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Der heilige Krieg von Sultan Saladin

Legitimation, Mobilisierung und Ausweitung seiner Herrschaft

Hausarbeit 2016 35 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Zersplitterung im Dar al-Islam
2.1. Die Ausgangssituation vor dem Ersten Kreuzzug
2.2. Der Dschihad und die Zengiden
2.3. Der Sturz der Fatimiden in Ägypten
2.4. Die Usurpation von Saladin

3. Der Dschihad gegen die Kreuzfahrer
3.1. Die Vereinigung im Dar-al Islam
3.2. Die Mobilisierung zum Dschihad
3.3. Der Siegeszug von Saladin
3.4. Die Eroberung von Jerusalem und Reaktionen
3.5. Der Dritte Kreuzzug und die Verteidigung im Dar al-Islam

4. Saladin in der zeitgenössischen und modernen Rezeption

5. Ausblick

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Literatur

1. Einleitung

Mit Beginn der Kreuzzüge richteten immer mehr westliche Chronisten ihre Aufmerksamkeit auf den Glauben der Muslime. Für die zeitgenössischen Universalchronisten war der Glaube das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zum muslimischen Gegner. Der Islam wurde aber nur selten als monotheistische Religion begriffen und anerkannt, in den meisten Fällen galt der muslimische Glaube als Heidentum polytheistischer Ausprägung oder sogar als Häresie des Christentums.[1] Auf der anderen Seite haben Christen und Juden zwar eine gesonderte Stellung als „Schriftbesitzer“ (ahl al-kitab) im Islam eingenommen und können nicht unmittelbar zu den Ungläubigen oder Polytheisten gezählt werden, allerdings sollte sich das Verständnis hiervon noch in der Zeit vom Propheten Mohammed ändern und damit auch im Koran. Als Mohammed versuchte, eine neue und nicht-stammesbezogene Gemeinschaft der Umma in Medina zu etablieren, weigerten die jüdischen Gruppen sich in diese Gemeinschaft einzugliedern, da sie hierfür den Islam und Mohammed als Propheten anerkennen mussten. Die Umma wurde zunehmend zu einem Unterscheidungsmerkmal und die jüdischen Siedlungen wurden später zu Unterwerfungsverträgen oder hohen Abgaben verpflichtet, obwohl sie weiterhin als „Schriftbesitzer“ galten.[2] Mit der arabisch-islamischen Expansion wurde dieses Konzept zunehmend wichtiger und so konnten die Gruppen der „Schriftbesitzer“ nach frühislamischem Vorbild so lange bekämpft werden, bis sie sich bereit erklärten, eine Kopfsteuer (Dschizya) zu entrichten und damit eine rechtliche Schutzstellung als Dhimmi in den islamischen Herrschaftsgebieten zu erhalten.[3] Allerdings war islamisches Recht in den frühen Herrschaften noch gar nicht konsolidiert und oftmals soll regionales Gewohnheitsrecht die Bestimmungen aus dem Koran überwogen haben.[4] Die spätere Aufteilung der Welt in ein Haus des Krieges (Dar-al Harb) und in ein Haus des Friedens (Dar al-Islam) ist womöglich das theoretische Konzept der hanafitischen Rechtsschule. So gibt es auch eine Andeutung in einem Auszug aus dem Werk zur islamischen Völkerrechtslehre, die im achten Jahrhundert von einem Begründer dieser Rechtsschule verfasst worden ist und auf die Zweiteilung der Welt in ein Haus des Krieges und in ein Haus des Islams hinweist.[5] Entsprechend der weiter konzipierten Gesetzestheorie herrscht dann so lange Krieg zwischen diesen beiden Häusern, bis die gesamte Welt sich der islamischen Herrschaft unterwirft. Bis zu solch einem Zeitpunkt kann dieser permanente Kriegszustand nur durch ein zeitweiliges Waffenstillstandsabkommen unterbrochen werden.[6] In einem engen Zusammenhang zu den kriegerischen Auseinandersetzungen des Propheten Mohammed hat sich auch das Konzept vom Dschihad in der Religion verankert und wurde auf gewisse Weise zu einer Vorschrift für die Muslime.[7] Die Umma, unter der politischen Führung eines „Stellvertreter des Propheten“ beziehungsweise eines Kalifen, blieb allerdings nur ein Idealzustand, den sich alle nachfolgenden widerstreitenden Gruppen des Islams wieder (zurück-)wünschen sollten.[8] Besonders vor dem Ersten Kreuzzug war der Dar al-Islam keine politische Einheit und dementsprechend geschlossener Widerstand kaum möglich. Das Konzept von einem Dschihad gegen die Kreuzfahrer sollte zunächst von den Zengiden propagiert werden, die damit aber auch gleichzeitig ihren Herrschaftsanspruch und die Ausdehnung ihrer Macht im islamischen Syrien legitimierten. Für den Angriff auf den äußeren Feind sei daher die Einigung der Muslime (Idealzustand: Umma) für die Herrscher vorrangig gewesen.[9] Ihre Herrschaftsbestrebungen und auch die Propaganda für den Dschihad übernahm dann Saladin, der den Zengiden anfangs untergeben war.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich insbesondere mit dem Dschihad von Saladin, welcher zur Legitimation, Mobilisierung und Ausweitung seiner Herrschaft diente. Der Dschihad von Saladin wird anhand von verschiedenen Aspekten seiner Herrschaftszeit beleuchtet und viele Parallelen zu der Politik seiner Vorgänger oder auch zu religiösen Bestimmungen werden sich wiederfinden lassen. Ohne Frage war Saladin ein wichtiger Gegenspieler der Kreuzfahrer, vor allem nach der Eroberung von Jerusalem im Jahr 1187. Er wurde zu den bekanntesten islamischen Herrschern in Europa und ging als „edler Heide“ in die europäische Geschichtsschreibung ein und für viele Muslime gilt er noch immer als Freiheitsheld. Allerdings sind die Verhältnisse auf der muslimischen Seite von der deutschen Kreuzzugsforschung eher vernachlässigt worden.[10] Diese Arbeit stützt sich daher auf die Werke von Hannes Möhring, der eine der wenigen geschichtswissenschaftlichen Biographien zu Saladin verfasst hat. Grundlegend ist auch das Werk vom italienischen Arabisten und Orientalisten Francesco Gabrieli, der bedeutsame arabische Quellen zu den Kreuzzügen ausgewählt und übersetzt hat. Viele weitere Bezüge gibt es auch zu verschiedenen Arbeiten der Islamwissenschaft oder Orientalistik, da diese vor allem den Einblick in die muslimische Perspektive veranschaulichen können.

2. Die Zersplitterung im Dar al-Islam

2.1. Die Ausgangssituation vor dem Ersten Kreuzzug

Einen wichtigen Anstoß für die Herrschaftsergreifung von Saladin gab die schwindende Macht der Fatimiden in Ägypten. Diese Familiendynastie hatte als schiitische und auch islamische Minorität in Ägypten ein Kalifat errichtet, welches mit einer genealogischen Verbindung zum Propheten Mohammed begründet wurde. Untermauert wurde dieser Anspruch durch das Erlangen der beiden heiligen Städte Mekka und Medina, womit das Kalifat religiöse Oberhoheit und damit verbunden eine Schutzherrschaft über die beiden heiligen Städte errang.[11] Als Schiiten ismailitischer Ausprägung war ihre Herrschaft mit Endzeitvorstellungen konnotiert und somit errichteten sie ein Reich für den bald kommenden Mahdi, der den wahren Glauben und die Gerechtigkeit über die Welt bringen werde.[12] Ihre Ideologie und Theologie diente den Fatimiden als Basis für ihre Propagandatätigkeit in den islamischen Kernländern des Nahen Ostens sowie ihrem imperialen Anspruch.[13] Somit stand das Kalifat der Fatimiden in Konkurrenz zum sunnitischen Kalifat der Abbasiden und auch die Stadt Kairo entwickelte sich zunehmend zu einer konkurrierenden Metropole, die sich in Größe und Bedeutung mit der abbasidischen Hauptstadt in Bagdad messen konnte.[14] Der Niedergang der Regierungsautorität der Fatimiden war vor allem mit dem Verlust einiger Provinzen außerhalb von Kairo und den damit folgenden sozioökonomischen Krisen verbunden; in Mekka und Medina wurde im späten 11. Jahrhundert die Souveränität der Fatimiden nur noch formal anerkannt.[15] Ihr imperialer Anspruch wurde zunehmend haltlos und das Erscheinen der Kreuzfahrer sollte für die Fatimiden zwar ein neues Risiko, aber gleichzeitig auch eine neue Chance werden.

Eine weitere schiitische Macht im Nahen Osten bildeten die Buyiden, die vom sunnitischen Kalifat der Abbasiden mit Hilfe der Turkvölker aus Zentralasien bekämpft wurden. Zwar traten die Seldschuken im 11. Jahrhundert als eifrige und neu bekehrte Beschützer und Förderer des sunnitischen Islams auf, allerdings sollten sie sich selbst als ernstzunehmende politische Kontrahenten erweisen, die tiefergehende Herrschaftsansprüche in Bagdad stellen konnten.[16] Ihrer Ausbreitung im Vorderen Orient folgte die politische Herrschaft über Bagdad, die aufgrund ihrer ethnischen Herkunft nicht religiös, sondern nur nominell als Vertretung vom und für das Kalifat in Bagdad anerkannt werden konnte. In diesem Zusammenhang soll auch der Titel des Sultans im Nahen Osten konstituiert worden sein, welcher im eigentlichen Sinne „Macht“ oder „Herrschaft“ bedeutet.[17] Im Prinzip war das Kalifat in Bagdad politisch machtlos und fortan herrschten die Seldschuken in einem Reich, welches von Zentralasien bis zum Nahen Osten reichte. Dem Tod von Sultan Malik Schah I. im Jahr 1092 folgten Auflösungserscheinungen im Großseldschukischen Reich und es etablierte sich zunehmend ein System von mehreren seldschukischen Fürstentümern im Vorderen Orient.[18] Die Ausbreitung und Auflösung des seldschukischen Reiches sowie die damit zusammenhängende Zersplitterung in der islamischen Welt waren sicherlich wichtige Entwicklungen für den Verlauf und möglicherweise auch für den Anlass des Ersten Kreuzzuges. Auch nach dem Errichten der Kreuzfahrerstaaten war geschlossener Widerstand seitens der Muslime zunächst ausgeschlossen, denn im Dar al-Islam und insbesondere im ehemaligen Großseldschukischen Reich, dominierten weiterhin interne Machtkämpfe und Intrigen, sodass der bedeutende arabische Historiker Ibn al-Athir (1180-1233) ein kritisches Urteil über die islamischen Herrscher vor seiner Zeit fällte:

Zur Zeit, als die Franken – Gott stürze sie ins Unglück - sich in den von ihnen eroberten Gebieten des Islams festsetzten, waren die Heere und Fürsten des Islams damit beschäftigt gegeneinander zu kämpfen: so waren die Muslime uneins in Meinung und Bestrebung und ihre Mittel zersplittert.[19]

2.2. Der Dschihad und die Zengiden

Mit der Hidschra im Jahr 622 beginnt nicht nur die islamische Zeitrechnung, denn das Jahr selbst ist eine entscheidende Wende in der islamischen Glaubenslehre. So können die Suren im Koran in zwei historische Kategorien eingeordnet werden, nämlich in eine Zeit vor und nach der Hidschra vom Propheten Mohammed.[20] Diese Wende soll unter anderem dazu geführt haben, dass in der Zeit von Mohammed das rituelle Gebet der Muslime nicht mehr mit dem Blick nach Jerusalem verrichtet werden sollte, sondern in Richtung Mekka, wo sich auch die Kaaba befindet.[21] Erst nach dem Tod von Mohammed soll die Stadt Jerusalem wieder religiöses Ansehen erlangt haben und zwar mit dem Bau der al-Aqsa-Moschee und des Felsendoms, denn Letztere brachte die Stadt wieder mit der nächtlichen Himmelsreise des Propheten in Verbindung. Unter den Abbasiden und den Fatimiden wurde Jerusalem fast schon auf eine lokale Rolle reduziert und soll erst durch seinen endgültigen Verlust wieder bedeutend für den Dar al-Islam geworden sein.[22] Nach dem Ersten Kreuzzug wurden Kreuzfahrerstaaten entlang der Küsten und in Edessa errichtet. Viele Muslime sollen sich der neuen Herrschaft nicht unterworfen haben, sondern seien nach dem Prinzip der Hidschra in die umliegenden islamischen Länder geflüchtet.[23] Damit würden sie dem Vorbild ihres Propheten Mohammed folgen, dessen Lehr- und Existenzmöglichkeit in seiner eigenen Heimatstadt Mekka so sehr eingeschränkt wurde, dass er zur Auswanderung nach Medina gezwungen war, weil sein Monotheismus den Stammes- und Religionstraditionen der alten arabischen Gottheiten in Mekka widersprach. Erst nach seiner Hidschra nach Medina begann sein starker gesellschaftlicher und politischer Aufstieg sowie eine bedeutsame Wende in seiner Glaubenslehre, in der nun zunehmend kriegerische Auseinandersetzungen eine Rolle spielen sollten.[24] Unabhängig von der Frage, inwieweit der Prophet selbst eine umfangreiche Expansion anstrebte, ergab sich auch hierbei die Diktion vom Dschihad: Auf dem Wege Gottes soll sich der Gläubige abmühen und zwar unter Einsatz des eigenen Besitzes und des Lebens.[25]

Der Dschihad wurde zwar nach dem Ersten Kreuzzug propagiert, allerdings diente er zunächst weniger einem gemeinsamen Kampf der muslimischen Gemeinschaft der Umma gegen die Franken, sondern eher zur Legitimierung der Herrscherfehden untereinander.[26] Es waren vor allem Zengi und sein Sohn Nur ad-Din, die den Dschihad auch gegen die Kreuzfahrer propagierten, allerdings galt es noch bis 1158 als ein probates Mittel, um die eigenen Herrschaftsansprüche zu legitimieren, die eigenen Expansionsziele durchzusetzen und das Prestige bei den Untertanen zu festigen, die in einem sehr heterogenen Herrschaftskomplex standen.[27] Zengi und Nur ad-Din gehörten einem türkischen Herrschergeschlecht an, das innerhalb des Sultanats der Seldschuken aufgestiegen war und Zengi war auch der Namensgeber dieser Dynastie, in dessen Herrschaftszeit die Grafschaft Edessa bezwungen wurde und von dem Ibn al-Athir voller Bewunderung erzählt:

„[…] bevor er die Herrschaft antrat, lag das Land verwüstet wegen Ungerechtigkeit, dauernden Wechsels der Herrscher und der Nähe der Franken: er ließ es wieder aufblühen und sich dicht bevölkern. […] Was dann die Zeit seiner Herrschaft angeht, so hatten die Feinde sein Land von allen Seiten eingekreist, griffen es an und wollten es nehmen; er gab sich nicht zufrieden, es zu verteidigen, sondern es verging auch kein Jahr, ohne daß er ein Stück ihres Landes erobert hätte.[28]

Eine ähnliche personelle Zuschreibung findet man auch bei Wilhelm von Tyrus (1130-1186), der das Ende der Zersplitterung als die Hauptursache für die zunehmende Bedrängnis durch die Muslime erklärt, die vor allem durch Zengi verwirklicht werden konnte.[29] Zengi selbst soll in den islamischen Ländern als Vorkämpfer des Glaubens gefeiert worden sein, doch mit seinen Erfolgen lieferte er den Christen auch den Anlass für den Zweiten Kreuzzug, den er selbst nicht mehr miterleben sollte. Nach seinem unerwarteten Tod folgten ihm seine beiden Söhne, einer davon war Nur ad-Din, der die Erbauseinandersetzungen für sich entscheiden und die Expansionsversuche seines Vaters mit einer intensiven Dschihad -Propaganda fortsetzen sollte.[30] Der zengidische Herrscher hatte damit eine zentrale Machtposition im Nahen Osten inne und entwickelte sich damit auch für die Kreuzfahrer zu einer bedrohenden Gefahr.

2.3. Der Sturz der Fatimiden in Ägypten

In Ägypten fand ein Kampf um das Amt des Wesirs statt und beide Anwärter erhofften sich die Unterstützung von Nur ad-Din. Dieser unterstützte bei der Wahl den Anwärter Schawar, der sich zwar gegen seinen Kontrahenten durchzusetzen vermochte, allerdings die finanziellen Abmachungen mit Nur ad-Din nicht einhielt und auch die verlangten Militärlehen nicht aushändigte. Ferner forderte Schawar, dass die Truppen von Nur ad-Din, die von seinem kurdischen Emir Schirkuh befehligt wurden, wieder aus Ägypten abgezogen werden und erhoffte sich dabei die Unterstützung vom Königreich Jerusalem, welchem er jährlichen Tribut, die Freilassung christlicher Gefangener und angeblich sogar die Oberhoheit über Ägypten anbot.[31] Bei dem Versuch, Autonomie zu erlangen, erreichte Schawar mit seiner beidseitigen Bündnispolitik genau das Gegenteil, nämlich die vollkommene Abhängigkeit Ägyptens von anderen Herrschaftsinteressen. Tributzahlungen an das Königreich Jerusalem wurden schon zuvor versprochen und als Ägypten dieser Zahlungspflicht nicht nachkam, war das Land von dem Einmarsch von König Amalrichs Truppen bedroht. Nun schien sich der gleiche Konflikt zu wiederholen, allerdings wurden die Rollen des Gläubigers und der dritten Partei vertauscht, denn nun wollte man den Einmarsch von Nur ad-Din mit der Unterstützung von Jerusalem verhindern, der zuvor selbst als dritte Partei im Konflikt mit dem Königreich aushalf.[32] Die ersehnte Unterstützung aus Jerusalem kam und nach einer Belagerung der Stadt Bilbeis einigte man sich gemeinsam auf einen zeitweiligen Friedensvertrag. Die fränkischen Truppen von Amalrich und auch die syrischen Truppen von Schirkuh mussten wieder abziehen. Das Hin und Her um Ägypten sollte jedoch nicht aufhören, denn Schirkuh wurde von Nur ad-Din für einen zweiten Feldzug nach Ägypten aufgerüstet und konnte im Jahr 1167 zunächst das Bündnis von Schawar und Amalrich besiegen und nach Alexandria ziehen. Die Bevölkerung soll ihm dabei die Tore geöffnet und ihn unterstützend empfangen haben.[33] Mittlerweile soll sogar der Kalif der Fatimiden seinen Unmut über Schawar geäußert haben, vor allem wegen dem Bündnis mit Amalrich, dessen Truppen in Kairo weilten, sodass der Kalif selbst Nur ad-Din um Hilfe bat. Im Gegensatz zu seinem Wesir Schawar soll der schiitische Kalif ein Bündnis mit sunnitischen Muslimen den christlichen Franken vorgezogen haben.[34]

Bei seinen Feldzügen nach Ägypten hatte Schirkuh seinen Neffen dabei, den er mit der Verteidigung von Alexandria beauftragte. Amalrich und Schawar entschlossen sich zu einer Belagerung dieser Stadt und der Neffe von Schirkuh musste mit der Unterstützung der Bevölkerung die Angriffe abwehren. Bei diesem Neffen handelte es sich um Salah ad-Din, der im lateinischen Europa als Saladin bekannt werden sollte. Die Belagerung sollte seine erste Bewährungsprobe sein, auf die dann Verhandlungen folgten.[35] Amalrich verließ daraufhin Ägypten und Schawar wurde auf Befehl des Kalifen von Saladin festgenommen. Schirkuh wurde auf Ernennung des fatimidischen Kalifen der neue Wesir und Oberbefehlshaber von Ägypten. Hierbei deutet Hannes Möhring bereits auf mögliche zwiespältige Gefühle von Nur ad-Din hin, da Ägypten nun formal unter seiner Herrschaft stand, doch Schirkuh als Wesir eine Macht erlangte, die wahrscheinlich seinen eigenen Interessen zuwider kommen konnte.[36] Allerdings war es nicht Schirkuh, sondern sein Neffe Saladin, der für die Dynastie der Zengiden eine ernsthafte Bedrohung werden sollte. Schirkuh wurde der neue Wesir vom Kalifat der Fatimiden in Ägypten. Die Spannungen zwischen schiitischen und sunnitischen Herrschern waren hiermit nicht aufgelöst, denn letztendlich galten die schiitischen Fatimiden nach wie vor als Häretiker und es galt die sunnitische Glaubenslehre zu restaurieren.[37] Schirkuh soll jedoch kurze Zeit später an den Folgen eines üppigen Mahles gestorben sein und sein Nachfolger als Wesir, dem gleichzeitig ägyptische und syrische Truppen unterstanden, wurde sein Neffe Saladin. Damit machte Saladin das Wesirat vier anderen und auch älteren Emiren streitig, da er auf die Unterstützung kurdischer Emire zählen konnte. Ein unzufriedener Teil der Truppen soll daraufhin zu Nur ad-Din zurückgekehrt sein und die militärische Folge dieser Zwietracht wird von Möhring als mögliche Strategie des fatimidischen Kalifen gedeutet, da auch dieser Saladin bei seiner Wahl aktiv unterstützte.[38] Allerdings begann Saladin seine Stellung in Ägypten zu festigen, indem er das Heerwesen neu organisierte, eine neue Einheit samt Leibgarde bildete und die Truppen der Fatimiden schwächte, indem er ihre Ländereien unter seinen eigenen Truppen umverteilte. Bald darauf folgten auch religiös-politische Maßnahmen, welche die Sunna im Gebetsaufruf, in den Richterstellen und mit der Gründung von theologisch-juristischen Hochschulen in Ägypten stärken sollte und zwar im Sinne der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung.[39] Von diesen Maßnahmen berichtet auch Ibn al-Athir, der die Zerstörung eines fatimidischen Gefängnisses als einen Akt der Gerechtigkeit darstellt und insbesondere die Förderung der schafiitischen Rechtschule des sunnitischen Islams beobachtet.[40] Saladin selbst bereitete den Sturz der Fatimiden bereits organisatorisch vor. Er sicherte sich ein Gutachten der sunnitischen Juristen zur Beseitigung des Kalifats der Fatimiden, ließ einige gefährliche ägyptische Emire verhaften und deren Besitz beschlagnahmen und hielt zudem eine Militärparade ab, die womöglich zur Einschüchterung seiner potentiellen Gegner in Ägypten diente.[41] Der endgültige Sturz sollte nach dem Tod des Kalifen im Jahr 1171 erfolgen. Kurz vorher forderte Nur ad-Din auf, dass die Freitagspredigt (Khutba) im Namen des Kalifen der Abbasiden gehalten wird, dessen Forderung Saladin nur zögerlich nachgekommen sein soll. Ibn al-Athir deutet hier auf mögliche Machtdiskrepanzen hin, allerdings scheint er bei seiner Darstellung Partei für Nur ad-Din zu ergreifen:

[...]


[1] Seitz, Annette: Das lange Ende der Kreuzfahrerreiche in der Universalchronistik des lateinischen Europa (1187-1291) (Historische Studien 497) Husum 2010, S. 166f.

[2] vgl. Noth, Albrecht: Früher Islam, in: Geschichte der arabischen Welt, hrsg. v. Ulrich Haarmann. München 1987, S. 42

[3] ebd., S. 64f.

[4] vgl. Nagel, Tillmann: Das Kalifat der Abbasiden, in: Geschichte der arabischen Welt, S. 117

[5] vgl. As-Saibani, Kitab as-sijar al-kabir IV, 225-228: 59. Feindliche Spione (achtes Jahrhundert), in: Der Islam in Originalzeugnissen (Politik und Kriegsführung, 1) hrsg. v. Bernard Lewis, Lenningen 2005, S. 278

[6] Sachwörterverzeichnis, in: Der Islam in Originalzeugnissen (Religion und Gesellschaft, 2) hrsg. v. Bernard Lewis, Lenningen 2005, S. 298f.

[7] vgl. Noth, Albrecht: Früher Islam, S. 37

[8] vgl. ebd., S. 97

[9] vgl. Halm, Heinz: Die Fatimiden, in: Geschichte der arabischen Welt, S. 196

[10] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit 1138-1193. München 2005, S. 7

[11] vgl. Feldbauer, Peter: Die islamische Welt 600-1250: ein Frühfall von Unterentwicklung? (Edition Forschung) Wien 1995, S. 352

[12] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 11

[13] Feldbauer, Peter: Die islamische Welt 600-1250, S. 352

[14] Halm, Heinz: Die Araber: von der vorislamischen Zeit bis zur Gegenwart. München 2004, S. 65

[15] Feldbauer, Peter: Die islamische Welt 600-1250, S. 361

[16] vgl. Nagel, Tillmann: Das Kalifat der Abbasiden, S. 149f.

[17] Halm, Heinz: Der Islam: Geschichte und Gegenwart, München 201510, S. 51

[18] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 12f.

[19] Ibn al-Atir X 256/57, Zug Suqmans und Cökermiss gegen die Franken, in: Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht, hrsg. und übers. v. Francesco Gabrieli, Augsburg 2000, S. 57

[20] Noth, Albrecht: Früher Islam, S. 11

[21] ebd. S. 43

[22] vgl. Halm, Heinz: Die Fatimiden, S. 192

[23] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 18f.

[24] vgl. Feldbauer, Peter: Die islamische Welt 600-1250, S. 203ff.

[25] n. Noth, Albrecht: Früher Islam, S. 56

[26] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 24

[27] Köhler, Michael: Allianzen und Verträge zwischen fränkischen und islamischen Herrschern im Vorderen Orient: eine Studie über das zwischenstaatliche Zusammenleben vom 12. bis ins 13. Jahrhundert (Studien zur Sprache, Geschichte und Kultur des islamischen Orients Bd. 12) Berlin (u.a.) 1991, S. 225f.

[28] Ibn al-Atir XI 72-72, Tod und Lobesehrung Zengis, in: Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht, S. 95f.

[29] n. Köhler, Michael: Allianzen und Verträge zwischen fränkischen und islamischen Herrschern im Vorderen Orient, S. 75

[30] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 27ff.

[31] ebd. S. 33f.

[32] vgl. Halm, Heinz: Die Fatimiden, S. 198

[33] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 35

[34] ebd. S. 39

[35] ebd., S. 36

[36] ebd., S. 40

[37] vgl. Feldbauer, Peter: Die islamische Welt 600-1250, 363

[38] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 41

[39] ebd., S. 42ff.

[40] vgl. Account of what Saladin purposed in Egypt this year, in: The Chronicle of Ibn Al-Athir for the Crusading Period from Al-Kamil Fi'l-Ta'rikh. The Years 541-589/1146-1193: The Age of Nur Al-Din and Saladin, hrsg. u. übers. v. Donald Richards (Crusade texts in translation 2) Aldershot [u.a.] 2007, S. 193

[41] Möhring, Hannes: Saladin: Der Sultan und seine Zeit, S. 48f.

Details

Seiten
35
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668506992
ISBN (Buch)
9783668507005
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371977
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Saladin Dschihad Ayyubiden Ägypten Kreuzzug Jerusalem 1187 Hattin Sultan Heiliger Krieg Herrschaft Ausweitung Mobilisierung

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Titel: Der heilige Krieg von Sultan Saladin