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Gangsterrap. Gewalt und Hass in der Musikszene

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 20 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Warum ist Rap populär?
1.1. Einfluss auf Jugendliche und junge Erwachsene
1.2. Gangster-Image und Selbstinszenierung

2. Gewalt und Hass
2.1. Gewaltdarstellung im HipHop (Rap)
2.2. Maskulinität und Sexualität
2.3. Schwulenfeindlichkeit

3. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Einleitung

„Mit keinem anderen Musikgenre wird so viel Umsatz bei Unter-Zwanzigjährigen gemacht, in jeder Stadt in Deutschland - sei sie noch so klein - existieren HipHop-Kids“ (Farin, 2008, S.16).

Doch wieso ist Hip-Hop, die Musik, die fast ausschließlich Gewalt und Hass thematisiert, so beliebt bei den jungen Erwachsenen? Was macht Rap so interessant und was geht in den Köpfen der Jugendlichen vor während sie die Musik hören?

Hip-Hop, besonders Rap-Musik, ist derzeit eine der (international) kommerziell erfolg- reichsten Musikrichtungen auf dem Plattenmarkt (Wikipedia, 2016). Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich in den Armutsvierteln US-amerikanischer Großstädte von rassis- tisch ausgegrenzten Jugendlichen die Rapmusik. Vor über zwanzig Jahren wurde Gangs- terrap auch in vermehrt Deutschland populär und erreichte den Höhepunkt Ende der 2000er Jahre.

Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei Rap um Musik handelt, die durch Thematisierung von Gewalt entstanden ist und Gewalt auch bis heute beinhaltet, ist es besonders bedeutsam zu wissen, wie und in welcher Form sich diese Musik ihren HörerInnen gegenüber präsentiert. Das Image des Rappers und wie viel Gewalt tatsächlich durch die Texte vermittelt wird, sind dabei entscheidend. Die authentische Auseinandersetzung mit soziokulturellen Phänomenen wie Gangsterrrap ist für jeden kulturwissenschaftlichen Bereich von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

In der medialen Darstellung erweist sich Rap als wesentlicher Einflussfaktor einer porno- graphisierten, gewalttätigen, bildungsfernen Jugend. Auch Machismo ist eine beliebte Be- schreibung. Es findet sich kaum ein Artikel zum Rap, in dem nicht auf frauenfeindliche Darstellungsweisen in Texten oder Videos verwiesen wird. Auch wissenschaftliche Veröf- fentlichungen teilen den Befund, dass männliche Dominanz und Frauenverachtung eine große Rolle im Gangsterrap spielen. Dabei wird häufig darauf verwiesen, dass zwar Image im Rap existiert, allerdings die stark sexualisierte Sprache mittlerweile fast aus- nahmslos von allen Beteiligten angenommen und trotz Sexismus als cool empfunden wird (Goßmann und Seeliger 2015, S. 291; Landeshauptstadt München 2010, S. 11; Hantzsch 2013, S. 72).

In dieser Hausarbeit wird die Thematik der Gewalt und des Hasses behandelt. Dazu muss erwähnt werden, dass derzeit vergleichsweise nur wenig (neutrale) Literatur zum Thema Rap veröffentlicht wurde und es besonders schwer ist Quellen zu finden, die keine extreme (gegen-)Position einnehmen (dazu mehr siehe: Fazit). Im zweiten Teil wird verdeutlicht, was mit dem Begriff Gewalt gemeint ist und welche Formen der Gewalt in dieser Arbeit zu berücksichtigen sind.

1. Warum ist Rap populär?

(Gangster-) Rap ist besonders bei jungen Männern aufgrund der Möglichkeit, verbal ver- schiedenste Gewalt- und Sexphantasien auszuleben, beliebt. Rapper sind stets bemüht, sich möglichst maskulin und großartig zu präsentieren, sie versuchen, durch ihr hartes, furchtloses, schlagfertiges und überlegenes Auftreten eine Vorbildfunktion für die jungen Erwachsenen einzunehmen. Dabei wird oftmals vergessen, dass dies lediglich das Image des Rappers darstellt. Jugendliche denken häufig vermeintlich, dass das Image, also die Rolle, die Texte und die Videos des Rappers, auch die reale Person verkörpern und ha- ben dadurch eine falsche Vorstellung von ihren „Vorbildern“. Die aktuelle Rolle des klassi- schen Gangsterrappers ist der Drogen verkaufende, Frauen benutzende und mäch- tige/wohlhabende Gangster. Ein Zusammenspiel von Macht, Gewalt und Sex, welches für viele Jugendliche einen Wunschtraum darstellt (Hantzsch, 2013, S.70).

„ Gangsta-Rap steht, in welcher Spielart auch immer, f ü r ein gemeinsames und verbindendes Lebensgef ü hl, nicht zuletzt f ü r einen Kampf um Anerkennung, Selbstbehauptung und Selbstbestimmung von zumeist j ü ngeren Generationen, die im Ringen um einigerma ß en attraktive Handlungs- und Lebensorientierungen sowie zukunftstr ä chtige Perspektiven eine vielschichtige und l ä ngst › erfolgreiche ‹ Identit ä tspolitik betreiben. “ (Dietrich, 2014, S.8)

1.1. Einfluss auf Jugendliche und junge Erwachsene

Für die sozialwissenschaftliche Arbeit ist es von großer Bedeutung zu hinterfragen, wel- chen Einfluss Gangsterrap auf Jugendliche und junge Erwachsene hat und welche Rele- vanz dies für die psychoemotionale, psychosoziale und psychosexuelle Entwicklung hat. Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 26 Jahren sind in Deutschland am häufigsten Tatverdächtige (Heinz, 2016). Sie sind noch leicht manipulativ und beeinfluss- bar. Die Gewaltvermittlung und Verherrlichung von Kriminalität im Gangsterrap, der genau diese Altersgruppe am häufigsten Anspricht, könnte unter anderem eine Ursache für die Kriminaltaten sein.

Jugendkultur bietet Jugendlichen die Möglichkeiten sich in Form von Sprache, Kleidung und Musik auszudrücken, auseinanderzusetzen, die Gesellschaft zu hinterfragen und sich selbst zu finden. Dabei ist die Musik ein besonders wichtiger Bestandteil aller Jugendkul- turen. Musik animiert dazu ausprobieren, zu experimentieren und beispielsweise beim Gangsterrap auch zu provozieren (Landeshauptstadt München, 2010, S. 6). Zweifelsohne hat Gangsterrap eine enorme und nicht unterschätzbare Medienwirkung auf Jugendliche. Allerdings befindet sich zwischen dem, was der Rapper in seinen Texten verkörpert und intendiert und dem, was die HörerInnen „solcher Musik in den Rezeptions- prozessen der Texte für sich heraus[liest]lesen, viele Schritte der diskursiven Transforma- tion“ (Landeshauptstadt München, 2010, S. 16). Dabei spielt vor allem die Sprache bzw. die gehäufte Wiederholung bestimmter Begriffe (bsp. Beleidigungen) eine gewaltige Rolle, denn diese Art der Sprache übermittelt meist bestimmte Denkmuster, die in kürzester Zeit von den HörerInnen normalisiert werden und dadurch zu einer respektlosen, sexistischen und homophoben Jugend führen können.

„ Guck, ich behandel' euch wie Dreck Ich sag' alles, was ich will, zu euch - ich hab' kein Respekt “

(Kollegah - Fanpost)

Durch die Normalisierung von homophoben und sexistischen Begriffen, wird der Stamm- wortschatz vieler Jugendlicher geprägt, was schlimmstenfalls zu einem sozialen Abstieg führen kann. Allerdings kann dies nicht auf alle Jugendliche, die sich dieses Vokabular an- eignen, verallgemeinert werden. Nicht jeder Jugendliche, der sich mit dem Hip- Hop/Gangsterrap identifiziert, kann als gefährlich angesehen werden, da es schlichtweg auch als Jugendkultur angesehen werden muss. Viele Jugendliche hören die Musik ledig- lich, ohne sich damit zu identifizieren oder schreiben und veröffentlichen ihre eigenen Texte. Wiederrum andere möchten sich dadurch einfach nur von der Erwachsenenwelt abgrenzen. Nach Hantzsch möchten Jugendliche durch diese Musik einen Tabubruch er- langen und signalisieren, dass sie (die Jugendlichen) nicht ohne weiteres interpretiert und „in Schubladen gesteckt“ werden können (vgl. Hantzsch, 2013). Nichtsdestotrotz sind viele Aspekte die diese Szene aufweisen auf den ersten Blick ein Hindernis für eine Welt- offene Jugendkultur.

Es scheint so, dass SozialarbeiterInnen und Pädagogen/Innen keinen Einfluss auf diese Entwicklungen haben können. Kaum ein Jugendlicher lässt sich vorschreiben welche Mu- sik er zu hören hat oder was er sich in seiner Phantasie vorzustellen habe. Tatsächlich gibt es aus pädagogischer Sicht bisher kaum erfolgreiche Versuche, präventiv diese ne- gative Medienwirkung zu stoppen oder minimieren, das kann auch daran liegen, dass die akademische Auseinandersetzung mit dem Thema Gangsterrap in Deutschland nicht be- sonders ausgeprägt ist (Dietrich, 2014, S.22). Öffentlichkeitswirksame RapperInnen sind darüber hinaus meist nicht bereit soziale Verantwortung zu zeigen und die Hass- bzw.

Gewaltvermittlung zu minimieren, sie berufen sich stattdessen auf Kunstfreiheit (Landeshauptstadt München, 2010, S. 17) oder weisen lediglich darauf hin, dass sie keine Verantwortung dafür tragen, wie die Texte auf andere wirken oder welche Folgen sie haben (sueddeutsche.de vom 25.01.2008). Die einzige erfolgreiche Instanz auf diesem Gebiet ist die Bundesprüfstelle in Verbindung mit dem Jugendschutz.

„ Und die Kritiker meinen, die Lyrics sind monoton, sexistisch und homophob. Is ‘ okay, ihr habt halt zu wenig Y-Chromosomen “

(Kollegah: H & F)

Deshalb bliebe nur noch, den medialen Rahmen, der die Veröffentlichung, Verbreitung und den Konsum der Rapmusik ermöglicht, einzuschränken. Es bestehen einige Ansätze, die den Massenkonsum von Gangsterrap einstellen könnten, wie beispielsweise eine Al- tersbeschränkung, ähnlich wie bei Filmen und Videospielen, für Konzerte und CD’s einzu- führen, die Mediale Werbung für die Musik, die Konzerte, sowie die aktuellsten Alben zu verbieten und an Schulen auf dem Schulhof, bei Festen und Veranstaltungen eine „Ge- waltmusik freie Zone“ zu schaffen (Miehling und Lütkehaus, 2006, S. 290ff). Allerdings scheint auch dies weit entfernt von einer Realisierung zu sein, da Radio- und Fernsehsender, die Presse, Internetforen, KonzertveranstalterInnen, Musiklabels und Protagonisten den finanziellen Profit als deutlich wesentlicher ansehen als dem Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht zu werden (Landeshauptstadt München 2010, S.18f) (mehr dazu siehe Kapitel 2.1. Gewaltdarstellung).

1.2. Gangster-Image und Selbstinszenierung

Die Selbstinszenierung und das Image der Rapper ist im Gangsterrap von entscheidender Bedeutung. Es geht darum, möglichst real, fame und cool zu sein um anerkannt zu wer- den. Gangsterrapper, die tatsächlich auf eine kriminelle Vergangenheit zurückblicken und diese Erfahrungen in ihren Texten verkörpern und verarbeiten, werden von den HörerIn- nen besonders hoch angesehen (= mehr Respekt) und zelebriert. Sie verkörpern eine glaubwürdige szenenorientierte Performanz und entsprechen den Stilmerkmalen eines Gangsters, die von strukturellen Zwängen geleitet werden. Um in der Szene erfolgreich zu sein, ist es somit von großer Bedeutung szenenbezogen zu Handeln. Dies erfolgt vor dem Hintergrund von Themen und Werten, die mit der Hip-Hop Kultur verbunden sind. Dazu gehört, wie bereits erwähnt, eine glaubwürdige szenenorientierte Performanz, das kann Kleidung im Street Look, aber auch Tattoos oder die Sprache sein. Hauptsache der „G“ wirkt möglichst ‚real‘ (Dietrich, 2014, S. 72).

Beim Gangsterrap geht es natürlich auch darum, sich durch den Erfolg in der Musik-Bran- che möglichst Reich, Überlegen und Mächtig darzustellen. Dazu werden häufig in den Videos und Texten Schmuck, teure Kleidung, freizügige Frauen, Waffen und teure Autos verwendet. Diese Statussymbole sollen vor allem dem Männlichkeitsideal entsprechen und werden oft mit Kriminalität und Aggressivität verbunden (Hantzsch, 2013, S. 70). Diese Faktoren sind für Jugendliche besondere Anreize Ihre „Vorbilder“ nachzuahmen und eine ähnliche Laufbahn anzustreben.

Sieben Mille, weil ich einen Schwanz wegboxe Doch was sind sieben, wenn meine Kette zwanzig kostet? “

Farid Bang: 100 Bars

Einer der kommerziell erfolgreichsten amerikanischen Rapper 50 Cent, verdiente sein Geld mit Drogen, wurde mehrfach verhaftet und verurteilt. Nach einer Streiterei mit einem Musikmanager im März 2000 wurde der Rapper niedergestochen. Nur zwei Monate später trafen ihn bei einer Schießerei im New Yorker Stadtteil Queens neun Kugeln. 50 Cent überlebte das Attentat und gilt seitdem als Bulletproof (kugelsicher). Ein ernüchterndes Beispiel für die Realität des Gangster-Images (Dallach, 2007).

Ein weiterer, sehr wichtiger Faktor um in dieser Szene anerkannt zu werden ist eine mög- lichst grausame Vergangenheit. Dazu gehörten neben kriminellen Handlungen, wie bei- spielsweise Haftstrafen, Dealen oder der Konsum von Drogen auch das Aufwachsen in einem ‚asozialen‘ Milieu bzw. Ghetto, meist ohne Vater und ohne Aussicht auf eine ‚gute‘ Zukunft (Kersten, 2009, S. 227; Weinfeld, 2000, S. 253f). Dadurch gelingt es den Gangs- terrappern noch mehr Anerkennung von den HörerInnen zu erlangen, da es so scheint, dass sie trotz dieser grausamen Zeit es zum erfolgreichen Musiker geschafft haben.

„ Du bist nicht wie wir, deine Eltern konnten dich verw ö hnen Ich hab' es mir so ausgesucht, ich wollte ins Milieu Und wirst du reich, kommen dir Bonzen nicht mehr bl ö d Denn heut bin ich willkommen auf der K ö“

(Al-Gear & Jasko & Farid Bang: Nach oben)

In der medialen Öffentlichkeit wird „der soziale Brennpunkt“(auch: Ghetto) häufig als ge- prägt durch Armut und Arbeitslosigkeit, Drogen und Überfälle, Straßenszenen mit herun- tergekommenen Häusern, arabischen Cafés, dicken BMWs, Kopftuch tragenden Frauen und gewaltbereiten jungen Männern mit Hintergrund beschrieben. Auch Gangsterrapper lehnen sich an diese (Klischeehafte-) Beschreibung ihrer „Heimat“ und verfolgen dabei das Ziel, einerseits sich gegen das Gesellschaftssystem zu wehren und „da raus zu kom- men“ aber gleichzeitig sich innerhalb dieses Systems zu etablieren (Dietrich, 2014, S. 120f). Oft werden die Erfahrungen in den Texten beschrieben bzw. verarbeitet. Dort heißt es, dass sie bereits in jungen Jahren eine harte Zeit durchleben und sich täglich durch- kämpfen mussten. Diese Zeit wird mit Gewalt, Hass und Drogen (Konsum/Verkauf) ver- bunden. Außerdem habe das Ghetto die Gangsterrapper ‚abgehärtet‘ und ‚kalt‘ (gefühls- los) gemacht. Exemplarisch werden zwei Textstellen genannt. Es existieren noch endlos weiteres Beispiele, die Darstellung würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

„ Denn es gibt hier Tage, wo es wirklich hart und schwer ist! Jeder 3. hat ne Waage, jeder 2. dealt am Block, jeder 1. konsumiert, nur jeder 10. hat 'nen Job! Keine Tr ä ume werden wahr, wenn man mit eigenen Augen sieht Wie im Park die Junkies spritzen und der eigene Bruder dealt! “

(Massiv: Ghettolied)

„ Denn ich bin durch die H ö lle gegangen, auch wenn ich's mir nicht anmerken lasse Die Narben sind verheilt, doch die Seele hart und kalt

Wie der Asphalt, durch lange Jahre voller Armut und Gewalt

Nichts als Leid, jedes Mal im Herz ein Stich, Mutter weint

Vater weg, keiner da, der mir 'ne Richtung aufzeigt

Also ging ich raus und tickte, 'ne verfickt dunkle Zeit

Voller Missgunst und Neid, Streit, Bitchmoves und Fights

Als Deutscher unter Kanaks, tickte Dope in dunkler Nacht und war [ … ] [...] Deshalb bin ich ihn gewohnt, den stumpfen Hass “

(Kollegah: Alpha)

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668518117
ISBN (Buch)
9783668518124
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373320
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
Rap Gangsterrap Hass Gewalt Musik Gangsarap Kollegah Farid Bang

Autor

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Titel: Gangsterrap. Gewalt und Hass in der Musikszene