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"Regi regum glorioso" aus dem Antiphonar Lucca 603. Entstehung und Vergleich zur Handschrift "Oxford Bodleian Library Ms. 572"

Hausarbeit 2016 9 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. „Regi regum glorioso“ - Entstehung
2.1. Notationsdisposition
2.2. Über den musikalischen Charakter
2.3 Historischer Ausganspunkt

3. Vergleich der Intervallstrukturen von den Handschriften Oxford Bodleian Library Ms. 572 und Kodex Lucca 603
3.1. Buchstabennotation
3.2. Intervallstrukturen

3. Epilog

1. Einleitung

Im Folgenden soll es um „Regi regum gloriso“ aus dem Kodex Lucca 603 gehen. Dabei wird auch ein Vergleich der Intervallstruktur der Handschrift Oxford Bodleian Library Ms. 572 gestellt.

2. „Regi regum glorioso“ - Entstehung

Der Benedicamus-Tropus „Regi Regum glorioso“ ist mit „Eia canentes“ in dem Antiphonar Lucca 603 überliefert. Die Handschrift italienischer Provenienz, ist Anfang des 12. Jahrhunderts im Kloster „Santa Maria di Pontetetto“ nahe der Stadt Lucca entstanden. „Regi regum glorioso“ befindet sich auf der letzten Seite des Antiphonars und wurde dem Schriftcharakter nach auch im Nachhinein eingetragen, jedoch stets vom selben wennauch anonymen Autoren. Im Gegensatz zum einstimmig notierten „Eia canentes“ ist das „Regi regum glorioso“ zweistimmig ausgesetzt. Der Benedicamus-Tropus wurde zum Fest des heiligen Petrus und heiligen Paulus, das nach heutigem Kalender auf dem 29. Juni fällt, aufgeführt, demnach ist die Komposition in der Praxis angewendet worden.

2.1. Notationsdisposition

Der ganze Kodex Lucca ist mit vorgeritzten Linien versehen, wobei jedes Liniensystem aus vier Linien für die Neumen und eine Grundlinie für den Text besteht. Auf der letzten Seite des Buches, wurde das „Regi regum glorioso“ eingetragen. Wir können erkennen, dass die Seite mittels drei vertikalen Linien geteilt ist. Auf der linken Spalte, die ein Viertel der Seite beansprucht, wird lediglich der Text der vorigen Seite fortgesetzt. Auf dem restlichen Platz der Seite ist der Benedicamus-Tropus aufnotiert, jedoch mit einer abweichenden Liniensystematik. Aufgrund von Fehlern und Autokorrekturen variiert die Liniensystematik auch innerhalb des Stückes. Die Grundgliederung besteht aus vier Zeilen für die Neumen der obenliegenden Organalstimme, bei der c- und f-Schlüssel vorgegeben sind und vier Linien für die untere Cantusstimme, die lediglich nur mit f geschlüsselt ist. Das ergibt sich aus dem relativ kleinen Ambitus der Cantusstimme, deren Grenztöne C und a sind. Die unterste Linie des Systems dient dem Text. Zusätzlich wird die Trennung der beiden Stimmen durch eine mit Tinte nachgezogene Linie verdeutlicht. Das ist auch notwendig, da es im ersten System zu einer Abweichung aufgrund eines Fehlers kommt. Der Schreiber hat sich anscheinend bei der Silbe „As-“ von „Assistunt“ bei der Organalstimme vertan und die Zeilen von c und a verwechselt. Daher schlüsselt er die c-Zeile mit a neu. Außerdem nutzt der Auto den Platz über den vorgeritzten Linien für die Organalstimme und so können zwei zusätzliche Linien gedacht werden. Als Hilfszeichen notiert er ein schwerzuerkennendes e(?). Das zweite System ist vom Platzmangel gezeichnet. Offensichtlich hat der Autor den Text geschrieben und den Platz für die Neumen anders kalkuliert. Die Problematik entsteht durch den relativ großen Tonumfang der oberen Stimme, bei der ab jetzt nur noch der c-Schlüssel vorgegeben ist. Die Organalstimme geht runter bis zum C, dadurch wird der Platz der unteren Cantusstimme beansprucht. Daher hilft sich der Autor durch eine Stimmentrennlinie, die ab der Silbe „-di-„ von „Benedicamus“ dem Stimmenverlauf folgt. Daraus entsteht, dass die vorgeritzten Linien 15 und 16 von beiden Stimme beansprucht werden, so wie es auch für die Linie vier gilt. Jede Stimme folgt jedoch ihren Schlüssel. Die Platzdisposition für System drei und vier fällt einfacher und übersichtlicher aus, da das Stück dann nur noch einstimmig ausgesetzt ist.

2.2. Über den musikalischen Charakter

Der Benedicamus-Tropus besteht äußerlich und textlich aus zwei Teilen. Äußerlich können wir erkennen, dass die erste Hälfte zweistimmig und die zweite Hälfte einstimmig notiert ist. Textlich fällt auf, dass es sich bei der zweistimmigen Hälfte, um ein „Benedicamus domino“ handelt, während die zweite Hälfte ein Festgesang „Gaude mater ecclesia“ ist. Musikalisch werden beide Teile durch die selbe Cantusmelodie vereinigt. Geht man von der reinen Tonstruktur aus, so ergibt die Form für die erste Hälfte: a-a-b-b-a, diese Form wird in der einstimmigen Hälfte wiederholt. Mit Ausnahme das Ende des dritten Verses von „Gaude mater“, das mit einer Virga, statt mit Pes endet. Die einzelnen Verse sind achtsilbig und metrisch parallel. Bis auf einzelne zweitönige Wendungen, die durch Pes und Clivis markiert sind, verläuft der Tropus syllabisch mit Virga und Punctum. Wie oben schon beschrieben, ist der Tonumfang der Organalstimme groß, er umfasst eine Dezime mit den Grenztönen D und f1, während der Ambitus der Unterstimme im Vergleich eng ausfällt C-a. Die Cantusstimme impliziert somit kein b oder h. Für die Oberstimme, bei der diese Töne vorkommen, ist nichts explizit markiert, so dass aus dem Kontext erkannt werden muss, ob es sich um b oder h handelt. Der kritische Ton erklingt im dritten Vers auf der Silbe „-o“ von „palatio“, im vierten Vers auf entsprechender Stelle auf der Silbe „-lo“ von „iubilo“ und im fünften Vers auf der Silbe „-mus“ von „Benedicamus“. Eindeutig können wir den Ton im fünften Vers als b identifizieren, weil die Cantusstimme auf f gesetzt ist. Diese Bestimmung geht aus dem Verständnis der Tritonusvermeidung hervor. Bei den Versen drei und vier gingen tatsächlich beide Töne, es kann nicht eindeutig bestimmt werden, da in beiden Fällen ein g im Cantus vorliegt, wobei es mit einem b „organischer“ klingt.

2.3 Historischer Ausganspunkt

Die Besonderheit von „Regi regum glorioso“ ist, dass es offensichtlich nach den fünf „Modi organizandi“ des Mailänder Traktats „Ad organum faciendum“ konzipiert ist. Diese geben vor:

1. […] dass der Anfangsklang eines Abschnitts konjunkt sein kann (in Einklang oder Oktave)
2. […] die Möglichkeit des disjunkten Anfangsklangs (Quarte oder Quinte)
3. […] dass die mittleren Töne (mediae voces) im Wechsel von Quarte und Quinte begleitet werden
4. […] möglicherweise die Bildung von Kurzgliedern, vielleicht auf die Abweichung des Kongruenzprinzips
5. […] die Kolorierung[1]

Diese fünf Arten des Organisierens zeichnen die neue Art des Organums aus, vor allem der strikte Wechsel von konjunkten und disjunkten Konsonanzen. Das „Regi regum glorioso“ ist kein echter Stellvertreter des fünften Punkts, welcher die „Umspielung oder Verbindung der Töne der Organalstimme durch Melismen, so dass die Ton-gegen-Ton-Faktur gleichsam nur den Gerüstsatz bildet“ lehrt, denn wir haben, wie oben schon erwähnt, jeweils zweitönige Wendungen an den Versenden und keine ausgedehnten melismatischen Passagen. „Regi regum glorioso“ ist eher ein Beispiel für die schwer zu verstehende vierte Regel, die höchstwahrscheinlich die Abschnittsbildung vorschreibt. So entstehen zwischen den Versen Zäsuren, die durch eine Schlussbewegung gekennzeichnet sind. Diese enden stets in einer konjunkten Konsonanz, im Beispiel vom „Regi regum glorioso“ ausnahmslos in den Einklang. Dabei können in Ton-gegen-Ton-Manier auch ungewöhnlichere Intervalle, wie Terz und Sext, sogar Sekunde in der Bewegun von der Penultima zur Ultima vorkommen. Wenn wir das Beispiel aus dem Vierten Modus des Mailänder Traktats anschauen, so können wir Parallelen zum „Regi regum glorioso“ feststellen. Das „Alleluia“-Beispiel aus dem „Ad organum faciendum“ ist im Gegensatz zum Benedicamus-Tropus größtenteils syllabisch, jedoch folgen die Intervallstrukturen den fünf „Modi organizandi“. Stetiger Wechsel zwischen konjunkten und diskunkten Konsonanzen. Lediglich in der zweiten Hälfte des „Alleluia“ tauchen Quartparallelen auf, um unerwünschte Tonwiederholungen zu vermeiden, auch lässt sich das vorkommende b in der Organalstimme leicht als solches erkennen, da die Cantusstimme ein f vorgibt. Im „Regi regum glorioso“ können wir sehen, dass es weniger Parallelbewegungen vorkommen. Beim „Alleluia“ werden andere Intervalle als Einklang, Oktav, Quinte, Quarte vermieden, es tauch einmal die kleine Terz auf, in der Penultima vor dem Abschnittschlusses in der Mitte, also vor der Silbe „-lu-„. Beide Stücke fangen mit dem tiefsten Ton in der Cantusstimme, in beiden Fällen ein C, doch anders als im „Alleluia“-Beispiel, beginnt das „Regi regum glorioso“ nicht mit dem höchsten Spitzenton in der Oberstimme, was in disem Fall ein f1 wäre.

3. Vergleich der Intervallstrukturen von den Handschriften Oxford Bodleian Library Ms. 572 und Kodex Lucca 603

Mit dem Blick auf das „Alleluia“-Beispiel des Mailänder Traktats, ist auch die Untersuchung der Intervallstruktur der Handschrift aus Oxford interessant. Die Handschrift, die wie die Lucca-Handschrift, anfang des 12. Jahrhunderts entstanden ist, beinhaltet das erste Stück „Ut tuo propitiatus“, das im Sinne der fünf „Modi organizandi“ komponiert wurde. Doch zunächst soll auf die Notation der oxforder Handschrift eingegangen werden.

3.1. Buchstabennotation

Die Buchstabennotation von „Ut tuo propitiatus“ geht auf die Monochord-Schrift von Boethius zurück. Die Buchstabenreihe zieht sich von A bis P. Dieselbe Schrift treffen wir auch im Mailänder Traktat an. Der unbekannte Autor der oxforder Handschrift versucht durch Sonderzeichen die Notation zu konkretisieren. Wir sehen eine Unterscheidung zwischen h und b, indem das b ähnlich wie im Kodex Montpellier H 159 als schräges i ohne i-Punkt angezeigt wird. Ein weiteres Sonderzeichen ist das 7-ähnliche Oriscuszeichen. Darüber hinaus gibt es noch ein Paar Zeichen mehr, die nicht immer ganz sicher definiert werden können, so treffen wir auch auf die Zeichen *, x, €, c. Die Buchstabennotation ist linienlos, in den zweistimmigen Stücken, wird jede Stimme auf einer eigenen Zeile notiert, eine dritte Zeile wird vom Text beansprucht.

3.2. Intervallstrukturen

Anders als beim Vergleich von „Regi regum glorioso“ mit dem „Alleluia“-Beispiel, sind große Unterschiede zu „Ut tuo propitiatus“ ersichtlich. Der oxforder Hymnus ist in weiten Stücken melismatisch. Wir sehen auch das Element der Stimmenkreuzung, wie es auch im „Alleluia“ vorkommt, jedoch nicht im „Regi regum glorioso“. Der Cantus des Hymnus bleibt weitestgehend auf der Repercussa a stehen, sie bewegt sich in kleinen Schritten, erst gegen Schluss bekommt der Cantus einen sanglicheren Charakter, dagegen beobachten wir bei der Organalstimme einen größeren Bewegungsfluss, sowie einen größeren Ambitus, wie wir das im Lucca-Benedicamus domino gesehen haben. Tonwiederholungen sind im Cantus vorgegeben, jedoch werden solche in Organalstimme vermieden. Anders als im „Ad organum faciendum“ gelehrt, wirkt die Anfangsbewegung des oxforder Hymnus wie eine Bewegung, die wir aus dem klassischen Quartorganum kennen, der statt von der Terz zur Quart, zurück in den Einklang führt. Der Wechselmodus geschieht hier zwischen perfekter Konsonanz, reibender Dissonanz und mittels der großen Terz zurück in den Einklang. Die klassische Wechselbewegun aus dem Mailänder Traktat beginnt erst mit der ersten melismatischen Bewegung. Der Cantus impliziert des öfteren den Ton b, dadurch entsteht auch das extrem reibende und ungewohntes Intervall der kleinen Sekunde, jedoch nur innerhalb der melismatischen Bewegungen. Parallelbewegungen sind hier keine Seltenheit, doch kommen diese nicht nur in Quarten vor, sondern auch in Terzen. So unterscheidet sich das „Regi regum glorioso“ vom „Ut tuo proritiatus“, durch eine scheinbar sehr strenge Einhaltung der italienischen Komposition, der ersten vier Regeln der fünf „Modi organisandi“.

[...]


[1] Hans Heinrich Eggebrecht: Die Mehrstimmigkeitslehre von ihren Anfängen bis zum 12. Jh. In: Frieder Zaminer (Hg.): Geschichte der Musiktheorie. Band 5, S. 9-58

Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668510661
ISBN (Buch)
9783668510678
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373179
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,0
Schlagworte
regi antiphonar lucca entstehung vergleich handschrift oxford bodleian library

Autor

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