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Die Informationsökonomie des Wählens unter Unsicherheit in Downs ökonomischer Theorie der Demokratie

Seminararbeit 2001 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arten von Informationen und ihre Kosten

3 Die Beschaffung von Informationen
3.1 Die Systematik dieses Abschnitts
3.2 Eine rationale Auswahlregel fur Informationen
3.3 Differentielle Entscheidungsbereiche
3.4 Okonomische Entscheidung uber Erwerb Oder Nicht-Erwerb von Informationen
3.4.1 Uberblick
3.4.2 Die Struktur des Informationsproblems
3.4.3 Die Entscheidung uber die Berucksichtigung weitere Informationen
3.5 Folgen fur die Wahlbeteiligung und den Informationstand der Burger
3.6 Strategien der Kostenreduzierung bei der Informations- beschaffung

4 Die Okonomie von Analyse und Auswertung der beschafften Informationen

5 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
A Beispiel fur Entscheidungsmatrix bei Wahlentscheidung
B Abbildungen zur Marginalanalyse des Informationserwerbs

1. Einleitung

Der rationale Wahler in Anthony Downs’ okonomischer Theorie der Demokratie handelt stets nutzenoptimierend (DOWNS 1968: 35). „Nutzen“ wird dabei verstanden als abstrakte MaBeinheit fur die Summe der Vorteile, die der Burger aus der staatlichen Tatigkeit - welche als von der Regierung „verursacht“ angenommen wird - erhalt. Steht der Wahler in einem Zwei-Parteien-System nun vor der Wahl, welche der beiden Parteien in der kommenden Legislaturperiode die Regierungsgewalt ausuben soll, wird er sich also stets fur diejenige entscheiden, von der er erwartet, dass sie ihm das im Vergleich zur anderen Partei hohere Nutzeneinkommen einbringen wird. Die der Wahlentscheidung zugrunde liegende Abwagung zwischen den erwarteten Nutzeneinkommen findet ihren formalisierten Ausdruck im sogenannten erwarteten Parteiendifferential, welches das Saldo ist aus dem Nutzeneinkommen, das der Wahler erhalten wurde, wenn die bisherige Regierung auch in der folgenden Legislaturperiode im Amt bliebe, und demjenigen, das dem Wahler zuflieBen wurde, wenn die Opposition in der folgenden Legislaturperiode die Regierungsgewalt ausubte.1 Da der Wahler jedoch nicht in die Zukunft blicken kann, und auch die Wahlprogramme und sonstigen programmatischen AuBerungen der Parteien in Hinblick auf die Zukunft sowohl mit einiger Unsicherheit behaftet als auch bewuBt zweideutig gehalten sind, trifft der Wahler seine Wahlentscheidung nicht unmittelbar auf Grundlage des erwarteten Parteiendifferentials, sondern mit Hilfe des deutlich einfacher zu errechnenden gegenwartigen Parteiendifferentials, das das ihm momentan von der Regierung zuflieBende und das ihm durch die Opposition hypothetisch zuflieBende Nutzeneinkommen in Relation setzt2.

Obgleich in Downs’ Theorie das gegenwartige Parteiendifferential noch durch zwei Modifikatoren, den Trendfaktor und die Leistungsbewertung, verandert wird, genugt diese auBerst kurze Darstellung vorerst fur die Zwecke dieser Arbeit.

Um die beiden Komponenten des gegenwartigen Parteiendifferentials berechnen zu konnen, holt der Burger Informationen uber die Politik der Regierung und der Opposition ein.

Da Informationen eine Wahlentscheidung erst ermoglichen, welche idealerweise wiederum positiven Einfluss auf sein Nutzeneinkommen hat, haben Informationen fur den Wahler einen Wert3.

In seinem ersten rudimentaren Modell des Wahlerverhaltens setzt Downs Gewissheit voraus. Gewissheit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Wahler jede beliebige Information in seine Entscheidung einflieBen lassen kann, ohne dass ihm dadurch Kosten (zum Beispiel Geld sowie Zeit oder Anstrengung fur Beschaffung, Analyse und Auswertung) entstehen. Wenn der Wahler rational handelt, und Informationen in keiner Weise Kosten verursachen, jedoch seine Wahlentscheidung moglicherweise verbessern (zumindest keinesfalls verschlechtern), wird der Wahler alle moglichen Informationen einholen und verwerten. Angewandt auf das gegenwartige Parteiendifferential bedeutet dies - vorausgesetzt, uber alle Bestandteile des Nutzeneinkommens eines Wahlers sind irgendwelche Informationen verfugbar, wovon sinnvollerweise ausgegangen werden kann -, dass der Wahler tatsachlich das Nutzeneinkommen empfangen hat (bzw. hatte), das er fur Regierung bzw. Opposition berechnet hat.

Uber das Gewissheitsmodell hinaus entwickelt Downs das Ungewissheitsmodell der Wahlentscheidung, dessen Informationsokonomie Gegenstand dieser Arbeit ist.

Ungewissheit ist nach Downs „jeder Mangel an sicherem Wissen uber den Verlauf vergangener, gegenwartiger, zukunftiger oder hypothetischer Ereignisse“ (DOWNS 1969:75). Fur den Fall der Wahlentscheidung impliziert dies vor allem, dass der Wahler nicht mit Sicherheit weiB, welches Nutzeneinkommen er von der einen oder anderen Partei zu erwarten hat, wenn diese an der Regierung ist4. Dies jedoch muss er feststellen, um eine rationale Wahlentscheidung treffen zu konnen. Zu diesem Zwecke kann er durch Verarbeitung von Informationen die vorhandene Ungewissheit uber das erwartete Nutzeneinkommen reduzieren.

Die vorliegende Arbeit untersucht wahlerseitig die Rolle der Information in Downs’ Ungewissheitsmodell unter Annahme eines Zwei-Parteien-Systems. Die Betrachtung der Folgen der Ungleichverteilung von Information aufgrund bestimmter sozialer Gegebenheiten wird - obgleich von Downs diskutiert - im begrenzten Rahmen dieser Arbeit jedoch keine Berucksichtigung finden. Im dritten Teil der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen werden, den von Downs beschriebenen Entscheidungsprozess des rationalen Wahlens mit der klassischen Entscheidungstheorie in Verbindung zu bringen.

2. Arten von Informationen und ihre Kosten

Downs unterscheidet Informationen nach ihrem Verwendungszweck auf einer ersten Ebene in Unterhaltungs- und Nicht-Unterhaltungsinformationen (DOWNS 1968:209). Dabei werden unter Unterhaltungsinformationen solche Informationen verstanden, die um ihrer selbst Willen erworben werden, nicht jedoch als Grundlage einer rationalen Entscheidung dienen: Ihr Nutzen ist ein unmittelbarer, er liegt in der Informiertheit des Sich-Informierenden. Der Nutzen oder Wert der Nicht- Unterhaltungsinformationen dagegen liegt ausschlieBlich darin, dass der Informierte mit ihrer Hilfe eine idealerweise sein Nutzeneinkommen vergroBernde Entscheidung treffen kann.5 Diese Entscheidung kann sich auf die Bereiche Konsum, Produktion oder Politik erstrecken. Dementsprechend differenziert Downs auf einer zweiten Ebene die Nicht-Unterhaltungsinformationen in Verbrauchsinformationen, Produktionsinformationen und politische Informationen, welche Gegenstand seiner informationsokonomischen Analyse sind.

Wie bereits in Abschnitt 1 angedeutet, sind Beschaffung, Auswertung und Analyse von Informationen im Regelfall mit Kosten verbunden. DOWNS (1968:204f.) unterscheidet diese nach dem Grad, nach dem sie auf andere „abgewalzt“ werden konnen. Ubertragbare Kosten sind somit solche, die durch Beschaffungs-, Analyse- oder Auswertungsauftrage auf andere ubertragen werden konnen. Ein GroBteil aller potentiell entstehenden Kosten scheint zu den ubertragbaren zu gehoren. Nicht- Ubertragbar dagegen sind mindestens die Kosten fur die gedankliche Auseinandersetzung mit den Resultaten ubertragener Aufgaben6. Insofern, als dass hierfur wenigstens eine gewisse Zeit erforderlich ist, kann man im Sinne der mikrookonomischen Theorie von (Opportunitats-)Kosten sprechen, die sich messen lassen als der Nutzen, der dem Sich-Informierenden dadurch verloren ging, dass er - statt eine andere nutzenbringende Tatigkeit auszuuben - sich der Informationsverarbeitung widmete.

Von besonderer Bedeutung fur den Informationsprozess sind die unentgeltlichen Informationen (DOWNS 1968:216ff.), auf die in Abschnitt 3.6 nochmals eingegangen wird. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass fur ihre Beschaffung keine Kosten entstehen.7

Auf Strategien zur Kostenminimierung bei der Informationsbeschaffung wird im folgenden Abschnitt eingegangen.

3. Beschaffung von Informationen

3.1 Die Systematik dieses Abschnitts

In diesen Abschnitt soil zunachst gezeigt werden, wie der Wahler diejenigen Informationen auswahlt, die fur die Losung seines Problems der Entscheidungsfindung prinzipiell in Frage kommen (Abschnitte 3.2, 3.3). Danach wird dargestellt werden, wie der Wahler rational entscheidet, ob er uberhaupt, und wenn ja, wie viele Informationen er noch zu der ohnehin notwendigen Grundmenge an Informationen hinzuerwirbt (Abschnitt 3.4). Dabei wird nicht nur auf die Ausfuhrungen Downs’, sondern dazu parallel auch auf Erkenntnisse der Entscheidungstheorie zuruckgegriffen. Die Auswirkungen der bei der Informationsbeschaffung anfallenden Kosten auf den Grad der politischen Informiertheit der Wahler sowie die Wahlbeteiligung werden im Anschluss betrachtet (Abschnitt 3.5), bevor schlieBlich einige Moglichkeiten vorgestellt werden, die Informationskosten zu reduzieren (Abschnitt 3.6).

3.2 Eine rationale Auswahlregel fur Informationen

Da, wie in den Abschnitten 1 und 2 gezeigt wurde, u.U. schon die Beschaffung, spatestens aber die Analyse und Auswertung von Informationen mit Kosten verbunden ist, dem Entscheidungstrager jedoch nur begrenzte Mittel zur Verfugung stehen, ist der Wahler kaum in der Lage, alle Informationen bei der Entscheidungsfindung zu berucksichtigen8. Er muss dementsprechend aus der Menge aller verfugbaren Informationen mit Hilfe einer rationalen Auswahlregel diejenigen herausfiltern, die fur den Erwerb in Frage kommen.9

Eine rationale Auswahlregel ist eine solche, welche dem Wahler aus der Menge aller verfugbaren Informationen die Daten herausfiltert, die ihn unter den zur Verfugung stehenden (Wahl-) Alternativen diejenige wahlen lassen, die ihm das groBtmogliche Nutzeneinkommen liefert. Oder, negativ formuliert: Filtert eine Auswahlregel solche Informationen heraus, welche den Wahler trotz ansonsten rationalen Abwagens zu einer suboptimalen Entscheidung fuhren, so kann diese Auswahlregel zum Zwecke der Entscheidung nicht rational sein.

DOWNS (1968:208f.) schlagt vor, den Wahler experimentell uber die Auswahlregel entscheiden zu lassen:

[...]


1 Downs formalisiert das erwartete Parteiendifferential wie folgt als E(Uf+l) - E(U^), wobei der TermE(UtA+l) der Erwartungswert (E) des Nutzeneinkommens (U) ist, das dem Wahler in der folgenden Legislaturperiode (t+1) von der Regierung (Symbol A) zuflieBen wird. Analoges gilt fur die Opposition im zweiten Term.

2 Das dem Wahler hypothetisch zuflieBende Nutzeneinkommen ist dasjenige Nutzeneinkommen, welches der Wahler erhalten hatte, wenn die momentane Oppositionspartei in der laufenden Legislaturperiode die Regierung gestellt hatte.

3 Auf die genauen Eigenschaften dieses Wertes wird zwar an spaterer Stelle ausfuhrlicher eingegangen, jedoch sei schon hier darauf hingewiesen, dass der Wert der Information darin besteht, auf ihrer Grundlage eine sicherere Entscheidung treffen zu konnen, keineswegs jedoch hat die Informationen bei Downs einen „Wert an sich“ (Kirsch 1993:206): Dem rationalen Wahler ergibt sich ein Nutzen aus den Folgen der Entscheidung, die er auf Grundlage der Information trifft, nicht jedoch aus seiner Informiertheit per se (siehe auch Abschnitte 2 und 3.4).

4 Wie spater zu zeigen sein wird, ist Downs’ „Ungewissheitsmodell“ eigentlich genau genommen ein Modell der Entscheidung unter Risiko (MENGES 1974:164f.).

5 Wahrend also der Zweck der Beschaffung von Unterhaltungsinformationen im Besitz dieser Informationen liegt, ist der eigentlich Zweck der Beschaffung von Nicht-Unterhaltungsinformationen die Verbesserung einer anstehenden Entscheidung. Siehe hierzu auch Kirschs Begriffe des „investiven“ bzw. „konsumtiven“ Werts von Informationen (KIRSCH 1993:206).

6 Auch mussen zumeist die Auftragnehmer vom Auftraggeber in irgendeiner Weise fur ihren Aufwand (d.h. ihre Opportunitatskosten) entschadigt werden. Es mogen daruber hinaus verschiedene Transaktionskosten (Holzinger 1998) anfallen, sodass also faktisch niemals alle Kosten ganzlich abgewalzt werden konnen, da die Abwalzung selbst Kosten verursacht.

7 Da jedoch entweder bei Ubertragung von Analyse und Auswertung mindestens Transaktionskosten, oder bei selbst durchgefuhrter Analyse und Auswertung wenigstens die verbrauchte Zeit in Rechnung gestellt werden muss, gibt es vollkommen unentgeltliche oder kostenlose Informationen in dem vom Wort selbst implizierten Sinne nicht. DOWNS (1968:219) weist des weiteren darauf hin, dass fur manche kostenlosen Informationen zunachst eine Zutrittsgebuhr entrichtet werden muss, danach jedoch fur die Beschaffung der einzelnen Informationen praktisch keine Kosten anfallen. Als Beispiel fur diesen Zusammenhang nennt er Rundfunkgebuhren.

8 Die „Mittel“ des Wahlers sind in jeder Hinsicht „knappe Mittel“: Sein finanzielles Budget ist beschrankt, die ihm fur das Auffinden von brauchbaren Informationen, deren Analyse und Auswertung zur Verfugung stehende Zeit ist ebenso wenig unbegrenzt wie seine geistige Verarbeitungskapazitat und sein inhaltlicher Sachverstand.

9 Die mit Hilfe der Auswahlregel selektierten Informationen werden keineswegs alle erworben. Sie stellen jedoch diejenige Menge an Informationen dar, aus der der Wahler in einem zweiten Schritt gemaB dem von Downs (1968:233ff.) modellierten Entscheidungsverfahren die Informationen auswahlt, die er tatsachlich erwirbt.

Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783668541634
ISBN (Buch)
9783668541641
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373454
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Informationsökonomik Downs Median Voter Wählen Rationalität Politische Ökonomie Public Choice Economic Theory of Democracy Ökonomische Theorie der Politik Medianwähler Informationsökonomie Wahlentscheidung

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Titel: Die Informationsökonomie des Wählens unter Unsicherheit in Downs ökonomischer Theorie der Demokratie