Lade Inhalt...

Geschichtsrestaurierendes Schreiben in W.G. Sebalds "Paul Bereyter"

Eine Suche nach Wahrheit zwischen Wirklichkeit und Fiktion

Hausarbeit 2017 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verdrängte Wahrheit: Sebalds Kritik an der gegenwärtigen Erinnerungskultur

3. Verborgene Wahrheit: Sebalds Suche nach der „wahren Geschichte“

4. „Zusammengebastelte“ Wahrheit: Die Bricolage als literarische Arbeitstechnik

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein komplexes Zeitbewusstsein mit allen seinen Möglichkeiten und Folgen für das Le­ben gilt in der Regel als eine hohe, rein menschliche Verstandesfertigkeit. Ein Resultat aus dieser Fähigkeit, Teile der Vergangenheit im Bewusstsein zu halten und sich gezielt vergegenwärtigen zu können, ist freilich die in den allermeisten Kulturen schon immer vorhandene und heutzutage – zumindest im deutschen Kulturraum – vorwiegend auf die nationalsozialistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg bezogene Erinnerungskultur. Als fundamentaler Bestandteil des menschlichen (Zusammen-)Lebens hat das Erinnern natürlich Eingang in das breite Themenspektrum der Weltliteratur gefunden, war für die jeweiligen Autorinnen und Autoren – an dieser Stelle sind vor allem diejenigen gemeint, die ihre Werke vor dem schrecklichen Hintergrund persönlicher Erfahrungen mit dem Holocaust verfassten – ein schwieriges Unterfangen. Viele von ihnen waren nicht dazu in der Lage, ihre traumatischen Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges unmittel­bar danach in Worte zu fassen und zu veröffentlichen, sondern brauchten zunächst Zeit, um das ihnen Widerfahrene selbst zu verarbeiten. Diese Latenzphasen waren natürlich immer von unterschiedlicher Dauer; es ist jedoch auffallend, dass insbesondere seit dem Ende des letzten Jahrhunderts eine literarische Hochkonjunktur des Erinnerns und Ge­denkens an dieses „Jahrhundert der Weltkriege und Konzentrationslager, der Vernich­tung und Zerstörung“[1] stattfindet.

Auch W.G. Sebald, der zwar erst 1944 zur Welt kam, sein Leben nach eigenen Aussagen aber dennoch maßgeblich durch die Folgen des deutschen Nationalsozialismus beein­flusst sah[2], hat seine diesbezüglichen Gedanken erst relativ spät zu Papier gebracht und trat ab 1988 mit einem groß angelegten, literarischen Erinnerungswerk, das grundsätz­lich durch eine kritisch-ablehnende Haltung des Autors bezüglich der gegenwärtigen ge­sellschaftlich-kulturellen Erinnerungs- und Gedenkarbeit sowie – daraus resultierend – Versuche einer angemesseneren Aufarbeitung der Vergangenheit geprägt ist, an die Öffentlichkeit. Im Folgenden soll anhand der „Paul Bereyter“-Erzählung, die 1992 in Sebalds berühmtem Erzählband „Die Ausgewanderten“ erschienen ist und die schicksalhafte Biografie eines gleichnamigen Lehrers und „Vierteljuden“, der im nationalsozialistischen Deutschland alles verliert, was ihm lieb und teuer ist und daraufhin in eine ihn bis in den Suizid treibende Depression verfällt, rekonstruiert, exemplarisch untersucht werden, was genau es ist, das Sebald am generellen Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit auszusetzen hat und wie seinerseits die Versuche aussehen, diesen Entwicklungen und Konventionen entgegenzuwirken, um somit die „wahre Geschichte“ ans Tageslicht befördern und allen Betroffenen das ihnen zustehende Gedenken ermöglichen zu können.

2. Verdrängte Wahrheit: Sebalds Kritik an der gegenwärtigen Erinnerungskultur

Es ist vor allem die „Gedächtnis- und Erinnerungslosigkeit“[3], in der ein Großteil der deutschen Bevölkerung heute lebe, die Sebald entsetzt und deprimiert. Die schreckli­chen Schicksale und Ungerechtigkeiten, die den Opfern des Nationalsozialismus wider­fahren sind, bleiben „angesichts [dieser] Verdrängungshaltung ohne Echo“[4] und werden oft nach wie vor „systematisch totgeschwiegen“[5]. Für die ohnehin schon Leidenden stellt diese Praxis eine zusätzlich belastende Demütigung dar: Nicht nur werden sie selbst ihr Leben lang mit den oft traumatisierenden Erfahrungen und Erlebnissen, die sie durchmachen mussten, zu kämpfen haben; es werden jetzt, im Nachhinein, darüber hin­aus durch eine weitreichende Marginalisierung auch alle Chancen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und derartige Verbrechen niemals wieder zuzulassen, elimi­niert. Auf die Aussage hin, dass er selbst – aus einer „eher linksorientierten SPD-Fami­lie“ stammend – ja mit dem Antisemitismus gar nicht viel zu tun haben würde, antwor­tete Sebald in einem Gespräch mit Sigrid Löffler einmal wie folgt:

„Trotzdem hat mich immer gewundert, mit welcher Perfektion diese Generation imstande war, den Holocaust aus ihrem Gedächtnis zu eliminieren. Das Stimmt auch für die Autoren der Nachkriegsliteratur. Schriftsteller wie Böll oder Andersch waren ja auch Zeugen, haben sich in ihren Büchern aber nie richtig darauf eingelas­sen. […] Die Vergangenheit wird dauernd eliminiert.“[6]

Anders als diese Autoren, die der ihnen „im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre“ zugewachsenen „Rolle […], kritisch-moralische Gegenrede zum offiziellen Diskurs des politischen „Restauratoriums“ zu halten“[7], seiner Meinung nach also nicht gerecht wer­den können, ist Sebald – wie im folgenden Kapitel deutlich werden wird – sehr darum bemüht, der inhaltslosen gesellschaftlichen „Routine des Gedenkens“[8] entgegenzuwir­ken und einen reflektierten sowie lehrreichen Umgang mit der Vergangenheit in der deutschen Öffentlichkeit anzuregen.

In der „Paul Bereyter“-Erzählung wird die kritisch-ablehnende Haltung des Narrators, der prinzipiell natürlich nicht mit Sebald gleichgesetzt werden kann – er gibt aber trotz­dem selbst zu, dass Lebensdaten und Details seiner Erzählfiguren „in aller Regel ziem­lich genau“[9] mit seinen eigenen übereinstimmen – gegenüber der strikten Vermeidung jeder öffentlichen Thematisierung der schrecklichen Verbrechen und Nachfolgen des Holocausts nach dem Krieg direkt zu Beginn deutlich, als er, kurz nachdem ihn die Nachricht vom Freitod seines ehemaligen Volksschullehrers ereilte, dessen Todesanzei­ge betrachtend anmerkt:

„Der mit den Worten Trauer um einen beliebten Mitbürger überschriebene Nachruf im Anzeigeblatt […] nahm auf die Tatsache, daß Paul Bereyter aus freien Stücken oder unter einem selbstzerstörerischen Zwang sein Leben gelassen hatte, keinen Bezug und sprach nur von den Verdiensten des verstorbenen Schulmanns“[10].

Später in der Erzählung zeigt sich auch Lucy Landau, eine langjährige Freundin Berey­ters, die dem Erzähler auf seiner Suche nach Informationen, die ihm zur Rekonstruktion des Lebens und des Schicksals seines ehemaligen Lehrers dienen können, hilft, indem sie ihre umfangreichen Erinnerungen an den „pauvre Paul“ mit ihm teilt, enttäuscht aber wenig überrascht über die konsequent vernachlässigte Vergangenheitsbewältigung vieler Zeitgenossen. Es sei vor allem „die Gründlichkeit, mit welcher diese Leute in den Jahren nach der Zerstörung al­les verschwiegen, verheimlicht und, wie mir manchmal vorkommt, tatsächlich ver­gessen haben“[11],

die es Madame Landau auch bei einer bloßen Nacherzählung der Ereignisse schwer macht, „nach dem kleinen Ausbruch, den sie sich erlaubt hatte, wieder ins Sachliche einzulenken“[12].

Insbesondere nachfolgende Generationen, die keine eigenen Erfahrungen mit und somit auch keine eigenen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus haben, sind ange­wiesen auf die für Sebald völlig unzureichende Berichterstattung anderer, in der Regel gesellschaftlich-kultureller Institutionen, deren Stellenwert besonders vor dem Hinter­grund, dass ein Großteil der direkten Zeitzeugen heute nicht mehr unter den Lebenden weilt und mit den verbleibenden von ihnen bald auch die konkreten, persönlichen Erinnerungen komplett ausgestorben sein werden, immer größer wird. Das Problem hierbei ist, dass natürlich auch diese Informations- und Bildungsquellen von den konse­quenten Verdrängungspraktiken der Nachkriegszeit beeinflusst wurden und somit nur Rück- und Einblicke in vergangene Zeiten geben können, die „angewiesen [sind] auf kulturell und sprachlich Vorgefertigtes des sogenannten kollektiven Gedächtnisses“[13]. Als großer Kritiker dessen, was sich als dieses „kollektive Gedächtnis“ etabliert hat, wendet sich Sebald in seinem literarischen Werk bewusst gegen diese unrühmliche Tra­dition und begibt sich auf die schwierige Suche nach der „wahren Geschichte“.

3. Verborgene Wahrheit: Sebalds Suche nach der „wahren Geschichte“

Dass es heutzutage – beispielsweise im Schulunterricht – in der Regel Themenkomple­xe wie „Die Judenverfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus“ sind, die dazu dienen sollen, an das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern, ist für Se­bald zutiefst unzureichend. Es sind vielmehr individuelle Einzelschicksale, die für uns „Nachvollziehende“ einen möglichst realistischen Einblick in die tatsächliche Vergan­genheit ermöglichen können:

„Der Umstand, daß das Thema stets in diesen großen Kategorien abgehandelt wur­de, hat mir […] Mißbehagen bereitet. Es ging immer um die Millionen, die da durch die Gaskammern geschleust wurden. Das waren aber nicht anonyme Massen, sondern immer einzelne Menschen, die tatsächlich auf der anderen Seite des Flurgangs gelebt haben.“[14]

Vier solcher Einzelschicksale, darunter auch die Geschichte des Volksschullehrers Paul Bereyter, beschreibt Sebald in seinem Erzählband mit dem Titel „Die Ausgewanderten“. Wie aber kommt es, dass er – und darüber hinaus auch durchaus zahlreiche Literatur­wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler – für dieses Einzelwerk, das neben dem Leh­rer Bereyter noch über einen ehemaligen Arzt, einen Onkel des Erzählers und einen Ma­ler berichtet, beansprucht, dass es mehr über das Leben und Leiden der vielen zur Hoch­zeit des Nationalsozialismus Verfolgten auszusagen vermag als es die meisten großen Forscherinnen und Forscher in ihren breit angelegten historischen Publikationen kön­nen? Die Antwort auf diese Frage liegt vor allem in der Tatsache begründet, dass den Lebensgeschichten Paul Bereyters, Henry Selwyns, Ambros Adelwarths sowie Max Au­rachs ein gewissen „stellvertretender“ Wert zugeschrieben werden kann. Die von Sebald ausgewählten Biografien in den „vier Erzählungen, die von den Millionen ermordeter Toten handeln“[15], sind absolut „keine Zufälligkeiten, sondern paradigmatische Manifestationen von Geschichte, an denen Literatur zu beweisen hat, was sie leisten kann: Vergangenheit zu bewah­ren, in ihrem/n Namen Denkmale zu errichten.“[16]

[...]


[1] Ritte, J.: Endspiele. Geschichte und Erinnerung bei Dieter Forte, Walter Kempowski und W.G. Sebald, Berlin 2009, S. 12.

[2] Vgl Sebald, W.G.: Auf ungeheuer dünnem Eis. Gespräche 1971 bis 2001. Hrsg. von Torsten Hoffmann, Frankfurt am Main 2011, S. 176.

[3] Sebald, W.G.: Auf ungeheuer dünnem Eis, S. 83.

[4] Schütte, U.: W.G. Sebald: Einführung in Leben und Werk, Göttingen [u. a.] 2011, S. 100.

[5] Juhl, E.: Die Wahrheit über das Unglück. Zu W.G. Sebalds Die Ausgewanderten. In: Anne Fuchs und Theo Harden (Hrsg.): Reisen im Diskurs. Modelle der literarischen Fremderfahrung von den Pilgerberichten bis zur Postmoderne, Heidelberg 1995, S. 640-658, hier S. 641.

[6] Sebald, W.G.: Auf ungeheuer dünnem Eis, S. 82f.

[7] Ritte, J.: Endspiele, S. 21.

[8] Ritte, J.: Endspiele, S. 17.

[9] Sebald, W.G.: Auf ungeheuer dünnem Eis, S. 204.

[10] Sebald, W.G.: Paul Bereyter. In: ders.: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen, Frankfurt am Main 1994, S. 39-93, hier S. 41f.

[11] Sebald, W.G.: Paul Bereyter, S. 74.

[12] Sebald, W.G.: Paul Bereyter, S. 75.

[13] Denneler, I.: Von Namen und Dingen. Erkundungen zur Rolle des Ich in der Literatur am Beispiel von Ingeborg Bachmann, Peter Bichsel, Max Frisch, Gottfried Keller, Heinrich von Kleist, Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, Vladimir Nabokov und W.G. Sebald, Würzburg 2001, S. 140.

[14] Sebald, W.G.: Auf ungeheuer dünnem Eis, S. 106f.

[15] Denneler, I.: Von Namen und Dingen, S. 157.

[16] Denneler, I.: Von Namen und Dingen, S. 139.

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668507463
ISBN (Buch)
9783668507470
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372526
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Schlagworte
geschichtsrestaurierendes schreiben sebalds paul bereyter eine suche wahrheit wirklichkeit fiktion

Autor

Zurück

Titel: Geschichtsrestaurierendes Schreiben in W.G. Sebalds "Paul Bereyter"