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Inwiefern ist Rassismus im Alltag verhindernd für die Integration der Betroffenen?

Essay 2016 7 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

In diesem Essay soll es vorerst kurz darum gehen, zu klären, was Rassismus ist und wo dieser beginnt. Anschließend kann dann geklärt werden, wie sich Rassismus aus der alltagsweltlichen Perspektive verstehen lässt und inwiefern er die Integration der von Rassismus Betroffenen verhindert. Um dies so alltagsnah wie möglich zu präsentieren, werden Beispiele von Noah Sow und Daniele Strutzenberger aufgeführt. Sow berichtet aus eigenen Erfahrungen in ihrem Buch und erklärt, was ihr schon alles in ihrem Leben widerfahren ist, wie sie Rassismus im Alltag erlebt und wie sie aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurde. Strutzenberger interviewt im Rahmen ihrer Diplomarbeit zwei Afrikaner in Österreich, um über ihre Erfahrungen zu berichten und darzustellen, ob und wie ihnen täglich Rassismus begegnet.

Um zu analysieren, wie sich Rassismus aus der alltagsweltlichen Perspektive zu verstehen lässt, muss vorerst geklärt werden, was Rassismus ist und wo dieser beginnt. Eine kurze, jedoch sehr präzise Definition führt Jäger auf, welcher schreibt, wenn eine 'Rasse' als "konstruierte Gruppe gegenüber der eigenen als minderwertig eingestuft [wird] und [...] diese Auffassung zur Ausgrenzung und Marginalisierung dieser Gruppe [führt], handelt es sich um Rassismus" (Jäger 1992: 21). Somit wird Rassismus mit Macht verknüpft (vgl. Jäger 1992: 21), wo eine bestimmte Gruppe denkt, sie sei höher gestellt als die andere und hat das Recht, diese auszugrenzen. Dieses rassistische Denken ist Bestandteil der Grundhaltung von Menschen, welche aus dem alltäglichen Leben heraus entwickelt wird (vgl. Jäger 1992: 22).

Die Menschen unterscheiden sich durch eine Reihe von phänotypischen Merkmalen, wie beispielsweise Größe, Gewicht oder Haarfarbe - also dem Erscheinungsbild. Anhaltspunkte, bestimmte Menschen auszugrenzen, sind die somatischen - den Körper betreffenden - Merkmale wie die Hautfarbe. Diese dienen als Einteilungskriterium von den als 'Rasse' definierten Bevölkerungsgruppen (vgl. Miles 2000: 18). Eine falsche Behauptung, welche der Rassismus als falsches Merkmal mit anderen Ideologien teilt, ist, dass es "eine natürliche Aufteilung der Menschen in Gruppen mit jeweils angeborenen Unterschieden [gäbe]" (Miles 2000: 29). Damit kann Rassismus als eine Art der Repräsentationsform verstanden werden, welche verschiedene Gruppen voneinander abgrenzt. Dies wird als 'Ideologie der Ein- & Ausschließung' beschrieben (vgl. Miles 2000: 24). Der Rassismus bezeichnet so eine bestimmte Ideologie (vgl. Miles 2000: 32).

Im Folgenden wird nun der Alltagsrassismus anhand von Beispielen und Erlebtem geschildert. Noah Sow beschreibt ihre eigenen Erfahrungen und sagt, Deutungen von Schwarz und Weiß seien das Ergebnis verschiedener Konstruktionen (vgl. Sow 2008: 109). Sie schreibt, das strukturelle Ignorieren, dass schwarze Menschen ein Teil von Deutschland sind, sei institutionelle Diskriminierung (vgl. Sow 2008: 129). Somit kann hier auch gesagt werden, wo Rassismus beginnt. Denn er fängt schon bei dem Ignorieren an, dass es keinen Unterschied macht, ob man Schwarz oder Weiß ist und ob man in Deutschland oder einem anderen Land geboren ist. Weiter geht es über die Sprache. Wenn die Synonyme beobachtet werden, was mit 'schwarz' und was mit 'weiß' verbunden wird, ist 'schwarz' immer böse, 'weiß' jedoch immer gut. Beispiele hierfür sind 'schwarzer Peter', 'Schwarzarbeiter', oder 'Schwarze Seele'. Der Begriff 'schwarz' wird folglich immer mit etwas bösem, unheimlichen und auch drohendem in Verbindung gebracht. 'Weiß' hingegeben steht für Sauberkeit, makellos oder unschuldig (vgl. Sow 2008: 107f). Dadurch, dass Rassismus nicht nur durch seinen ideologischen Gehalt, sondern auch durch seine Funktion definiert wird (vgl. Miles 2000: 24), verleiht es ihm immer mehr Präsenz, je mehr dieser ausgeübt wird.

Probleme durch Rassismus gibt es viele. Dieser wirkt sich gravierend auf den Alltag der Betroffenen aus. Wie Sow beschreibt, geht es hin bis zu finanziellen und sozialen Konsequenzen (vgl. Sow 2008: 127). Vor allem aber macht sich Rassismus durch die Sprache bemerkbar. Die wohl häufigste Beobachtung ist die Verwendung des N-Wortes. Dies "entwuchs der >>Definitionsmacht<< weißer Deutscher" (Sow 2008: 113) und wird heute nur noch in einem ausnahmslos beleidigendem Kontext verwendet (vgl. Sow 2008. 113). Das N-Wort nämlich sagt "nicht das Geringste aus über Herkunft, Nationalität oder Background einer Person oder eines Volkes" (Sow 2008: 115). Über das N-Wort hinaus gibt es jedoch viel mehr Rassismus über verbale Art und Weise. Sow bringt hier Beispiele, welche sie von klein auf begleitet und geprägt haben. Sie wird beispielweise öffentlich auf der Straße beleidigt, oder als 'Negerhure' bezeichnet. Jedoch geht der Rassismus über verbale Art hinaus, bis hin zur körperlichen Angriffen (vgl. Sow 2008: 103f).

Des Weiteren werden schwarze Menschen oft auch strukturell benachteiligt. Sei es bei der Job- oder Wohnungssuche. Sobald ein Vermieter oder Chef erfährt, dass sie nicht Weiß sind, droht ihnen eine Absage (vgl. Sow 2008: 126).

Sow unterscheidet zwischen zwei Arten von Rassismus. Sie erwähnt zuerst den strukturellen Rassismus. Obwohl 2006 in Deutschland 20 Prozent der Deutschen eine Migrationsunterschied haben (vgl. Sow 2008: 129), ist in Frauenzeitschriften nur von 'hellbraunen Haaren' oder 'hell/sommersprossig' zu lesen. Somit sind fast nur ausschließlich Weiße damit gemeint. Andere Hauttypen seien, so die Redaktionen auf Anfragen, "für diese Zielgruppe nicht relevant" (Sow 2008: 130). Da kann die Meinung entstehen, diese seien als Leser nicht erwünscht (vgl. Sow 2008 130).

Institutioneller Rassismus macht sich beispielsweise in der Schule bemerkbar. Aus Erfahrung sagt sie, in der Schule hieß es, Schwarze seien 'nicht so intelligent' wie Weiße. Sie seien also nicht so schlau (vgl. Sow 2008: 140), weshalb auch gesagt wird, dass sie in ihrem Leben nicht so viel erreichen können. Zudem kommt Rassismus in den Lehrmaterialen und -methoden vor (vgl. Sow 2008: 141f). Dies sorgt dafür, dass Kinder schon in der Schule ausgegrenzt und aufgrund ihrer Herkunft schlechter behandelt werden. Ihnen wird das Gefühl gegeben, nicht dazu zu gehören und anders zu sein.

Auch Strutzenberger erzählt in ihrer Diplomarbeit von Rassismuserfahrungen. Sie hat Clarica (29 Jahre) und Benjamin (23 Jahre) interviewt, welche beide Afrikaner sind und in Österreich leben. Sie beide sind dadurch alltäglich Rassismus ausgesetzt.

In den Interviews ist klar herauszuhören, dass die beiden Erfahrungen mit Rassismus jeden Tag erleben und die Integration dadurch verhindert wird(vgl. Strutzenberger 2011: 69). Dies geschieht auf verschiedenste Weise. Clarice betont, sie werde als schlecht dargestellt, weil sie Ausländerin ist (vgl. Strutzenberger 2011: 68). Benjamin schildert eine Situation, wo er von einem Kind als Affe erkannt und beschimpft wird (vgl. Strutzenberger 2011: 69 & 71). Zudem wird zu beiden gesagt, sie suchen lediglich Asyl oder Geld in Europa (vgl. Strutzenberger 2011: 72), was dafür sorgt, dass sie nicht richtig in Europa ankommen werden. Aus diesem Grund möchten Clarice nach ihrem Studium auch wieder zurück in ihre Heimat, weil sie sich in Österreich nicht wohl und willkommen fühlt (vgl. Strutzenberger 2011: 72). In ihrem Zitat "[I]hr seid nicht willkommen geht zu euch nach Hause zurück" ,(Strutzenberger 2011: 82) wird es noch einmal ganz deutlich, wie sehr unerwünscht sie zu sein scheint und wie sehr sie die Situation belastet, da sie es immer wieder betont.

Doch auch wie bei Sow ist bei den beiden Interviewten klar zu erkennen, dass sie sehr viel Rassismus durch Blicke erfahren. So werden sie beispielsweise einfach 'nur' angestarrt (vgl. Strutzenberger 2011: 72) oder "das Stehenbleiben [von Menschen] und sie ansehen vermittelt eine Art des Ausschlusses" (Strutzenberger 2011: 73). Sie werden herabwürdigend angeschaut und ihnen wird dadurch deutlich gezeigt, dass sich die Weißen ihnen gegenüber überlegener und mächtiger fühlen. Auch kann gesagt werden, dass die Blicke der Menschen signalisieren, sie seien als nicht EU-Bürger, beziehungsweise Afrikaner, nicht in Österreich erwünscht (vgl. Strutzenberger 2011:74).

Zu den Blicken, mit welchen die Interviewten umgehen müssen, kommen noch Situationen, in denen sie für Drogendealer gehalten werden. Benjamin betont, dass dies bei ihm nur am Anfang vorgefallen ist, als er neu in der Stadt war und ihn noch niemand kannte. Als dann jedoch bekannt wurde, dass er keine Drogen verkauft, wurde er auch nicht mehr gefragt und nun interessiert es ihn nicht mehr. Clarice jedoch erzählt, sie muss diese Situation nach wie vor erleben und fühlt sich dadurch gekränkt und gedemütigt (vgl. Strutzenberger 2011: 74f).

Eines der wohl bekanntesten rassistischen Formen bei jungen Erwachsenen ist das Verbieten des Betretens in eine Diskothek. Vor allem bei jungen Männern, bei denen zu sehen ist, dass sie anderer Herkunft sind, liegt dieser Rassismus vor. Es ist struktureller Rassismus, bei welchem den Türsteher von seinem Vorgesetzten vorgeschrieben wird, bestimmte Menschen aufgrund der Hautfarbe oder der Herkunft nicht Einlass in den Club zu gewähren (vgl. Strutzenberger 2011: 76f).

Zum strukturellen Rassismus gehören auch die Erfahrungen bei der Wohnungssuche. So bekommen die beiden Interviewten - und auch andere Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe - nur schwierig eine Wohnung, da ihnen oft gesagt wird, sie dürfen dort nicht einziehen, weil sie schwarz sind. Dies übermittelt in den meisten Fällen der Immobilienmakler/ die Immobilienmaklerin, dass sie die Anweisung des Vermieters/ der Vermieterin haben, die Wohnung nicht an Migranten zu vermieten. Wenn Makler(in) oder Vermieter(in) erfahren, der/ die Interessierte ist Schwarz oder Migrant(in), gibt es meistens eine Absage oder die Ausrede "die Wohnung ist leider schon vermietet" vorgelogen. Benjamins Bruder musste mit seiner Österreichischen Freundin auch schon die Erfahrungen machen, dass sie alleine die Wohnung als Weiße bekommen hätte, mit ihrem Freund an der Seite dann jedoch nicht (vgl. Strutzenberger 2011: 81).

Als weiteren Punkt des strukturellen Rassismus stellt Strutzenberger die Verweigerung der Arbeitserlaubnis dar. Dadurch, dass die beiden Interviewten keine EU-Bürger sind, ist es ihnen in ihrem damaligen Falle nicht erlaubt zu arbeiten. Da sie jedoch Geld einnehmen und Einnahmen aufweisen müssen, geht Benjamin illegal arbeiten und verteilt Fleyer. Abgesehen von dem Rassismus, welcher in diesem Gesetz jedoch steckt, findet es vor allem Clarice sehr schwer zu akzeptieren, da ihr die Integration aufgrund des Verbotes fehlt. Sie ist der Ansicht, sie könne sich besser integrieren, wenn sie Arbeit hätte und so mehr unter Menschen kommen würde und einen sicheren Lebensstandard hätte (vgl. Strutzenberger 2011: 84f).

Wegen dieser ganz vielen, ob kleinen oder großen Beispiele wird deutlich, wie oft Rassismus im Alltag geschieht, wie oft sich die Betroffenen ihm stellen müssen und wie sehr er vor allem ihren Alltag und ihr ganzes Leben belastet. Strutzenberger und auch Sow haben die wohl häufigsten Situationen herausgestellt, obwohl Betroffenen wahrscheinlich noch unzählige Erfahrungen mehr hätten, von denen sie berichten könnten.

Durch dieses Essay hat sich nun herausgestellt, wie sehr es die Lebenssituation beeinträchtigt, welche Hautfarbe der Mensch hat oder aus welchem Land dieser kommt. Aufgrund Hautfarbe oder Herkunft kann sich nämlich entscheiden, wie erfolgreich das Leben verläuft. Schwarze zum Beispiel werden in fast allen Lebensbereichen ausgeschlossen, benachteiligt oder diskriminiert. Dadurch, dass Rassismus schon in der Schule anfängt und vorgelebt wird, kann es den betroffenen Kindern schon in der Schule schwer fallen, sich vollständig zu integrieren. Dies geht weiter, wenn Jugendliche abends ausgehen möchten und wegen ihrer Herkunft nicht in die Diskothek gelassen werden und später im Studium oder Berufsleben Schwierigkeiten haben, eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz zu finden. Auch in der Polizeiarbeit ist Rassismus zu finden, wovon Sow und Strutzenberger ausführlich berichten. Selbst wenn Rassismus vor allem von Polizeibeamten unterbunden werden sollte, tritt er hier häufiger auf als gedacht. Auf dieses Thema wird jedoch in dem zweiten Essay ' Wie konstituiert sich Rassismus im Rahmen der Polizeiarbeit?' näher drauf eingegangen.

Folglich kann nun jedoch klar gesagt werden, dass sich Rassismus deutlich negativ auf die Integration der Betroffenen auswirkt und sogar hindernd für diese sein kann.

Literaturliste

Jäger, Siegfried (1992): BrandSätze. Rassismus im Alltag. 2. Aufl. Duisburg: DISS. Online verfügbar unter http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Buecher/Brandsaetze/Brandsaetze_web.pdf, zuletzt geprüft am 04.09.2016.

Miles, Robert (2000): Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: Nora Räthzel (Hg.): Theorien über Rassismus. Unter Mitarbeit von Iris Konopik. Hamburg: Argument Verlag, S. 17–33.

Sow, Noah (2008): Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus. München: Bertelsmann Verlag.

Strutzenberger, Daniela (2012): Differenz- und Rassismuserfahrungen. Eine qualitative Studie zu Erfahrungen von afrikanischen Studierenden in Österreich. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien. Online verfügbar unter http://othes.univie.ac.at/19429/, zuletzt geprüft am 09.09.2016.

Details

Seiten
7
Jahr
2016
ISBN (Buch)
9783668503632
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372953
Note
3,0
Schlagworte
Rassismus Alltag Auswirkung Integration

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