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War Krupp ein sozialer Chef? Die sozialbetrieblichen Leistungen der Firma Krupp und ihre Einstellung zur Sozialdemokratie

Zwischen großer Gemeinschaft und seigneurialem Patriarchalismus

Hausarbeit 2010 11 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. War Krupp ein sozialer Chef?
2.1. Sozialbetriebliche Leistungen der Firma Krupp
2.2. Krupps Einstellung zur Sozialdemokratie
2.3. Krupp zwischen „großer Gemeinschaft“ und „Seigneurialem Patriarchalismus“

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachten wir die historische Entwicklung des deutschen Kaiserreiches, so fällt uns u.a. ins Auge, dass die soziale Frage nach den Rechten und Absicherungen des deutschen Arbeiters mehr und mehr in den Fokus der politischen, gesellschaftlichen und vor allem auch der betrieblichen Tagesordnung rückte. Letzteres soll in dieser Arbeit beispielhaft an der Firma Krupp, welche in der Literatur auch als „Mikrokosmos des Reiches“[1] beschrieben wird, genauer erörtert werden. Ausgehend von dem Betriebsleiter Alfred Krupp (und später Friedrich Alfred Krupp) stellt sich demnach die Frage: „War Krupp ein sozialer Chef?“.

Um diese Fragestellung inhaltlich differenziert betrachten zu können, wird in dieser Arbeit zunächst ein Blick auf die konkreten Sozialleistungen der Firma Krupp geworfen, um diese im Folgenden mit der Motivation Kruppscher Sozialpolitik zu vergleichen. Der Analyse werden hierbei zwei Quellen zugrunde gelegt, welche sich vor allem mit der Einstellung des Firmenchefs zur Sozialdemokratie auseinandersetzen. In einem letzten Abschnitt wird es dann einen kurzen Überblick über die aktuelle Forschungssituation geben, indem zwei grundsätzliche Thesen zur Motivation Kruppscher Sozialpolitik ̶ namentlich das „Prinzip der Lebensgemeinschaft“ nach Lothar Gall[2] und der „Seigneuriale Patriarchalismus“ nach Barbara Wolbring[3] ̶ einander gegenübergestellt werden.

2. War Krupp ein sozialer Chef?

2.1. Sozialbetriebliche Leistungen der Firma Krupp

Um die zentrale Fragestellung, ob Krupp ein sozialer Chef war, beantworten zu können, bietet es sich an, zunächst einen Blick auf die konkreten, sozialbetrieblichen Leistungen der Firma zu werfen. Diese wurden maßgeblich durch die Sozialgesetzgebung Bismarcks beeinflusst, welche sich nach 1871 vor allem in den Bereichen Arbeiterversicherung, Arbeitsschutz und –fürsorge, außerbetrieblicher Arbeiterschutz und Gleichberechtigung niederschlug.[4] Da auch ein großer Unternehmer wie Krupp sich den Gesetzen des Staates kaum widersetzen konnte, könnte vermutet werden, dass Krupps Sozialpolitik hauptsächlich auf dieser Basis, aber nicht auf seinem eigenen Willen, fußte. Es lässt sich jedoch kaum von der Hand weisen, dass auch der Firmenchef selbst ein Interesse an dem Wohlbefinden seiner Arbeiter hatte. Die Firma Krupp stellte den Arbeitern eine breite Auswahl an sozialen Leistungen bereit, welche sowohl die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse durch die Bereitstellung von Wohnungen, Arbeitsbekleidung und Nahrung, als auch die soziale Absicherung und Vorsorge z.B. bei Krankheit beinhaltete.[5] Krupp führte diese Sozialleistungen auf die „menschliche Pflicht“ der Firmeninhaber zurück, „’für alle Bedürfnisse und für das ganze Leben’ seiner Belegschaft Vorsorge zu treffen“[6]. Zusätzlich zu dieser Vielzahl an Sozialleistungen strebte Krupp für die Entlohnung seiner Arbeiter zudem das „Maximum […] was eine Industrie bieten kann“[7] an.

Die Sozialleistungen allein können die Frage, ob Krupp ein sozialer Chef war, jedoch nur eingeschränkt beantworten. Eine differenzierte Betrachtung bedarf auch einer Analyse der Hintergründe und Motivation Kruppschen Handelns. Hierbei müssen zwei wichtige Gesichtspunkte betrachtet werden: Erstens bestand zwischen der Firma Krupp und den Arbeitern lediglich ein „Untertanenverhältnis“[8], welches sich dadurch auszeichnete, das der Arbeiter alle seine Kraft und selbst seine Freizeit dem Werk widmete. Im Gegenzug lieferte der Firmenchef die Lebensgrundlage für „seine“ Arbeiter. Eine Mitbestimmung der Arbeiter oder gar eine Gleichberechtigung zwischen diesen und den Verantwortlichen des Werkes lehnte Krupp vehement ab, obwohl selbst der Staat diese in seiner Sozialgesetzgebung vorsah. Zudem versuchte der Firmenchef seiner schnell anwachsenden Belegschaft durch immer neue Kontroll- und Überwachungsmechanismen Herr zu werden. In seinem Generalregulativ von 1872, das Krupp als eine Art Verfassung für die Kruppschen Werke entworfen hatte, forderte der Firmenchef dementsprechend eine „Unterstellung der gesamten Lebensführung unter die Anforderungen des Berufs“[9] sowie die Unterlassung jeder „auf Gelderwerb [gerichteten] oder für die Öffentlichkeit [bestimmten] Nebentätigkeit“[10]. Kruppsche Sozialpolitik war in erster Hinsicht also maßgeblich an die uneingeschränkte Unterwerfung unter den Arbeitgeber gebunden und zielte darauf ab, die Arbeiter des Werkes zu Höchstleistungen anzutreiben, um die Macht und den Gewinn des Unternehmens zu steigern. Auch wenn diese Motivationsgrundlage auf den ersten Blick unsozial erscheint, so lässt sich dies relativieren, da betriebliche Sozialpolitik im Kaiserreich wie heute mit hoher Wahrscheinlichkeit immer darauf abzielte, nachhaltige Erfolge für das Unternehmen zu erzielen. Um wirkliche Gegenargumente gegen die Behauptung, dass Krupp ein sozialer Chef war finden zu können, bedarf es also einer Analyse des zweiten Grundes für Kruppsche Sozialpolitik: Die Sozialleistungen als Gegenmittel gegen die Sozialdemokratie[11].

2.2. Krupps Einstellung zur Sozialdemokratie

Um genauer aufzeigen zu können, wie Krupp zur Sozialdemokratie stand, wird im Folgenden auf zwei Quellen eingegangen: Bei der ersten Quelle handelt es sich um ein von Alfred Krupp verfasstes Manuskript, welches für einen Artikel in einer Kruppschen Bro- schüre angefertigt wurde. In diesem Schreiben vom 15. März 1877, wendete sich der Firmeninhaber an die gesamte Arbeiterschaft, um dieser die Gefahren aufzuzeigen, die von den Sozialisten ausgingen. Krupps Einstellung zur Sozialdemokratie war durchgehend negativ geprägt. Der Firmenchef sprach davon, dass „der Geist der Sozialdemokratie“[12] die Arbeiter verderbe. Sie müssten es sich zum Ziel setzen, diesen gemeinsam mit dem Firmenschef zu bekämpfen, da die Sozialdemokratie die Lage des Arbeiters, entgegen ihrer Versprechungen, nur verschlechtere. So bezeichnete Krupp folglich alle Arbeiter, die diesen Versprechungen glaubten als ungebildete und unrechte Menschen, die ein Verbrechen begehen würden, wenn sie sich zu dieser Ideologie bekannten.

Um die Tragweite dieser Quelle richtig deuten zu können, muss zunächst geklärt werden, was Krupp unter „Sozialdemokratie“ verstand. Der Firmenchef zählte hierzu nämlich nicht nur die SPD, sondern auch die katholische Arbeiterbewegung und die Gewerkschaftsbewegung[13]. Aus Angst vor einer Enteignung durch die Sozialdemokratie verbot der Firmenchef seinen Arbeitern jegliche politische Aktivität. Jedem sozialdemokratischen Arbeiter drohte der Unternehmer mit sofortiger Entlassung, was oftmals einen Verlust aller Sozialleistungen, die die Firma bereitgestellt hatte, nach sich zog[14]. Viele Arbeiter stürzte dies in massive existentielle Probleme, da eine große Anzahl von ihnen in den betriebseigenen Wohnungen lebte. Musste nun ein Arbeiter die Firma verlassen, bedeutete dies ebenfalls, dass er ̶ und mit ihm seine gesamte Familie ̶ kein Recht mehr besaßen dort wohnhaft zu bleiben. Festzuhalten ist hier also, dass Krupp all seine betriebliche Sozialpolitik daran koppelte, dass ein Arbeiter seiner politischen Meinung anhing, was einer Einschränkung der Meinungsfreiheit gleichzusetzen ist.

Diese Erkenntnis wird durch eine weitere Quelle bestätigt. In dieser Denkschrift, die nach den Reichstagswahlen vom 16. Juni 1903 verfasst wurde, unternimmt die Kruppsche Verwaltung eine sehr detaillierte Analyse der Stimmenabgabe. Hierdurch wollte sie nachweisen, dass der Erfolg der SPD bei dieser Wahl nicht an einem Gesinnungswandel der Kruppschen Arbeiter festzumachen sei[15]. Um diese These zu untermauern stützten sich die Analytiker dabei zunächst auf einen Vergleich der Kruppschen Arbeiterschaft von 1898 und 1903. Hierbei wurde festgestellt, dass es (1) 1903 mehr Wahlberechtigte gab, (2) bis 1903 ca. 5000 neue Arbeiter bei Krupp eingestellt wurden, (3) die Zahl der Wahlberechtigten Arbeiter sich nicht verändert habe und (4) der Zentrumskandidat und der Kandidat der vereinigten nationalen Parteien in beiden Jahren ca. dieselbe Anzahl an Stimmen bekamen.[16] Folglich hätten ausschließlich neue Stadtbewohner SPD gewählt. Zur Stützung dieser Schlussfolgerung wurde nun eine detaillierte Untersuchung des Wahlverhaltens in den 21 Wahlbezirken von Essen durchgeführt, wobei die Kruppsche Verwaltung zu dem Ergebnis kam, dass „auf die etwa 17000 wahlberechtigten Kruppschen Arbeiter (einschließlich 1500 Pensionären) [höchstens] rund 4900 […] sozialdemokratische Stimmen“[17] entfallen würden. Aufgrund der überwiegend katholischen Belegschaft, könne diese Zahl sogar noch verringert werden, da alle katholischen Arbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit Zentrum gewählt hätten. Die Verwaltung kam also auch nach einer Analyse in den Wahlbezirken zu dem Schluss, dass „die sozialdemokratischen Stimmen von anderen als von den Kruppschen Arbeitern herrühren“[18].

[...]


[1] Wolbring, Barbara, Krupp und die Öffentlichkeit im 19.Jahrhundert. Selbstdarstellung, öffentliche Wahrnehmung und gesellschaftliche Kommunikation, München 2000, S. 170.

[2] Siehe hierzu: Gall, Lothar, Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000, S. 120-124.

[3] Vgl. Wolbring, S. 178-181.

[4] Vgl. Borgmeyer, Wolfgang, Das Wilhelminische Kaiserreich - ein Ausbeuterstaat? Sozialgesetzgebung in Deutschland 1871-1914 und die Haltung der Sozialdemokratie, Berlin 1994, S. 16.

[5] Zudem hatte der Staat seit Ende des 19. Jhdts. zahlreiche Arten der Arbeiterversicherung gesetzlich festgeschrieben. Hierzu gehörten u.a. die gesetzliche Krankenversicherung von 1883, die Alters- und Invalidenversicherung von 1889 und das Angestelltenversicherungsgesetz von 1911, vgl. Borgmeyer, S. 31-33.

[6] Gall, S. 120.

[7] Rother, Thomas, Die Krupps. Durch fünf Generationen Stahl, Frankfurt am Main [u.a.] 2001, S. 122.

[8] Wolbring, S. 181.

[9] Gall, S. 126.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Wolbring, S. 170-171.

[12] A. Krupp am 15. März 1877 an die Arbeiter, Meister und Beamten seiner Gußstahlfabrik […], zit. nach Willi A. Boelcke (Hg.), Krupp und die Hohenzollern in Dokumenten. Krupp-Korrespondenz mit Kaisern, Kabinettchefs und Ministern 1850-1918, Frankfurt am Main 1970, Nr. 36, S. 85.

[13] Vgl. Wolbring, S. 81 oder auch S. 170-171.

[14] Vgl. Wolbring, S. 170-171 und S. 186.

[15] Die SPD hatte bei der Reichstagswahl im Jahre 1898 im Wahlkreis Essen rund 4429 Stimmen erringen können. Im Jahr 1903 wurde die SPD hinter dem Zentrumskandidaten (35000 Stimmen) zweitstärkste Partei mit 23000 Stimmen.

[16] Vgl. Boelcke, Nr.100a, S. 192.

[17] Ebd. S. 193.

[18] Ebd.

Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668520462
ISBN (Buch)
9783668520479
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373254
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Geschichtswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Unternehmensgeschichte Krupp Sozialstaat

Autor

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