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Corporate Social Responsibility. Anspruch und Wirklichkeit von unternehmerischer Verantwortung in einer globalisierten Welt

Bachelorarbeit 2014 58 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Corporate Social Responsibility?

3. CSR - Investition oder Abschreibung?
3.1 CSR als Abschreibung
3.2 CSR als Investition

4. Der Wandel der CSR
4.1 Das Zeitalter der Philanthropie
4.1.1 Private Philanthropie
4.1.2 Unternehmerische Philanthropie
4.2 Das Zeitalter der Habgier und der Weg in die Finanzkrise
4.2.1 Executive greed
4.2.2 Die Mitschuld der Banken und Ratingagenturen an der Immobilienblase
4.3 Das Zeitalter des Marketings
4.4 Das Zeitalter der strategischen Nachhaltigkeit

5. Wieso CSR nicht funktioniert

6. Ein neues Zeitalter - Corporate Restoration
6.1 Creativity
6.2 Scalability
6.3 Responsiveness
6.4 Glocality
6.5 Circularity

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„In the next decade, the most successful companies will be those that integrate sustainability into their core businesses.“

Jim W. Owens, ehemaliger CEO Caterpillar

Gerade im Kontext einer Weltwirtschaftskrise stellt sich wieder vermehrt die Frage, ob Unternehmen eine soziale Verantwortung haben, und wenn ja, ob bzw. wie sie ihr ge- recht werden. Die Anfänge der modernen Wirtschaftsethik gehen zu einem wesentli- chen Teil zurück auf die Forderungen der Umweltbewegungen, welche in den 1970er- und 80er-Jahren entstanden waren. Nicht zuletzt durch deren Arbeit ist sich die Öffent- lichkeit immer stärker bewusst geworden, dass unternehmerisches Handeln negative Folgen für sie und die Umwelt haben kann. Heutzutage weiß auch vermutlich jeder, was es bedeutet, wenn ein Produkt als „Fair Trade“ bezeichnet wird. Die Entwicklung hin zu einer stärkeren Integration von Nachhaltigkeit wird heute auch von einigen lei- tenden Personen aus dem Wirtschaftssektor als substantiell angesehen. Dabei han- delt es sich nicht um rein moralische Überlegungen; sich seiner potentiellen Verant- wortung bewusst zu werden, die Unternehmenspolitik danach auszurichten - und dies auch öffentlich zu machen - kann sich positiv auf das Unternehmen und sein Ansehen auswirken.

Wirtschaftsethische Prinzipien finden sich bereits im mittelalterlichen Italien und in den norddeutschen Hansestädten. Unter dem „Leitbild des ehrbaren Kaufmanns“ verstand man eine Lebens- und Arbeitsweise, die Tugenden wie Aufrichtigkeit und Demut sowie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit umfasste. Der Begriff „ehrlich“ bedeutete damals so viel wie achtbar und reputabel; die Bedeutung ging also über unser heutiges Verständnis hinaus (Schwalbach 2008, S. 64). „Der ehrbare Kaufmann verbindet also ethisches Denken und Tun mit wirtschaftlichem Handeln, ein Ansatz er sich auch spä- ter während der Industrialisierung (…) weiter entwickelte“ (Sigler 2010, S. 7). Ein Vers aus dieser Zeit zeigt, welche Erwartungen an einen Kaufmann gestellt wurden:

„What every True and Honest Merchant Must Have Within Himself. Integrity always suits him,

Long foresight keeps him well,

And what he promises doesn’t come lacking;

And should be, if able, of beautiful and honest behavior According to what need or reason he intends.

And to buy cheap he sells dear,

Beyond rebuke with a beautiful welcome,

He avails himself of the church and gives for God, He grows in merit, and sells with a word. Usury and the game of dice are forbidden

And take away everything.

He writes his calculations well and does not err. Amen“

(Dotson 2002, S. 86f.)

Ehrenvoll zu handeln ist also keine Erfindung der Neuzeit. Was neu ist, sind die immer umfassenderen Auswirkungen unternehmerischen Handelns auf die Umwelt und die Gesellschaft, in all ihrer Komplexität. Heute stellt sich die Frage, ob bzw. wie eine tiefgreifende Änderung angeregt werden könnte.

Mit dieser Arbeit soll geklärt werden, was corporate social responsibility (CSR) bedeutet und welche Phasen CSR bisher durchlaufen hat. Dabei soll CSR als Konstruktion von außen betrachtet und anhand zahlreicher Beispiele aus der Praxis anschaulich gemacht und bewertet werden.

Im letzten Abschnitt wird dargestellt, wie eine zukünftige Entwicklung verlaufen könnte.

2. Was ist Corporate Social Responsibility?

Eine exakte Definition zu geben ist schwierig, da CSR in unterschiedlichen Bereichen eine Rolle spielt. Unter dem passenden Namen „How corporate social responsibility is defined: an analysis of 37 definitions“ nennt Dahlsrud (2008) fünf Bereiche, in die sich die meisten Definitionen einordnen lassen (Abb. 1). Je nach Definition werden ver- schiedene Bereiche tangiert, meistens nicht alle gemeinsam. Im Grünbuch der Europäischen Kommission (2001) steht zur Bedeutung sozialer Verantwortung: „Die meisten Definitionen bezeichnen sie als ein Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehung mit den Stakeholdern zu integrieren. Sozial verantwortlich heißt nicht nur, die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten (…)“ (Europäische Kommission 2001, S. 7).

Hier werden Freiwilligkeit, Gesellschaft, Umwelt und die Stakeholder angesprochen, Dahlsruds ökonomische Dimension wird dabei nicht berücksichtigt.

Abb. 1: Eigene Darstellung

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Alle fünf Bereiche umfasst folgende Definition aus „Corporate Social Responsibility - Eine Einführung“: „Zusammenfassend lässt sich CSR als eine in der Unternehmens- strategie fest verankerte, freiwillige, über die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen hinausgehende, unternehmerische Bemühung, die einen gesellschaftlichen, ökologi- schen und ökonomischen Beitrag für alle Stakeholder leistet, definieren“ (Sigler 2010, S. 10).

Letzten Endes ist eine genaue Definition für die Unternehmen selbst allerdings zweitrangig: Die Herausforderung für Unternehmen besteht darin, zu verstehen, was CSR im eigenen Geschäftsfeld bedeutet und wie sich CSR erfolgreich im Unternehmen implementieren lässt (Dahlsrud 2008, S. 6).

3. CSR - Investition oder Abschreibung?

Es stellt sich die Frage, ob CSR aus ökonomischer Sicht sinnvoll ist. Wer CSR als eine Abschreibung betrachtet, geht davon aus, dass die Ausgaben keinerlei Vorteile erwarten lassen, die diese rechtfertigen. Wer CSR als Investition betrachtet geht davon aus, dass das Unternehmen in irgendeiner Weise davon profitieren wird. Im Folgenden werden beide Sichtweisen genauer betrachtet.

3.1 CSR als Abschreibung

Nachhaltiges Handeln ist für Unternehmen in der Regel zunächst mit Kosten verbun- den. Der Shareholder-Value-Ansatz bewertet ein Unternehmen aus Sicht der Eigentü- mer, der Shareholder. Für den prototypischen Shareholder, der durch den Kauf von Aktien zum Miteigentümer wird, ist alleine ausschlaggebend, wie hoch seine Rendite ausfällt. Negative Auswirkungen durch Umweltbelastungen oder die Größe des ökolo- gischen „Fußabdrucks“ eines Unternehmens spielen dabei höchstens eine unterge- ordnete Rolle.

1970 sprach sich Milton Friedman eindeutig gegen CSR aus. Seine Hauptargumente:

1. Unternehmen kann keine gesellschaftliche Verantwortung abverlangt werden. Natürliche Personen tragen Verantwortung, ein Unternehmen jedoch ist keine Person und darüber hinaus nur seinen Shareholdern (die einen Teil der Gesell- schaft ausmachen) verpflichtet, nicht aber der Gesellschaft insgesamt.
2. Daraus folgt, dass Investitionen, die über diejenigen hinausgehen, die zur Pro- fitmaximierung dienen, stellvertretend für den Shareholder und ohne den Fiskus gemacht würden. Das soll heißen: Würde diese Investition nicht getätigt, so fiele der Gewinn höher aus. Dieser Gewinn würde versteuert werden, woraus der Gesellschaft bereits ein Vorteil erwüchse. Abgesehen von der nicht entrichteten Steuer nimmt das Unternehmen den Shareholdern auch noch die Entscheidung ab, wie gesellschaftliche Verantwortung übernommen werden soll. Soll das Geld einer gemeinnützigen Organisation gespendet werden? Sollen die Mitar- beiter besser bezahlt werden? Die Beantwortung dieser Fragen obliegt den Shareholdern und nicht der Firmenleitung.
3. Aus der unbedingten Profitmaximierung folgt, dass der Gesellschaft bereits durch die gewöhnliche Aktivität des Unternehmens geholfen wird: durch Schaffung von Arbeitsplätzen, durch Steuerzahlungen, die z. B. der Infrastruktur zugutekommen, und durch die Bereitstellung nachgefragter Güter und Dienstleistungen (The New York Times Magazine 1970, S. 122-126).

„… there is one and only one social responsibility of business - to use its resources and engage in activities designed to increase its profits …“ (ebd., S. 126).

David Vogel (2008) spricht sich in einem Forbesartikel ebenfalls gegen CSR-Aktivitä- ten aus. Er bemängelt die einseitigen Publikationen, die besagen, dass die Implemen- tierung von CSR einen positiven Effekt auf Unternehmen habe. „Who would not want to live in a world in which corporate virtue is rewarded and corporate irresponsibility punished? Unfortunately, the evidence for these rewards and punishment is rather weak“ (Vogel 2008). Er führt an, dass CSR-Produkte ein Nischendasein führen, weil die meisten Endkunden sich nicht dafür interessierten, ob der Produzent nachhaltig wirtschaftet oder nicht. Die meisten Produkte würden wegen ihres Preises, ihrer Qua- lität oder ihrer Zuverlässigkeit gekauft, nicht aber, weil der Produzent die Arbeitneh- merrechte in der Dritten Welt stärken möchte.

Ähnlich ist es für Investoren: Firmenanteile werden nicht erworben, weil das Unterneh- men nachhaltig handelt, sondern weil die erhoffte Rendite hoch ist. Obwohl Wirt- schaftsstudenten nach dem Abschluss ein besonderes Interesse signalisieren, bei ei- nem nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen zu arbeiten, haben weniger nachhaltige Unternehmen noch immer kein Problem damit, Spitzentalente anzuwerben. ExxonMo- bil hat wahrscheinlich die schlechteste Umweltreputation weltweit, aufgrund der indif- ferenten Haltung zum Klimawandel und wegen des eigenen Beitrags dazu durch die Förderung fossiler Brennstoffe (ebd.). Trotzdem steht es in den Fortune Global 500, einem Ranking der 500 profita- belsten Unternehmen der Welt, auf dem dritten Platz, mit einem Erlös von 449,90 Milliarden USD und einem Gewinn von 44,90 Milliarden USD (Fortune Global 500, 2013).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Börsenkurs von Exxon Mobil von 1970-2014

3.2 CSR als Investition

Auf der anderen Seite gibt es Argumente, die für eine Einbindung von CSR sprechen. Der Textilhersteller American Apparel beispielsweise wirbt mit dem Slogan „Fashion- able Basics. Sweatshop Free. Made in USA. That's American Apparel.“ Das Unterneh- men handelt also, zumindest was die Mitarbeiter angeht, verantwortungsvoll und kom- muniziert das auch deutlich. Die Botschaft richtet sich an Kunden, denen es wichtig ist, dass ihre Kleidung nicht unter schlechten oder gar menschenunwürdigen Bedin- gungen produziert wird. Personen, die darauf Wert legen, geben dafür auch gerne et- was mehr Geld aus. Somit rentiert sich der Ansatz für das Unternehmen. Auch in an- deren Bereichen kann ein Unternehmen durch verantwortungsvolles Handeln profitie- ren.

Mitarbeitermotivation (recruitment/retention of staff):

Mitarbeiter wollen stolz auf ihre Firma sein. Personen, die sich mit ihrer Firma identifi- zieren, sind weniger geneigt zu kündigen, um sich an anderer Stelle zu bewerben, das Mitarbeiterengagement wird also gestärkt. Darüber hinaus fällt bei einer hohen Repu- tation die Anzahl der zu erwartenden Bewerbungen höher aus. Je größer die Zahl der Bewerber, desto größer die Auswahl für den Arbeitgeber. Dieser kann sich beim Zu- sammenstellen einer erfolgversprechenden Belegschaft aus einem größeren Pool be- dienen. 65 % der befragten Unternehmen halten das für einen wichtigen Faktor (Abb. 3). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Hoffmann und Maaß (2009) im „Jahrbuch zur Mittelstandsforschung 2008“; hier vergeben die befragten Unternehmen im Durch- schnitt 3,4 von 5 Punkten (1 = völlig unwichtig, 5 = sehr wichtig) für den positiven Ein- fluss auf die „Erhöhung der Mitarbeitermotivation/-bindung“ (Loew 2010, S. 9). In einer Umfrage von Net Impact (2012) gaben 35 % der Befragten an, dass sie gerne bei ei- nem Unternehmen arbeiten möchten, das CSR implementiert, und dass sie dafür, un- ter sonst gleichen Bedingungen, ein um 15 % niedrigeres Gehalt in Kauf nehmen wür- den (Net Impact 2012, S. 3).

Kostenmanagement (cost management):

In einigen Bereichen kann sich die Implementierung von CSR positiv auf die Betriebs- kosten auswirken, zum Beispiel durch die bereits erwähnte effizientere Rekrutierung neuer Mitarbeiter und deren Wunsch, im Unternehmen zu verbleiben; außerdem durch die Steigerung der Energieeffizienz und durch Energiesparmaßnahmen sowie durch ein striktes Ressourcenmanagement. Unter diesen Gesichtspunkten wird der unter- nehmerische Umweltschutz direkt belohnt. Bestimmte Maßnahmen, wie z. B. die Auf- bereitung von Wasser, das durch die Produktion verschmutzt wurde, brin- gen auch eine erhöhte Rechtssicher- heit mit sich: Je weniger Angriffsfläche ein Unternehmen bei der Belastung der Umwelt bietet, desto unwahr- scheinlicher wird es, dass eine NGO o- der eine Regierung eine Klage ein- Abb. 3: Prozentuale Angabe von Unternehmen die den jeweiligen Faktor für wichtig halten. reicht. 63 % der befragten Unternehmer sehen darin ein wichtiges Kriterium (Abb. 3).

Reputation (public attitudes / building brand):

Ein positives Image eines Unternehmens kann als Investition in die Zukunft gesehen werden, was zur Wertstabilität eines Unternehmens beiträgt (Steinert 2007, S. 1). Die- ser Punkt betrifft auch das Risikomanagement. Die Wahrscheinlichkeit, im Falle nega- tiver Publicity von der Öffentlichkeit boykottiert zu werden, ist bei einem Unternehmen mit einer hohen Reputation deutlich geringer. 56 % der befragten Unternehmen halten das für einen wichtigen Faktor (Abb. 3) - dafür werden 3,6 von 5 möglichen Punkten vergeben (Loew 2010, S. 9). Bei einer Umfrage von PricewaterhouseCoopers von 2011 war dieser Faktor mit 60 % der zweitwichtigste Grund, CSR zu implementieren (PwC 2011, S. 3).

Thomas Loew und Jens Clausen haben aus neun Publikationen Wettbewerbsvorteile und Motivationen von Unternehmen mit implementierter CSR ermittelt. Diese fassen sie wie folgt zusammen (Loew und Clausen 2010, S. 9):

- Kosteneffizienz (Energie, Material)
- Risikoreduzierung, Verbesserung des Risikomanagements
- Aufbau und Schutz der Reputation oder der Marken
- Mitarbeitermotivation
- Anziehung und Halten von Talenten
- Innovationsförderung
- Festigung der Kundenbeziehung
- Erschließung neuer Geschäftsfelder durch neue Produkte und/oder Erschlie- ßung neuer Märkte
- Verbesserung der Investor Relations

Es gibt also eine ganze Reihe positiver Effekte, die mit CSR zusammenhängen. Si- cherlich ist das immer auch von verschiedenen Faktoren abhängig, wie z. B. dem Ge- schäftsfeld oder dem Land, in dem das Unternehmen tätig ist. Aber auch dort lassen sich mögliche Probleme mit dem Label „Verantwortungsvoll“ entschärfen; diese müs- sen aber deutlich kommuniziert werden. Wenn sich bei der Wahl des Unternehmens zur Fertigung bestimmter Güter neben höheren Kosten nicht auch Vorteile ergeben, wird eine wettbewerbsmäßige Teilnahme am Markt erschwert, wenn nicht gar unmög- lich. Das Siegel „Fair Trade“ z. B. kann potentiell, trotz höherer Produktionskosten, den Gewinn steigern; dazu muss der Endkunde aber wissen, was er kauft und warum er es einer billigeren Alternative vorziehen sollte. Letztendlich gibt es gute Argumente sowohl für als auch gegen eine Implementierung von CSR. Unumstritten sind die Vor- teile, die einen direkten ökonomischen Zugewinn generieren, wie die Kostensenkung durch Energiesparmaßnahmen. Andere Maßnahmen lassen sich nicht direkt oder gar nicht aus der Bilanz ablesen, wie z. B. die Steigerung der Mitarbeitermotivation. Der Trend unter Wirtschaftsführern ist hingegen recht deutlich: In einer weltweiten IBM- Umfrage gaben 68 % der befragten Unternehmer an, sie betrieben CSR, um neue Ein- kommensquellen zu erschließen, und 54 % meinten, dass ihr Unternehmen durch CSR-Bemühungen bereits einen Vorteil gegenüber den Hauptkonkurrenten errungen habe (Pohle und Hittner 2008, S. 3).

4. Der Wandel der CSR

Es gab und gibt verschiedene Ausprägungsformen, in denen unternehmerische Ver- antwortung oder Unternehmerverantwortung Gestalt annehmen kann. Seit ihren An- fängen fand eine Entwicklung statt, die hier näher erläutert werden soll. Die Ausprä- gungsformen lassen sich im Wesentlichen unter die Punkte „Philanthropie“, „Marke- ting“ und „strategische Nachhaltigkeit“ subsummieren. Negativ davon hebt sich das sogenannte Zeitalter der Habgier ab: Hier wird jegliche Verantwortung einfach igno- riert.

Im Folgenden werden alle Ausprägungsformen als „Zeitalter“ chronologisch dargestellt und durch Fallbeispiele veranschaulicht.

4.1 Das Zeitalter der Philanthropie

„Goodness is the only investment that never fails.“ Henry David Thoreau, Schriftsteller

4.1.1 Private Philanthropie

Philanthropie bedeutet „Menschenfreundlichkeit“ im Denken und Handeln. Das Zeital- ter der Philanthropie beginnt 1889 und fand seinen vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2006. Die private Philanthropie soll hier erwähnt werden, weil sie in die unternehmeri- sche Philanthropie mündete, welche im Kontext der Entwicklung der CSR eine wich- tige Rolle spielt. Als größter Philanthrop bis zum 20. Jahrhundert gilt John Davison Rockefeller. 1858 begann das große Ölgeschäft in den USA, und Rockefeller wurde in dieser Branche aktiv. Er übernahm die Firma, für die er arbeitete, und gründete auf diesem Fundament 1870 die Standard Oil Company. „The habit of driving good bar- gains and of saving money had started him“ (Tarbell 2009, S. 40), und er wurde „the wealthiest American ever“ (Jackson 2007) mit einem Vermögen von 1,53 % der US- Wirtschaftsleistung (Richest Americans 1998).

1901 gründete er das Rockefeller Institute for Medical Research und 1909 die Rocke- feller Sanitary Commission, die die Hakenwurmseuche im Süden der USA unter Kon- trolle brachte. 1913 gründete er die Rockefeller Foundation, die noch heute besteht und sich um Belange wie Bildung, Kultur, Gesundheit, Frieden, Konflikte und anderes kümmert. 1919 spendete Rockefeller dem akademischen Bildungssektor 50 Millionen USD, um die Gehälter der Lehrkräfte aufzubessern, da diese zu niedrig waren und ihm bewusst war, wie wichtig Bildung für eine Nation ist. Zu Lebzeiten spendete er insge- samt ca. 540 Millionen USD. Die Wohltätigkeit setzte sich in der Familie fort: sein Sohn und einer seiner Enkelsöhne spendeten zusammengenommen knapp 1,5 Milliarden USD (Visser 2011, S. 54ff.).

Einer der größten Wohltäter der heutigen Zeit ist William „Bill“ Henry Gates III, der Gründer der Microsoft Corporation. In der aktuellen Forbes-Milliardärsliste rangiert er auf Platz zwei, mit einem Nettovermögen von 67 Milliarden USD (Abb. 4). Neben vor- herigen Tätigkeiten im Gesundheitssektor rief Gates 1999 das Gates Millenium Scho- lars Program ins Leben, das zur Aufgabe hat, „die Anzahl der Studenten mit Migrati- onshintergrund zu erhöhen“ (Gates Foundation 2014). Diese und andere Initiativen mündeten im Jahr 2000 zur Gründung der Bill and Melinda Gates Foundation (ebd.). Die Stiftung gliedert sich in drei Bereiche: globale Entwicklung, globale Gesundheit und Vereinigte Staaten. Unter „globale Entwicklung“ fällt zum Beispiel die Unterstüt- zung der Alliance for a green Revolution in Africa, die die Nahrungsmittelknappheit in 20 Staaten Afrikas zu bekämpfen sucht.

„Globale Gesundheit“ bedeutet in erster Linie die finanzielle Unterstützung von Impf- kampagnen. Insbesondere sei hier der Kampf gegen das Poliovirus erwähnt, das zur Kinderlähmung führt und, auch dank Gates‘ Stiftung, bereits zu 99 % ausgerottet ist. In einem Interview mit Spiegel Online vom April 2013 äußerte sich Gates zu der Kam- pagne:

„Es ist eine historische Chance, das Polio-Virus weltweit auszurotten. (…) Es ist das erste Mal, dass Nichtregierungsorganisationen bei einer derartigen Kampagne über 40 Prozent des finanziellen Aufwands übernehmen. Gewöhnlich sind es zwei, drei Prozent. Entscheidend war der Erfolg in Indien, wo wir seit zwei Jahren keinen einzigen Polio-Fall mehr haben“ (Smoltczyk 2013).

Als zweitwichtigste Kampagne für seine Stiftung nennt Gates den Kampf gegen Malaria (ebd.).

Der Bereich „Vereinigte Staaten“ vergibt Stipendien an Jugendliche aus finanziell schwachen Familien und unterstützt Initiativen, die in Bibliotheken kostenloses Internet zur Verfügung stellen.

Nach eigener Aussage hat die Bill and Melinda Gates Foundation seit ihrer Gründung Zahlungen in Höhe von 28,3 Milliarden USD bewilligt (Gates Foundation 2014), und Gates plant, zu Lebzeiten 95 % seines Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Das Forbes Magazine führt Gates mit seiner Stiftung auf einer weiteren Liste der Su- perlative: Er belegt Platz 6 in der Liste der „World’s Most Powerful People“ (Powerful People 2013).

Ein weiterer Wohl- täter soll hier noch erwähnt werden: Warren Edward Buf- fett, US-amerikani- scher Großinvestor. Buffett kaufte seine erste Aktie in der Firma seines Va- ters, Buffet-Falk &

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Top 5 Forbes - The World’s Billionaires

Company. Fünf Jahre nach seinem Studium an der Columbia University gründete er seine eigene Kommanditgesellschaft. „In 1956, he started his investment partnership with $100; after thirteen years he cashed out with $25 million“ (Hagstrom1997, S. 1). Aktuell wird Buffetts Vermögen auf 53,5 Milliarden USD geschätzt, und in der Forbes- Milliardärsliste wird er auf Platz vier geführt (Abb. 4). Buffett ist bereits Mitglied und Mäzen der Bill and Melinda Gates Foundation und hat mitgeteilt, 99 % seines Vermö- gens für gute Zwecke einsetzen zu wollen. In einem Interview mit dem Fortune Maga- zine wurde Buffett gefragt, wie er mit seinem Vermögen in Bezug auf seine Kinder umgeht. Er sagt: „I still believe in the philosophy - FORTUNE quoted me saying this 20 years ago - that a very rich person should leave his kids enough to do anything but not enough to do nothing“ (Loomis 2006; vgl. Visser 2011, S. 63). „The legendary investor’s [Warren Buffett] latest donation puts his lifetime giving at nearly $20 billion, making him the second most generous person on the planet, below his good friend Bill Gates, whose given away $28 billion“ (Morrell 2013).

4.1.2 Unternehmerische Philanthropie

Neben der privaten Philanthropie hat sich ein fragwürdiger Trend etabliert, Geld zu investieren, um eine positive Außenwirkung zu erzielen. „Increasingly, philanthropy is used as a form of public relations or advertising, promoting a company’s image through high-profile sponsorships“ (Visser 2011, S. 70). Dies unterscheidet sich erheblich von den privaten Philanthropen, denn diese sind nicht in erster Linie darauf bedacht, eine Firma oder ein Produkt gut dastehen zu lassen. Bill Gates ist zwar Gründer von Micro- soft und arbeitet immer noch für seine Firma, indem er Ideen beisteuert; seine Spen- den entrichtet er jedoch weder im Namen Microsofts noch stellvertretend für den Kon- zern. Darüber hinaus übersteigt der Wert seiner Spenden bei weitem den möglichen Zugewinn für die Marke Microsoft. Buffett besitzt noch nicht einmal eine Firma, deren Image durch sein Handeln aufgewertet werden könnte. Er investiert in Aktien, Anleihen und Unternehmen, dabei bedarf es keiner hohen Reputation. Unternehmerische Philanthropie ist hingegen eine scheinheilige Form der Wohltätigkeit: „… if the venture capitalists are treating their donations as an investment with expectations of a financial return, then is it philanthropy, or just business?“ (Visser 2011, S. 70f.).

4.2 Das Zeitalter der Habgier und der Weg in die Finanzkrise

„Two friends were at a party held at the mansion of a billionaire. One said, „Wow! Look at this place! This guy has everything!“ The other said, „Yes, but I have something he’ll never have: enough.“ (Unbekannt)

Als das Zeitalter der Habgier, im Original: „The age of greed“, bezeichnet Wayne Vis- ser die Zeit, die in der Subprimekrise und der daraus resultierenden Weltwirtschafts- krise 2008 ihren Höhepunkt fand. Ihren Anfang nahm die Entwicklung mit der Einfüh- rung derivativer Finanzinstrumente im Jahre 1972. Dabei handelt es sich um Termin- geschäfte auf Grundlage bestimmter Basiswerte. Hieraus entstanden immer abstrak- tere Finanzprodukte, bis hin zu der Möglichkeit, auf die reine Kursentwicklung eines Rohstoffs zu wetten, ohne jemals einen materiellen Gegenwert zu besitzen. Die US- amerikanische Krise breitete sich über den ganzen Globus aus. So waren hierzulande zur Rettung der deutschen Hypo Real Estate alleine 19 Milliarden EUR nötig, die der Steuerzahler aufbringen musste oder noch muss. Roland Döhrn und Heinz Gebhardt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung beziffern in einer Studie die Kosten der Finanzkrise für Deutschland auf 187 Milliarden EUR (Greive 2013). Die USA hat es aus finanzieller Sicht ungleich härter getroffen: Nach einer Schätzung des International Monetary Fund liegen die Kosten bei 11 Billionen USD (Brooks 2009). Darüber hinaus gab es einen negativen Einfluss auf den Arbeitsmarkt: 2009 gab es weltweit 34 Millionen mehr Arbeitslose als vor der Krise. Außerdem gerieten in den USA zwischen 2008 und 2009 100.000 Unternehmen in Zahlungsunfähigkeit (Visser 2011, S. 31).

An dieser Stelle soll vorweggenommen werden, dass die Subprimekrise durchaus ver- meidbar gewesen wäre. Die Financial Crisis Inquiry Commission, die von der US-Re- gierung bestellt wurde um die Ursachen der Krise zu ermitteln, kam 2011 in dieser Frage zu dem Ergebnis: „… this financial crisis was avoidable. The crisis was the result of human action and inaction, not of Mother Nature or computer models gone haywire“ (Angelides et al. 2011, S. 17).

4.2.1 Executive greed

Im Jahr 2000 war der Energiekonzern Enron das siebtgrößte Unternehmen der USA mit einem Erlös von 111 Milliarden USD und über 20.000 Angestellten. Der Wertan- stieg der Aktien in den Jahren zuvor war bemerkenswert. Zwischen 1991 und 1999 hatte sich der Wert einer Aktie vervierfacht und entwickelte sich auch weiterhin positiv (Abb. 5). Nur zwei Jahre später, am 2. Dezember 2001, meldete der Konzern Insolvenz an. Vorangegangen war der Insolvenz eine mehrjährige Fälschung der Bilanzen, so wurden zum Beispiel Termingeschäfte als Gewinne ausgewiesen, offene Verbindlich-

keiten hingegen wurden nicht in die Bi- lanz aufgenommen, und es wurden mit höchstselbst von Enron gegründeten Off- Shore-Firmen Scheingeschäfte abgewi- ckelt. Im Oktober 2001 hat die US-Bör- senaufsicht Enron offiziell ins Visier ge- nommen, was die Ratingagenturen völlig

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Börsenkurs von Exxon Mobil von 1970-2014

unbeeindruckt ließ. Man vergab weiterhin die Wertung „investment grade“, was einem Rating zwischen AAA und BBB entspricht. Erst am 28. November 2001, vier Tage vor der Bankrotterklärung, wurden die Ratings nach unten korrigiert, was hieß, dass jetzt von einer Investition abgeraten wurde (Hill 2004, S. 43).

Wessen Schuld das war, ergibt sich aus dem Urteil der US-Justiz gegen den CEO, Jeffrey K. Skilling. Er wurde in 19 Fällen des Betrugs, der Konspiration, des Insider- handels und vorsätzlicher Fehlinformation von Abschlussprüfern schuldig gesprochen. Er wurde zu über 24 Jahren Haft und zu einer Geldstrafe von 45 Millionen USD verur- teilt. Während die Geschäftsleitung 2001 noch 55 Millionen USD an Boni und weitere 116 Millionen USD an Wertpapieren erhielt, lag die durchschnittliche Abfindung der Angestellten bei 45.000 USD (Vis- ser 2011, S. 32). Die Diskrepanz der Gehälter von Geschäftsleitung und Angestellten ist nach wie vor ein großes Thema. Anfang 2013 hat Chloe Whiteaker für Bloomberg eine Pay-Ratio-Liste der Top 250

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Gehaltsgefälle CEO - Angestellter

unter den Standard & Poor’s 500 erstellt. Aus Whiteakers Berechnungen geht hervor, dass in einigen Unternehmen der CEO mehr als das 1000-fache eines durchschnittlichen Mitarbeiters verdient (Abb. 6).

4.2.2 Die Mitschuld der Banken und Ratingagenturen an der Immobilienblase

In den Jahren vor der Krise verzeichneten Immobilien in den USA eine sehr gute Ren- dite. Gleichzeitig senkte die US-amerikanische Zentralbank den Leitzins, um die Wirt- schaft anzukurbeln. Das führte dazu, dass privaten Kreditnehmern gute Konditionen geboten wurden. Mit dem Kredit finanzierten viele eine Immobilie, da die jährliche Ren- dite sogar über den Zinszahlungen lag. Die erhöhte Nachfrage schlug sich auch positiv auf die zu erwartende Rendite der Immobilien nieder. Die Banken waren dankbar über die Sicherheit - geriet ein Kreditnehmer in Zahlungsschwierigkeiten und konnte er den Kredit nicht mehr bedienen, wanderte die Immobilie in den Besitz der Bank.

Banken begannen, einzelne Kredite zu CDOs (Collateral Debt Obligations) zu verbrie- fen, das heißt, sie erstellten Pakete aus mehreren Krediten zu einem Wertpapier, das eine gute Rendite bot und, zumeist, von den Ratingagenturen mit Bestnoten bedacht wurde. Dadurch wurde das wahre Risiko hinter den verbrieften Krediten verschleiert.

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Details

Seiten
58
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668506107
ISBN (Buch)
9783668506114
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372869
Institution / Hochschule
Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Note
1,7
Schlagworte
csr wirtschaftsethik corporate social responsibility kultur und technik

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