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Die Rolle der Ratingagenturen im Kontext der Finanz- und Eurokrise. Eine europäische Perspektive

Hausarbeit 2017 23 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Rating - Definition und Funktion

3 Analyse des Ratingmarktes - die „Big Three“

4 Funktionsprobleme des Ratingmarktes im Kontext der Finanz- und Eurokrise
4.1 Interessenskonflikte und Problemfelder des Ratingmarktes
4.2 Die Wirkung von Länderratings in der Europäische Union
4.3 Kapitalismus und sein grundsätzlich krisenhafter Charakter

5 Regulierungen des europäischen Ratingmarktes

6 Die zukünftige Entwicklung des europäischen Ratingmarktes
6.1 Alternativen zu externen Ratings
6.2 Eine europäische Ratingagentur
6.3 Ausblick und Reformansätze

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

“This crisis could not have happened without the rating agencies.“[1] Ausgehend von die­sem Urteil soll diese Arbeit einen Beitrag dazu leisten, die Rolle der Ratingagenturen (Credit Rating Agencies, CRA) im Hinblick auf die letzte große Finanz- und Eurokrise zu analysieren. Obwohl die Krisen auf ein komplexes Ursachenbündel zurückzuführen sind, rückten CRA und ihre Ratings im Zuge der Fehlentwicklungen auf den Finanz­märkten vermehrt in den Fokus der öffentlichen Diskussion. In dieser Arbeit soll geprüft werden, inwiefern die falschen Bewertungen komplexer Finanzprodukte innerhalb des Verbriefungsprozesses durch CRA im Jahre 2008 die Finanzkrise mit ausgelöst haben. Risiken, die „mit einer übermäßigen Abhängigkeit von externen Staatsschulden-Ratings verbunden sind“[2], sollen erläutert und diskutiert werden. Schwerpunktmäßig werden Hypothesen über mögliche zukünftige Entwicklungen des europäischen Ratingmarktes entwickelt: Unter anderem soll erforscht werden, ob der Ratingmarkt in naher Zukunft einem Wandel unterliegen wird.

Nach einer Definition und Erläuterung der Funktionen von Ratings in Kapitel 2 be­schreibt die Arbeit kurz die grundsätzliche Struktur des globalen und europäischen Ra­tingmarktes in Kapitel 3. Mit Aufzeigen der immanenten Funktionsprobleme des Rating­marktes im Kontext der Finanz- und Eurokrise werden in Kapitel 4 die Regulierungsbe­gründungen für den europäischen Ratingmarkt geliefert. Dabei werden Interessenskon­flikte und Problemfelder des Ratingmarktes und die Wirkung von Länderratings auf die Europäische Union aufgezeigt (Kapitel 4.1 und 4.2). Anschließend folgt in Kapitel 4.3 ein Zwischenfazit, bei dem der grundsätzlich krisenhafte Charakter des Kapitalismus darstellt wird. Nach einer kurzen Zusammenfassung der EU-Reglemente in Kapitel 5 wird die voraussichtliche Zukunft des europäischen Ratingmarktes in Kapitel 6 beschrie­ben. Dabei werden Alternativen zu externen Ratings und die Perspektive einer europäi­schen CRA diskutiert (Kapitel 6.1 und 6.2). Anschließend erfolgt ein Ausblick mit Re­formansätzen (Kapitel 6.3).

2 Rating - Definition und Funktion

Im finanzwirtschaftlichen Kontext wird unter einem „Rating“ gemeinhin eine Beurtei­lung von Finanzierungstiteln oder Wirtschaftssubjekten beschrieben.[3] Dabei wird das je­weilige „Urteil“ anhand von vorher festgelegten, zu betrachtenden Merkmalen über eine

Zeichenfolge in Form einer Ordinalskala ausgedrückt.4,5 Ratings bei Forderungstiteln stellen eine Beurteilung über die wirtschaftliche Fähigkeit und rechtliche Bindung eines Emittenten dar, Zahlungsverpflichtungen vollständig und rechtzeitig zu erfüllen.[4] [5] [6] Bei Beteiligungstiteln, wie z.B. Aktien, sollen Ratings Auskunft über Ertragskraft und andere Merkmale, wie u.a. Kauf-, Halte- oder Verkaufsempfehlungen, geben.[7] So werden Ra­tings über die Bonitätslage von Wirtschaftssubjekten, Ratings für Emittenten (Länder­und Unternehmensratings), oder aber auch Ratings für einzelne Emissionen (Ratings für Finanzprodukte) vergeben.[8]

Tabelle 1: Ratingskalen von Standard & Poors, Moodys und Fitch Ratings

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Waibel (2007), S.15)

Informationsineffiziente Kapitalmärkte, wie Märkte für Staats- und Unternehmensanlei­hen, auf denen Kreditnehmer naturgemäß besser über ihr Bonitätsrisiko informiert sind als die Kreditgeber, werden durch Informationsasymmetrien gekennzeichnet. Informati­onsasymmetrien können zu verschiedenen Problemen vor Vertragsschluss wie auch wäh­rend der laufenden Kreditbeziehung führen, was in der Folge zu Marktverzerrungen und Marktversagen führen kann. Bei Annahme von Informationsineffizienz auf Kapitalmärk­ten kann diese Ineffizienz über spezialisierte Dritte in der Theorie abgebaut werden. Ob und wie der Abbau dieser Marktunvollkommenheit durch CRA gelingen kann, und ob Ratings in der Vergangenheit ein geeignetes Instrument zum Abbau von Informations­asymmetrien dargestellt haben, wird in späteren Kapiteln geprüft.[9]

Tabelle 2: Berechnung des Marktanteils auf Grundlage des 2014 auf Konzern­ebene durch Ratingtätigkeiten und Nebendienstleistungen in der EU erzielten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Europäische Kommission (2016), S.12)

3 Analyse des Ratingmarktes - die „Big Three"

Weltweit gibt es etwa 100 aktive CRA (29 sind auf dem europäischen Markt aktiv).[10] [11] Dabei wird der globale Ratingmarkt von den drei US-Unternehmen „Standard & Poor’s“ (S&P), „Moody’s“ und „Fitch Ratings“ dominiert. 2015 „raten“ die „Big Three“ 96,5% aller amerikanischen Ratings und erwirtschaften 93,2% des gesamten Umsatzes aller CRA.[12] Dabei wurden 49,5% aller Ratings von Standard & Poor’s ausgeführt, 34,4% von Moody’s und 13,0% von Fitch Ratings, der kleinsten Ratingagentur unter den dreien.[13] Auch in Europa zeichnet sich eine hochkonzentrierte, oligopolistische Struktur des Ra­tingmarktes ab. Die drei großen CRA decken 92% des relativen europäischen Marktan­teils ab.[14] Dabei fallen 40,42% Marktanteil an S&P, 34,67% an Moody’s und 16,80% an Fitch Ratings.[15]

4 Funktionsprobleme des Ratingmarktes im Kontext der Finanz- und Eurokrise

In einem europa- und weltweit oligopolistisch aufgestelltem Ratingmarkt verfassen CRA als privatwirtschaftlich gewinnorientierte Unternehmen Urteile und Analysen, denen auf finanzpolitischer Ebene und auch im Kontext der Finanz- und Eurokrise immense Be­deutung zugemessen wurden und werden. Im Mittel wurden zwischen 1981 und 2009 88% der Unternehmensanleihen von S&P mit „AAA“ bewertet.[16] Zwischen 1984 und 2006 wurden von Moody‘s fast 99% strukturierter Finanzprodukte mit „Aaa“ gerated.[17] Während Anfang 2010 in den USA insgesamt sechs Privatunternehmen mit dem „be­gehrten“ Rating Triple-A bewertet wurden, wurden allein von Moody‘s zwischen 2000 und 2007 45.000 hypothekenbesicherte Wertpapiere als „Aaa“ benotet.[18],[19] Großunter­nehmen und Investoren vertrauten dabei (scheinbar) blind den Einschätzungen der CRA.[20] Die Folgen waren desaströs: Während und nach der Finanzkrise kam es dann zu umso abrupteren Korrekturen der Ratings. Herabstufungen von Ratings waren dabei vor allem auf US-Hypothekenkredite und Collateralized Debt Obligations (CDOs)[21] kon­zentriert.[22] 83% der hypothekenbesicherten Wertpapiere mit Triple-A-Rating aus dem Jahr 2006 wurden unmittelbar von Moody’s herabgestuft.[23] Fast 40% der Ratings aller strukturierten Finanzprodukte wurden zwischen 2007 und 2009 von Fitch herabgestuft.[24]

Abbildung 1: Rating-Veränderungen strukturierter Finanzprodukte von Fitch Ratings, global

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Deb et al. (2011), S.9)

Abbildung 2: Ratingnoten in Abhängigkeit von Marktanteilen von Fitch Rating

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Becker/ Milbourn (2010), S.37)

4.1 Interessenskonflikte und Problemfelder des Ratingmarktes

Anfang des 20. Jahrhunderts begann John Moody, Rating-Handbücher an Investoren zu verkaufen; ein Geschäftsmodell, welches heute als Investor-Pays-Modell bekannt ist.[25]

[...]


[1] Financial Crisis Inquiry Commission (2011), S.xxv

[2] Europäische Kommission (2015a), S.2

[3] Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Credit Rating

[4] Vgl. Smeets/ Cüppers (2015), S.23

[5] Vgl. Tabelle 1, S.2

[6] Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Credit Rating

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Smeets/ Cüppers (2015), S.23

[9] Vgl. zu diesem Abschnitt Smeets/ Cüppers (2015), S.24

[10] Vgl. European Securities and Markets Authority (2017)

[11] Vgl. Congressional Research Service (2010), S.1

[12] Vgl. U.S. Securities and Exchange Commission. (2016), S.11, 17 Chart 7

[13] Vgl. ebd., S.11

[14] Vgl. Tabelle 2, S.3

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Deb et al. (2011), S.9

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Deb et al. (2011), S.9.

[19] Vgl. Financial Crisis Inquiry Commission (2011), S.xxv

[20] Vgl. ebd., S.xvii

[21] Definition CDO: „Ausprägung der Gruppe forderungsbesicherter Wertpapiere (Asset Backed Securi­ties). CDOs sind strukturierte Anleihen, die verschiedenartige Forderungen, insbesondere Kredit- und Hy­pothekenforderungen in einem Wertpapier verbriefen.“ (ARD Börsenlexikon, Stichwort: Collateralized Debt Obligation (CDO))

[22] Vgl. Deb et al. (2011), S.9

[23] Vgl. Financial Crisis Inquiry Commission (2011), S. xxv

[24] Vgl. Abbildung 1, S.5

[25] Vgl. Congressional Research Service (2010), S.1

Details

Seiten
23
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668504875
ISBN (Buch)
9783668504882
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372958
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Ratingagenturen Finanzwissenschaft Finanzkrise Eurokrise Fitch Europa Moody's Standard & Poor's

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