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Hybridität und Intertextualität in "Le petit prince de Belleville" von Calixthe Belaya

Bachelorarbeit 2017 47 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Hintergründe
2.1 Postkolonialismus und postkoloniale Literaturen - Merkmale und Thesen
2.2 Hybridität als neues Paradigma literatur- und kulturwissenschaftlicher Kontexte
2.3 Das Konzept der Intertextualität und seine Bedeutung für literarische Texte

3. Beyalas Le petit prince de Belleville
3.1 Ein postkolonialer Roman? Die Konstitution postkolonialer Aspekte
3.2 Hybride Konzepte und Identitäten
3.3 Intertextuelle Bezüge in Beyalas Roman und das Verhältnis zu Le Petit Prince von Antoine de Saint-Exupéry

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Einleitung

Calixthe Beyalas Roman Le petit prince de Belleville aus dem Jahr 1992 porträtiert das Leben einer malischen Migrantenfamilie im Pariser Stadtviertel Belleville, in welchem eine Gemeinschaft von überwiegend islamischen Schwarzen lebt und afrikanische und französische Realität ineinander fließen. Le petit prince de Belleville ist der erste Beyalas sogenannter „Pariser“ Romane1, in welchen sie ihren Fokus von dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der afrikanischen Gesellschaft abwendet, um sich nun der „Welt der Schwarzen“ innerhalb der französischen Gesellschaft und den Problemen der Immigration zu widmen. Durch die Augen des zehnjährigen Erzählers Mamadou Traoré, genannt Loukoum, schildert sie das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen und verknüpft hierbei die exotische Alterität der afrikanischen Charaktere mit dem französischen Alltag und der vertrauten Landschaft von Paris.2 Eines der Hauptanliegen der selbst nach Frankreich migrierten schwarzafrikanischen Schriftstellerin ist es, die Kraft der „schwarzen Kultur“ und die damit einhergehenden Schwierigkeiten der Integration abzubilden. In einem Interview zu ihrem Roman erklärte sie:

„A partir de mon quartier qui est Belleville, j'ai étudié la population noire. J'ai vu sa façon de vivre, les difficultés quelle rencontre. Je me suis dit: "On parle de l'intégration sans connaître ses difficultés". Et j'ai voulu me pencher sur ces difficultés. En même temps, j'ai voulu aussi montrer la puissance de la culture nègre. Dire que cette culture n'est pas si facile à détruire; car elle repose sur des idéologies, sur des connaissances. Sans oublier son aspect ancien, millénaire, qui s'incorpore totalement dans l'lindividu et l'inconscient collectif des Africains.“3

Diese Präsenz zweier unterschiedlicher Kulturen und die daraus resultierenden zahlreichen kulturellen, traditionellen und religiösen Oppositionen als literarische sowie real bestehende Phänomene, die wie wir im Laufe der Arbeit sehen werden sowohl positive, als auch negative Prozesse der Identitätsbildung in Gang setzen können, sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit und öffnen den Raum für theoretische Konzepte, mithilfe derer Prozesse beschrieben werden können, die sich aus einem divergierenden Kulturkontakt ergeben. Eines dieser Modelle, welches innerhalb dieser Arbeit zunächst erläutert und schließlich zur Analyse des Primärtextes angewendet werden soll, ist das aus dem Postkolonialismus stammende Konzept der 'Hybridität', welches auf die Entkolonisierung von Intellektuellen der Peripherien zielt und damit „die Gleichberechtigung unter- schiedlicher kultureller Formationen nahe [legt].“4 Bei einem Blick auf die vielschichtige Entstehungsgeschichte des Hybriditätskonzepts zeigt sich jedoch schnell, dass es im Laufe der Zeit vielfältige Verwendungen und Definitionen des Begriffs gegeben hat, welche im Vorfeld der Analyse des Primärtexts erläutert werden sollen. Da das Konzept, wie bereits erwähnt, in enger Verbindung zum Postkolonialismus steht, soll in einem ersten theoretischen Teil dieser Arbeit auch auf dessen Thesen und Ideen eingegangen werden, um unseren Primärtext in der folgenden Analyse einer postkolonialen Lektüre unterziehen zu können und herauszustellen inwieweit sich postkoloniale Merkmale und Konzepte in den Roman einschreiben.

Außerdem soll in einem dritten analytischen Teil dieser Arbeit eine Praxis untersucht werden, welche sich dem Leser bereits bei einem ersten Blick auf den Titel des Romans ankündigt. Der Titel suggeriert augenscheinlich einen Bezug zu Saint- Exupérys berühmten Roman Le Petit Prince aus dem Jahre 1943. In der Tat stößt man bei der Lektüre von Le petit prince de Belleville nicht nur auf thematische Parallelen und einen direkten Verweis auf das Kultbuch, sondern lassen sich innerhalb unseres Textes auch Spuren anderer literarischer Werke finden. Für die Beschreibung und Analyse unseres Primärtextes bietet sich also das Konzept der Intertextualität an, welches die Beschreibung und Interpretation des oben beschriebenen Phänomens der Beziehungen zwischen Texten ermöglicht. Nach einer Einführung in die wichtigsten Theorien der Intertextualität sollen innerhalb der Analyse sowohl die literarischen Werke erwähnt werden, auf welche Beyala in ihrem Roman zurückgreift, als auch erläutert werden, welche Intention sich hinter diesen intertextuellen Bezügen verbirgt und inwiefern diese Praxis erstens dazu dient, Hybridität zu erzeugen und zweitens einer Marginalisierung postkolonialer Literaturen entgegenwirken kann.

Im Schlussteil der vorliegenden Arbeit erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse der drei unterschiedlich ausgerichteten Textanalysen und schließlich die Diskussion der Frage, inwiefern das Zusammenspiel der drei Konzepte der Thematik des Romans zuträglich ist.

2. Theoretische Hintergründe

2.1 Postkolonialismus und postkoloniale Literaturen - Merkmale und Thesen

Der Begriff Postkolonialismus lässt sich in doppelter Hinsicht definieren. Zum einen handelt es sich hierbei um einen historischen und politischen Begriff, der „einen Zeitraum nach der Unabhängigkeit der europäischen Kolonien, den Prozess der Dekolonisierung“5 bezeichnet und somit die Umstände der ehemals kolonialisierten Nationen als endgültig entkolonialisiert beschreibt. Der Begriff in diesem Sinne führt allerdings zu der Vorstellung, dass die ungleiche Machtverteilung ehemaliger kolonialer Verhältnisse zwischen Kolonisator und Kolonisiertem endgültig als überwunden betrachtet werden könne, wodurch die zahlreichen Formen des Neokolonialismus, also einer nach wie vor bestehenden politischen und ökonomischen Vorherrschaft der ehemaligen Kolonialherren, außer Acht gelassen werden. Zum anderen handelt es sich beim Postkolonialismus um eine Theorie, die sich kritisch mit Macht und Herrschaft auseinandersetzt und ein Bewusstsein prägt, welches Widerstand ausübt gegen alle „Formen, in denen sich imperialistische Macht äußert, ein Misstrauen gegenüber Institutionen, Diskursen, Topoi und angelernten 'imperialen' Einstellungen und Verhaltensweisen […].“6 Diese zweite Bedeutung des Begriffs stellt also eine Dimension dar, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der westlichen Hegemonie fordert und sich vom eurozentrischen Blick auf die Dinge abwendet. Zusammengefasst ist der Begriff des Postkolonialismus also „ein Dekonstruktionsbegriff, der das Machtgefüge von Herrschaft und Abhängigkeit aufdeckt.“7

Im Hinblick auf die Thematik dieser Arbeit erscheint es wichtig, zu betonen, dass der Begriff 'postkolonial' den klassischen Kolonialismus zwar als überwunden beschreibt, gleichzeitig aber anerkennt, dass kolonialistische Prozesse im Zuge der Globalisierung und der zunehmenden Vernetztheit der Welt weiterhin bestehen.8

Denn wie bereits angedeutet unterliegen alle ehemals kolonialisierten Gesellschaften bis heute noch neo-kolonialistischen Strukturen, insofern die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien nicht bewirkt hat, dass eine Fremdbestimmung durch die westlichen Länder nicht mehr stattfindet.9 Stattdessen lässt sich laut Ashcroft, Griffith und Tiffin innerhalb dieser Gesellschaften „the development of new élites […]; the development of internal divisions based on racial, linguistic or religious discriminations [and] the continuing unequal treatment of indigenous people in settler/invader societies“10 beobachten, was dafür spreche, dass der Postkolonialismus als ein anhaltender Prozess zu betrachten sei.

Diese Beobachtungen lassen sich nun in zweierlei Hinsicht auf das für diese Arbeit relevante Beispiel der Literatur übertragen. Erstens insofern es sich bei Texten, die sich einem postkolonialen Zusammenhang einordnen lassen, um solche handelt, „die dem kulturellen Kontext ehemaliger Kolonien entspringen [und die] als solche nach den Maßstäben der bis heute dominierenden europäischen Kultur 'randständig' sind und, falls sie überhaupt wahrgenommen werden, keinen Eingang in den Kanon finden“.11 Radikaler ausgedrückt, jene postkoloniale Literaturen haben es ebenso schwer, sich im europäischen oder allgemeiner im westlichen Diskurs zu etablieren, wie die postkolonialen Subjekte in den Gesellschaften ehemaliger Kolonialherren. Zweitens und damit einhergehend finden sich, wie auch die Analyse unseres Primärtextes zeigen wird, die oben aufgeführten Phänomene der sozialen Teilung, der rassischen, sprachlichen und religiösen Diskriminierung sowie der ungerechten Behandlung indigener Menschen als das zentrale Thema innerhalb postkolonialer Literaturen wieder.

Weiterhin dürfen für die Untersuchung postkolonialer Literaturen die Thesen des Theoretikers Edward. W. Said, oft angesehen als Vater der Strömung des Post- kolonialismus, nicht vorenthalten werden. Said formuliert in seiner Studie Orientalism die These, dass der Westen (Okzident) seine kulturelle und nationale Identität nur auf der Grundlage konstituieren konnte, dass er den Orient „als sein ihm annähernd Gleichgeartetes, aber in wichtigen Hinsichten dennoch schwächeres 'Anderes' konstruierte.“12 Dabei wurden verschiedene Eigenschaften auf den Orient - und somit auf die uns interessierenden ehemals kolonisierten Nationen und deren Subjekte - projiziert. Unter anderem seine Rückständigkeit, sein Fatalismus, seine 'feminine' Bereitschaft, sich durchdringen zu lassen und seine Formbarkeit.13 So erklären sich die weiteren zentralen Themen der postkolonialen Literaturen, wie die des Fremden oder Anderen und der Grenze. Für die Analyse postkolonialer Texte gilt es nun:

„das intellektuelle Werkzeug zu erarbeiten, um (deskriptiv) sowohl die Erfassung ehemaliger und neuer kolonialer Abhängigkeiten zu ermöglichen wie auch (programmatisch) eben diese Dependenzen im Sinne einer Dekolonisierung abzubauen […]. Der postkoloniale Blick ist also gleichzeitig nüchtern und visionär: er will faktisch koloniale Verhältnisse erkennen, um sie im Sinne der Dekolonialisierung zu verändern.“14

Weiter heißt es bei Lützeler, dass der Fokus einer postkolonial orientierten Literatur- wissenschaft einerseits nach wie vor auf der Auseinandersetzung mit den literarischen Erzeugnissen des kolonialistischen Zeitalters und andererseits - was uns innerhalb dieser Arbeit besonders interessiert - auf der Diskussion um jene Literatur, in welcher es um das neokoloniale und nachkoloniale Verhältnis von sogenannter 'Dritter' und sogenannter 'Erster Welt' geht, liege.15 Für die Interpretation postkolonialer Texte im allgemeinen gilt es also zunächst, die wechselseitigen Beziehungen der 'Dritten' und der 'Ersten' Welt herauszustellen, um dann zu überprüfen, inwiefern koloniale Machtverhältnisse politischer, sozialer und kultureller Art bis heute fortwirken.

2.2 Hybridität als neues Paradigma literatur- und kulturwissenschaftlicher Kontexte

Um zu erläutern, worum es sich bei dem Begriff der Hybridität handelt und zu bestimmen, in welcher Form Hybridität in literarischen Texten auftritt, ist es notwendig, zunächst festzustellen, aus welchem Kontext der Begriff entstammt und wie er sich im Laufe der Zeit in anderen Kontexten etabliert hat. Ursprünglich handelt es sich dabei um einen aus dem Lateinischen abgeleiteten biologischen Begriff, welcher die Kreuzung von unterschiedlichen Merkmalen beschreibt.16 Seit dem 19. und 20. Jahrhundert begann man, den Begriff in der Evolutionstheorie und in der Rassenlehre als eine „ideologisch aufgeladene Metapher“ zu verwenden, „um Kontakte zwischen verschiedenen Rassen zu diskreditieren.“17 Die spätere positive Umdeutung des Begriffs der Hybridität fand im Kontext der im vorherigen Kapitel bereits angerissenen postkolonialen Literatur- und Kulturtheorie zu Beginn der 1980er Jahre statt und diente der Beschreibung interkultureller Verflechtungen.18 Den Impuls zur Neuverwendung des Begriffs gab Michail Bachtin, der den Begriff der Hybridisierung im Kontext der Wiedergabe von Sprache im Roman einführte und ihn nutzte, um die Mischung zweier Soziolekte zu beschreiben, die im Roman eine dialogische Offenheit bewirke.19 Obwohl er sich hierbei auf den Roman bezieht, spricht er bereits „gesellschaftlich und politisch brisante Fragen an“20, die letztlich den Weg ebnen für die Theorie der Hybridität im postkolonialen Diskurs. Eine Umdeutung und Weiterentwicklung von dem linguistischen Begriff der Hybridität zu einem kulturtheoretischen Schlüsselbegriff nahm schließlich Homi K. Bhabha, der als Vater der Hybriditätstheorie gesehen werden kann, unter Rückgriff auf Theorien und Konzepte von Bachtin und Edward Said vor. Bhabha stützt sich in The Location of Culture (1994) zwar auf Saids Gedanken, dass der Orient vom Okzident als „das Andere“ konstruiert wurde, kritisiert aber die Ansicht, dass der Diskurs hauptsächlich aus europäischen Projektionen bestehe. Er geht davon aus, dass der Diskurs auch vor Ort, d.h. in der Kolonie, von Seiten der Kolonisierten beeinflusst und unterminiert worden sei, beispielsweise in Situationen, in welchen Kolonialmacht und Einheimische zusammenarbeiten mussten. Da es hier zwangsläufig zur Äußerung der Kolonisierten kommt, wird in diesem Moment „die von der Kolonialmacht intendierte monologische Ausrichtung des Diskurses dialogisiert und unterlaufen.“21 Bhabha geht es also darum, das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen immer als einen Prozess wechselseitiger Beeinflussung zu verstehen - auch dann, wenn eine der Kulturen gegenüber der anderen den Anspruch für sich erhebt, als 'Leitkultur' zu gelten. Er geht davon aus, dass es bei diesem Prozess des Aufeinandertreffens nicht zu einer bloßen Mischung kultureller Eigenschaften kommt, sondern zu einem ständig fortlaufenden Verhandeln der verschiedenen Positionen, einem wechselseitigen Infrage stellen des Alltagslebens von Klassen, Geschlechtern, Ethnien und Nationen. Um bei diesem Prozess zu einer Erneuerung kultureller Produktionen auf beiden Seiten zu führen, müssen die Kulturen einen Raum in- between durchqueren, in welchem ein Verhandeln der einander fremden Inhalte stattfinden kann. Dieser Raum, den Bhabha third space nennt, ist jener imaginäre Ort, an welchem hybride Subjekte und Identitäten entstehen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich nicht auf eine ursprüngliche Geschlossenheit oder Reinheit zurückführen lassen. Den Ausgangspunkt für Bhabhas Theorien liefert die Zeit des Kolonialismus, zu welcher dieser Grenzverkehr zwischen Kulturen seinen Ursprung hat. Seit dieser Zeit, so lautet Bhabhas These, seien das Wesen und der Ort der Kultur nicht länger als einheitlich zu verstehen.

Was bedeutet aber die skizzierte Theorie der Hybridität und des 'dritten Raumes' nun für die Beschäftigung mit literarischen Texten? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage geht aus der einschlägigen Fachliteratur, die sich mit dem Konzept der Hybridität beschäftigt, bisher nicht hervor. Das liegt vor allem an dem Umstand, dass es sich bei dem Konzept vorrangig um ein kulturtheoretisches Problem handelt. Cornelia Leune widmet der Frage, wie sich das Konzept der Hybridität in literarischen Texten analysieren lässt, ein ganzes Kapitel in ihrer Dissertation22 zum Thema des Kulturkontakts und der Kulturvermischung in der niederländischen Literaturkritik. Auf der Suche nach einer Definition des Hybriditätskonzepts in literarischen Texten untersucht Leune systematisch die Ausführungen einschlägiger Theoretiker wie Bhabha in The Location of Culture, Ashcroft, Griffith und Tiffin in The Empire Writes Back und Bachtin in Die Ä sthetik des Wortes. Bhabha, der in seiner Studie die verschiedensten, meist einem postkolonialen Rahmen entspringenden Texte analysiert, versteht Hybridität vor allem als „außerliterarisches Phänomen“23, welches für ihn innerhalb von literarischen Texten beispielsweise durch Figuren, Schauplätze oder Begebenheiten verkörpert wird. Diese Motive stellen für Bhabha die Aufdeckung der „Ambivalenzen und Unsicherheiten in der nationalen Geschichte Englands“ dar.

Während Bhabha sich also auf die Analyse einer im Text abgebildeten Hybridität konzentriert, versteht Bachtin Hybridisierung innerhalb seiner Romantheorie in erster Linie als ein bewusstes „künstlerisches Verfahren“24, welches beim Romanstil von eminenter Bedeutung sei.25 Bei Ashcroft, Griffith und Tiffin stößt Leune auf die Vorstellung von Hybridität als primäres Charakteristikum aller postkolonialer Texte, findet dort aber keine Antwort auf die Frage, wie sich Hybridität als Konzept im literarischen Text konkretisierten lässt. Vielmehr geben Ashcroft, Griffith und Tiffin eine allgemeine Definition von Hybridität „als allgemeines Konzept für das Aufgreifen, Verbinden und Verändern von Traditionen, durch das binäre Oppositionen unterminiert w[e]rden.“26 Weitere Definitionsversuche von Hybridität in literarischen Texten findet Leune in einem Sammelband27, dessen Beiträge sich mit dem Überdenken des Konzeptes und der Frage nach seiner Rolle in der gegenwärtigen Kultur- und Literaturwissenschaft befassen. Leune beobachtet in den Aufsätzen in Bezug auf den Umgang mit literarischen Texten Parallelen zu den Tendenzen bei Bhabha: „Ähnlich wie bei Bhabha wird Hybridität in erster Linie als ein Phänomen der außerliterarischen Wirklichkeit diskutiert: Die Analyse der Texte wird häufig von der Frage geleitet, welche Sichtweisen von Hybridität darin transportiert werden.“28 Einige der Aufsätze beschäftigen sich laut Leune mit der Darstellung hybrider Identität im jeweiligen literarischen Text, andere lenken in ihren Untersuchungen den Blick auf den Status von kultureller Vermischung in der außerliterarischen Wirklichkeit. Hierzu werden die Texte „zum gesellschaftlichen Klima ihrer Zeit in Beziehung gesetzt und in dieser Hinsicht als Kommentar zur tatsächlichen Bedeutung von Hybridität gelesen.“29

Eine weitere Definition des Hybriditätskonzeptes, die sich sowohl auf Erzähltechniken im Roman, als auch auf darin dargestellte Subjekte und Identitäten anwenden lässt, gibt Elisbeth Bronfen:

Hybrid ist alles, was sich einer Vermischung von Traditionslinien oder Signifikantenketten verdankt, was unterschiedliche Diskurse und Technologien verknüpft, was durch Techniken der collage und samplings, des Bastelns zustandegekommen ist.“30

Wie wir anhand der obigen Ausführungen sehen konnten, fällt es schwer eine konkrete und eindeutige Definition davon zu geben, was das Phänomen der Hybridität in einem literarischen Text ausmacht. Unter Berücksichtigung der im Hauptteil folgenden Analyse einiger Beispiele für Hybridität im Roman Le petit prince de Belleville von Calixthe Beyala soll nun versucht werden, die verschiedenen Definitionsansätze kurz zusammenzufassen, um sie für eine Textanalyse fruchtbar zu machen: (1) Hybridität kann innerhalb des literarischen Textes als außerliterarisches Phänomen auftreten. In diesem Fall wird es notwendig sein, zu klären, wie mögliche hybride Identitäten und Beispiele für kulturelle Vermischung dargestellt werden und wie mögliche hybride Subjekte konstruiert werden. (2) Hybridität beziehungsweise Hybridisierung kann sich als künstlerisches Verfahren innerhalb des Textes bemerkbar machen. Laut Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie liegt der Fokus von Hybridisierung auf der „Mischung und Auflösung literarischer Gattungen, die zum vermehrten Auftreten von Formen wie der Parodie, dem Pastiche und der Travestie sowie zu einer Auflösung der Grenzen zwischen Fiktionalität und Faktizität führen.“31 (3) Hybridität im literarischen Text kann durch das Aufgreifen, Verbinden und Verändern von Traditionen erzeugt werden, wodurch schließlich binarische Oppositionen, d.h. sich gegenüberstehende, ambivalente Einheiten, zerstört werden. (4) Hybridität kann verursacht werden durch das Verknüpfen unterschiedlicher Diskurse und Technologien sowie durch Techniken der Collage, des Samplings und des Bastelns.

2.3 Das Konzept der Intertextualität und seine Bedeutung für literarische Texte

„Kein literarischer Text entsteht aus dem Nichts. Vielmehr führt die Literaturgeschichte auf den Schauplatz der Weltliteratur, auf dem wir in jedem schriftlich überlieferten Text auf die mehr oder weniger sichtbaren Spuren anderer Texte stoßen.“32

Der Begriff der Intertextualität lässt zunächst keine großen definitorischen Probleme vermuten, so scheint die Definition von Intertextualität als ein „Bezug zwischen einem Text und anderen Texten“33 auf der Hand zu liegen. Vertieft man sich aber in die Entstehungsgeschichte des Begriffs und die Theorien der ihn prägenden Wissenschaftler, so muss man feststellen, dass die oben aufgeführten Definitionen dem Phänomen der Intertextualität nicht annähernd gerecht werden, sondern lediglich als grobe Annäherung des Konzepts dienen können. Außerdem ist bei dem Versuch einer Definition zu beachten, dass sich im Laufe der Zeit verschiedene Ansätze des Konzepts entwickelt haben und die Definitionen des Begriffs somit zum einen variieren und zum anderen alles andere als transparent und prägnant sind. Daher soll im Folgenden versucht werden, die Entstehung des Begriffs nachzuvollziehen und somit auch die Konzepte der ihn prägenden Theoretiker zu skizzieren. Auch scheint es für die später folgende Analyse des Primärtextes der vorliegenden Arbeit notwendig, Interpretationsansätze für das Konzept der Intertextualität im literarischen Text bereitzustellen, um die Analyse auf einen fruchtbaren Boden zu stellen. Bemerkt sei an dieser Stelle, dass es bei der Fülle von verschiedenen Konzepten, Ideen und Definitionen des Phänomens und in Bezug auf die bevorstehende Analyse des Primärtextes notwendig sein wird, das Phänomen der Intertextualität auf einige wenige Theoretiker zu beschränken, deren Gedanken anwendbar auf den Primärtext erscheinen.

Zur Nachzeichnung der Entstehungsgeschichte des Begriffs, soll mit dem 'ursprünglichen' Intertextualitätskonzept begonnen werden, welches bereits in den ältesten Texten konstatiert werden kann:

„Das Wiederholen, Nachahmen, verdeckte oder offene Anspielen, das Aufnehmen von Fragmenten fremder Texte, das Weiterschreiben, Ab- und Umschreiben, das Übersetzen und das Zusammenfügen eines neuen Textes aus Elementen anderer sind Prozeduren, die nicht nur Texte der Moderne, sondern auch ältere und älteste Texte als in einem Beziehungsnetz von Texten stehend ausweisen.“34

Eine sich auf diese Bedeutung des Konzeptes richtende Methode hat sich nach und nach durch die Entwicklung neuerer literaturwissenschaftlicher Perspektiven herausgebildet und ein Intertextualitätskonzept geprägt, das sich von der Literaturauffassung nach den Traditionen der Originalästhetik gelöst35 und schließlich einige Denkansätze des Strukturalismus übernommen hat. Die Vorstellung des Gemachtseins von Literatur bildet hier einen der zentralen Aspekte. Ein literarischer Text wird demnach als eine Konstruktion verstanden, welche „nicht nur die Summe der Verfahren, die sie begründet, sondern auch deren innertextliche Verkettungen abbildet.“36 Des Weiteren besteht nun ein Interesse daran, die Interferenz der Texte für die Beschreibung der Sinnkonstitution eines Textes zu nutzen. Das heißt, dass der Sinn eines Textes sich erst erschließt, wenn Bezugnahmen auf einen oder mehrere andere Texte erkannt wurden und das jeweilige Textkorpus bekannt ist. So ergibt sich ein neuer Interpretationsansatz, der „ebenjene sinnkonstitutive Dimension an Texten hervortreten [lässt], die zuvor entweder verborgen war oder aus der Perspektive eines anderen Interpretationsparadigmas anders gelesen wurde.“37

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzieht sich in der Entwicklung des Intertextualitätkonzepts schließlich ein Übergang vom strukturalistischen zum poststrukturalistischen Paradigma.38 Hier entsteht ein Konzept, welches maßgeblich durch die Arbeiten von Julia Kristeva geprägt wurde, in welchen sie sich mit Michail Bachtins Konzept der Dialogizität auseinandersetzt. Im Gegenteil zu den weiter oben gegebenen Definitionen des Begriffs, versteht Kristeva unter Intertextualität keine Text-Text-Beziehungen, sondern vielmehr Text-Kontext-Beziehungen.39 Das oft zur Definition im Kristvaschen Sinn wiedergegebene Zitat der Theoretikerin gilt als Gründungsdokument des Intertextualitätsbegriffs:

„jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die poetische Sprache läßt sich zumindest als eine doppelte lesen.“40

Kristeva geht also davon aus, dass der Sinn eines Textes nicht mehr gegeben ist und er sich nicht festlegen lässt. Sie überträgt Bachtins Vorstellung, dass Wörter immer auf jeweils andere Wörter gerichtet sind, auf Texte. Diese Definition von Intertextualität bildet die Grundlage für das poststrukturalistische Konzept der Intertextualität, welches mit dem strukturalistisch geprägten Konzept konkurriert.41 Ersteres lässt sich als globales42 Konzept verstehen, welches „entgegen der Fokussierung auf das Einzelwerk den Blick für das 'Universum' von anderen Texten und Schreibweisen' geöffnet hat, aus denen jeder Text und in gesteigertem Maße literarische Texte bestehen.“43 Dem Text wird hier eine universale Bedeutung zugeschrieben. Zweiteres geht von der Differenzierung zwischen unbewusster, nicht- intendierter Intertextualität und bewusster, intendierter Intertextualität aus44, wobei der zweiten Bedeutung besondere Relevanz zugesprochen wird. Dieser Ansatz einer Intertextualität, welche die Bezugnahme eines Textes auf einen oder mehrere andere Texte beschreibt, soll in dieser Arbeit genauer untersucht werden, da er sich als eine literaturwissenschaftliche Methode zur Interpretation eines Textes besser eignet als die Kristevasche.

Um nachfolgend eine intertextuelle Analyse des Primärtexts zu gewähren, ist es schließlich notwendig, in die Methodik der textanalytischen Perspektive des Intertextualitätskonzepts einzuführen. Nach Lachmann45 muss hierzu sowohl bei einem Text mit intendierter Intertextualität als auch bei einem solchen mit verdeckter Intertextualität von drei Größen ausgegangen werden, dem manifesten Text, dem Referenztext und dem Referenzsignal.

[...]


1 Le petit prince de Belleville, Maman a un amant, Ass è ze l'Africaine (1994) und Les honneurs perdus (1996).

2 Vgl. Hitchcott, Nicki: Calixthe Beyala. Performances of Migration (2006), S. 3.

3 Mouellé Kombi, Narcisse: Calixthe Beyala et son petit prince de Belleville. http://www.arts.u- wa.edu.au/AFLIT/AMINABeyala1992.html (abgerufen am 10.09.2016).

4 Goetsch, Paul: Funktionen von 'Hybridität' in der postkolonialen Theorie. In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht 30 (1997), S. 136.

5 Zantop, Susanne: Der (post-)koloniale Blick des 'weißen Negers'. In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Schriftsteller und „ Dritte Welt “ . Studien zum postkolonialen Blick (1998), S. 146.

6 Ebd., S. 145-146.

7 Hochmann, Björn: Repr ä sentation des Anderen. Fremdheitserfahrungen und interkulturelle Beziehungen in der Modernen Literatur (2014), S. 28.

8 Reif-Hülser, Monika: Fremde Texte als Spiegel des Eigenen (2006), S. 42.

9 Vgl. Ashcroft, Bill/Griffiths, Gareth/Tiffin, Helen: The Post-colonial Studies Reader (1995), S. 2.

10 Ebd.

11 Gröne, Maximilian/Reiser, Frank: Franz ö sische Literaturwissenschaft (2012), S. 182.

12 Reif-Hülser, S. 17.

13 Vgl. Ebd.

14 Lützeler, Michael: Schriftsteller und „ Dritte Welt “ . Studien zum postkolonialen Blick (1998), S. 14.

15 Ebd., S. 17.

16 Griem, Julika: „Hybridität“, in: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (2001), S. 260f.

17 Neumann, Birgit: Hybridität und Komparatistik. In: Zymmer, Rüdiger/Hölter Achim (Hgg.): Handbuch Komparatistik. Theorien, Arbeitsfelder, Wissenspraxis (2013), S. 165.

18 Ebd.

19 Vgl. Ebd.

20 Goetsch, S. 138.

21 Ebd., S. 138f.

22 Leune, Cornelia: Grenzen des Hybriden?: Konzeptualisierungen von Kulturkontakt und Kulturvermischung in der niederländischen Literaturkritik. In: Geeraedts, Loek/Missinge, Lut/Wielanga Friso (Hgg.): Niederlande- Studien 54 (2013), S. 33-39.

23 Ebd., S. 35.

24 Leune, S. 35.

25 Vgl. Bachtin, Michail: Die Ä sthetik des Wortes (1979), S. 195.

26 Leune, S. 35.

27 Vgl. Nyman, Jopi/Kuortti, Joel: Introduction: Hybridity Today. In: Nyman, Jopi/Kuortti, Joel: Reconstructing Hybridity. Post-Colonial Studies in Transition (2007), S. 2.

28 Leune, S. 36.

29 Ebd., S. 37.

30 Bronfen, Elisabeth/Benjamin, Marius: Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. In: Bronfen, Elisabeth/Benjamin, Marius/Steffen, Therese (Hgg.): Hybride Kulturen. Beitr ä ge zur anglo-amerikanischen Multukulturalismusdebatte (1997), S. 14.

31 Seibel, Klaudia: „Hybridisierung“, in: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (2001), S. 259f.

32 Berndt, Frauke/Tonger-Ek, Lily: Einleitung. In: Berndt, Frauke/Tonger-Ek, Lily: I ntertextualit ä t. Eine Einf ü hrung (2013), S. 7.

33 Broich, Ulrich: Intertextualität. In: Fricke, Werner (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (2000), S. 175.

34 Lachmann, Renate: Intertextualität. In: Ricklefs, Ulfert (Hrsg.): Fischer Lexikon Literaturtheorie (1996), S. 794.

35 Vgl. Ebd.

36 Ebd.

37 Ebd., S. 796.

38 Vgl. Ebd.

39 Vgl. Emmelius, Caroline: Intertextualität. In: Ackermann, Christiane/Egerding, Michael: Literatur- und Kulturtheorien in der Germanistischen Medi ä vistik (2015), S. 276.

40 Kristeva, Julia: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman. In: Ihwe, Jens (Hg.): Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven. Bd. 3 (1972), S. 346.

41 Broich 2000, S. 175.

42 Ebd.

43 Urbich, Jan: Literarische Ä sthetik (2011), S. 262.

44 Vgl. Emmelius, S. 285.

45 Vgl. Lachmann 1996, S. 804f.

Details

Seiten
47
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668517561
ISBN (Buch)
9783668517578
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373470
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Hybridität Migrationsliteratur Intertextualität Postkolonialismus postkoloniale Theorie Migrantenliteratur Belleville afrikanische Literatur

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