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Schuberts Kompositionsprinzipien im Kopfsatz der Großen C-Dur Sinfonie D 944

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 16 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Was folgt nach Beethoven?
1.1 Entstehung der Gro ß en C-Dur Sinfonie
1.2 Wiederentdeckung und Uraufführung
1.3 Schuberts neue Kompositionsprinzipien

2. Das monothematische Prinzip des Kopfsatzes
2.1 Die Form der Einleitung
2.2 Themenbildung
2.3 Die Begleitstimmen des Seitenthemas

3. Die harmonische Disposition der Exposition

4. Zäsuren

5. Nachwirkung

6. Tabellen und Notenbeispiele
6.1 Formaler Aufbau des Kopfsatzes
6.2 Hauptmotive in T. 267 -

7. Literaturnachweis

Einleitung

Franz Schuberts (1797 - 1828) Gro ß e C-Dur Sinfonie D 944 markiert einen neuen Weg der symphonischen Komposition nach Beethoven. Diese Arbeit behandelt Schuberts emanzipierte Kompositionsweise des Kopfsatzes der Gro ß en C-Dur Sinfonie. Es folgt zunächst ein geschichtlicher Überblick.

1. Was folgt nach Beethoven?

Beethovens neun Symphonien sind bereits zu seinen Lebzeiten als musikalische Meisterwerke anerkannt worden. Sein besonderes Kompositionsprinzip der logischen Entwicklung1 stieg zur allgemeinen Norm auf, daher schien es besonders schwierig in dieser Gattung Originäres nach Beethoven zu schaffen. Schubert ist in der Musikgeschichte als der Neusch ö pfer des Liedes2 eingegangen, seine Instrumentalwerke stehen dadurch mehr in den Hintergrund. Schubert kam nicht umhin seine symphonische Arbeit, den von Beethoven gegebenen Puls der Zeit anzupassen. Womöglich visierte Schubert selbst diese Anpassung an, da er schließlich Beethoven verehrte. Dennoch stellte sich Schubert der Herausforderung, neue Ansätze für eine gro ß e Symphonie auszuarbeiten. Darüber schreibt er in einem Brief an Leopold Kupelwieser:

[ … ] In Liedern habe ich wenig Neues gemacht, dagegen versuche ich mich in mehreren Instrumental-Sachen, den ich componirte 2 Quartetten [a-Moll und d-Moll] f ü r Violinen, Viola und Violoncelle u. ein Octett [F-Dur] und will noch ein Quartetto schreiben [nicht ausgef ü hrt], ü berhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur gro ß en Sinfonie bahnen. 3

Es ist nicht völlig unumstritten, ob Schubert dabei die Gro ß e C-Dur Sinfonie meint, jedoch gibt der Brief vom 31. März 1824 Auskunft über seine kompositorischen Vorbereitungen preis.

1.1 Entstehung der Gro ß en C-Dur Sinfonie

Der Autograph der Gro ß en C-Dur Sinfonie ist mit M ä rz 18284 datiert. Zwischen dem Brief an Kupelwieser und der Fertigstellung des Autographen liegen vier Jahre. Es ist bekannt, dass Schubert auf einer Reise in Gmunden und Bad-Gastein an einer C-Dur Symphonie arbeitete und Musikforscher, darunter auch Sir George Grove5, gingen von einer verlorengegangenen Symphonie aus. Der ehemalige Vorstand der Gesellschaft der Musikfreunde Carl Ferdinand Pohl entgegnete Grove, dass beide Symphonien ein und dasselbe Werk sind6. Die moderne Musikforschung legt das Jahr 1825 als wahrscheinlichen Entstehungszeitpunkt fest und das Datum auf dem Autographen ist eine Nachdatierung nach letzten Korrekturen7. Heute liegt das Manuskript, nach wie vor, im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien8.

1.2 Wiederentdeckung und Uraufführung

Keine des Symphonien Schuberts wurde zu seinen Lebzeiten aufgeführt. Die Gro ß e C-Dur Sinfonie wurde kurz nach ihrer Entstehung geprobt, doch aufgrund ihrer ungewöhnlichen Länge und ihrem Schwierigkeitsgrad „vorläufig zurückgelegt worden“9, das geht aus dem Bericht des damaligen Mitglieds der Gesellschaft der Musikfreunde, Leopold Sonnleithner, hervor. Dieses Werk lag nach Schuberts Tod, neben anderen Werken, in der Obhut seines älteren Bruders Ferdinand. Erst 1839 entdeckte Robert Schumann beim Besuch bei Ferdinand Schubert „[…] Partituren mehrer Sinfonien, von den viele noch gar nicht gehört worden sind, ja oft vorgenommen, [jedoch] als zu schwierig und schwülstig zurückgelegt wurden“10, darunter auch die Gro ß e C-Dur Sinfonie. Auf die Bitte Schumanns hin, sandte Ferdinand Schubert das Werk zu Felix Mendelssohn Bartholdy, der zu diesem Zeitpunkt Dirigent am Gewandhaus zu Leipzig war und „[…] dessen feinem Blicke ja kaum die schüchtern aufknospende […], geschweige denn [die] so offenkundige, meisterhaft strahlende“11 Schönheit entgeht. Die Uraufführung in Leipzig fand am 31. März 183912 statt. Im Dezember desselben Jahres wurden die ersten zwei Sätze der Symphonie in Wien aufgeführt13. Das Werk erklang erst 1850 zum ersten Mal in voller Länge in Wien, der Geburtsstadt des Komponisten.

1.3 Schuberts neue Kompositionsprinzipien

Schubert bestreitet bereits mit seiner Unvollendeten aus dem Jahr 182214 einen neuen Weg, der sich von Beethovens Kompositionsprinzip der logischen Entwicklung loslöst und mit der Gro ß en C-Dur Sinfonie zu Ende bringt. Das Werk bildet sich aus einem sanglichen Thema heraus, das als Triebrad für den ganzen ersten Satz fungiert. Das Einleitungsthema ist das initiierende Motto15 aus dem sich weitere Themen ableiten und den Verlauf der Symphonie vorantreibt. Schubert entwickelt das monothematische Stilprinzip bereits in seinen Liedern. Das ermöglicht ihm eine geschlossene Form jenseits der gängigen Konsequenzlogik16 . Ein weiteres originäres Kompositionsprinzip ist die Variationsform, die zur patchworkartigen Themenbildung führt17. Schließlich weitet Schubert die Sonatensatzform auch harmonisch aus, indem er in der Exposition zwischen Tonika und Dominante einen spannungsabnehmenden Teil in der mediantischen Tonart e-Moll hinzufügt. Diese drei Elemente u.a. zeichnen einen weiterentwickelten symphonischen Stil ab, der gewiss ohne Beethoven nicht zustande käme, jedoch eine Eigenständigkeit beansprucht, die den Weg zur musikalischen Romantik ebnet. In den folgenden Abschnitten werden diese drei Elemente analysiert.

2. Das monothematische Prinzip

Das monothematische Prinzip Schuberts verläuft im Andante -Teil eindeutig, während im Allegro- Teil durch Verwendung der Einleitungsmotive eine monothematische quasi Dialektik entsteht. Um den Ansatz der Monothematik zu verdeutlichen, wird zuerst auf die Form der Einleitung eingegangen.

2.1 Die Form der Einleitung

Mit dem achttaktigen Einleitungsthema, stellt Schubert den musikalischen Kerngedanken, in nackter Urgestalt gleich zu Beginn vor. Das Auslassen einer prägnanten Tutti- oder Streicher-Eröffnungsgeste ist für die damalige Zeit ungewöhnlich18. Wie in allen seiner Symphonien, mit Ausnahme der B-Dur von 1816 und der Unvollendeten, setzt Schubert einen leisen Beginn19. Das schlichtwirkende Thema wird von zwei C-Hörnern unisono gespielt und klingt im Pianissimo aus. Die Umsetzung ist anspruchsvoll und das mag eine der Schwierigkeiten sein, die Sonnleithner und Schumann in ihren Berichten erwähnen20. Schubert wiederholt das Thema in der Einleitung insgesamt viermal (T. 1-8, T. 9-16, T.29-37 und T. 61-66), dadurch bekommt der Andante -Abschnitt einen Rondo-Charakter. Der Aufbau der Einleitung ist eine dreiteilige Bogenform: A (T. 1-37) - B (T. 38-60) - A‘ (T. 61-77)21. Abschnitt A bildet sich aus der Liedform a-a-b-a‘ zusammen, wobei a das Einleitungsthema und b der motivische Entwicklungsteil der Streicher ist. In den Takten 38-60 wird das Kopfmotiv verarbeitet und A ‘ leitet in feierlicher Manier in das Allegro ma non troppo und somit in die Exposition über. Dabei fällt auf, dass eine Symmetrie zwischen dem entthematisierten Schluss der Einleitung und dem themenlosen Beginn der Exposition entsteht22.

2.2 Themenbildung

Die kantable Hornmelodie ist periodisch aufgebaut, doch die motivische Gliederung macht die Asymmetrie des Themas deutlich. Es lässt sich in 3 + 3 + 223 Takte teilen, wobei der jeweils dritte Takt der ersten zwei Gruppen, ein der nächsten Gruppe vorwegnehmendes Motiv umsetzt. Der dritte Abschnitt des Themas ist das augmentierte Echo des sechsten Takts. Als wollte Schubert die motivische Struktur greifbar machen, zeigt er die unverkennbare Teilung durch die Instrumentierung in der ersten Tuttivariante des Themas (T. 29-37)24, indem er die Holzbläser und das übrige Orchester gegenüberstellt. Dabei werden die vorwegnehmenden Takte von den Holzbläsern im Piano vorgetragen. Jede Themenwiederholung erklingt in einem neuen satztechnischen Gewand, das jeweils eine weitere motivische Struktur mit sich bringt. Die erste Wiederholung (T. 9-16) ist generalbassartig ausgesetzt. Dabei wird das Hauptmotiv des Themas, der Terzgang (im Folgenden auch Motiv a genannt), als Gerüst für kontrapunktische Begleitung verwendet. Selbst wenn die Hauptstimmen den Terzanstieg nicht spielen, erscheint er im Accompangement25. Durch die harmonisch und rhythmisch verschiedenen Vorkommnisse des Hauptmotivs im Thema, braucht Schubert den Terzanstieg nicht entwickeln lassen, sondern verwendet die Dur- oder Mollvariante, die rhythmisch gerade oder punktierte Version aus dem Anfangsmotto. Die letzte Wiederholung des Themas (T. 61-66) gewinnt durch den fortlaufenden Bass barocken Charakter, die Achteltriolen der Violinen sind eines der Hauptelemente des Hauptsatzes. Die Abschnitte T. 17-23 und T. 38-45 sind Fortspinnungen aus den Hauptmotiven: Terzgang, Oktavsprung, die im geraden oder trochäischen Rhythmus erklingen und Tonrepetition, in duolischer oder triolischer Variante.

[...]


1 Walter Dürr, Andreas Krause (Hrsg.): Schubert Handbuch, Kassel 2010, S. 647

2 Klaus Bangerter: Schubert - Große Sinfonie in C-Dur, München 1993, S. 23

3 Arnold Feil: Metzler Musik Chronik, Stuttgart 2005, S. 491

4 Bangerter: S. 11

5 Vgl. Franz Krautwurst: George Grove als Schubert-Forscher, Tutzing 2002, S. 13

6 Bangerter: Ebd.

7 Vgl. Bangerter: Ebd.

8 Dürr, Krause (Hrsg.): S. 643

9 Dürr, Krause (Hrsg.): S. 644

10 Robert Schumann: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker - Eine Auswahl, Wiesbaden 1979 [?], S. 174f.

11 Schumann: Ebd.

12 Dürr, Krause (Hrsg.): S. 645

13 Bangerter: S. 13

14 Feil: S. 481

15 Dürr, Krause (Hrsg.): S. 647

16 Bangerter: S. 25

17 Vgl. Bangerter: S. 24

18 Vgl. Marie-Agnes Dittrich: Kaum „Ruhepunkte des Geistes". In: Renate Ulm (Hrsg.): Franz Schuberts Sinfonien, München 2000, S. 217

19 Bangerter: S. 32

20 Aus: Seminarnotiz vom 15.07.2015

21 Bangerter: S. 36

22 Dürr, Krause (Hrsg.): S. 649

23 Dürr, Krause (Hrsg.): S. 647

24 Bangerter: S. 35

25 Vgl. Bangerter: S. 34

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668518421
ISBN (Buch)
9783668518438
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373180
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
schuberts kompositionsprinzipien kopfsatz großen c-dur sinfonie

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