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Bürgerliche Wertvorstellungen zur Zeit des Vormärz in Deutschland

Seminararbeit 2016 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Deutsche Bürgertumsforschung im Überblick

3. Bürgertum und Werte
3.1. Der bürgerliche Wertehimmel
3.2. Bildung und Erziehung
3.3. Kulturschaffende und Akademiker
3.4. Leistung und Arbeit

4. Exklusives Bürgertum und politischer Zerfall

Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

„1. Was ist der Dritte Stand? - Alles.
2. Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? - Nichts.
3. Was verlangt er? - Etwas zu sein.“1

Mit diesen Worten leitete Emmanuel Joseph Sieyes die Französische Revolution von 1789 ein. Mit der Revolution erhob sich der beschriebene Dritte Stand zur bestimmenden Größe und leitet die bürgerliche Moderne ein, die bis heute prägend für unsere Gesellschaft ist. Das folgende ‚lange‘ 19. Jahrhundert ist durchdrungen vom Aufstieg des Bürgertums zur bestimmenden Größe in Politik und Gesellschaft. Doch was macht den Bürger aus? In der Französischen Revolution ist ein Bürger in der französischen Übersetzung und in seiner Wahrnehmung zunächst der Citoyen, der sich aktiv am politischen, sozialen und ökonomischen Geschehen seiner Stadt beziehungsweise seiner Nation beteiligt.2 Schon in dem Revolutionsjahrzehnt nach 1789 macht sich in Frankreich ein Graben auf zwischen den wohlhabenden Bürgern die in politischer Verantwortung standen und finanziell stark von der Revolution profitierten und einer Schicht aus Handwerkern, Krämern und auch Bauern, die wohl zum Dritten Stand gehört haben, aber dennoch weder im gleichen Maße ökonomisch profitierten noch das politische Geschehen als Einzelakteure mitgestalten konnten.3 Es macht sich also schon zu Beginn der bürgerlichen Moderne ein Teil des Dritten Stand auf, die bestimmende Kraft zu werden. Das Großbürgertum, die Bourgeoise prägt seitdem das Bild von Bürgerlichkeit.

Die bourgeoise Vormachtstellung setzte sich unter anderen Vorzeichen auf dem restlichen Kontinent fort, denn wie in Frankreich hatte das Großbürgertum in vielen Nationen in Wirtschaft und Gesellschaft bereits eine herausragende Stellung eingenommen und so auch eigene Vorstellungen und Ideale entwickelt, die nun in Frankreich auch politisch Ausdruck finden sollten.4

In Deutschland hat sich das Bürgertum, geprägt von Kleinstaaterei und kulturellem Nationenbegriff einerseits und Freien Reichsstädten und stolzen Traditionen in Gilden und

Zünften andererseits, eigene Traditionen und Werte geschaffen.5 Die politische Emanzipation des Bürgertums fand in Deutschland aufgrund seiner politischen Struktur zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht einheitlich statt und wurde größtenteils über Reformen erreicht.6 Doch wenn auch die politische Emanzipation nicht im revolutionären Umbruch, sondern durch Reformen von Oben peu á peu vonstatten ging, ist in der Zeit des Vormärz in Deutschland eine neue bürgerliche Gesellschaft ausgereift, die eigene Werte vertiefte und neu entwickelte. Werte, die bis heute Bürgerliches definieren und Auswirkung auf unsere Gesellschaft haben. Im folgenden Text soll diesen Werten nachgegangen werden. Es wird versucht, diesen Wertekanon in seinem Entstehen nachzuvollziehen und auch das deutsche Bürgerverständnis mit den Entwicklungen in anderen Nationen zu vergleichen. Nicht zuletzt stellt sich dem Seminarthema gemäß die Frage, ob die politische Zäsur im Revolutionsjahr 1830 auch Auswirkungen auf die Wertvorstellungen hat oder ob diese Vorstellungen vielmehr Einfluss auf die politischen Entwicklungen hatten.

2. Deutsche Bürgertumsforschung im Überblick

Zur Erforschung der Entwicklung des modernen Bürgertums im 19. Jahrhundert gibt es verschiedene, konkurrierende Ansätze, die in dem sogenannten Frankfurter und im Bielefelder Projekt verfolgt wurden. Der Frankfurter Ansatz sieht das moderne Bürgertum in der frühneuzeitlichen Ordnung verwurzelt. Hierbei fungierte das traditionale städtische Bürgertum, dass sich vor allem zusammensetzte aus Handwerkern und Händlern, die in mächtigen Zünften und Gilden kooperierten und bereits wirtschaftsbürgerliche Merkmale aufwiesen. Die frühneuzeitliche Stadt war in dieser Darstellung sozusagen die Brutzelle des Bürgertums im 19. Jahrhundert.

Die Bielefelder Theorie stellte dem entgegen das moderne Bürgertum als eine explizit neue Schicht dar, die aus dem sich durch Industrialisierung und Frühkapitalismus etablierenden Wirtschaftseliten, den Bildungseliten und der Vielzahl an Funktionsträgern, also Beamten, im modernen Verwaltungsstaat entstand, der im Verlauf des 18. Jahrhunderts zu entstehen begann und im 19. Jahrhundert weiter anwuchs.7 Das alte städtische Bürgertum war aufgrund seiner alten und verkrusteten Strukturen, etwa in den Zünften, eher ein hemmender, dem modernen Bürgertum entgegenstehender Akteur. Dadurch ergaben sich Konflikte zwischen den modernen Bürgern aus Wirtschaft-, Bildungs- und Funktionseliten, die die Modernisierung der Gesellschaft vorantrieben und von ihr am meisten profitierten und den Zünften und Gilden in den Städten, die sich in Abwehrkämpfen gegen Zunftfreiheit oder Fabriken und in erschwerten Zugang zu städtischen Bürgerrechten für neue, von außen kommende Eliten bemerkbar machten.8

Wesentlich sind auch die unterschiedlichen Zielstellungen, die den Identifikationsmerkmalen und bestimmenden Werten des Bürgertums in der jeweiligen Denkschule zugeschrieben wurden. Der Frankfurter Ansatz sieht die bürgerlichen Werte wie Bildung, Erziehung, Ehre und Fleiß als Verhaltenskodex für jeden Einzelnen, dessen Ziel es war, eine klassenlose Bürgergesellschaft zu erreichen. Diese würde von Bürgern geprägt und geführt, sollte aber eben als klassenlose Gesellschaft auch jedem, der sich diese Werte zu eigen machte, befähigen, zum Bürger zu werden, was freilich in der angestrebten Vollkommenheit Utopie blieb.9

Das Bürgertum, dass sich über seine Lebensart und Werte als gemeinsame Gruppierung definierte, idealisierte dagegen in der Bielefelder Sichtweise im Sinne der Aufklärung das freie und befähigte Individuum. Dieses befähigte sich der gleichen Werte und Tugenden, die auch die Frankfurter Theorie als wesentlich ausmacht. Bildung und Erziehung, Fleiß und Ehre zielten jedoch nicht auf eine klassenlose Bürgergesellschaft, sondern durch die Befähigung jedes einzelnen auf eine aufgeklärte Republik die zum allgemeinen Wohl für das Volk streben sollte.10

Die beiden Theorien in der Betrachtung des Bürgertums im 19. Jahrhundert fußten vorrangig auf in den 1980er Jahren geführten Forschungskontroversen, haben aber dennoch für die heutige Bürgertumsforschung nach wie vor Bewandtnis. Dies gilt nicht nur aufgrund der zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten, die im Zuge dieser Debatte entstanden, sondern auch in den Erkenntnissen, die man heute daraus ziehen kann.11 In dieser Arbeit soll versucht werden, beide Ansätze in die Betrachtung mit einzubeziehen.

3. Bürgertum und Werte

3.1. Der bürgerliche Wertehimmel

In Deutschland entwickelte sich ein weitläufiger und vielfältiger Kanon bürgerlicher Werte. Die Gründe dafür sind gleich in mehreren Aspekten des damaligen politischen wie sozialen Zustands Deutschlands, beziehungsweise der vielen deutschen Staaten auszumachen. So hat sich allein aufgrund des Einflusses Frankreichs auf die ehemaligen Rheinbundstaaten, im Besonderen im Süd und Südwesten, also in Baden, Württemberg oder auch in Bayern das Wertesystem anders ausgerichtet, als etwa in Preußen.12 Einen ähnlichen Effekt übte die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung und Ausrichtung der Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes aus. Die verschiedenen Ausprägungen von Werten sind letztlich auch in der Konfession des Bürgers beziehungsweise des jeweiligen Staates begründet gewesen, die etwa in Form der protestantischen Ethik wichtige Impulse für den bürgerlichen Wertekanon gab.13

Dabei fanden sich für diesen Kanon bürgerlicher Werte nicht selten Entsprechungen in vorbürgerlichen Idealen, im Ethos der Gilden und Zünfte oder in christlichen Maximen. Zunächst widersprüchlich erscheint die Orientierung gerade in Kultur, Bildung und Erziehung an adligen Ausdrucksformen, beispielsweise in Form des zuvor eher höfisch geprägten Musiktheaters, das als neue bürgerliche Institution wahrgenommen wurde.14 Den Kern des bürgerlichen Wertekanons bildeten bürgerliche Primärtugenden, worunter vor allem Bildung und Leistung aufgefasst wurden. Dies sind die Eigenschaften, die auch in sozialer und politischer Hinsicht den Menschen befähigen Bürger zu sein, der selbstständig seine Existenz sichert und ausbaut und gleichsam intellektuell in der Lage ist an gesellschaftlichen Entscheidungen zu partizipieren. Dazu gesellen sich sekundäre Tugenden, so unter anderem Anstand, Ehrlichkeit oder auch Sparsamkeit, die ergänzend zu Bildung und Leistung, Handeln und Leben im bürgerlichen Sinne bestimmen sollen. Die Tugenden bildeten in ihrer Gesamtheit die geradezu pseudoreligiös verklärte Instanz eines sogenannten bürgerlichen Wertehimmels, der weitreichenden Auswirkung auf das Leben und das Agieren des Bürgertums im 19. Jahrhundert ausübte.15

Ziele wie intellektuelle Partizipation oder wirtschaftliche Autonomie und Prosperität erzeugen einen Ansporn die eigene Person zu verbessern, aber auch das Umfeld oder die Gesellschaft im Ganzen. Diese Motivation lässt den Schluss zu, dass in Deutschland Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert neben dem wertorientierten Individualismus auch ein Erziehungsgedanke und ein gesellschaftlicher Sendungsauftrag innewohnt.

3.2. Bildung und Erziehung

Das bürgerliche Bildungsideal im frühen 19. Jahrhundert ist geprägt von verschiedenen Spannungsfeldern. Zum einen steht der individuell aufgeklärte Bürger im Konflikt mit alten kirchlichen Traditionen, zum anderen übernimmt er, etwa aus der protestantischen, speziell der pietistischen Lehre zahlreiche Ansätze, die Fleiß, Mäßigung und Strebsamkeit erwirken sollen.16 Hier deutet sich bereits eine protestantische Kulturhegemonie innerhalb des deutschen Bürgertums an, die durch das gesamte und weit bis in das 20. Jahrhundert durch bestimmend bleiben sollte. Das Bürgertum entdeckte in der Folge Bildung und mit ihr gute Erziehung als essentiellen Wert an sich. Bildung wurde als Mittel der Formung des Menschen vor allem des jungen Menschen zu einem befähigten und selbstständigen Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft verstanden und in diesem Zuge derjenige, der Bildung vermittelt aufgewertet. Dieser Wertschätzung entsprechend erschienen glorifizierende Biographien zu den Verfassern neuer pädagogischer Schriften.17 So schreibt der Philologe Friedrich von Schlichtegroll in einer post mortem erschienen Biographie zu den 1790 verstorben Pädagogen Johann Bernhard Basedow:

„Du hast auf das Einzige gedrungen, was unumgänglich nothwendig ist, auf das Einzige, wodurch die Menschen glücklicher und besser werden können. Auf eine vernünftige Bildung der Jugend; und schon genießt unser Zeitalter die tausendfachen Seegnungen dessen, was du gründest. Du bist eine Stufe geworden in dem Bau der menschlichen Vollkommenheit und Glückseligkeit, der - wir hoffen es zu Gott, zu unseren guten Zeitgenossen und zu der besseren Nachwelt - noch immer höher und höher geführt werden wird, bis er, als Tempel der Erleuchtung, der Wahrheit und Glückseligkeit, in heiliger Schönheit dastehen wird…“18

Im Ductus dieser quasi religiösen Überhöhung Basedows findet sich auch ein starker Anspruch an das ewige Wirken und so auch an Gott. Die Bildung ermöglicht dem Menschen, sich selbst zu ertüchtigen und doch bleibt er eingebunden in ein großes Ganzes, in diesem Falle Göttliches.

Ein zweites großes Spannungsfeld der bürgerlichen Bildungsethik ergibt sich aus einer wesentlichen Erweiterung des Bildungsauftrags, die im ausgehenden 18. Jahrhundert vorangetrieben wurde. Die sogenannte Entdeckung der Kindheit ausgehend von Jean-Jacques Rousseaus ‚Emile ou de l’éducation“ von 1762, stellte Bildung vor eine neue Herausforderung zwischen individueller Erziehung und Bildungsvermittlung in der Schule. In Deutschland folgten eine Reihe von Schriften, die dem Kind besondere Beachtung schenkten und Kindheit als eigenständige Phase im Leben und in der Bildungsbiographie eines Menschen begriffen. Der Pädagoge Georg Joachim Zollikofer schreibt bereits 1778:

„Wo sind Kinder? - In den meisten sogenannten guten und großen Häusern finde ich keine. Aber junge Herren und junge Damen in Kinderkleidung und mit kindischen Sinne, die Menge!

[...]


1 Lautemann, Wolfgang (Hrsg.), Geschichte in Quellen, Bd. 4: Amerikanische und Französische Revolution, München 1981, S. 163-166

2 Schäfer, Michael, Geschichte des Bürgertums, Köln 2009, S. 10

3 Schulin, Ernst, Die Französische Revolution. München 1988, S. 191 ff.

4 Dumont, Franz, Wirkungen auf Deutschland und Europa, in Reichardt, Rolf (Hrsg.), PLOETZ. Die Französische Revolution. Würzburg 1988, s. 264 ff.

5 Gall, Lothar, Bürgertum, liberale Bewegung und Nation, München 1996, S. 3 ff.

6 Langewiesche, Dieter, Europa zwischen Restauration und Revolution 1815-1849, München 1993, S. 59 ff.

7 Hahn, Hans-Werner, Hein, Dieter, Bürgerliche Werte um 1800 Zur Einführung, in Hahn, Hans-Werner, Hein, Dieter (Hrsg.), Bürgerliche Werte um 1800, Köln 2005, S. 10 ff.

8 Ebd.

9 Gall 1996, S. 99 f.

10 Schäfer 2009, S. 73 ff.

11 Ebd.

12 Hahn/Hein 2005, S. 12 ff.

13 Hahn/Hein 2005, S. 18

14 Möller, Frank, Das Theater als Vermittlungsinstanz bürgerlicher Werte um 1800, in Hahn, Hans-Werner, Hein, Dieter (Hrsg.), Bürgerliche Werte um 1800, Köln 2005, S. 193 ff.

15 Hettling, Manfred, Hoffmann, Stefan-Ludwig, Zur Historisierung historischer Werte, in Hettling, Manfred, Hoffmann, Stefan-Ludwig (Hrsg.): Der bürgerliche Wertehimmel. Innenansichten des 19. Jahrhunderts. Göttingen 2000, S. 7 ff.

16 Maurer 1996, S. 442 f.

17 Ebd.

18 Schlichtegroll, Friedrich von, Johann Bernhard Basedow, zit. in Maurer, Michael, Die Biographie des Bürgers Lebensformen und Denkweisen in der formativen Phase des deutschen Bürgertums (1680 - 1815), Göttingen 1996, S. 443

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668502093
ISBN (Buch)
9783668502109
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372345
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
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