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Die Cholera im 19. Jahrhundert. Der blaue Tod und die Suche nach den Schuldigen

von Caroline Thon (Autor)

Quellenexegese 2016 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung: Die Nachfolgerin der Pest

II. Das „asiatische Ungeheuer“

III. Weiße Weste oder weißer Degen?

VI. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Die Nachfolgerin der Pest

„Lange Jahre sind vergangen, seit das Gespenst der Cholera drohend aufgetaucht war, seitdem der schwarze Tod in Europa gewühtet und seine Opfer gefordert.“[1]

Die Ursachen und der plötzliche Ausbruch der Cholera war für die Menschen des 19. Jahrhunderts ebenso mysteriös wie bedrohlich. Was hatten sie getan, um dieses Unheil heraufzubeschwören? Woher stammte diese verheerende Seuche, die bald zwei Drittel der Menschen binnen Stunden oder Tagen dahinraffte und deren Symptome denen einer Arsenvergiftung ähnelten?

Wie bereits die Pest in den vorangegangenen Jahrhunderten, hatte auch die Cholera ihren Ursprung vermutlich auf dem asiatischen Kontinent und breitete sich von dort über den Großteil der Welt auch nach Europa hin aus. Bereits 1770 bis 1790 wurde von einer neuen, tödlichen Krankheit auf dem indischen Subkontinent berichtet, die jedoch erst 1870 in einem bedrohlichen Ausmaß Aufmerksamkeit erregte, als sie auch vor der in­dischen Oberschicht und den dort angesiedelten Europäern nicht Halt machte.[2] Drei Jahre später erreichte sie auch das Deutsche Reich.

1883 entdeckte Robert Koch das vibrio cholerae, ein sich in Flüssigkeit explosionsartig vermehrendes Bakterium, das, seiner Ansicht und dem der zukünftigen medizinischen Meinung nach, verantwortlich für die Erkrankungen und den Tod unzähliger Menschen war.[3] Darunter auch ein Großteil der Bevölkerung Hamburgs, die 1892 von einer der letzten Epidemien getroffen wurde. Die hygienischen Bedingungen zur damaligen Zeit waren in den wachsenden Großstädten und insbesondere deren Armenvierteln noch sehr begrenzt, die Menschen nicht vorbereitet auf eine Seuche von diesem Ausmaß und einer so hohen Sterberate.

Und so widmet sich der Artikel „Hamburg, der Seuchenheerd in Deutschland“, der 1892 in einer Extraausgabe des Illustrirten Blatts erschien, in vielfältiger Hinsicht vor allem der Suche nach den Gründen der Katastrophe und ihrem gewaltigen Ausmaß. Die Quelle ist eine schriftliche Überlieferung und eine Tradition. Ihre Glaubhaftigkeit ist einerseits eng verknüpft mit der persönlichen Meinung des Autors, spiegelt jedoch andererseits auch die Gefühlswelt und das Meinungsbild der Menschen wieder, die zu dieser Zeit dem kontagiösen[4] Bild der Cholera anhingen. Der Artikel verteidigt vor allem die Ärzte und das Personal der Spitäler, vertritt die Meinung der damaligen Entscheidungs­träger und deckt sich, unter all den unterschiedlichen Meinungen innerhalb der Bevölkerung von 1892, vornehmlich auch mit der heute dominierenden Sicht auf die Geschehnisse. Er richtet sich vermutlich an die gebildete Bevölkerungsschicht des 19. Jahrhunderts, an alle, die des Lesens kundig waren und beschreibt insbesondere die Bedrohungs- und Ohnmachtsgefühle, angesichts einer unsichtbaren Gefahr und ihren noch viel weniger eingrenzbaren Ursachen.

Die Vermutungen des unbekannten Autors reichen von den Verdächtigungen jüdisch-russischer Auswanderer, über den Schiffsverkehr nach Indien, bis hin zur Kritik an der Hamburger Gesellschaft, welche die frühzeitigen Warnungen eines Arztes ignoriert und somit der Cholera unvorbereitet entgegengestanden hätten. Er geht darauf ein, warum gerade Hamburg von der Seuche so vehement heimgesucht wurde, welche schrecklichen Auswirkungen der Ausbruch hatte und wie diese hätten begrenzt oder vermieden werden können, wäre man besser auf sie vorbereitet gewesen.

Seit Jahrhunderten treten immer wieder neue Seuchen auf, die unzählige Menschen auf der ganzen Welt „dahinraffen“, ohne eindeutige Erklärungsansätze zu liefern und nur selten sind sie heilbar. Für die Menschen damals wie heute regen solche Schilderungen zum Nachdenken an. Auch im Jahr 1892 machte man sich Gedanken nach dem Woher und vor allem dem Warum.

Anhand einer mentalitäts- und medizingeschichtlichen Betrachtung möchte ich daher diese Erklärungsansätze näher beleuchten und ermitteln, wie die Menschen mit dem Ausbruch der Cholera umgingen, worin sie die Ursachen der Epidemie vermuteten und ob selbst die Erkenntnisse, die wir heute glauben zu haben, über jeden Zweifel erhaben sind.

II. Das „asiatische Ungeheuer“

Hamburg als große Hafenstadt fungierte als Verbindungselement zum Welthandel nach Asien und bot somit ein großes Tor zur Außenwelt. Auch der Autor der Quelle (i. F. Anon.) hebt den „ungeheuren Verkehr der Seestadt“ hervor und so darf es nicht weiter verwundern, dass die ersten Vermutungen auf der Suche nach den Ursachen der Epidemie infolgedessen vor allem Einwanderern oder (asiatischen) Arbeitskräften der Seefahrt gal­ten. „Das Schiffsvolk ist es […] das zum großen Theil an dem Unglück schuld ist“, schreibt Anon., man wisse doch, dass die Cholera in der ärmeren Bevölkerung Asiens niemals erlösche oder, zwei Absätze später, es seien die jüdisch-russischen Auswanderer gewesen, welche die Krankheitskeime nach Deutschland eingeschleppt hätten.[5]

Asien und insbesondere Indien galten seit dem 19. Jahrhundert als negative Projektionsfläche für die Selbstdarstellung Europas,[6] was möglicherweise als Rechtfertigungsstrategie für den ausschweifenden Kolonialismus dieser Zeit genutzt wurde: Zivilisation versus Barbarei sind häufig genutzte Substantive in der Herabsetzungsstrategie der eigenen Kultur fremden Völkern. Sie wurden genutzt, um den amerikanischen Ureinwohnern das Land zu enteignen, die Afro-Amerikaner zu versklaven und Asien und Afrika zu kolonialisieren. Doch tatsächlich scheint es so zu sein, dass viele diesen Rechtfertigungsstrategien wirklich Glauben schenkten und davon überzeugt waren, sie seien besser, des Lebens würdiger, sauberer oder kultivierter. „Wir sagten uns, daß diese uncultivierten „Culturmenschen“ selbst schuld seien an ihrem Elend,“[7] schreibt auch Anon. und bringt seine Worte in den konkreten Zusammenhang zur Unsauberkeit wie Unmäßigkeit und bestätigt rückblickend seinen eigenen Irrtum: „Wir ahnten nicht, wie nahe uns selbst die Gefahr war.“

Dass gerade Hamburg von der Epidemie in einem solchen Maße heimgesucht wurde, erklärt Anon. unter dreierlei Aspekten und fügt seinen vorangehenden Ausführungen die Beschreibungen eines Arztes an, der über die Zustände in den Hamburger Hospitälern zu dieser Zeit berichtet. Zum einen seien die allgemeinen Zustände katastrophal gewesen, Leichen und Erkrankte hätten im wilden Durcheinander zusammengelegen, das Personal habe über die zahlreichen Sterbefälle den Überblick verloren und auch der Platzmangel sei immens gewesen. Menschen seien vor der Aufnahme nicht untersucht worden und so sei es vorgekommen, dass viele, mit anderen Gebrechen gepeinigte, dort eingeliefert und überhaupt erst infiziert worden wären.[8] Die Zahl der Kranken und Toten habe, aufgrund der mangelnden Vorbereitung, die des Personals bei weitem überstiegen und erst als es bereits zu spät gewesen sei, habe der Senat überhaupt eine brauchbare Summe für die Behandlung freigegeben.[9]

Zum Zweiten seien es die architektonischen Besonderheiten Hamburgs mit ihren „krummen, engen Straßen“, den „schmutzigen Winkeln“, „stinkenden Gräben“ und den „ungesunden Wohnungen“ gewesen, welche die Ausbreitung der Seuche zwingend be­günstigt hätten.[10] Und schließlich, so Anon., sei es, wie oben bereits beschrieben, seine Funktion als Hafen- und Handelsstadt gewesen, die es so anfällig gemacht habe.

Doch es gab auch andere Erklärungsansätze für die Entstehung der Cholera, die breite mediale Kampagnen schürten. Von Schriften über Karikaturen und Bilder bis hin zur Mundpropaganda: Eine eindeutige Meinung gab es nicht. Beispielsweise herrschte auch eine andere, weitaus ältere Theorie unter der Bevölkerung vor, die von der Quelle nicht berücksichtigt wird: Die Theorie von den Miasmen. Als Begründer gilt Hippokrates, dessen Idee bis ins 19. Jahrhundert gelehrt wurde. Man glaubte, dass Krankheiten durch giftige Dämpfe im Boden entstünden, welche an die Oberfläche gelangten und so die Menschen infizierten.[11]

[...]


[1] Anon.: Hamburg, der Seuchenheerd in Deutschland, in: Das Illustrirte Blatt. Extra-Ausgabe, Berlin 1892, Spalte 1.

[2] Dormann, Michael: „Das asiatische Ungeheuer“. Die Cholera im 19. Jahrhundert, in: Hans Wilderotter (Hg.): Das große Sterben. Seuchen machen Geschichte, Berlin 1995, S. 205.

[3] Ebd., S. 204.

[4] Überzeugung, die Cholera sei ansteckend, d.h. durch Wunden oder Körpersekrete übertragbar. Als die These im 15. Jahrhundert entstand, sprach man noch von „Krankheitssamen“.

[5] Anon. 1892, Sp. 2.

[6] Dormann 1995, S. 204.

[7] Anon. 1995, S. 1; Sp. 1.

[8] Ebd., Sp. 3.

[9] Ebd., Sp. 4.

[10] Ebd., Sp. 2.

[11] Spree, Reinhard: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod zur Sozialgeschichte des Gesundheitsbereichs im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1981, S. 116.

Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668511880
ISBN (Buch)
9783668511897
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373772
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fakultät VI - Human- und Gesellschaftswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Cholera 19. Jahrhundert Dormann

Autor

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