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Das Grand-Hotel in Literatur und Film. Das Motiv des gedanklichen Labyrinths in Stanley Kubricks Horrorfilm "The Shining"

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychologische Einführung der Figuren
2.1 Inhaltliche Einordnung/Inhaltlicher Kontext
2.2 Innere und äußere Dämonen
2.3 Beziehung – Danny und Wendy
2.4 Das Vater-Sohn-Verhältnis

3. Das Overlook-Hotel
3.1 Einführung in Kubricks Hotel-Motiv
3.2 Spiegel und vorgetäuschte Symmetrie
3.3 Die Spiegelung des Bösen
3.4 Die Spiegelung des Guten

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Ausarbeitung beschäftigt sich mit einzelnen Aspekten von Stanley Kubricks Horrorfilm, „The Shining“. Ein bahnbrechender Film für sein Genre, der die Sichtweise, wie Horrorfilme auch in der Zukunft betrachtet werden sollten, grundlegend veränderte. Im Gegensatz zu Regisseuren zeitgenössischer Horrorfilme setzte Kubrick alles daran, seinen Film möglichst echt wirken zu lassen, keine Details zu verbergen oder den Zuschauer visuell in die Irre zu führen, „sodass das Fantastische auf eine sehr banale, alltägliche Art behandelt wird.“[1] Er verzichtete auf das Verwenden dramatischer Beleuchtung, genretypischer Horroreffekte und das Motiv des im Schatten ewig auflauernden Monsters. Vielmehr beschäftigt sich Kubricks Film mit dem Unheimlichen, das sich nicht im Schutz der Dunkelheit, sondern im Menschen selber versteckt, mit dem „nicht bekannt und nicht vertraut ist. Nichts bleibt dem Auge des Zuschauers verborgen und dennoch kommt nie Klarheit zustande.[2]

Dieses Unheimliche oder auch schier Angsterregende, und Wahnsinnshervorrufende, das sowohl Kubricks Charaktere als auch deren Umgebung befällt, wird in der folgenden Ausarbeitung anhand der Annahme, unter der Oberfläche des Geschehens verberge sich eine weitere Ebene, die es zu analysieren gebe, untersucht. Bei dieser weiteren Ebene handelt es sich um das Unterbewusste, das, was den Protagonisten und dem Zuschauer zunächst verborgen bleibt. Würde man die Analyse dieses Filmes auf dem Bewussten, dem augenmerklich erlebten erschöpfen, wären die Daten eben dieser Auswertung nur allzu lückenhaft[3]. Sie würden das Sichtbare, unmittelbar Erlebte miteinbeziehen, würden jedoch das Unbewusste vollkommen außer Acht lassen, das den Kern dieser Ausarbeitung bildet.

„The Shining“ bildet ein dichtes Gewebe aus psychologischen Anspielungen, verschachtelten Nachrichten und Hinweisen, welche dem Zuschauer dienen, Anspielungen zu dechiffrieren und somit die Geschichte und auch Gefühle der Protagonisten besser nachvollziehen zu können.[4] Das Subjekt der Analyse bilden folglich die Kräfte, welche diegetisch auf die Protagonisten wirken: Es sind ihre individuellen Gefühlswelten, die Schrecken ihrer Psyche, welche sich aus Hoffnungen und Ängsten ihrer verdrängten Erinnerungen zusammensetzten.

Das Unterbewusste, das große Beachtung bei Freuds Psychoanalyse findet, eignet sich besonders gut, um diese unsichtbaren Kräfte und verdrängten Gefühle sichtbar zu machen und den Auslöser der verworrenen Gefühlswelt der Protagonisten zu bestimmen. Einbezogen werden Forschungsergebnisse seines Aufsatzes „Das Unheimliche“, welches sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Gefühl des Sichfürchtens und der menschlichen Psyche befasst, Passagen seines Werkes „Hysterie und Angst“ und letztlich Grundzüge seines Gesamtwerkes der „Psychologie des Unbewußten“.

Gegenstand dieser Ausarbeitung ist es auch, das Motiv des Grand-Hotels im Film „The Shining“ zu untersuchen. Es handelt sich hierbei um kein gewöhnliches Grand-Hotel, ein Monument des Prunks und Glanzes der gehobenen Gesellschaft, sondern um dessen drastisches Gegenstück: Die Adaption des beinahe menschenleeren Hotels aus Stephen Kings gleichnamigen Buch „The Shining“. Seine Bewohner unterliegen Handlungsweisen und Denkmustern, welche für den Zuschauer zunächst nicht nachvollziehbar zu sein scheinen, die schlichtweg desorientiert wirken. Diese lassen sich nicht alleinig mit der Begründung, sie wären einem internen Wahnsinn verfallen, erklären, sondern benötigen eine weitere Hilfsthese: Mit dem Hinzufügen einer weiteren Instanz, einer metaphorischen Handlungsfigur, kann man an Klarheit gewinnen. Diese weitere Handlungsfigur ist das Grand-Hotel selbst, das Overlook-Hotel, indem sich die Familie Torrance befindet. Eine Instanz, über welche die Familie Torrance keine Macht ausüben kann, die sie aber wiederum grundlegend in ihren Tun und Sein bestimmt, ihnen ihre menschlichen Abgründe vorführt und ihnen einen Ausweg aus ihrer hoffnungslos scheinenden Situation bietet. Hierfür bedient sich diese Ausarbeitung eines von vielen verwendeten Motiven Kubricks Filmes: Das Motiv der Spiegelung, Verdopplung und Spaltung, mit welchem die Protagonisten stets konfrontiert werden.

Auch werden solche wissenschaftlichen Arbeiten miteinbezogen, die sich spezifisch mit Stanley Kubricks „The Shining“ befassen, „The Shining – eine Filmanalyse“ von Jens Hildebrand und „Raum und Zeit im filmischen Œuvre von Stanley Kubrick“ von Ralf Michael Fischer bilden den Grundbaustein, der diese Ausarbeitung erst möglich machen konnte.

2. Psychologische Einführung der Figuren

2.1 Inhaltliche Einordnung/Inhaltlicher Kontext

Der glücklose Autor und gescheiterte Lehrer Jack Torrance sucht einen Ausweg, seine Schreibblockade zu überwinden. Er bewirbt sich um den Posten des Hausmeisters im Overlook-Hotel in Colorado, um über die Wintermonate ungestört an seinem Manuskript arbeiten zu können. Angesichts der misslichen Lage des Hotels, die besonders schwierig im Winter zu erreichen ist, wird es während dieser Zeit nicht betrieben. Infolgedessen bedarf es eines Hausmeisters, der gewillt ist, fünf Monate lang in absoluter Isolation von seiner Außenwelt zu leben, um das Hotel instand zu halten. Währenddessen erkundet seine Frau, Wendy Torrance, mit ihrem Sohn, Danny, die nähere Umgebung des Hotels ohne zu ahnen, dass allmählich „die Risse innerhalb der Familie Torrance zu Brüchen geworden sind“[5].

2.2 Innere und äußere Dämonen

Das Unheimliche an Kubricks „The Shining“ ist nicht, dass die Abgründe unserer Menschheit auf fremdartige Wesen projiziert und dem Zuschauer vorgeführt werden, sondern dass es im Angesicht des Menschen selbst zu finden ist. So sieht man den Abgründen der menschlichen Existenz direkt entgegen im Antlitz des Familienvaters, Jack Torrance, der graduell seine Zurechnungsfähigkeit als vernunftgesteuertes Wesen infolge seiner Isolation zu verlieren scheint. Kubricks Anliegen war es, zu beweisen, dass „there's something inherently wrong with the human personality. There's an evil side to it. One of the things that horror stories can do is to show us the archetypes of the unconscious; we can see the dark side without having to confront it directly“[6]

Diese dark side wird dem Zuschauer nicht unmittelbar dargeboten, sie hinterlässt vorerst lediglich eine Vorahnung von dem, was noch passieren wird. Seine Figuren verlieren allmählich an Realitätssinn und versinken in ihrem eigenen irreversiblen Chaos. Jack starrt unentwegt in die Leere, er beginnt, die Welt um sich nicht mehr zu verstehen und findet seinen Ausweg erneut im Alkoholismus und der schieren Gewalt, die sich direkt gegen seine Frau und seinen Sohn richtet. Wichtig ist es, zu hinterfragen, was sicher hinter seinem menschlichen Versagen versteckt und wie man es sichtbar machen kann.

Hierzu bedient sich diese Ausarbeitung der These, der Film spiele „mit Urängsten: der Angst vor dem Abnormen, dem Fremden, dem Nicht-Menschlichen […] vor allem aber vor der Verfolgung und Vernichtung“[7], welche sich im Unterbewusstsein der Familie Torrance eingenistet haben und sich im Laufe des Filmes in ihrem Verhalten manifestieren. Jedoch kann diese Manifestation von den Urängsten der Familie in ihrem Verhalten nur unter einer Bedingung erfüllt werden: Das Overlook-Hotel, indem sich die Familie befindet, bringt Unterbewusstes, verdrängte Erinnerungen und die dadurch ausgelöste Hysterie, an die Oberfläche des Geschehens; seelische Inhalte, die sonst nicht direkt bewusst gemacht werden können, werden direkt von dem Hotel, das als oberste Instanz des hierarchischen Systems fungiert, instrumentalisiert und gegen die Protagonisten selber gerichtet, um ihrem Seelenheil zu schaden.

Diese These funktioniert das Grand-Hotel von einem bloßen räumlichen Schauplatz zu einer psychologisch-manipulierenden Instanz um, die als eigenständiger Organismus die Einwohner des Overlook-Hotels unter seiner Gewalt hat.

Bevor es zu einer Analyse kommen kann, in der die Schnittpunkte der Peripherie von Protagonisten und dem Overlook-Hotel genauer Betrachtet werden können, muss eine schematische Untersuchung des seelischen Innenlebens der Protagonisten erfolgen. Zu betrachten sind hier jene seelischen Inhalte der Protagonisten, welche dem Zuschauer vorerst verborgen bleiben, jene, die verdrängt worden sind. Denn „ […] sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken kommen häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer

Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das Bewußtsein nicht zeugt.“[8]

[...]


[1] Kubrick, S. (1980). An Interview with Stanley Kubrick. (V. M. Foix, Interviewer)

[2] Fischer, R. M. (2009). Raum und Zeit im filmischen Œuvre von Stanley Kubrick. Berlin: Gebr. Mann Verlag, S. 400

[3]. Freud, S. (1975). Studienausgabe. Band III. Psychologie des Unbewußten. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 125. S. 125.

[4] Fischer, R. M. (2009). Raum und Zeit im filmischen Œuvre von Stanley Kubrick. Berlin: Gebr. Mann Verlag, S.388.

[5] Schnelle, F. (1999). Im Labyrinth der Korridore. In A. Kilb, & Rainer Rother, Stanley Kubrick. Berlin: Dieter Bertz Verlag, S. 195.

[6] Duncan, P. (2003). Stanley Kubrick: The Complete Films. Köln: Taschen GmbH, S. 9.

[7] Hildebrand, J. (2013). "The Shining": Eine Filmanalyse. Merzenich: Warped Tomato, S. 9.

[8] Freud, S. (1975). Studienausgabe. Band III. Psychologie des Unbewußten. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 125.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668501317
ISBN (Buch)
9783668501324
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372021
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Stanley Kubrick The Shining Psychoanalyse Freud Horror-Film Labyrinth

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