker in Paris, Hildesheim 2015.

[9] Deutscher Bundestag: Der Bundesadler, http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/symbole/adler, Zugriff: 05.12.15.

[10] Siemann, Wolfram: Vom Staatenbund zum Nationalstaat. Deutschland 1806-1871, München 1995.

[11] Angelow, Jürgen: Von Wien nach Königgrätz. Die Sicherheitspolitik des Deutschen Bundes im europäischen Gleichgewicht (1815-1866), in: Beiträge zur Militärgeschichte 52, München 1996.

[12] Emerson, Edwin: A History of the Nineteenth Century (Volume Two), New York 1900.

[13] Brophy, James: The Rhine Crisis of 1840 and German Nationalism. Chauvinism, Skepticism, and Regional Reception, in: The Journal of Modern History 13/85, March 2013.

[14] Trümmers, Horst: Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte, 2München 1999.

[15] Siemann, Wolfram: Vom Staatenbund zum Nationalstaat. Deutschland 1806-1871, München 1995.

[16] Bayerische Staatsbibliothek digital: Die deutschen Rheinlande und Frankreichs Grenze, Rheinbayern 1831, http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10558084.html, Zugriff: 06.12.15.

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668516359
ISBN (Buch)
9783668516366
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373774
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fakultät VI - Human- und Gesellschaftswissenschaften
Note
Unbenotete Einsendeaufgabe
Schlagworte
rhein konfliktpunkt deutschland frankreich jahrhundert brücke grenze

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