Lade Inhalt...

Die internationale Dimension des Siebenjährigen Krieges (1754/56-1763). Ein erster "Weltkrieg"?

Bachelorarbeit 2016 48 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung in die Thematik

2. Vorgeschichte des Siebenjährigen Krieges (1701-1748)
2.1. Vom Spanischen hin zum Österreichischen Erbfolgekrieg (1701-1742)
2.2. Der Österreichische Erbfolgekrieg (1742-1748)

3. Interessen und Ziele der späteren Kriegsparteien nach dem Frieden von Aachen 1758

4. Konflikte und Diplomatie zwischen 1748 und 1756

5. Auf dem Weg zum „Renversement des alliances“ im Jahre 1756
5.1. Die Konvention von Westminster (16. Januar 1756)
5.2. Der Vertrag von Versailles

6. Der Siebenjährige Krieg auf allen Kontinenten (1756-1763)
6.1. Kriegsverlauf in Europa (1756-1762)
6.2. Kriegsverlauf und Nachwirkungen in Amerika und der Karibik (1756-1766)
6.3. Kriegsverlauf in Asien und Afrika (1756-1764).

7. Diplomatische Verhandlungen bis zum Doppelfrieden von 1763
7.1. Der Frieden von Paris 1763 zwischen Frankreich und Großbritannien
7.2. Der Frieden von Hubertusburg 1763 zwischen Preußen und Österreich

8. Die globale Dimension des Siebenjährigen Krieges

9. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung in die Thematik

Das Thema der vorliegenden Arbeit, welches sich mit der Internationalität und Wichtigkeit des Siebenjährigen Krieges in der Frühen Neuzeit auseinandersetzt, wurde bewusst gewählt, da der dieser Krieg in der deutschen Geschichtsschreibung, oder vielmehr im Unterricht an deutschen Schulen, im Verhältnis zu den sogenannten „Atlantischen Revolutionen“, also der Amerikanischen Revolution und der Französischen Revolution, scheinbar stark vernachlässigt wird.1 Der Siebenjährige Krieg erscheint nur als ein Vorläufer zur Amerikanischen Revolution.2 Und falls man sich doch näher mit dem Thema beschäftigt, geht es zumeist nur um den „Dritten Schlesischen Krieg“ und damit einhergehend, Preußens Aufstieg zur Großmacht unter Friedrich II. Dies kann zu der fehlerhaften Annahme führen, dieser Krieg habe nur regionale Aspekte, obwohl es durchaus globale Aspekte innerhalb des Siebenjährigen Krieges gab. Deshalb möchte sich die Arbeit nicht nur mit der preußischhabsburgischen Auseinandersetzung beschäftigen, sondern auch alle weiteren Teilkonflikte des Siebenjährigen Krieges miteinbeziehen. Dabei ist zu beachten, dass die Geschichte und Ereignisse eines Krieges oder eines Konfliktes zu analysieren für einen Historiker immer eine große Herausforderung darstellt. Neben der Frage, auf welches Quellenmaterial man sich stützt, kommt es auch darauf an, auf welcher konzeptionellen Grundlage, und damit einhergehend, aus welcher Perspektive die wissenschaftliche Arbeit entsteht.

Diese Herausforderung scheint für den Siebenjährigen Krieg im Besonderen zu gelten. Denn neben der in der allgemeinen Geschichtsschreibung bekannten Bezeichnung als „Siebenjähriger Krieg“, gibt es auch unterschiedliche Bezeichnungen, welche für Teilkonflikte des Siebenjährigen Krieges stehen, und die zumeist nur in den verschiedenen Regionen genutzt werden, in denen der Teilkonflikt stattfand. So ist im deutschen Sprachraum die Bezeichnung „Dritter Schlesischer Krieg“ bekannt, wenngleich jene nicht mehr sehr gebräuchlich scheint, und sich vor allem auf den preußisch-österreichischen Konflikt im kontinentalen Europa bezieht.3 In der englischen Literatur war der Siebenjährige Krieg auch lange Zeit unter der vom Historiker Lawrence Henry Gipson geprägten Bezeichnung als „Great War for the Empire“ bekannt.4 In Nordamerika wird der nordamerikanische Teilkonflikt des Siebenjährigen Krieges im englischsprachigen Gebiet als „French and Indian War“5, „Neunjähriger Krieg“6 oder „Fourth Intercolonial War“7 und im französischen Teil Kanadas als „La guerre de la Conquête“8 (engl. „The War of Conquest“)9 bezeichnet. In Schweden wird vor allem vom „Pommerska kriget“ (dt. Pommerscher Krieg) gesprochen, wenn die Involvierung Schwedens im Siebenjährigen Krieg behandelt wird.10 Als letztes ist der „Third Carnatic War” (dt. Dritter Karnatischer Krieg) zu nennen, der den Konflikt zwischen Briten und Franzosen in Indien bezeichnet, in dem auch Provinzen des indische Mogulreiches beteiligt waren.11 Ein Problem ist also bereits zu Beginn dieser Arbeit, ob man sich auf einen einzelnen Teilkonflikt konzentriert oder den Siebenjährigen Krieg im gesamten betrachtet. Neben den unterschiedlichen Bezeichnungen, kommt auch die Schwierigkeit der zeitlichen Einordnung hinzu. Der „French and Indian War“ wird von 1754 bis 1763 datiert, während der Beginn des Siebenjährigen Krieges erst im Jahr 1756 in der Geschichtsschreibung angesetzt wurde. Teilweise ist die Forschung auch uneinig ob einige Gefechte und Konflikte in Indien und Nordamerika bis 1765 respektive 1766 (Stichwort: „Pontiac’s Rebellion“)12 nicht ebenfalls zum Siebenjährigen Krieg dazu gerechnet werden müssten, oder ob der Krieg mit dem Frieden von Paris und Hubertusburg im Jahr 1763 tatsächlich komplett abgeschlossen war.13

Bereits jetzt ist zu erkennen, dass die vorliegende Arbeit nur einen Teil der Auseinandersetzungen zwischen 1754/56 und 1763/66 wirklich beleuchten kann. Dennoch soll anhand der benutzten Sekundärliteratur eine Aussage getroffen werden, worin die internationale Dimension des Siebenjährigen Krieges liegt, und inwieweit er als ein Weltkrieg oder globaler Krieg, und als Teil eines Umbruchs in der Frühen Neuzeit angesehen werden kann. Dafür sollen die Vorgeschichten der preußisch-österreichischen und der anglofranzösischen Konfrontation skizziert werden. Darauf aufbauend, soll auf die Interessen und Kriegsziele der Staaten nach dem Frieden von Aachen 1748 eingegangen werden, und der diplomatische Verlauf bis zu den 1756 geschlossenen Bündnissen, von Westminister und Versailles, betrachtet werden, um prägnante und globale Veränderungen im Verlauf des Konfliktes auszumachen. Nachdem der Kriegsverlauf und seine verschiedenen Nebenschauplätze zusammengefasst werden, wird das Ergebnis der beiden Friedensverträge von Paris und Hubertusburg erörtert und die daraus resultierenden politischen Folgen darlegt.

Im Hauptteil der Arbeit soll analysiert werden, ob der Siebenjährige Krieg mehr als lediglich ein Teil der „Sattelzeit“ ist, deren Begriff durch Reinhart Koselleck geprägt wurde.14 Denn hier scheinen einige politische, gesellschaftliche und theologische Dynamiken zu enden und zu beginnen, sodass man zu dem Schluss kommen kann, der Siebenjährige Krieg sei ein Umbruch in der Frühen Neuzeit. Zu nennen wäre hier neben dem bereits erwähnten Aufstieg Preußens zur Großmacht, auch der beginnende Dualismus zwischen Deutschland und Österreich sowie die Festigung Großbritanniens als Seemacht. Wie die Fragestellung schon zeigt, geht es in der Arbeit aber hauptsächlich um die mittlerweile relativ verbreitete Bezeichnung des Siebenjährigen Krieges als „globalen Krieg“ oder gar als „ersten Weltkrieg“ in der Geschichte.15 Dabei herrscht hier eine hohe Ambivalenz, da einige Historiker den Siebenjährigen Krieg noch als letzten Kabinettskrieg, letzten Staatenbildungskrieg oder gar letzten Religionskrieg sehen.16

Hier soll die Bachelorarbeit ansetzen und klären inwieweit die Bezeichnung als „Weltkrieg“ oder „globaler Krieg“ für den Siebenjährigen Krieg akzeptabel ist. Ziel ist es also, diese verschiedenen Betrachtungen zu analysieren und damit die Frage beantworten, wo die internationalen Dimensionen des Siebenjährigen Krieges erkennbar sind, und ob er eine Zäsur oder nur eine Übergangszeit hin zur Moderne darstellt.

Der aktuelle Stand der Forschung zeigt nach Sven Externbrink ein relatives Desinteresse der Frühneuzeitforschung in Bezug auf den Siebenjährigen Krieg. Vor allem in der französischen und russischen Forschung scheint der Forschungsstand vernachlässigt zu werden. Hingegen scheint der Forschungsstand in England besser zu sein.17 Patrick J. Speelman zeigt zudem auf, dass vor allem ein eurozentrisches Bild vorherrscht, während die Nebenschauplätze in Afrika und Indien fast gänzlich unbeachtet bleiben. Außerdem ist die Literatur überwiegend nach den Hauptkriegsschauplätzen aufgeteilt.18 Mittlerweile rücken immer mehr die globalen Aspekte dieses Krieges in den Mittelpunkt, wodurch vermehrt die Bezeichnungen in Richtung „globaler Krieg“ gehen. Marian Füssel spricht sogar von einem „Labor der Moderne“, da der Krieg viele verschiedene Ebenen zusammenführte.19 Bereits Johannes Burkhardts Werk „Abschied vom Religionskrieg“ aus dem Jahr 1985, zeugt im Titel davon, dass der Siebenjährige Krieg nicht mehr als ein „klassischer“ Religionskrieg zu betrachten ist.20 Zudem gibt die Forschung verschiedene Antworten in Bezug darauf, ob der Krieg einige Entwicklungen zum Abschluss brachte oder neue Dynamiken auslöste, die teilweise Elemente enthielten, die auch auf das 19. und 20. Jahrhundert vorauswiesen.21 Zu vielen Aspekten gibt es also unterschiedliche Ansichten, so klassifiziert Antje Fuchs den Siebenjährigen Krieg als „virtuellen Religionskrieg“.22 Damit zeigt sich, dass der Faktor Religion neben den Faktoren Handel und Globalisierung ein bedeutender Punkt ist, um zu analysieren, inwieweit eine Zäsur stattgefunden haben könnte. Hierbei sollte man die „Renversement des alliances“, also die Umkehrung der Allianzen nicht außeracht lassen, da in der Forschung sogar von einer diplomatischen Revolution gesprochen wird.23

2. Vorgeschichte des Siebenjährigen Krieges (1701-1748)

Um den Siebenjährigen Krieg und seine Bedeutung für die Zeitgenossen besser einordnen zu können, muss man auch die Auseinandersetzung und die Beziehungen vor Kriegsausbruch umreißen. Auf dem europäischen Kontinent gab es neben dem bereits erwähnten preußisch-österreichischen Konflikt auch Auseinandersetzungen zwischen Schweden und Preußen („Pommerscher Krieg“) und zwischen Spanien und Portugal („Guerra fantástica“),24 dennoch soll sich vor allem auf die Konflikte im Zeitraum zwischen 1740 und 1748 konzentriert werden. Dabei ist festzuhalten, dass der „Erste Schlesische Krieg“ (1740-1742) und der „Zweite Schlesische Krieg“ (1744-1745) Teile des „Österreichischen Erbfolgekrieges“ (1740-1748) waren. Wie der „Dritte Schlesische Krieg“ (1756-1763), waren sie also ebenfalls nur Teilkriege in einem größeren Kontext.25

2.1. Vom Spanischen hin zum Österreichischen Erbfolgekrieg (1701-1742)

Der Ursprung des Österreichischen Erbfolgekrieges liegt wiederum im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714).26 Dies war ein Konflikt über die Nachfolge des spanischen Throns zwischen Habsburgern und Bourbonen, nachdem die dortige habsburgische Linie ausstarb. Damit einhergehend gab es eine anglo-französische Auseinandersetzungen um die spanischen Territorien in Nordamerika, im sogenannten „Queen Anne’s War“ (1702-1713).27 Der römisch-deutsche Kaiser Leopold I. wollte mit seinem Sohn Karl eine neue habsburgische Linie in Spanien installieren, während sein älterer Sohn Joseph I. die österreichische Linie fortsetzen sollte.28 Die Regelungen zukünftiger Thronfolgen dieser beiden neuen Linien wurden im sogenannten „Pactum mutuae successionis“ von 1703 festgelegt. Sollte ein Bruder zuerst ohne männlichen Nachfolger sterben, solle der andere Bruder dessen Besitz erben. Sollten beide Brüder sterben, solle die Tochter des älteren Bruders, in dem Falle Josephs, den gesamten Besitz erben.29

Der Spanische Erbfolgekrieg endete im Vertrag von Utrecht 1713/14 damit, dass der Bourbone Philip V. als König von Spanien mitsamt seinen Kolonien bestätigt wurde und , der mittlerweile zum Kaiser gewählte Karl, musste diesen Zustand de facto anerkennen.30 Außerdem erhielt er die Spanischen Niederlande und einige Gebiete in Italien.31 In Nordamerika kämpften Frankreich mit den spanischen Bourbonen und Großbritannien mit den habsburgischen Spaniern um die spanischen Kolonien.32 Auf beiden Seiten kämpften Indianerstämme und auch die Konföderation der „Five Nations“ der Irokesen war beteiligt, welche versuchte, die Briten und Franzosen gegeneinander auszuspielen. Die Irokesen waren vor allem darauf bedacht, ihre Interessen durch Neutralität durchzusetzen und beide europäischen Parteien zu schwächen.33 Nach dem „Queen Anne’s War“ (1702-1713) blieben die Irokesen aber wichtige Handelspartner für die Europäer.34 Durch den Vertrag von Utrecht, erhielt Großbritannien die Gebiete Neuschottland, das ehemalig französische Akadien, und Neufundland von Frankreich, womit der Grundstein für die kommenden Spannungen zwischen französischen und britischen Siedlern gelegt wurde, da die Franzosen an der Westküste Neufundlands noch Fischerei betreiben durften und Neuschottland zwischen französischem Gebiet lag.35 Die britische „East India Company“ und die französische „Compagnie des Indes Orientales“ in Indien konnten aus dem europäischen Konflikt durch ein Neutralitätsabkommen zwischen beiden Ostindiengesellschaften herausgehalten werden.36

Im Jahr 1713 erließ Karl VI. als Erweiterung des „Pactum mutuae successionis“ die sogenannte „Pragmatische Sanktion“, welche die Unteilbarkeit der habsburgischen Erbländer sichern, sowie eine einheitliche Erbfolgeregelung darstellen sollte. Es wurde bestimmt, dass für den Fall, dass Karl VI. kinderlos starb, die Töchter Josephs I. und deren Nachkommen das Erbe nach der Primogenitur erhalten sollten. Sollte Karl jedoch Töchter haben, sollte die älteste Tochter das ungeteilte Erbe erhalten.37 Die Bestimmungen wurden zwischen 1722 und 1732 von Ungarn, den habsburgischen Ländern, Russland, Preußen und der Mehrheit der Reichsstände anerkannt.38 Als Karls VI. jedoch im Jahr 1740 starb und seine Tochter Maria Theresia ihm auf den Habsburgerthron folgte, bestritten sowohl Karl Albrecht, Kurfürst von Bayern, als auch Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, welche beide die Töchter Josephs I. geheiratet hatten, die Gültigkeit der Pragmatischen Sanktion und erhoben jeweils im Namen ihrer Ehefrauen Anspruch auf die habsburgischen Erblande.39 Friedrich II. von Preußen, wollte Maria Theresia nur unterstützen, wenn er im Gegenzug Gebiete Schlesiens erhalten würde.40 Die Legitimation bezog er aus der Liegnitzer Erbverbrüderung von 153741, deren Bestimmungen jedoch bereits 1686 revidiert worden waren.42 Nachdem er ein Ultimatum an Maria Theresia gestellt hatte, marschierte Friedrich II., ohne eine Antwort abzuwarten in Schlesien ein.43 Damit brach der „Erste Schlesische Krieg“ aus, der sich in einem globalen Krieg manifestierte, der unter dem bereits erwähnten Namen „Österreichischer Erbfolgekrieg“ bekannt ist.44

2.2. Der Österreichischer Erbfolgekrieg (1742-1748)

Der Erste Schlesische Krieg endete mit dem Vertrag von Berlin 1742, in welchem Preußen Schlesien erhielt. Daraufhin verließ es vorübergehend die Koalition mit Frankreich und Spanien, während sich Maria Theresia weiterhin gegen die Thronansprüche durch die Kurfürsten von Sachsen und Bayern sowie des spanischen Königs erwehren musste.45 Karl Albrecht von Bayern wurde als römisch-deutscher Kaiser gewählt, Maria Theresia wollte dagegen ihren Gatten in dieser Position sehen und besetzte daraufhin Bayern. Preußen geriet dadurch unter Druck, da es befürchtete, Schlesien wieder an Österreich zu verlieren und schloss sich erneut der Koalition um Frankreich an.46 Mit dieser Koalition im Rücken marschierte Friedrich II. im Jahr 1744 in Böhmen ein und löste so den „Zweiten Schlesischen Krieg“ aus. Im gleichen Jahr zog Kaiser Karl VII. in München ein und konnte sein Stammland zurückerobern.47 Österreich schloss ein Jahr später eine Allianz mit Großbritannien, Sachsen und den Niederlanden und marschierte in Schlesien ein. Kurz darauf verstarb Kaiser Karl VII. und sein Sohn Maximilian III. Joseph verließ die anti-österreichische Allianz und schloss den Frieden von Füssen mit Maria Theresia. Somit wurde die Situation für Preußen noch prekärer.48 Dennoch konnten Friedrichs II. Truppen die Allianz aus Österreich und Sachsen schlagen, und es folgte der Frieden von Dresden im Jahr 1745, in dem Schlesien vollends unter preußische Herrschaft gestellt wurde, während Friedrich II. zusichern musste, dass er Maria Theresias Gatten Franz Stephan bei der Kaiserwahl unterstützen würde. Dieser wurde als Franz I. schließlich römisch-deutscher Kaiser und der Zweite Schlesische Krieg war faktisch beendet.49 Preußen schloss zudem auch einen weiteren Frieden mit Großbritannien und Hannover, dennoch gingen die Auseinandersetzungen im größeren Kontext des Österreichischen Erbfolgekrieges weiter. Sie verlagerten sich für Österreich nun nach Italien und in die ehemals Spanischen Niederlande, welche mittlerweile zu Österreich gehörten. Trotzdem blieb Schlesien weiterhin ein heißes Thema in Preußen und Österreich.50 Dies sollte sich im „Dritten Schlesischen Krieg“ zeigen.51

Neben diesen Konflikten zwischen Preußen und Österreich, wird in der Literatur vor allem der britisch-französische Gegensatz behandelt, der teilweise als „Zweiter Hundertjähriger Krieg“ (1689-1815) bezeichnet wird.52 Beide Staaten standen sich in mehreren Kriegen gegenüber, in denen es neben der Durchsetzung der kontinentalen Interessen auch um die Vormachtstellung in den nord- und südamerikanischen sowie indischen Kolonien ging. Großbritannien musste seine Seemacht in vier „interkolonialen“ Kriegen gegen Spanien und Frankreich behaupten (1689-1763).53 Nach dem Vertrag von Utrecht war Spaniens Machtstellung geschwächt, Frankreichs kolonialer und kontinentaler Expansionsdrang wurde vorerst gestoppt und die britische Stellung gestärkt.54 Spanien wollte seinen Machtverlust nicht hinnehmen und bereits ein Jahr vor dem Österreichischen Erbfolgekrieg befanden sich Spanien und Großbritannien in einem Seekrieg in der Karibik („War oft the Jenkins Ear“ 1739-1742/48).55

Die anglo-französischen Auseinandersetzungen in den nordamerikanischen und indischen Kolonien während des Österreichischen Erbfolgekrieges führten zu keinen entscheidenden Erfolgen. Im „King George’s War“ (1744-1748)56, der den seit 1739 zwischen einer spanischfranzösischen Allianz und Großbritannien ausgetragenen, in einem anglo-französischen Konflikt fortführte, versuchte Großbritannien die Kontrolle über die See und den Handel in Nordamerika endgültig für sich zu gewinnen und dabei die spanischen und französischen Flotten und Kolonien zu schwächen.57 Durch den Krieg gerieten aber auch eigene Projekte wie die Ausbreitung der „Ohio Company“ zum Stillstand.58 Im „King George’s War“ gewannen die Briten zwar das französische Fort Louisburg und konnten somit den britischen Fischfang bei Neufundland sichern, jedoch verloren sie im „Ersten Karnatischen Krieg“ (17441748) mit Madras (Fort St. George) einen wichtigen Handelsstützpunkt in Indien an Frankreich.59 Im Vertrag von Aachen wurden beide Eroberungen rückgängig gemacht. 60 Der „Erste Karnatische Krieg“ war eingebettet in, seit 1743 bestehende, Erbfolgestreitigkeiten zwischen dem Nizatum Haiderbad und dem Nawabtum Karnatak, der durch die Deterritorialisierung des Mogulreiches entstand. Die britischen und französischen Ostindiengesellschaften in der Region wurden in den Konflikt gezogen, da sie Soldaten als Söldner abtraten, um so ihre Interessen auch in inner-indischen Angelegenheiten durchzusetzen.61 Nach dem Kriegsende in Europa 1742, gab es Bestrebungen für ein Neutralitätsabkommen zwischen beiden Ostindiengesellschaften. Von beiden Seiten gab es inoffizielle Kontakte, doch der Ausbruch des Zweiten Schlesischen Krieges führte zur Ablehnungen eines französischen Vorstoßes zum Frieden durch die Briten, deren Flotte stattdessen den französischen Handel fast komplett zum Erliegen brachte. Erneut versuchte Dupleix auf ein Neutralitätsabkommen hinzuarbeiten, welches nach langem Zögern abgelehnt wurde.62 Frankreich suchte nun im Nawab von Karnatak einen Verbündeten. Als dieser erfuhr, dass die Briten 1745 Pondicherry angreifen wollte, verlangte er von diesen, das von ihm verfügte Neutralitätsgebot zu beachten. Obwohl auf Seiten der Franzosen, missfiel ihm deren Eroberung von Madras im Jahr 1746. Nach dem erfolglosen Versuch der Rückeroberung, einigte er sich schließlich mit den Franzosen zur Zahlung einer Entschädigung. Dennoch schickte er später seine Söhne aus, um Madras und auch Pondicherry zu erobern, und die Allianz mit Frankreich war de facto beendet. Dafür stand Frankreich ab 1747 einer britisch-niederländischen Allianz gegenüber, die plante die drei französischen Niederlassungen Pondicherry, Mahé, und Chandannagar zu erobern. Doch die Nachricht des Friedens in Europa beendete jegliche militärische Aktionen.63

Man kann also von einer Pattsituation im interkontinentalen Rahmen des britischfranzösischen Konfliktes sprechen. Großbritannien konnte Hannover halten, während Frankreich die Österreichischen Niederlande kontrollieren, und sogar einige Gebiete der Vereinigten Niederlande bis Kriegsende erobern, konnte.64 Nach dem Vertrag von Aachen 1748 wurde der „status quo ante bellum“ hergestellt und das Gleichgewicht der Mächte gestärkt.65 Dennoch schien allen Parteien klar zu sein, dass der Vertrag von Aachen nur ein Frieden auf Zeit war.66 Denn Österreich wollte Schlesien nicht aufgeben, und in Nordamerika („Father Le Loutre War“ 1749-1755) sowie in Indien („Zweiter Karnatischen Krieg“ 1749- 1752/54), gingen die anglo-französischen Konflikte unvermittelt weiter.67

3. Interessen und Ziele der späteren Kriegsparteien nach dem Frieden von Aachen 1748

Um die Interessen und Ziele der späteren Kriegsparteien zu verstehen, sollte man sich den Frieden von Aachen aus dem Jahr 174868 anschauen, der einen der letzten Erbfolgekriege Europas beendete.69 Es folgte zwar eine relativ lange Friedensphase und das europäische Gleichgewicht wurde gestärkt, dennoch waren die Konflikte zwischen den alten Feinden nicht gelöst.70

Doch was waren die konfliktreichen Bestimmungen des Friedens von Aachen, die indirekt in den Siebenjährigen Krieg führten? 71 Wie bereits erwähnt, wurden alle Eroberungen des Österreichischen Erbfolgekrieges rückgängig gemacht.72 Die Franzosen übergaben die Österreichische Niederlanden wieder an Österreich und zogen sich aus den Vereinigten Niederlanden zurück. Außerdem mussten sie Madras in Indien wieder an die Briten übergeben, die im Gegenzug das Fort Louisburg in Kanada zurückgeben mussten.73 Österreich musste einige Gebiete in Italien an das Herzogtum Parma, und das Königreich Sardinien, abtreten. Preußen wurde der Besitz von Schlesien und Glatz bestätigt und dafür wurde Maria Theresias Ehemann als römisch-deutscher Kaiser und die Pragmatische Sanktion allgemein anerkannt.74 Es gab noch weitere Bestimmungen, die hier nicht aufgeführt wurden, da sie für den weiteren Verlauf der Beziehungen zwischen den Großmächten hin zum Siebenjährigen Krieg für diese Arbeit weniger relevant sind. Insgesamt gab es keinen wirklichen Gewinner nach dem Vertrag von Aachen. Lediglich die Vereinigten Niederlande kann man als solchen sehen, da sie ihre Gebietsverluste während des Krieges vollständig von Frankreich zurückerhalten hatten. Frankreich könnte man durch die genannten Bedingungen als einen Verlierer ansehen, wenngleich es beispielsweise das Fort Louisburg wiederbekommen hatte und man es als einen Erfolg ansehen kann, dass es die Position Österreichs geschwächt hatte.75 Tatsächlich ging Frankreich gestärkt aus dem Frieden von Aachen hervor.76 Großbritannien zwang Österreich zur bereits erwähnten Abtretung von Gebieten an Sardinien im Vertrag von Worms 1743, sowie an Preußen im Vertrag von Dresden 1745.77 So isolierte sich Großbritannien immer mehr von den anderen Großmächten. Hinzu kam, dass die Konflikte mit Frankreich in Übersee keineswegs gelöst waren.78 Und auch der Krieg mit Spanien in den westindischen Gebieten, der de facto 1742,79 aber erst mit dem Vertrag von Aachen 1748 endgültig beendet war, hatte das Verhältnis zu Spanien nachhaltig beschädigt. So kann man den Ausgang des Österreichischen Erbfolgekrieges für Großbritannien und Österreich insgesamt als schlecht bezeichnen.80 Preußen hatte zwar erneut den Besitz über Schlesien und Glatz bestätigt bekommen, doch auch Preußen schien genauso isoliert zu sein wie Großbritannien, da es durch seine bisherige Außenpolitik den Ruf hatte, Bündnisse zu verlassen sobald die eigenen nationalen Kriegsziele erreicht wurden. Dies war im Österreichischen Erbfolgekrieg in den Jahren 1742 und 1745 geschehen, als es die Allianz mit Frankreich und Spanien zweimal verlassen hatte.81 Dennoch verband sich Preußen 1748 erneut mit Frankreich um sich gegen Österreich abzusichern.82 Im sogenannten „Russisch-Schwedischen Krieg“ (1741-1743), der ebenfalls Teil des Österreichischen Erbfolgekrieges war, konnte Russland sich gegen Schweden behaupten und erhielt im Frieden von Aachen einige Gebiete des Rivalen.83 Somit verlor Schweden seinen Großmachtstatus und ging geschwächt hervor, während Russland als aufstrebende Macht sich immer mehr nach Westen hin orientierte.84

[...]


1 Vgl. Albertone/De Francesco (2009), S. 1-13; Klooster (2009), S. 1-10.

2 Vgl. Klooster (2009), S. 15-20.

3 Vgl. Füssel (2010), S. 7; Hubatsch (1976), S. 162.

4 Vgl. Gipson (1950), S. 86ff.

5 Vgl. Hannings (2011), Anderson (2000), Anderson (2005).

6 Vgl. Nautz (2008), S. 23.

7 Vgl. Anderson (2000), S. 747.

8 Vgl. Anderson (2007), S. 17.

9 Vgl. Frégault (1969), S. 2ff.

10 Vgl. Füssel (2010), S. 7.

11 Vgl. ebd., S. 11.

12 Vgl. Hannings (2011), S. 296-304; Dull (2005), S. 178; Baugh (2011), S. 655f.

13 Vgl. Hinderaker (2007), S.120f.

14 Vgl. Koselleck (1972), S. XV.

15 Vgl. Füssel (2010), Schumann/Schweizer (2008), Baugh (2011), Danley/Speelman (2012), Externbrink (2011a).

16 Vgl. Asbach (2011), S. 28.

17 Vgl. Externbrink (2011a), S. 11f.

18 Vgl. Speelman (2012b), S. 524, 536.

19 Vgl. Füssel (2010), S. 109ff.

20 Vgl. Burkhardt (1985), S. 3ff.

21 Vgl. Asbach (2011), S. 32.

22 Vgl. Fuchs (2006), S. 313-343.

23 Vgl. Schumann/Schweizer (2008), S.26ff.; Schilling, L. (1994), S. 203-210; Füssel (2010), S. 8, 21.

24 Vgl. Barrento (2006), S. 1, 28ff.

25 Vgl. Browning 2005 (S. 521-534).

26 Vgl. Vacha (1992), S. 246-249.

27 Vgl. Anderson (2000), S. 11, 20f.

28 Vgl. Vacha (1992), S. 248.

29 Vgl. Press (1991), S. 475f.; Rönnefarth (1958), S. 135f.

30 Vgl. Schilling, H. (1998), S. 264ff.; Press (1991), S. 469-472; Rönnefarth (1958), S. 130-139.

31 Vgl. Hubatsch (1976), S. 119f.

32 Vgl. Blanning (2006), S. 270-275.

33 Vgl. Anderson (2005), S. 10f.

34 Vgl. Anderson (2000), S. 21.

35 Vgl. Williamson (1955), S. 336f.

36 Vgl. Mann (2011), S. 105.

37 Vgl. Vacha (1992) S. 267f.; Hubatsch (1976), S. 155.

38 Vgl. ebd.,

39 Vgl. Hubatsch (1976), S. 155, 157.

40 Vgl. Burgdorf (2011), S. 122-124.

41 Vgl. Jaeckel (1988), S. 23ff., 94ff.

42 Vgl. Burgdorf (2011), S. 122ff.

43 Vgl. Hahn (2013), S. 70ff.

44 Vgl. Vacha (1992), S. 292ff.

45 Vgl. Hahn (2013), S. 73; Burgdorf (2011), S. 130.

46 Vgl. Hahn (2013), S. 74; Burgdorf (2011), S. 129f.

47 Vgl. Schilling, H. (1998), S. 293f.

48 Vgl. Rönnefarth (1958), S. 163f.; Burgdorf (2011), S. 133.

49 Vgl. Vacha (1992), S. 295.

50 Vgl. Szabo (2013), S. 10.

51 Vgl. Schilling, H. (1998), S. 450f.

52 Vgl. Crouzet (1996), S. 432f.; Dull (2005), S. 1; Füssel (2010), S. 26.

53 Vgl. Morris (1976), S.74-79.

54 Vgl. Llinares (2011), S. 247; Schilling, H. (1998), S. 267.

55 Vgl. Blanning (2006), S. 274ff.; Grenier (2008), S. 95, 108f.; Monrod (2009), S. 194f.

56 Vgl. Grenier (2008), S.107ff.

57 Vgl. Hannings (2011), S.8; Anderson (2000) S. 11; Blanning (2006), S. 275ff.

58 Vgl. Anderson (2005), S. 29.

59 Vgl. Blanning (2006), S. 278.

60 Vgl. Peacock (1968), S. 49; Baugh (2011), S. 35f.

61 Vgl. Mann (2011), S. 102f.

62 Vgl. ebd., S. 105f.

63 Vgl. ebd., S. 106f.

64 Vgl. Peacock (1968), S. 68.

65 Vgl. Hubatsch (1976), S. 160.

66 Vgl. Szabo (2013), S. 8.

67 Vgl. Mann (2011), S. 109-114; Grenier (2008), S. 138ff.; McCollom (1971), S. 40ff.

68 Vgl. Rönnefarth (1958), S. 168f.

69 Vgl. Schilling, H. (1998), S. 296.

70 Vgl. Schumann/Schweizer (2008), S. 5.

71 Vgl. Marston (2001), S. 7.

72 Vgl. Szabo (2013), S. 8f.

73 Vgl. ebd.

74 Vgl. Dull (2005), S. 5.

75 Vgl. ebd.

76 Vgl. Anderson (2000), S. 35f.

77 Vgl. Schilling, L. (1994), S. 26; Rönnefarth (1958), S. 164f.

78 Vgl. Hubatsch (1976), S. 161.

79 Vgl. Morris (1976), S. 77ff.

80 Vgl. Anderson (2000), S. 35f.

81 Vgl. Redman (2015), S. 3.

82 Vgl. Burgdorf (2011), S. 139.

83 Vgl. Böhme (1989), S.193-212.

84 Vgl. Füssel (2010), S. 16f.

Details

Seiten
48
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668502949
ISBN (Buch)
9783668502956
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371861
Institution / Hochschule
Universität Trier – Lehrstuhl für Neuere Geschichte (Frühe Neuzeit)
Note
2,7
Schlagworte
Siebenjähriger Krieg French and Indian War Seven Years War Pontiac

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die internationale Dimension des Siebenjährigen Krieges (1754/56-1763). Ein erster "Weltkrieg"?