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Die Kunst als Erlebnis und der Moment des Erhabenen nach Barnett Newman

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I. Der Begriff des Erhabenen
2.1 Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft 2.2Bamett Newman

II. Kunst als Erlebnis: Der Moment des Erhabenen

III. Fazit

Einleitung

Die moderne, und vor allem die abstrakte Kunst, hat schon viele Rezipienten vor Rätsel gestellt, hat Staunen aber auch Ablehnung ausgelöst und bedarf fast immer intensiver theoretischer Diskurse. So taucht beispielsweise die Malerei auch in der Literatur auf, und verschiedenste Schriftsteller beschäftigten sich mit bildender Kunst.

Auch Heinrich von Kleist weist in mehreren Texten, wie zum Beispiel in drei fiktiven Künstlerbriefen, veröffentlicht in den Berliner Abendblättern, auf die unendlichen Möglichkeiten der Malerei hin. Dabei meint Kleist nicht die malerische Nachahmung derNatur, sondern den eigenständigen, künstlerischen Ausdruck des jeweiligen Künstlers. Damit bricht Kleist mit dem damaligen vorherrschenden Stil des Kopierens von alten Meistern oder der Natur.

Kleist gibt dem schöpferischen Subjekt, dem Künstler selbst und dessen inneren Ausdruck Vorrang vor dem Kopieren äußerer Wirklichkeit. Durch den inneren Ausdruck des Künstlers soll auch im Rezipienten eine Stimmung, eine Emotion hervorgerufen werden.

Wie stark Kleist selbst von Malereien innerlich bewegt war, zeigt sich am besten in seinem Text zu dem Bild 'der Mönch am Meer' von Caspar David Friedrich. Kleist zeigt sich zutiefst erschüttert von dem Bild, es wühlt ihn auf und berührt ihn unbeschreiblich. Solche emotionale Reaktionen aufMalerei bzw. Bildende Kunst im allgemeinen, wird Jahre später von dem Künstler Barnett Newman als 'erhabene Momente' bezeichnet. Newman beschreibt den Sinn der Kunst genau darin, solche emotionalen Momente wie Kleist sie vor Friedrichs Bild erlebte, zu provozieren.

In dieser Arbeit soll die literarische Auseinandersetzung Kleist mit dem Bild 'Mönch am Meer' mit der Kunsttheorie Barnett Newmans und seinem Begriff des 'Erhabenen' zusammengebracht werden.

2. Der Begriff des Erhabenen

Der Begriff des ,Erhabenen‘ ist seit der Antike eine Bezeichnung für Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitung im Allgemeinen. Das können beispielsweise unvergleichliche sinnliche Erfahrungen sein, sowie übersteigerte ästhetische Wirkungen oder verallgemeinert, übermächtige Phänomene sein. Grundlage für die Erfahrung des Erhabenen ist eine generelle Überforderung der sinnlichen Wahrnehmung und wird daher auch als indirekte Darstellung des Undarstellbaren verstanden.

Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff des Erhabenen gemeinsam mit dem Begriff des Schönen zu Grundbegriffen einer sich bildenden Ästhetiktheorie. Schon in der antiken Rhetorik zeichnete sich die Problematik des Begriffes des Erhabenen ab: Das Erhabene durchbricht Alltagsstrukturen und ist daher gekennzeichnet durch Plötzlichkeit, Irrationalitätund „Irritation der Wahrnehmung“1.

Das Erhabene ist also ein Wahrnehmungsprozess, welcher nur schwer rational erklärbar ist.

Edmund Burke beschreibt die Macht des Erhabenen als ein Phänomen, das nicht vom Räsonnement hervorgerufen wird, sondern „diesem vielmehr zuvorkommt und uns mit unwiderstehlicher Kraft fortreißt.“2

Auch Immanuel Kant spricht dieses Problem der zeitlichen und rationalen Einordnung des erhabenen Erlebnisses an, er beschreibt das Ereignis als zu schnell und zu viel, sodass das Geschehen von der Einbildungskraft zu keinem Gesamtbild zusammengefügt werden kann.3

Der Begriff des Erhabenen unterlag im Laufe der Geschichte erheblichen Veränderungen, vor allem in seinem Verhältnis zum Begriff des Schönen, der einerseits als konträrer Begriff wahrgenommen wird, und andererseits aber auch mit dem Erhabenen verbunden ist. Das Erhabene zeigt die Grenzen des Schönen, kann aber auch als höchste Steigerung des Schönen interpretiert werden.4

Im 17. Jahrhundert wird der Begriff des Erhabenen von englischen Autoren verstärkt zur Beschreibung von ungewöhnlichen Naturphänomenen verwendet.

Die Landschaftserfahrung wie zum Beispiel die wilde Natur, das Hochgebirge etc. werden bei verschiedenen Autoren (z.B. Baillie, Addison) als überwältigende und überfordernde Erfahrung beschrieben, teilweise auch als schreckliches Ereignis empfunden.

Später wird der Begriff auch auf Werke der bildenden Kunst angewendet, und weist somit stärker auf die Disposition des Betrachters hin als auf das Werk selbst.

Burke beschreibt die Erfahrung des Erhabenen als eine übermäßige Anspannung der Nerven, einen schmerzähnlichen Zustand, ein Erschauern, und gleichzeitig ein ein Frohsein, das sich mit dem Schrecklichen vermischt, da der Betrachter des erhabenen Ereignisses selbst nicht direkt gefährdet ist.5

Kant dagegen bezieht dieses Gefühl des Frohseins, das bei einem erhabenen Erlebnis mitschwingt, auf die Lust die das Subjekt empfindet, wenn es erkennt, dass die Vernunft der Herausforderung gewachsen ist.6

Auch Kleist hat sich mit dem Begriff des Erhabenen befasst, und seine Schriften, welche zeitnah zu Kleists Theorien entstanden sind, stellen sich deutlich gegen Kants vernunftbezogene Begriffsbasis. Während Kant das Erhabene nur aufPhänomene der Natur bezieht, erweitert Kleist den Begriff auf die künstlerische Ebene und verweist auf das eingeschränkte Erkenntnisvermögen im Erlebnis des Erhabenen. Damit legt er einen theoretischen Grundstein, der vor allem im 20. Jahrhundert wieder aufgegriffen wird.

Vertreter der modernen Kunst wie Barnett Newman sehen das Erhabene nicht als Leistung des Subjekts wie es Kant annimmt, sondern als Ereignis, etwas, das dem Subjekt geschieht, das Subjekt wird ergriffen und ist daher eher erfahrbar, nicht darstellbar.

2.1 Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft

Während Kleist sich zuerst intensiv mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt, bedeutet die sogenannte Kant-Krise einen bedeutenden Wendepunkt in seinem Leben. Als Kleist sich mit Kants „Kritik der Urteilskraft“ auseinandersetzte, hat das sein bisheriges Weltbild grundlegend verändert. Seine bisherige Auffassung des Menschen als Wesen, welches zur Vervollkommnung durch das Sammeln von Wissen fähig ist, wurde von Kants Infragestellung der Wahrheit völlig zerstört:

„ Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, 'wahrhaftig Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr. “7

Kant entlarvt die Wahrheit als rein subjektiven Eindruck, was bedeutet, dass es keine objektive, allgemeingültige Wahrheit zu finden oder zu erkennen gibt.

Seit dieser erschütternden Erkenntnis richtete Kleist seine Aufmerksamkeit verstärkt auf die Kunst, und findet in der Kunstbetrachtung das erhabene Erlebnis.

Eine vieldiskutierte Schrift bezüglich des Erlebnisses eines Kunstwerks, ist Kleists Text zu dem Gemälde „Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich. Veröffentlicht unter dem Titel „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft am 13.10.1810 in den „Berliner Abendblätter“, war zunächst mit „c.b.“ für Clemens Bretano unterzeichnet. Tatsächlich hat Kleist einen Text von Bretano umgearbeitet und ergänzt und anschließend unter dessen Initialen veröffentlicht. Später, als der Text bereits viele Diskussionen ausgelöst hatte, erklärte sich Kleist schließlich öffentlich als Autor der umstrittenen Veröffentlichung.8

Das Bild von C.D. Friedrich wurde zum ersten Mal im Jahr 1810 in Berlin ausgestellt. Die Reaktionen des Publikums fielen sehr unterschiedlich aus. Sie variierten zwischen Anerkennung, Befremden und klare Ablehnung.

[...]


1: Jürgen Brankel, Der Augenblick. Eine mystische Erfahrung., Wien: Turia + Kant 2006, S. 72

2:Edmund Burke, Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unsrer Begriffe vom Erhabenen, Riga, 1773, S. 91

3: vgl. Immanuel Kant, Kritik der Urteilsraft, hrsg. Gerhard Lehmann, Stuttgart, Reclam 1963 S.156 -157

4: wwwhomes.uni-bielefeld.de/jgrave/publ/das_erhabene.pdf

5: wwwhomes.uni-bielefeld.de/jgrave/publ/das erhabene.pdî

6: Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, hrsg. Gerhard Lehmann, Stuttgart, Reclam 1963 S.67

7: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-7043/3

8: vgl. nach C. Begemann. Brentano undKleistvorFriedrichsMönch amMeer. Aspekte eines Umbruchs in der Geschichte der Wahrnehmung (17. 2. 2006 )[1990], In: Goethezeitportal.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668504097
ISBN (Buch)
9783668504103
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372494
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
kunst erlebnis auseinandersetzung kleists bild mönch meer kunsttheorie barnett newmans begriff erhabenen

Autor

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