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Die Takkanot Kehillot der aschkenasischen Juden in den SchUM-Gemeinden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Was sind die „SchUM“-Gemeinden?

2. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen im Mittelrheingebiet im Mittelalter

3. Was sind „Takkanot Kehillot SchUM“? - Geschichtliche Grundlage und Verbreitung

4. Rolle und Funktion der „Takkanot Kehillot SchUM“

5. Die Entwicklung der „Takkanot Kehillot SchUM“ seit dem ausgehenden Mittelalter

6. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - Was sind die „SchUM“-Gemeinden?

Wenn man die Geschichte der Juden im mittelalterlichen Europa betrachtet, so wird es kaum möglich sein die Wichtigkeit der jüdischen Gemeinden Mainz, Speyer und Worms im deutschsprachigen Raum zu übersehen. In dieser Arbeit soll zunächst Entstehung und Verbindung dieser Gemeinden näher erläutert werden, um über die kurze Skizzierung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen im Mittelalter und der Geschichte der Rechtssatzungen der genannten Gemeinden im Mittelalter, die sogenannten „Takkanot Kehillot SchUM“, zu der Frage nach der Rolle und Funktion jener „Takkanot“ im Mittelalter zu gelangen und abschließend deren Bedeutung für die heutigen jüdischen Gemeinden in Europa zu analysieren. Die sogenannten „SchUM“-Gemeinden sind die bereits erwähnten jüdischen Gemeinden in den drei deutschen Kathedralstädten am Rhein. Das Akronym „SchUM“ steht für die Anfangsbuchstaben ihrer mittelalterlichen, auf das Latein ) bezeichnet hierbei Schpira, also Speyer,שzurückgehenden hebräischen, Namen. Schin (Sch ) steht für Warmaisa und somit Worms und MemוWaw (U ) für Magenzaם(M beziehungsweise Mainz.1 Spätestens seit dem 14. Jahrhundert wurde diese Bezeichnung zu einem Synonym für die jüdischen Gemeinden im Mittelrheingebiet.2 Die Verbindung der drei Gemeinden entstand keineswegs zufällig. Am Ende des 10. Jahrhunderts hatte sich in Mainz die erste jüdische Gemeinde angesiedelt. Circa eine Generation später entstand eine weitere jüdische Gemeinde im nahen Worms. Vom Anbeginn der Existenz dieser Gemeinden, gab es enge Verbindungen zwischen den zwei Schwestergemeinden, so traten die Gelehrten beider Gemeinden bereits Ende des 10. Jahrhundert gemeinsam in Erscheinung. Im 11. Jahrhundert siedelten sich bald Juden aus Mainz in Speyer an und eine Trias von jüdischen Gemeinden mit zentraler Rolle war im Reich entstanden.3

Diese Trias wurde von außenstehenden Juden als eine Einheit wahrgenommen. Und dies nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern bis nach Jerusalem, wo aschkenasische Gelehrte die Bezeichnungen beziehungsweise das kronym „Kehillot SchUM“ benutzten. So lässt sich konstatieren, dass die SchUM-Gemeinden auch in der Levante für die zeitgenössischen Juden eine wichtige Rolle spielten.4

Als „Aschkenas“ wird der erste relativ zusammenhängende Siedlungsraum der Juden an den Ufern des Rheins bezeichnet. Tatsächlich wird der Begriff im engeren Sinne für Deutschland, deutsches Judentum und deutsche Juden genutzt. Aber auch für die von den aschkenasischen Juden im deutschsprachigen Raum abstammenden Juden in anderen Ländern, wurde der Begriff verwendet. Der Verbreitungsraum der „Aschkenas“ liegt vor allem in Frankreich, Deutschland und dem Gebiet Polen-Litauens. Eine weitere Funktion des Begriffes „Aschkenas“ ist die klare Abgrenzung vom jüdischen Kulturraum in Spanien - dieser wird als „Sepharad“ bezeichnet.5

Es zeigt sich also, dass das Gebiet „Aschkenas“ keineswegs auf die Region um Mainz, Speyer und Worms beschränkt war, sondern, dass es andere Gemeinden im deutschsprachigen Gebiet gab, wie beispielsweise die Dreiergemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek, die in den „Takkanot AHU“ organisiert war und für die Jahre 1611 belegt 1873 belegt ist.6 7 Dennoch soll sich diese Arbeit ausschließlich mit den „SchUM“-Gemeinden und deren Rechtssatzungen befassen. Dabei wird in erster Linie auf die diversen relevanten Werke von Rainer Barzen, unter anderem seine Dissertation aus dem Jahre 2004, zurückgegriffen. Hinzu kommen Aufsätze aus Sammelbänden die von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz herausgegeben worden sind. Neben weiterer Literatur, nutzt diese Arbeit das „Takkanot der rheinischen Gemeinden von 1220“ in deutscher Übersetzung als Quelle, um die Rolle und Funktion der Rechtssatzungen dort explizit zu belegen.8 So soll ein rundes Bild über die „Takkanot Kehillot SchUM“ entstehen, das die Bedeutung und Rolle der Rechtssatzungen der „SchUM“-Gemeinden, auch über das Mittelalter hinaus, beleuchten soll.

2. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen im Mittelrheingebiet im Mittelalter

Bevor aber auf die geschichtliche Grundlage der „Takkanot“ eingegangen wird, soll zunächst das Verhältnis zwischen Juden und Christen im Mittelalter skizziert werden. Dabei zeigt sich ein sehr ambivalentes Bild in den Beziehungen zwischen den jüdischen Gemeinden und ihren christlichen Zeitgenossen. Denn einerseits gab es Verbindungen zwischen Christen und Juden die dazu führten, dass man voneinander lernte, auf beiden Seiten ähnliche Organisationsformen entstanden und man von einer gewissen Art der Harmonie sprechen kann. Wormser Juden konnten wie Christen das Bürgerrecht erlangen, mussten sich hierfür aber an städtischen Aufgaben beteiligten. Als extremen Gegensatz gab es immer wieder Phasen von Judenpogromen.9.10

An dieser Stelle seien, neben den ersten großen Judenverfolgungen während der Zeit des Ersten Kreuzzugs (1096-1099), auch die „Rintfleisch-Verfolgung“ von 1298 und die „ rmledererhebung“ zwischen 1336 und 1338 erwähnt. Den fatalen Höhepunkt der Judenverfolgungen bildeten die sogenannten „Pestpogrome“ von 1348 bis 1353.11 Trotz jener Pogrome wuchs das jüdische Siedlungsgebiet, vor allem im Mittelrheingebiet, weiter an. Bis 1300 erfolgten viele weitere Siedlungen im salisch-staufischen Herrschaftsbereich. Tatsächlich gab es um 1350 einen Anstieg der Einwanderung von Juden, da diese von Verfolgungen im angrenzenden Frankreich flohen.12 Wie gut Juden im christlichen Herrschaftsgebiet integriert waren, zeigt sich daran, dass sich die Ausdehnung jüdischer Bezirke stark an den Territorien des Reiches orientierten und teilweise identisch waren.13 Ein weiteres Beispiel für das ambivalente Verhältnis zwischen Juden und Christen, sind die Privilegien für Wormser Juden durch den römisch-deutschen Kaiser Heinrich IV., welche 1236 durch Friedrich II. auf alle deutschen Juden ausgeweitet wurden. Diese Privilegien versuchte die Kirche immer wieder zu schwächen und die Rechte von Juden zu begrenzen.14

Wie die bereits erwähnten Judenpogrome zeigen war die politische und geographische Nähe zum König bzw. Kaiser nicht nur von Vorteil, sondern führte ebenfalls dazu, dass Juden auch zu Opfern wurden.15 Die Juden befanden sich im 13. Jahrhundert in einem Machtdreieck zwischen Königsherrschaft, bischöflicher Stadtherrschaft und kommunaler Autonomie wieder. Mit dem im selben Jahrhundert eintretenden Machtverfalls der Königsherrschaft wurde einerseits die Rechtsunsicherheit der Juden größer, andererseits kam es in den rheinischen Gebieten zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen den Städten. So entstand der Rheinische Städtebund 1254 und auch die drei „SchUM“-Gemeinden intensivierten ihre Beziehungen, indem sie gemeinsame Rechtssatzungen aufstellten, die in den Jahren 1220 und 1223 und nochmals in der Mitte des 13. Jahrhunderts belegt sind.16

3. Was sind „Takkanot Kehillot SchUM“? - Geschichtliche Grundlage und Verbreitung.

In dem bisher genannten ambivalenten Kontext ist die Entstehung der „Takkanot“ der drei jüdischen Gemeinden im Mittelrheingebiet einzuordnen. Vor dem Hintergrund der sehr starken Verbindung der „SchUM“-Städte, ihrer regionalen und verwandtschaftlichen Nähe, im Besonderen zwischen den Gelehrten der drei Gemeinden, sowie der Autorität ihrer Gerichte, muss wohl die Entscheidung gefallen sein, dass alle drei jüdischen Gemeinden, in einem gemeinsamen Akt, gleichlautende „Takkanot“ erhalten sollten und somit eine einheitliche rechtliche Basis geschaffen werden sollte.17 Ein Beispiel des besonderen Verhältnisses der drei Gemeinden waren die „Vaadei haKellihot“, die sich auch in der halachischen, also juristischen, Literatur niederschlugen. Diese Versammlungen der Gelehrten der drei Gemeinden sind vor und nach 1200 belegt.18

Einen gewissen Einfluss auf die letztendliche Entstehung der „Takkanot Kehillot“ hatten wohl auch die „Takkanot“ des Rabbenu Gerschom, die wohl im rheinischen Raum entstanden.19 In diesen Rechtssatzungen, die im 11. Jahrhundert entstandenen sind, wurden beispielsweise die Polygamie im aschkenasischen Judentum abgeschafft.20 Am bekanntesten und einflussreichsten im ausgehenden 12. Jahrhundert waren in Frankreich und Deutschland die „Takkanot“ des Rabbenau Tam, eines französischen Talmud-Gelehrten.21 Hierbei wurde eine Kommunikation zwischen „ schkenas“ und „Sepharad“ (Zarfat) durch Rundschreiben geführt und es begann ein Prozess der Übernahme der „Takkanot“ des Rabbenau Tam in den französischen und deutschen Gebieten. So gelangten sie auch nach Köln und Mainz und blieben in den „SchUM“-Gemeinden bis in das 13. Jahrhundert präsent. Belegt wird dies durch die Anwendung einer modifizierten Form der „Takkanot“ des Rabbenau Tam bei einem Rechtsstreit in einer der drei Gemeinden. Diese wurden teilweise und paraphrasiert in die „Takkanot“ der „SchUM“-Städte integriert.22

Diese „Takkanot Kehillot SchUM“ enstanden in der Folgezeit und wurden auf zwei Versammlungen der drei jüdischen Zentren in den Jahren 1220 und 1223 bestätigt und sind somit belegt. Die erste Versammlung fand vermutlich wenige Jahre vor der zweiten Versammlung von 1220 statt, jedoch ist das genaue Datum nicht belegbar.23 Barzen verortet die erste Versammlung um das Jahr 1200.24 Es lässt sich konstatieren, dass diese Versammlungen zugleich als Gerichtstagungen fungierten und von den herausragenden Gelehrten der drei rheinischen Gemeinden besucht wurden. Jene Gelehrten waren es auch, welche die erste Sammlung von „Takkanot“ für Mainz, Speyer und Worms zusammenstellten und autorisierten. Sie verfuhren somit nach der Praxis, dass solch eine Rechtssatzung („Takkana“) tatsächlich von jüdischen Rechtsgelehrten oder einer Körperschaft, wie einem Gericht oder einer Gemeinde, eingesetzt und autorisiert werden mussten.

[...]


1 Vgl. Mentgen, Gerd: Gelobt und gepriesen vor allen Gemeinden des Reichs. Die Juden in den SCHUMGemeinden Speyer, Worms und Mainz. In: DAMALS 12. 2004, S. 36-41.

2 Vgl. Barzen, Rainer: Jüdische Regionalorganisation am Mittelrhein: Die Kehillot SchUM um 1300. in: Cluse, Christoph (Hrsg.): Europas Juden im Mittelalter: Beiträge des internationalen Symposiums in Speyer vom 20. - 25. Oktober 2002, Trier 2004. S. 248.

3 Ebd. 248f.

4 Vgl. Barzen, Rainer: Die SchUM-Gemeinden und ihre Rechtssatzungen. Geschichte und Wirkungsgeschichte, in: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Die SchUM-Gemeinden Speyer - Worms - Mainz, Regensburg 2013. S. 24-25.

5 Vgl. Encyclopaedia Hebraica: Ashkenaz, in: Berenbaum, Michael/Skolnik, Fred (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica, Band 2, Detroit 2007, S. 569-571.

6 Vgl. Zürn, Gaby: Die Altonaer jüdische Gemeinde (1611-1873): Ritus und soziale Institutionen des Todes im Wandel, Hamburg 1999. S. 1ff.

7 Vgl. Schwarzfuchs, Simon: The Inheritance of the Rabbinate Reconsidered, in: Jewish History, Vol. 13, No. 1 (Spring 1999), S. 25-33.

8 Vgl. Quelle 72: Takkanot der rheinischen Gemeinden Speyer, Worms, Mainz um 1220, in: Schoeps, Julia H./Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.): Juden in Europa - Ihre Geschichte in Quellen. Band 1 - Von den Anfängen bis zum späten Mittelalter. S. 154-157.

9 Vgl. Barzen, Rainer/Hüsken, Dieter (Hrsg): Damals in Europa - Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein, Bonn 2000. S. 7ff.

10 Vgl. Barzen, Rainer: Jüdische Regionalorganisation am Mittelrhein: Die Kehillot SchUM um 1300. in: Cluse, Christoph (Hrsg.): Europas Juden im Mittelalter: Beiträge des internationalen Symposiums in Speyer vom 20. - 25. Oktober 2002, Trier 2004. S. 249.

11 Vgl. Trepp, Leo: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion, Reinbek 1998. S.66.

12 Vgl. Barzen, Rainer/Hüsken, Dieter (Hrsg): Damals in Europa - Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein, Bonn 2000. S. 8.

13 Vgl. Barzen, Rainer: Jüdische Regionalorganisation am Mittelrhein: Die Kehillot SchUM um 1300. in: Cluse, Christoph (Hrsg.): Europas Juden im Mittelalter: Beiträge des internationalen Symposiums in Speyer vom 20. - 25. Oktober 2002, Trier 2004. S. 252..

14 Vgl. Barzen, Rainer/Hüsken, Dieter (Hrsg): Damals in Europa - Auf Spurensuche zwischen Maas und Rhein, Bonn 2000. S. 8.

15 Vgl. Barzen, Rainer: Takkanot Kehillot Schum: die Rechtssatzungen der jüdischen Gemeinden von Mainz, Worms und Speyer im hohen und späteren Mittelalter, Trier 2004. S. 5.

16 Ebd. S. 6.

17 Vgl. Barzen, Rainer: Takkanot Kehillot Schum: die Rechtssatzungen der jüdischen Gemeinden von Mainz, Worms und Speyer im hohen und späteren Mittelalter, Trier 2004. S. 43.

18 Vgl. Barzen, Rainer: Die SchUM-Gemeinden und ihre Rechtssatzungen. Geschichte und Wirkungsgeschichte, in: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Die SchUM-Gemeinden Speyer - Worms - Mainz, Regensburg 2013. S. 26.

19 Vgl. Barzen, Rainer: Takkanot Kehillot Schum : die Rechtssatzungen der jüdischen Gemeinden von Mainz, Worms und Speyer im hohen und späteren Mittelalter, Trier 2004. S. 22.

20 Vgl. Eidelberg, Shlomo/ Derovan, David: Gershom ben Judah Me’or Ha-Golah, in: Encyclopaedia Judaica. Band 7, Detroit 2007, S. 551-552.

21 Vgl. Netzer, Nisan/Ta-Shma, Israel Moses: Rabbeinu Jacob ben Meir Tam, in: Berenbaum, Michael/Skolnik, Fred (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica, Band 19, Detroit 2007, S. 491-493.

22 Vgl. Barzen, Rainer: Takkanot Kehillot Schum : die Rechtssatzungen der jüdischen Gemeinden von Mainz, Worms und Speyer im hohen und späteren Mittelalter, Trier 2004. S. 22ff.

23 Ebd. S. 43.

24 Vgl. Barzen, Rainer: „Kehillot SchUM“: Zur Eigenart der Verbindungen zwischen den jüdischen Gemeinden Mainz, Worms und Speyer bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in: Cluse, Christoph/Haverkamp, Alfred/Yuval, Israel J. (Hrsg.); Jüdische Gemeinden und ihr christlicher Kontext in kulturräumlich vergleichender Betrachtung von der Spätantike zum 19. Jahrhundert, Hannover 2003. S. 397.

Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668506312
ISBN (Buch)
9783668506329
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371856
Institution / Hochschule
Universität Trier – Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
SchUM Jüdische Geschichte Juden in Europa Juden im Mittelalter

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