Lade Inhalt...

Kants Moralbegriff und die Verbindlichkeit des Menschen zur Moral und seine Abweichung zur Moral

Oder Kants Frage: Was soll ich tun?

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung - Kontext der Fragestellung

1. Kants Moralbegriff
1.1 Der reine Wille und der affizierte Wille
1.2 Der kategorische Imperativ
1.3 Die Freiheit im Bereich der praktischen Vernunft
1.4 Die Herkunft des Bewusstseins moralischer Verbindlichkeit

2. Moralische Wertung
2.1 Moralischer Rigorismus
2.2 Der subjektive Grund des Menschen

3. Die Moralgesetzeswidrigkeit
3.1 Das radikal Böse in der menschlichen Gattung und die naturgegebenen Anlagen
3.2 Der Hang zum Bösen
3.3 Der Ursprung vom Hang zum Bösen

4. Epilog

5. Literaturnachweis

Einleitung - Kontext der Fragestellung

'Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft' aus dem Jahr 1793 ist Kants Schrift zur Religionstheorie und behandelt die dritte der vier kantischen Fragen: Was darf ich hoffen? Kant greift hierin auf seine drei vorhergehende Kritiken zurück und konstruiert einen geschlossenen Gedankengang einer Vernunftreligion. Eine Religion, die rein auf Vernunft aufbaut und aus der Moral entspringt. Dementsprechend beginnt Kants Religionsschrift mit einer philosophischen Moralabhandlung.

In dieser Arbeit wird Kants Moralbegriff und die Verbindlichkeit des Menschen zur Moral erklärt. Weiterhin wird gezeigt, wie und warum der Mensch von der moralischen Verbindlichkeit abweicht. Somit behandelt diese Arbeit vorwiegend die praktische Philosophie Kants, also die Frage Was soll ich tun?

Es wird zunächst nach der Herkunft des Bewusstseins moralischer Verbindlichkeit gefragt .

1. Kants Moralbegriff

Ganz am Anfang steht die Natur, als „Urstoff aller Dinge"[1]. Diese verläuft nach ihren eigenen Gesetzen, den Naturgesetzen. Die Natur kennt keine Freiheit und hat keinen Willen, sondern verfolgt lediglich den „Plane der Vollkommenheit"[2] und kann von diesem nicht abweichen. Daher ist der Verlauf der Natur ein Ablauf und Resultate, die naturbedingt, aber für den Menschen katastrophal sind, nennt Kant Übel[3].

Als intellektuell-vernunftbegabtes Wesen beschreibt Kant den Menschen, der mit einem Willen, innerer Gesetzgebung und Freiheit ausgestattet ist. Attribute, die das menschliche Wesen ausmachen. Kant nennt die Einheit dieser Eigenschaften praktische Intelligibilität[4]. Es werden nun zunächst diese Charakteristika näher erläutert, um auch Kants Moralbegriff zu erklären.

1.1 Der reine Wille und der affizierte Wille

Beim Begriff Wille geht es nicht um das Wünschen oder Möchten, sondern um einen reinen Willen der sich selbst, ohne Affekt durch äußere Faktoren, bestimmt.

Der reine Wille verfügt jedoch über eine innere objektive Gesetzlichkeit. Diese Gesetzlichkeit ist das moralische Gesetz und ist a priori vernunftgegeben. Kant spricht daher vom Faktum der Vernunft[5], d.h. im Unterschied zu einem weltlich-bürgelichen Gesetz ist kein Mensch der Verfasser dieses Gesetzes. Dieses ist unabänderbar und setzt den Gebrauch der Vernunft voraus. Durch die Gesetzesförmigkeit des Willens ist somit der reine Wille selbstbestimmt und autonom[6]. Kant bezeichnet den reinen Willen als 'gut', da dieser sich durch das moralische Gesetz bestimmt. Demnach wird nicht die Handlung, die aus dem Willen folgt, und ins unmoralische pervertiert werden kann, dazugezählt, sondern bewertet das Prädikat gut lediglich den reinen Willen. In diesem Zusammenhang spricht man von einem moralischen Willen. Dagegen spricht man von einem unmoralischen Willen, wenn es sich um den menschlich-empirischen Willen handelt. Das ist ein Wille der von sinnlichen Affekten geleitet wird[7] und daher nicht aus sich selbst, also auch nicht der moralischen Gesetzgebung nach, bestimmt ist. Dementsprechend ist eine Handlung nur dann moralisch, also gut, wenn ihre Maxime auf einen reinen Willen gründet, der sich durch das moralische Gesetz bestimmt.

1.2 Der kategorische Imperativ

Aus dem Gedankengang der Gesetzlichkeit des Willens heraus formuliert Kant das Prinzip des moralischen Gesetzes mit dem kategorischen Imperativ[8] Dieser Befehl schreibt vor, was geschehen soll, um moralisch zu handeln. Eine Handlung nach dem kategorischen Imperativ hat aber nur dann einen moralischen Wert, wenn dieser Imperativ als Selbstzweck verstanden wird, d.h., dass die Ausführung einer solchen Handlung nicht auf Grund einer Gegenleistung, sondern ganz allein aus der Pflicht heraus geschehen sollte (virtus noumenon).

1.3 Die Freiheit im Bereich der praktischen Vernunft

Die Freiheit ist das Attribut, dass einem Wesen mit praktischer Vernunft Optionen von Handlungen ermöglicht. Dagegen kann man bei nicht freiheitsbedingten Handlungen von naturgesetzlichen Abläufen sprechen. Freiheit ist eine notwendige Bedingung für Kants Moralbegriff[9], die im Bereich der praktischen Vernunft die menschliche Autonomie ausmacht. Das ist so zu verstehen, dass erst durch die Freiheit, die unabhängig von allen Antrieben ist, die Möglichkeit besteht, die innere Gesetzgebung des Willens zu vollziehen. Wobei Kant Freiheit und innere Gesetzgebung des Willens als Synonyme[10] bezeichnet. Erst die Freiheit macht es möglich den Menschen an das moralische Gesetz zu binden[11], denn nur dann hat der Mensch die Möglichkeit sich für das bewusst zu entscheiden, was er wollen soll, also das kategorisch-imperativische Prinzip zu verrichten. Somit kann eine Handlung auch nur dann moralisch oder unmoralisch sein, wenn diese durch die Freiheit begründet wird. Andernfalls wird eine Handlung, die nicht aus der Freiheit und somit nicht dem eigenen Willen entstammt, moralisch nie zurechenbar sein können. Daraus ergibt sich, dass das Bekenntnis der eigenen menschlichen Freiheit die Bindung der unbedingten Gesetze mit sich bringt. Demnach ist die Bindung an diese Gesetze für den freien Menschen eine Pflicht, zu der sich der Mensch aus eigener Gesinnung heraus bekennen muss.

1.4 Die Herkunft des Bewusstseins moralischer Verbindlichkeit

Nach dieser Betrachtung ist die Herkunft der Moral im Sinne Kants die reine praktische Vernunft selbst. Die Verbindlichkeit zwischen Mensch und moralischem Gesetz entstammt aus der Freiheit, die widerum zirkulär auf dem Bewusstsein der moralischen Verbindlichkeit beruht. Durch die Verbindlichkeit entsteht der Begriff der Pflicht, die dem vernunftbegabten Subjekt vorscheibt, das objektive sittliche Gesetz stets dem affiziert empirischen Willen überzuordnen. Diese Pflicht hat Kant in Form des kategorischen Imperativs ausgedrückt. Wie geht der Mensch mit dem Bewusstsein seiner moralischen Verbindlichkeit um? Was bringt den Menschen dazu von seiner Verpflichtung abzuweichen und wie ist die moralische Wertung Kants für den Menschen?

2. Moralische Wertung

Kant beschreibt im ersten Stück der Religionsschrift, dass man allein aus der Erfahrung nicht sicher urteilen kann ob jemand gut oder böse ist, denn ob ein handelnder gut oder böse ist, wird nicht durch die Tat bewertet, sondern durch seine Maxime[12]. Doch niemand hat Einblick auf Maximen, weder durch Fremd- noch durch Selbstreflexion[13]. Demnach scheint es nicht möglich zu sein, ein echtes moralisches Urteil über gut oder böse zu fällen. Mit diesem Gedankengang, drängt sich die Frage nach Neutralität der Gesinnung auf, mit der der Mensch weder gut noch böse ist, oder teils gut, teils böse sein kann.

Doch Kant zeigt für beide Probleme Lösungen auf, was im folgenden erläutert wird.

2.1 Moralischer Rigorismus

Kant generalisiert das menschliche Individuum im ersten Stück der Religionsschrift und spricht dort von der ganzen menschlichen Gattung. Er fokusiert sich auf die moralische Natur des Menschen und bildet vier Thesen[14]: 1. Der Mensch ist von Natur gut, 2. Der Mensch ist von Natur böse, 3. Der Mensch ist weder gut noch böse, 4. Der Mensch ist teils gut und teils böse. Die letzten zwei Thesen verwirft er umgehend. Der Grund für die Verwerfung der Thesen ist die Ablehnung von Adiaphora, d.h. von neutralen Werten in der Sittenlehre, bei Taten und menschlichen Grundzügen. Kant geht davon aus, dass der Mensch das moralische Gesetz als Triebfeder in sich trägt, so ist das moralisch Gute immer der Konsens aus freier Willkür und moralischem Gesetz. Wenn die Willkür, also der spontane Akt der Wahl[15], keine moralische Triebfeder annimmt, so ist das kein indifferenter Zustand, sondern eine Widerstrebung[16] der Willkür gegen das moralische Gesetz, was zur moralischen Widrigkeit führt. In seiner Argumentation gegen die indifferente Sichtweise (These drei), führt Kant weiter aus, dass eine Tat, die aus moralischer Neutralität begangen wird, bloß aus den Naturgesetzen entstammt. Somit ist sie keine eigentliche Handlung, sondern lediglich ein Ablauf und kann daher der freien Willkür nicht zugerechnet werden.

Darüber hinaus zeigt Kant, dass auch die synkretistische Sichtweise (These vier) keinen Bestand hat. Nimmt der Mensch das moralische Gesetz nicht in seiner Maxime an, hat er sich bereits gegen die pflichtgemäße Befolgung des moralischen Gesetzes entschieden[17]. Wie oben erwähnt kann aber niemand die Maxime sehen und es ist auch nicht möglich anhand der Taten sicher zu urteilen, ob der Mensch gut oder böse ist. So kann der Mensch, der in seiner Maxime nicht das moralische Gesetz aufgenommen hat, auch gute Taten vollbringen, nur passiert die Befolgung des moralischen Gesetzes nicht aus Pflicht heraus, sondern der Legalität wegen (virtus phänomenon). Kant setzt also beharrlich fest, dass der Mensch entweder nur gut oder nur böse ist.

2.2 Der subjektive Grund des Menschen

Wie die Maxime beschaffen ist kann niemand sehen. Kant Jedoch erläutert, dass es möglich ist die Aufnahme des Unmoralischen in einer Maxime zu erschließen. Dabei unterscheidet er zwischen dem Begriff 'Natur' und dem Begriff 'Natur des Menschen'. Allgemein hält Kant fest, dass die Natur nicht mit moralischen Wertungen im Zusammenhang steht, denn diese können nur aus der freien Willkür hervorgehen.

Somit verhält sich Natur zu Freiheit gegensetzlich[18]. Für Kant ist die 'Natur des Menschen':

[...] nur der subjective Grund des Gebrauchs seiner Freiheit überhaupt (unter objectiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden Tat vorhergeht, [...]; dieser Grund mag nun liegen, worin er wolle. Dieser subjective Grund muß aber immer wiederum selbst ein Actus der Freiheit sein [...] [19].

Kant erklärt, dass eine bewusste moralisch gesetzeswidrige Tat ausreicht, um zu behaupten, man habe eine böse Maxime angenommen. Die Annahme der bösen Maxime wurde a priori, aus einem subjektiven Grund heraus, entschieden. Dieser subjektive Grund, der den ersten Grund für die Annahme einer Maxime darstellt, ist selbst Maxime, denn der erste subjektive Grund wird von der Vernunft angenommen. Woher dieser Grund stammt, ist laut Kant „unerforschlich“[20].

[...]


[1] Immanuel Kant: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels in: Immanuel Kant Werke in sechs Bändern Hrg. Wilhelm Weischedel: Band I. Wiesbaden 1960, S. 235

[2] Ebd.

[3] Vgl.: Rel. B 97-98

[4] Vgl. Georg Römpp: Kant leicht gemacht - Eine Einführung in seine Philosophie. Köln 2005, S. 165

[5] Christian Schulte: Radikal Böse - Die Karriere des Bösen von Kant bis Nietzsche. München 1991, S. 47

[6] Vgl. Römpp: S. 130

[7] Vgl. Römpp: S. 139

[8] „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte“ aus: KpV §7, 54

[9] Vgl. Rel. B 3

[10] Schulte: S. 29

[11] Rel. Ebd.

[12] Vgl. Rel. B 5-7

[13] Rel. B 22

[14] Vgl. Rel. B 3-15

[15] Christoph Hom: Die menschliche Gattungsnatur: Anlagen zum Guten und Hang zum Bösen, in: Otfiried Höffe (Hg.): Klassiker Auslegen Band 41, Berlin 2011, S. 51

[16] Rel. B 11

[17] Ebd.

[18] Vgl. Rel. B 5-7

[19] Rel. B 6

[20] Vgl. Rel. B 8

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668506831
ISBN (Buch)
9783668506848
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373177
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Kant Religion Moral Verbindlichkeit Bewusstsein kategorischer Imperativ Hang zum Bösen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kants Moralbegriff und die Verbindlichkeit des Menschen zur Moral und seine Abweichung zur Moral