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Erste Bindungserfahrung und ihre Bedeutung für die Beziehungsfähigkeit im Erwachsenenalter

Hausarbeit 2005 23 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Wurzeln und frühe Einflüsse
2.1. Objektbeziehung aus psychoanalytischer Sicht
2.2. Die ethologische Verankerung der Bindungstheorie

3. Grundzüge der Bindungstheorie
3.1. Bindung und Bindungsverhalten
3.2. Internale Arbeitsmodelle

4. Bindungsqualitäten
4.1. Die Uganda und Baltimore Untersuchung
4.2. Mütterliche Feinfühligkeit und die Auswirkung auf die Bindungsentwicklung
4.3. Bindungs- und Explorationsverhalten einjähriger Kinder in der „Fremden Situation“
4.3.1. Vorgehensweisen in der Fremden Situation
4.3.2. Ergebnisse der Fremden Situation

5. Längsschnittliche Zusammenhänge
5.1. Konsequenzen der frühen Bindungsqualität für das Kindesalter
5.2. Entwicklung der Erwartungen an enge Beziehungen
5.3. Bindungsrepräsentation und Erwartung an eine Partnerschaft im Erwachsenenalter
5.3.1. Qualitäten der Bindungsrepräsentation
5.3.2. Qualitäten der Partnerschaftsrepräsentation
5.3.3. Zusammenhänge zwischen Partnerschafts- und Bindungsrepräsentation

6. Ausblick

7. Literatur

1. Einleitung

Die Bindungstheorie begann in den 50er und 60er Jahren mit grundlegenden Beobachtungen im Säuglings- und Kleinkindalter. Sie befasst sich zunächst mit der allgemeinen Bindungsentwicklung, mit unterschiedlichen Bindungsqualitäten, dem Einfluss der mütterlichen Feinfühligkeit. Des Weiteren beschäftigt sie sich mit den unterschiedlichen Bindungsqualitäten zu Mutter, Vater und anderen Bindungs-personen, mit Unterschieden der Trennungs- und Wiedervereinigungsreaktionen von Säuglingen und mit Veränderungen in ihrem kommunikativen Ausdrucksverhalten.

In dieser Arbeit soll ein Überblick über die Entwicklung der Bindungstheorie und Bindungsforschung gegeben werden und mögliche Zusammenhänge früher Bindungserfahrungen für die Beziehungsfähigkeit im Erwachsenenalter diskutiert werden.

2. Historische Wurzeln und frühe Einflüsse

Erste bindungstheoretische Überlegungen findet man schon Ende des 17. Jahrhunderts. So hat zum Beispiel Karl Philipp Moritz in seinem psychologischen, autobiographischen Roman „Anton Reiser“ versucht herauszufinden warum sein Leben so jammervoll verlaufen ist.[1] Anfang des letzten Jahrhunderts versucht die Entwicklungspsychologie und –psychiatrie die Interaktion von inneren und äußeren Welten und wie sich beeinflussen zu untersuchen. Vorreiter waren hier Sigmund Freud und Adolf Mayer. Sie waren beide der Ansicht, wenn man verstehen möchte warum eine Person auf bestimmte Art und Weise handelt, denkt und fühlt, man wissen muss wie sie zu dieser Person geworden ist. Freuds Interesse lag eher bei den inneren Welten der psychischen Prozesse und dem Einfluss, den unbewusste Prozesse auf Fühlen, Denken und Handeln haben. Adolf Mayer hingegen betonte weiterhin den Einfluss den tatsächliche Ereignisse auf die Persönlichkeit haben.[2]

2.1. Objektbeziehung aus psychoanalytischer Sicht

Bis dato waren zwischenmenschliche Beziehungen von Psychoanalyse und Lerntheorien geprägt. Als Ursache für enge zwischenmenschliche Beziehungen galt die primäre physiologische Bedürfnisbefriedigung. Spitz’ Beobachtungen zum Hospitalismus zeigten jedoch, dass die alleinige Befriedigung körperlicher Bedürfnisse für eine gesunde Entwicklung nicht ausreiche. Er stellte fest, dass die Liebe zwischen Mutter und Kind für die seelische gesunde Entwicklung von großer Bedeutung ist.[3] So fragte die „Objektbeziehungstheorie“ anders als die klassische Psychoanalyse nicht nur nach den Trieben und deren Schicksalen, sondern vertritt die Ansicht, dass das Objekt auf das der Trieb gerichtet ist mit einbezogen werden muss.[4] Spitz sagt: „Ohne die Intervention psychologischer Prozesse würde niemals eine Objektbeziehung ausgebildet.“[5] Allerdings sieht die Psychoanalyse immer noch den Trieb als den wesentlichen Motivationsfaktor bei der Entstehung von Beziehung.

John Bowlby, ein englischer Psychoanalytiker, versucht die Perspektive zu erweitern und versteht Bindung nicht nur aus seiner Triebhaftigkeit sondern sieht dass Bindung immer auch ein Wechselspiel zwischen beiden Objekten ist die in Interaktion stehen. In der Bindungstheorie geht es nicht um die Bewertung von Gefühlen allein sondern um das Zusammenspiel mit der Wirklichkeit.[6] Bowlby entwickelt in den 60 er Jahren die Bindungstheorie als klinische Theorie, um Formen von Persönlichkeitsstörungen wie Ängste, Wut und Depressionen die durch ungewollte Trennungen und Verlust ausgelöst werden, zu erklären. Die Bindungstheorie verbindet entwicklungs-psychologisches, klinisch-psychoanalytisches Wissen mit evolutionsbiologischem Denken.[7]

2.2. Die ethologische Verankerung der Bindungstheorie

Schon der Ethologe Konrad Lorenz stellte fest, dass es bei Tieren angeborene autonome Verhaltenssysteme gibt, die eine prägungsartige Bindung zwischen Jungtier und Muttertier ermöglichen. Harlow zeigte in seinem Versuch mit jungen Rhesusaffen, dass diese eine weiche Mutterattrappe einer nahrungsgebenden Drahtattrappe vorziehen. Die Rhesusaffen suchten in Gefahrensituationen den Schutz bei den weichen Mutterattrappen und verzichteten demnach gänzlich auf die Belohnung durch Nahrung. Harlow spricht in diesem Zusammenhang vom „affectionate system“. Diesen Gedanken greift Bowlby für seine Bindungstheorie auf.[8]

Von Seiten der Bindungstheorie glaubt man, dass der Eltern-Kind-Bindung stammesgeschichtlich angelegte Verhaltenssysteme zugrunde liegen, die der Arterhaltung dienen. Das Bindungsverhalten des Kindes zur Mutter schützt das Kind vor möglichen Gefahren, die es noch nicht kennt. Bowlby sieht in der Funktion des Bindungsverhaltens von Kleinkind zur Mutter weiter die Möglichkeit durch die Mutter Tätigkeiten und Dinge zu erlernen, die für das Überleben und die Rolle in der Gemeinschaft von Bedeutung sind. Weiter geht Bowlby jedoch davon aus, dass lediglich das Potential Verhaltenssysteme zu entwickeln vererbt ist, nicht die Verhaltenssysteme selbst. Um überhaupt eine Beziehung zur Mutter aufbauen zu können ist der Säugling mit grundlegenden kommunikativen Fähigkeiten wie Signalverhalten und Orientierungsfähigkeit ausgestattet. Diese Fähigkeiten und das mütterliche Pflegeverhalten sind aufeinander abgestimmt und bilden die Grundlage für die Ausbildung von sozioemotionalen Beziehungen zwischen Mutter und Kind. Dies ist mit Harlows Entdeckung des Verhaltens der kleinen Rhesusaffen zu vergleichen („affectionate system“).[9]

3. Grundzüge der Bindungstheorie

Wie schon erwähnt wollte Bowlby herausfinden wie es zu emotionalen Schmerzen wie Angst, Wut und Hass kommen kann. Dieser Gedanke entstand bei seiner klinischen Arbeit mit kriminell auffälligen Kindern, die entweder distanzlos oder sozial isoliert waren. Die Bindungstheorie vermutet, dass mangelnder angemessener Schutz bzw. mangelnde ausreichende Fürsorge zwischen Bindungsperson und dem Kind zu solchen seelischen Störungen führen kann.[10]

Bowlby entwickelte fünf Postulate der Bindungstheorie, die unter anderem besagen, dass für die seelische und gesunde Entwicklung von Kindern kontinuierliche und feinfühlige Fürsorge von entscheidender Bedeutung ist. Es soll mindestens eine Bindung zu einer erwachsenen Person aufgebaut werden, deren Funktion es ist Sicherheit zu geben. Die Bindungsbeziehung unterscheidet sich zu anderen Bindungen darin, dass bei Angst das Bindungsverhaltenssystem aktiviert wird und das Kind die Nähe zur Bindungsperson sucht, gleichzeitig das Explorationsverhalten deaktiviert ist. Die Qualitäten der Bindung lassen sich an dem Ausmaß der vermittelten Sicherheit unterscheiden, worauf Mary Ainsworth, eine Mitarbeiterin Bowlbys, später in ihren Untersuchungen genauer eingeht. Die Bindungstheorie versucht zu erklären wie Bindungserfahrungen geistig verarbeitet werden. In dem Zusammenhang wird von inneren Arbeitsmodellen gesprochen.[11]

3.1. Bindung und Bindungsverhalten

Bindung besteht noch nicht seit der Geburt, sondern entwickelt sich im Laufe der ersten Lebensjahre. Wie schon die Evolutionsbiologie festgestellt hat, ist allerdings jeder Säugling mit Fähigkeiten ausgestattet, die ihn dazu befähigen seine Bedürfnisse auszudrücken. Sei es durch seine Mimik oder durch Laute, besonders sein Schreien. Diese Verhaltensweisen kann man auch als Bindungsverhaltensweisen bezeichnen, welche die Aufgabe haben die Nähe zur Bindungsperson herzustellen. Bindungsverhalten wird grundsätzlich nur unter Belastung gezeigt. Die Bindung hingegen besteht ständig. Eine Bindungsbeziehung, wie sie zum Beispiel zwischen Mutter und Kind besteht, hat die Funktion dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu gebe. Wenn es unter emotionaler Belastung steht und nicht mehr auf seine eigenen Ressourcen zurückgreifen kann, ist es auf die Unterstützung seiner Bindungsperson angewiesen. Sie wird nach Mary Ainsworth auch als sichere Basis für die Exploration benutzt. Zeigt sich Bindungsverhalten ist das Explorationsverhalten deaktiviert und umgekehrt. Mit zunehmenden kognitiven Fähigkeiten erkennt das Kind Motive, Interessen und Gefühle der Bindungsperson und kann diese bei der Umsetzung der eigenen Pläne berücksichtigen.[12]

3.2. Internale Arbeitsmodelle

Verinnerlichte Repräsentationen der eigenen Person, der Umwelt in der man fühlt, denkt und handelt, haben in der Psychologie eine lange Tradition. Der Erkenntnisforscher Jean Piaget nennt sie Schemata. Seiner Auffassung nach organisieren und regeln Schemata die Informationen, wegen derer man handelt. In Anlehnung an Piaget benutzt Bowlby für die Bindungstheorie den Ausdruck „Internale Arbeitsmodelle“.[13]

Über das Bindungsverhalten und die Reaktionen der Bindungspersonen entwickelt das Kind innere Repräsentationen von Bindung. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Kinder internale Arbeitsmodelle („inner working models“) von ihren Bindungspersonen und sich selber aufbauen. Das heißt, ein Kind lernt mit der Zeit wie die Bindungsperson auf das eigene Verhalten reagiert und kann somit vorausschauend sein Verhalten planen. Das Arbeitsmodell einer konkreten Eltern-Kind-Beziehung entwickelt sich also aus Handlungen des Kindes, deren Konsequenzen und den Interaktionen zwischen Eltern und Kind. Da es kein Modell einer Bindung unabhängig von konkreten bindungsrelevanten Erfahrungen gibt, entstehen von Anfang an aufgrund von unterschiedlichen Erlebnissen unterschiedliche Modelle bei Kindern.[14] Durch die inneren Arbeitsmodelle entwickeln sich innere Regeln und Regelsysteme für die Ausrichtung von Verhalten und die Einschätzung von Erfahrungen. Ereignisse, aufgrund derer sich innere Arbeitsmodelle über die eigene Person in Bindungsbeziehungen ausbilden, sind bindungsrelevante Ereignisse. Kinder bei denen der Versuch die Nähe zur Bindungsperson zu erreichen glückt, entwickeln andere Arbeitsmodelle als Kinder, deren Versuche zurückgewiesen oder unvorhersehbar akzeptiert werden.

[...]


[1] Grossmann, K.E. et al. (2003). Die Bindungstheorie: Modell, entwicklungs-psychologische Forschung und Ergebnisse. In: H. Keller (Hrsg.), Handbuch der Kleinkindforschung, S. 225

[2] Spangler, G. & Zimmermann, P. (1995). Die Bindungstheorie: Grundlagen, Forschung und Anwendung. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 21

[3] Becker-Stoll, Fabienne & Grossmann, Klaus E. Bindungstheorie und Bindungsforschung. In: Frey, Dieter & Irle, Martin (2002). Theorien der Sozialpsychologie. Band II Gruppen-, Interaktions- und Lerntheorie. Bern: Verlag Hans Huber. S. 248

[4] Spangler, G. & Zimmermann, P. (1995). S. 71

[5] ebd. S. 69

[6] Grossmann, K.E. & Grossmann, K. (2004). Bindung – das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 36

[7] Grossmann, K.E. et al. (2003). S. 223

[8] Becker-Stoll, Fabienne & Grossmann, Klaus E. (2002). S. 248

[9] Grossmann, K.E. et al. (2003). S. 229

[10] Grossmann, K.E. & Grossmann, K. (2004). S. 66

[11] ebd. S. 67-68

[12] Grossmann, K.E. et al. (2003). S. 230-231

[13] Grossmann, K.E. & Grossmann, K. (2004). S. 418

[14] Spangler, G. & Zimmermann, P. (1995). S. 111

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638365901
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37169
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
keine Note
Schlagworte
Erste Bindungserfahrung Bedeutung Beziehungsfähigkeit Erwachsenenalter

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