Lade Inhalt...

Motive und Zurechnungsfähigkeit im Dramenfragment "Blunt oder der Gast" von Karl Philipp Moritz

Essay 2016 11 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Blunt oder der Gast, Blunt oder Blunt. Vater oder Sohn. Bereits im Titel wird auf den Vater - Sohn Konflikt und sein tragisches Ende angespielt: Es kann nur einen von ihnen geben, aber nicht beide zusammen. Karl Philipp Moritz (* 15. September 1756 in Hameln; † 26. Juni 1793 in Berlin) verfasste mit "Blunt oder der Gast" ein kurzes, aber intensives Drama, das durchaus als Kriminalfall zu lesen ist. Er begibt sich dabei in den Bereich der juristischen Schuldfrage und Zurechnungsfähigkeit.

Blunt bewohnt mit seiner Frau Gertrude und der gemeinsamen Tochter Adelheid ein abgelegenes, brüchiges Haus. Die einst wohlhabende Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen; täglich plagen sie Hunger und Existenzangst. Obwohl sie selbst nur ein Bett zum Schlafen haben, gewähren sie einem fremden, gut genährten Mann eine nächtliche Herberge und übernachten selbst auf Stühlen. Besessen von einem Dämon, der ihm bei der Opferung eines Mannes noch größeren Reichtum als je zuvor verspricht, fasst Blunt den Entschluss, den schlafenden Gast zu töten. Mit einem Messer sticht er ihm trotz anfänglicher Zweifel in die Kehle. Da Gertrude ihren Mann nicht von der Tat abhalten kann, hilft sie ihm beim Verscharren des Leichnams. Am nächsten Morgen kommen der Bürgermeister, verschmähter Bruder des alten Blunt, und seine Tochter Mariane zu Besuch, um nach dem Gast zu sehen. Sie bemerken die Nervosität des Ehepaares, erfahren die Wahrheit jedoch erst, als der Bürgermeister erfreuliche Neuigkeiten und einen Brief des Gastes an das Ehepaar überbringen will. Plötzlich wird klar: Blunt hat keinen Fremden getötet, sondern seinen eigenen Sohn. Zum Tode verurteilt bereut er seine Tat und fort ist jene dämonische Besessenheit, die ihn zum Verbrechen verleitete.

Das Drama wurde 1780 erstmalig als Journalfassung veröffentlicht. In dieser wird der Sohn von seinem Vater ermordet, in einer zweiten Schlussfassung sowie in der Buchfassung von 1781 kann der Mord durch das Eingreifen der Mutter verhindert werden. Bei diesem positiven Ende (das bei der Journalfassung allerdings nur Blunts Wunschvorstellung ist) finden Sohn und Eltern wieder zueinander, die zerstrittenen Brüder versöhnen sich und die Verlobung mit Mariane wird gefeiert. Dieses Essay konzentriert sich ausschließlich auf die Journalfassung (Fragment) und das negative Ende. Die Wunschvorstellung der Verhinderung der Tat, die durch ein Gedicht eingeleitet wird, findet keine Berücksichtigung. Ich werde mich auf die Motive und die Frage der Schuld- bzw. Zurechnungsfähigkeit fokussieren und meine Behauptungen anhand des Textes belegen.

Meiner Ansicht nach gibt es drei grundlegende Motive für den Mord: Geldgier, Armut und eine angeblich dämonische Besessenheit. In puncto Zurechnungsfähigkeit bin ich anderer Meinung als beispielsweise Alexander Košenina, der die juristische Schuldfrage folgendermaßen einschätzt:

"Denn der Text legt nahe, daß Blunt zur Tatzeit in einem Tagtraum befangen ist. Damit hätte er nach damaligem Rechtsverständnis als nicht voll zurechnungsfähig zu gelten und mit Strafmilderung zu rechnen." (Košenina, A. (2009). Karl Philipp Moritz. Literarische Experimente auf dem Weg zum psychologischen Roman. Wehrhahn Verlag. S. 11.). Ich behaupte, dass Blunt trotz des sich erst entwickelnden Rechtsverständnisses aufgrund bestimmter Aussagen und Verhaltensweisen als zurechnungsfähig einzuschätzen ist. Ebenfalls bin ich der Ansicht, dass er nicht von einem Dämon besessen ist, sondern eine Besessenheit als Scheingrund angibt, um seine Tat zu rechtfertigen. Als literarische Quelle dieses Essays dient mir die Sammlung von Moritz' Schriften (Hollmer, H., Meier, A. (Hrsg.). (2006). Karl Philipp Moritz. Dichtungen und Schriften zur Erfahrungsseelenkunde. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt am Main.). Die aufgeführten Seitenzahlen der als Beleg verwendeten Zitate beziehen sich ausschließlich auf dieses Werk.

- Die Motive: Armut, Geldgier und Besessenheit -

Zunächst muss ermittelt werden, welche Motive einen gestandenen Mann dazu bewegen, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Im Fall Blunt sind es eindeutig Armut, Geldgier und eine vermeintlich dämonische Besessenheit. Der alte Mann hat seinen Sohn Wilhelm verstoßen, weil die einst wohlhabende Familie arm wurde; die Gründe für den Absturz sind allerdings nicht bekannt. Im Text wird dennoch deutlich, wie schwerwiegend die Existenzangst ist. Indizien für die Situation werden bereits in der ersten Regieanweisung des Dramas gegeben, denn "Blunt und sein Weib Gertrude, in alte Decken gehüllt, sitzen am Tische. Adelheid, ihre Tochter, ein Kind von sechs Jahren, schläft auf einem Stuhle." (S. 25.). Gertrude ist sich der Not ebenso bewusst, scheint sich jedoch mit den Umständen arrangiert zu haben. Die kleine Tochter Adelheid kennt den Grund der ärmlichen Verhältnisse nicht, bemerkt jedoch die Leiden ihres Vaters, wie im Gespräch mit dem Fremden deutlich wird: "[...] aber mein Vater sieht manchmal den ganzen Tag über so böse aus, und spricht kein Wort mit mir, und dann ist er oft sehr zornig und schlägt mich" (S. 32). Geplagt von Armut denkt Blunt an vergangene Tage zurück und erzählt von sich selbst als feurigen Jüngling, der auf seinem edlen Ross die Liebe zu Gertrude genoss und unbekümmert schien. Ebenfalls überkommt ihm der Gedanke an seinen tot geglaubten Sohn; Blunt scheint das Unglück allerdings so weit verdrängt zu haben, dass er nicht einmal mehr weiß, dass er in den Wellen des Meeres umgekommen ist. Seine Frau wirft ihm vor, dass er den Sohn nicht hätte verstoßen sollen, als die Familie arm wurde. Sie ist überzeugt, dass er die Eltern in diesen Zeiten nicht im Stich gelassen hätte. Das Verdrängen des tragischen Todes des eigenen Kindes könnte sich jedoch auch auf die große Verzweiflung Blunt zurück schließen lassen; vermutlich leidet der kaltherzig wirkende Mann mehr unter dem Verlust, als er zunächst zugeben will.

Das Haus der Familie scheint sich in einem schlechten Zustand zu befinden. Die Fensterscheiben müssen mit Lumpen gestopft werden, damit keine Luft hinein kommt. Das letzte Stück Brot wurde bereits am Vortag aufgezehrt. Trotz großer Not verspürt Blunt nicht den Wunsch, sich an seinen wohlhabenden Bruder, den Bürgermeister, zu wenden, um seine Familie vor dem Hungertod zu bewahren. Er ist sich dessen zu stolz und spricht äußerst schlecht von ihm: "Er soll sich unsrer Not nicht annehmen! - Fluchen will ich ihm, so lange meine Zunge noch stammeln kann, dem niederträchtigen, hohnlächelnden Verräter, der meiner im Unglück spotten, und sagen konnte: Blunt, du bist tief gesunken!" (S. 26 f.) Aus seinen Aussagen gehen Enttäuschung und Verletzung des Stolzes hervor, die er durch das Verhalten seines Bruders erfahren hat und ihn, zusätzlich zum Verlust des Reichtums und der darauf eintretenden Deklassierung der Familie, auch Jahre nach dem Absturz verfolgen und bekümmern. An dieser Stelle kommt der Dämon ins Spiel, der Blunt neue Hoffnung auf ein besseres und wohlhabenderes Leben gibt und den aus der Armut resultierenden Wunsch nach Geld noch weiter schärft. Das Verlangen nach Reichtum wird nun ebenfalls deutlich im Text erkennbar und bildet den zweiten Grund für den Mord.

Am ehesten wird die Gier erkenntlich, als Blunt schwört, das Leben eines Mannes zum Opfer zu bringen, um dafür Gold und andere Schätze zu erhalten. Die Sehnsucht nach Wohlstand ist größer als der Verstand und Blunts eigenes Wohlergehen scheint ihm wichtiger zu sein als ein Menschenleben. Sein Interesse am Wert der zum Gast gehörigen Dose verweist gleichermaßen auf den Wunsch nach einem Geldsegen: "Ei sieh! - Eine goldene Dose mit Brillanten besetzt? Was meinst du wohl, wieviel die wert wäre?" (S. 29). In Anbetracht der vorher getroffenen Aussage, ein Opfer bringen zu wollen, scheint Blunt zu viel Interesse an der goldenen Dose zu haben.

Nachdem der Fremde bereits tödlich durch das Messer verletzt wurde, wird das Mordmotiv "Geldgier" ein letztes Mal herausgestellt, als er nach der Tat seine Frau fragt: "Aber wo sind denn nun der flimmernde Palast, wo sind die unsäglichen Schätze?"(S. 36). Da das Vermögen in Zusammenhang mit dem Opfer für den Dämon steht, spielt die scheinbar teuflische Besessenheit des alten Mannes ebenfalls eine Rolle und stellt das dritte Mordmotiv dar.

Bereits am Anfang des Dramas verlangt Blunt nach "Blut! Blut!" (S.25), woraufhin sich seine eigene Frau ihm als Opfer anbietet. Er lehnt ab, denn "[...] es [sollte] ja auch ein Mann sein, den ich ihm opferte" (S. 25). Hier gibt es bereits den ersten Hinweis darauf, dass Blunt für jemand anderes ein Opfer bringen soll. Weiterführend wird sichtbar, dass es sich hierbei um eine übernatürliche Kraft handelt. Immer wieder träumt er von einem Dämon ("Mein Dämon, wie du weißt, der mich oft des Nachts aus dem Schlafe schüttelt..." (S. 27)), der ihm großen Reichtum verspricht, wenn er ihm dafür einen Mann zum Opfer bringe: "[...] Blunt, Blunt, du sollst noch einmal reich werden, reicher wie zuvor! - der führte mich [...] auf eine steile Anhöhe, und zeigte mir unsägliche Schätze, und einen Palast, der von Gold flimmerte, daß mir die Augen dunkel wurden, - und dies alles soll dein sein, sagte er, wenn du mir das Blut eines Mannes opferst, den ich dir senden will!" (S. 27).

Blunt scheint vom dämonischen Versprechen überzeugt zu sein und willigt ein, einen Mann zu opfern: "Und ich schwur, die Haut schauderte mir, aber ich schwur: Sende mir den Mann, und ich will ihn opfern! bei allen Teufeln, ich will ihn opfern!" (S. 27). Sein Entschluss und das drohende Unheil werden durch die Regieanweisung "Die Lampe verlischt" unterstrichen. Dass Blunt bei diesem Opfer an den Fremden denkt, wird kurz darauf deutlich. Nach anfänglichem Unmut scheint er ganz froh, dem Gast eine nächtliche Herberge gegeben zu haben. Er wiederholt, wie sehr ihm der Gedanke "im Kopf herum geht" (S. 27) und deutet somit an, dass der Fremde das mögliche Opfer und der vom Dämon gesandte Mann sein könnte. Nachdem er wenig später eingeschlafen ist, betrachten Adelheid und Gertrude eine wertvolle Dose des Gastes, die aus seinem Mantel auf den Boden gefallen ist. Auf einmal schreckt Blunt jedoch aus dem Schlaf und ruft: "Bei allen Teufeln, ich will ihn opfern!" (S. 29). Auf die Frage "Wen?" antwortet er "Unseren Gast!" (S.29), wiederholt seine Aussage jedoch nicht, als er bemerkt, dass die Tochter ebenfalls wach ist. Er schickt sie weg, um sie nicht mit seinen Gedanken und der möglichen Tat zu konfrontieren. Daraufhin fordert er seine Ehefrau auf, sich Schaufel und Spaten zu nehmen. Die Besessenheit wird auch nach Fertigstellung der Grube auffällig, denn Blunt verspricht "[...] an dem Orte, wo wir gruben, liegt der Schatz verborgen, wovon ich schon so lange geträumt, und wovon ich dir schon so lange gesagt habe [...]" (S. 35).

Es ist nicht vollkommen klar, ob der alte Blunt ausgerechnet am Gast zum Mörder wird, weil er mutmaßlich besessen ist oder ob er ausschließlich aus Geldgier handelt. Ersteres könnte daran erkennbar sein, dass er den Fremden opfern will, bevor er von der wertvollen Dose erfährt, die der Gast bei sich trägt. Wiederum wird er vom Erscheinungsbild des Gastes ausgehend gewusst haben, dass dieser seine Herberge bezahlen könnte. Somit hätte Blunt sich Hab und Gut des Gastes nach der Tat nehmen können; ob ein Mord dafür lohnend ist, ist fraglich.

Vermutlich setzt sich das Motiv aus mehreren Komponenten zusammen: Zum einen wird der Alltag der Familie von bitterer Armut und den Gedanken an vergangenen, besseren Zeiten bestimmt, zum anderen ist der Verlust des tot geglaubten Sohnes auch nach vielen Jahren nur schwer zu ertragen. Ebenfalls ist das Verlangen nach Geld sehr groß; Blunt kann sich nicht mit der Armut abfinden und träumt von Schätzen und noch größerem Reichtum, den der vermeintliche Dämon ihm in seinen Träumen aufzeigt. Das Teuflische verführt Blunts Gedanken immer wieder zu einem imaginären Mord und lässt den so entstandenen Blutdurst bis hin zu einer realen Tat wachsen lassen. Unwissend, dass es sich bei dem nächtlichen Gast um seinen eigenen Sohn handelt, gibt Blunt seiner Habgier nach neuem Reichtum und den Befehlen seines inneren Dämons nach und wird zum Mörder.

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668521438
ISBN (Buch)
9783668521445
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373485
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,5
Schlagworte
Drama Literatur Literaturwissenschaft Mord Geld Schuldfrage Zurechnungsfähigkeit Blunt oder der Gast Karl Philipp Moritz juristisch Essay Schuld Familie Familiendrama

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Motive und Zurechnungsfähigkeit im Dramenfragment "Blunt oder der Gast" von Karl Philipp Moritz