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Wechselwirkung von Musik und Politik. Antisemitismus in der Musik und Musikzensur im NS-Staat

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 13 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Musik und Politik
1.1 Musikzensur
1.2 Musik und Platons 'Politeia'

2. Musikästhetik vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1933
2.1 Antisemitismus in der Musik
2.2 Die Politisierung der Musik in der Weimarer Republik

3 Normative Musik im Dritten Reich
3.1 NS-Musikpolitik
3.2 Der jüdische Kulturbund..

4 Nachwirkungen

5 Literaturnachweis

Einleitung

Im folgenden wird die rassistisch motivierte Musikzensur des NS-Staates beschrieben. Zunächst wird auf die Wechselwirkung von Musik und Politik eingegangen.

1. Musik und Politik

Ist Musik politisch? Musik kommuniziert, spiegelt wider, emotionalisiert, bewegt, agitiert u.v.m. Bereits im antiken China war bekannt, dass Musik die Gesellschaft nicht nur widerspiegelt, sondern darüber hinaus auch formt.[1] In allen Zivilisationen der Welt haben Herrscher und Staatsregenten Regeln, Gesetze und Verbote in politische, soziale und kulturelle Bereiche aufgestellt, um das zu regierende Volk strukturiert und regierbar zu machen. Im Verlauf der Musikgeschichte gibt es etliche Beispiele über staatliche Kontrolle und politische Instrumentalisierung von Musik. Neben den Nationalhymnen, die feierliche Staatsakte begleiten[2], werden Märsche ebenfalls politisch eingesetzt, wie beim Militär, bei Trauer- und Gedenkfeiern oder auch bei politischen Reden[3]. Politisch engagierte Musik gibt es schließlich auch in regierungs- oder ideologiekritisierender Form. Je unfreier ein Staat ist, wird jedoch die Kritik umsomehr unterschlagen, meistens von politischen Institutionen, mit dem Ziel die Musik und ihre Botschaft vergessen zu machen. Daraus erschließt sich auch der Gedanke des deutschen Politikers Stephan Eisel: „Versöhnung von Musik und Politik [ist] nur durch freiheitliche Demokratie möglich"[4]. Das soll aber nicht heißen, dass Musik in der demokratischen Gesellschaft uneingeschränkt frei ist. Demokratie gewährt dem Musikschaffenden und seinem Publikum lediglich mehr Freiheiten als in diktatorischen Regimen. Musikzensur gibt es auch in einer Demokratie, um demokratische Werte zu verteidigen. Es sei hierzu auf Artikel 5.2 im deutschen Grundgesetz verwiesen.

1.1 Musikzensur

Zensur ist die Aufsicht, Prüfung, Überwachung oder Kontrolle[5]. Musikzensur ist also nicht gleich Musikverbot, sondern die staatliche Kontrolle der Tonkunst. Die Ausführung von Zensur ist von der jeweiligen Gesetzesgebung und der Ideologie des Regierenden abhängig. Das Ziel der staatlichen Zensur ist der Schutz der politischen und sittlichen Werte. Die Idee der staatlich kontrollierten Musik geht bis in die Antike zurück. Platon erläutert in seinem Werk 'Der Staat' die Notwendigkeit von Verbot und Förderung bestimmter Musiken. In 'Der Staat' konstruiert Platon den 'guten' und funktionierenden Staat, dabei erkennt er, dass Musik ein wichtiges politisches Erziehungselement für seine Bürger ist. Daher muss laut Platon der 'gute' Staat von unsittlicher Musik 'gereinigt' werden.

1.2 Musik und Platons 'Politeia'

„Beim Hund, ohne es zu merken, haben wir da unseren Staat, den wir eben den üppigen genannt haben, wiederum gereinigt!"[6].

Von einer Wechselwirkung zwischen Musik und Politik schrieb Platon in seinem Werk 'Der Staat'. Darin untersucht Platon was Gerechtigkeit ist. Im dritten Buch behandelt Platon in Form eines Dialogs zwischen der Hauptfigur Sokrates und Adeimantos das Gebiet der Dichtung und später mit Glaukon, den Musikgelehrten und Bruder von Platon und Adeimantos, als Gesprächspartner von Sokrates über die Musik. Beide Bereiche untersucht Platon im Zusammenhang mit der Erziehung. Platon schreibt über Mimesis (μίμησις), das ist die Nachahmung in den Künsten. Die Kunst wird in Platons Staat pädagogisch genutzt, daher ist es wichtig, dass die Kunst nichts 'hässliches' oder 'unliebsames' nachahmt, sondern stets 'gutes' und 'schickliches'. Platon befürchtet, wenn die Bürger 'jammernde' Dichtung und 'klagende' Lieder nachahmen, dass die Bürger 'jammernd' und 'klagend' und daher 'untüchtig' werden. In Platons Staat haben die Bürger nur das nachzuahmen, was sie sind oder werden sollen, daher schließt Sokrates nach seinem Gespräch mit Adeimantos: „Wir werden also nicht gestatten [...], daß sie, um die wir uns sorgen und die wir zu tüchtigen Männern erziehen wollen, als Männer eine Frau nachahmen und darstellen [...], ebensowenig Dirnen und Knechte bei ihrer Knechtsarbeit [...], auch nicht schlechte und feige Männer [,..][7].“ Die Nachahmung soll also den Nutzen der Erziehung haben. Ein Mann, „der infolge seiner Klugheit alles mögliche sein und alles nachahmen kann, in unsern Staat käme, [...] dann würden wir ihn als einen heiligen, bewundernswerten und angenehmen Menschen zutiefst verehren. Aber wir würden ihm sagen, einen solchen Mann gebe es nicht in unserem Staate, noch dürfe er einwandern [,..].“[8] Nach heutigem Verständnis stellt Platon offenbar die Funktionalität des Staates über die Freiheit des Individuums und verbietet nicht bloß die Aufführung bestimmter Musiken, sondern die Existenz unliebsamer Tonarten, Rhythmiken und Instrumente überhaupt. Diese Zensur ist bei Platon notwendig, um die natürlichen menschlichen Schwächen einzudämmen, die die Erschaffung eines 'Idealstaates' verhindern. Musische Früherziehung und Gymnastik gehören für Platon zur Charakterbildung. Die Nachhaltigkeit soll durch Zensur und Verbot von allem Neuen gesichert werden. Diesen Gedanken festigt Platon mit einem Zitat von dem Musiktheoretiker Damon, der Freund und Berater von Perikles war:

„Vor einer Musikerneuerung muß man sich hüten, sonst rüttelt man am Ganzen! Nirgends rüttelt man an den Gesetzen der Musik, ohne an die wichtigsten politischen Gesetzen zu rühren - sagt Damon, und ich glaube es ihm!“[9]

Platons Ideen zum Umgang mit der Musik zum Nutzen des Staates, wurden im Laufe der Geschichte umgesetzt. Das werden wir im Abschnitt über Musikzensur im nationalsozialistischen Staat sehen. Zuvor folgt ein Einblick in die Musikästhetik vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933.

2. Musikästhetik vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1933

Mit den Liedern nach George ist es mir zum ersten Mal gelungen, das mir seit Jahren vorschwebt. Es zu verwirklichen, gebrach es mir bis dahin an Kraft und Sicherheit. Nun ich aber diese Bahn endgültig betreten habe, bin ich mir bewußt, alle Schranken einer vergangenen Ästhetik durchbrochen zu haben; und wenn ich auch einem mir als sicher erscheinenden Ziele zustrebe, so fühle ich dennoch schon jetzt den Widerstand, den ich zu überwinden haben werde; fühle den Hitzegrad der Auflehnung, den selbst die geringsten Temperamente aufbringen werden, und ahne, daß selbst solche, die mir bisher geglaubt haben, die Notwendigkeit dieser Entwicklung nicht werden einsehen wollen. [10]

Das Zitat stammt von Arnold Schönberg (1874-1951) und handelt von seinem 1908/1909 entstandenen Werk 'Das Buch der hängenden Gärten' Op. 15. Diese Komposition in freier Atonalität gilt als erste ihrer Art[11] und spiegelt sehr gut die Experimentierfreudigkeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wider. Der Zugang zur Musik aus aller Welt, der durch die neue Tonträgertechnologie ermöglicht wurde und nicht zuletzt die Prägung der vergangenen Musik, schaffte einen Stilpluralismus[12]. Die Musik der Moderne, die sogenannte 'Neue Musik' ist durch Stilvielfalt und Eigenarten gezeichnet.

Der Begriff 'Neue Musik' definiert nicht eine Musikart, sondern viele musikalische Strömungen, die von der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert bis heute entstanden.

Zu den neuen Richtungen zählen u.a. der Impressionismus, der Expressionismus und der Futurismus[13]. Der expressionistische Stil Schönbergs folgte nicht dem Schönheitsideal der Romantik. Der 'Bruch der vergangenen Ästhetik' zeichnet sich durch den Versuch der subjektiven musikalischen Darstellung der Realität aus. Darüber hinaus galt es auch neue Techniken zu kreieren und zu entfallten. Der musikalische Gedanke konnte daher auch aus einem Experiment bestehen. Daraus resultierte die Abkehr der traditionellen 'poetischen Idee'[14]. Schönberg ist nicht der einzige Vertreter dieser 'Neuen Musik', jedoch wirkt sein Schaffen und seine Kompositionstechnik paradigmatisch auf die Musikästhetik der Zeit aus. Anhand Schönbergs Zitat, wird deutlich, dass sein progressives Schaffen auf starke Kritik stoßen wird. Diese Prophezeiung ist gerechtfertigt, denn sein Werk schien radikal intellektuell und extrem emotional, sodass wahrscheinlich seine Musik vom reaktionären Bürgertum nicht verstanden wurde. Schönberg und andere Avantgarde­Komponisten wurden als 'verrückte Spinner' und 'geisteskranke Fanatiker' verschrien[15]. Die Kritik ging jedoch über die Musik hinaus. Die Musikgelehrten prangerten die jüdische Abstammung der Musiker an, so auch bei Schönberg. Die antisemitische Haltung in der Musik geht sehr weit zurück. In der heutigen Literatur jedoch werden die Aufsätze von Richard Wagner als zentrale Schriften für den Antisemitismus in der Musik herangezogen.

2.1 Antisemitismus in der Musik

Richard Wagners Aufsatz 'Das Judenthum in der Musik' wurde unter dem Pseudonym K. Freigedank 1850 in der 'neuen Zeitschrift für Musik' veröffentlicht. 1869 erschien eine überarbeitete Version unter Realnamen. Darin polemisiert Wagner gegen die Juden und spricht sich gegen ihre politische Gleichberechtigung aus[16]. Der Kerngedanke der Schrift ist „der Nachweis eines spezifisch 'jüdischen' Unvermögens zu künstlerisch­schöpferischen Prozessen[...]“[17]. Wagner versucht seine Thesen mit bereits vorhandenen Stereotypen zu argumentieren. Neben der Kritik u.a. der fremdartigen äußeren Erscheinung und der wirtschaftlichen Macht der Juden[18], bemängelt Wagner die Unmusikalität der hebräischen Sprache: „Insbesondere widert uns nun aber die rein sinnliche Kundgebung der jüdischen Sprache.[...] Als fremdartig und unangenehm fällt unserem Ohre zunächst ein zischender, schrillender, summsender und murksender Lautausdruck [,..]“[19]. Der 'unangenehme' Klang der hebräischen Sprache wurde auch bei Charles Burney und Johann Nikolaus Forkel kritisiert[20]. Wagners größte Sorge ist das „Der Jude [...] nichtsdestoweniger es vermocht [hat], in der verbreitesten der modernen Kunstarten, der Musik, zur Beherrschung des öffentlichen Geschmackes zu gelangen.“[21] Als in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg u.a. die Juden für die Niederlage verantwortlich gemacht wurden, wurde auch in Musikerkreisen der antisemitische Tenor zusehends schärfer und lauter. Der Vorwurf des 'unschöpferischen Wesens' der Juden wurde in 'musikalische Impotenz' umbenannt. Dieser Ausdruck stammt von Hans Pfitzner[22] und wurde zum Standardvokabular der antisemitischen Musikkritik aufgenommen. Die Musik wurde ideologisiert und es wurden pejorative Begriffe wie 'Musikbolschewismus' und 'Entartete Musik' erschaffen, um unliebsame Musik zu diskreditieren. Betroffene dieser Diffarmierung waren hauptsächlich jüdische Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartoldy, Gustav Mahler, Erich Eisner, uvm. Ein großer Fokus wurde auf Schönberg und seine Schüler gelegt. Der jüdische und konservative Musikkritiker Max Nordau attackiert ebenfalls den musikalische Expressionismus und bezeichnet diesen Stil als 'entartet'[23].

[...]


[1] Vgl.: Stephan Eisel: Politik und Musik - Musik zwischen Zensur und politischen Mißbrauch, München 1990, S. 16

[2] Vgl. Bernhard Frevel: Musik und Politik - Ein ungleiches Paar. In: Bernhard Frevel (Hg.): Musik und Politik - Dimensionen einer undefinierten Beziehung, Regensburg 1997, S. 7

[3] Ebd.

[4] Eisel: S. 14

[5] Dr. Matthias Wermke u.a. (Hg.): Duden Band 8, 4. Auflage, Mannheim 2007, S. 1072

[6] Platon: Der Staat (Politeia). Übers und Hg.: Karl Vretska, Stuttgart 2006, 399e

[7] Platon: 395d-395e

[8] Platon: 398a

[9] Platon: 424c

[10] Arnold Schönberg, zitiert bei: Arnold Feil: Metzler Musik Chronik - Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, 2., erweiterte Auflage, Stuttgart 2005, S. 673.

[11] Feil: S. 673

[12] Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik - Systematischer Teil Musikgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2001, S. 485

[13] Vgl. Ebd.

[14] Vgl. Carl Dahlhaus: Die Krise des Experiments in: Ekkehard Jost (Hg.): Komponieren Heute - Ästhetische, soziologische und pädagogische Fragen, Mainz 1983, S. 85

[15] Vgl. Eckhard John: Vexierbild „Politische Musik“ - Stationen ihrer Entstehung (1918 - 1938) in: Bernhard Frevel (Hg.): Musik und Politik - Dimensionen einer undefinierten Beziehung, Regensburg 1997, S. 14

[16] Vgl. Annkatrin Dahm: Der Topos der Juden - Studien zur Geschichte des Antisemitismus im deutschprachigen Musikschriftum, Göttingen 2007, S. 145f.

[17] Dahm: S. 146

[18] Vgl. Richard Wagner: Das Judenthum in der Musik, Leipzig 1869 in: http://www.spinnet.eu/images/2013- 10/wagneriudenthum.pdf. Stand: 28.02.2015

[19] Ebd.

[20] Dahm: S. 65ff

[21] Wagner: Ebd.

[22] Hans Pfitzner: Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz - Ein Verwesungssymptom, München 1920

[23] Vgl. Amaury Du Closel: Erstickte Stimmen - 'Entartete Musik' im Dritten Reich, Wien 2005, S. 73

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668507982
ISBN (Buch)
9783668507999
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373178
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
wechselwirkung musik politik antisemitismus musikzensur ns-staat

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