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Das veränderte Transferverhalten von Spielern der Fußball-Bundesliga. Die Beispiele Uwe Seeler und Mesut Özil

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Ausbildung der Individualität und die Weite sozialer Kreise
2.1. Die Maximierung sozialer Kreise
2.2 Die Maximierung von Individualisierungschancen

3. Fußball und die relative weite sozialer Kreise
3.1. Uwe Seeler – der enge Kreis
3.2 Mesut Özil – der weite Kreis
3.3 Alexander Meier – der relative Kreis

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich das sich verändernde Transferverhalten von Spielern der Fußball-Bundesliga seit den 1960er Jahren mit Hilfe von Georg Simmels Überlegungen der Erweiterung der Gruppe und der Ausbildung der Individualität beschreiben. Zum einen zeigt sich hier erneut die Aktualität der von Simmel im Jahre 1908 verfassten Überlegungen, zum anderen kann mit Simmels Hilfe eine soziologische Antwort auf die Frage gegeben werden, inwiefern eine individuelle Auffassung von Spielpositionen im Fußball mit der relativen Weite sozialer Kreise und dessen Nutzung durch Transfers in Verbindung steht. Eine Veränderung des Transferverhaltens korreliert zum einen mit der Ausweitung sozialer Kreise, welche durch die „Globalisierung“ begründet ist, und führt zum anderen zu systematisch vorgegebenen differenzierten Rollenentwicklungen von Spielpositionen.

Diesen vermuteten Zusammenhang möchte ich anhand zweier Beispiele aufzeigen, welche sich durch die Weite ihrer sozialen Kreise deutlich unterscheiden. Zum einen Uwe Seeler, welcher in den 1960er Jahren in einer zwar arbeitsteiligen, jedoch vorglobalisierten Zeit Fußball spielte, und zum anderen Mesut Özil, ein zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit amtierender Fußball-Weltmeister im Alter von 26 Jahren, welcher zu Zeiten der Globalisierung sozialisiert wurde und über einen Migrationshintergrund verfügt. Zuletzt möchte ich am Beispiel von Alexander Meier, einem professionellen Fußballspieler des Jahrgangs 1983, aufzeigen, inwiefern ein bewusstes Nicht-Nutzen der Chancen auf eine Weitung des sozialen Kreises zu einer Individualisierung von systemisch vorgegebenen Rollen und Positionen auf dem Fußballplatz führen kann.

2. Die Ausbildung der Individualität und die Weite sozialer Kreise

Das individuelle Besonderssein der Persönlichkeit und die sozialen Einflüsse, Interessen, Beziehungen, durch die sie ihrem Kreise verbunden ist, zeigen im Lauf ihrer beiderseitigen Entwicklung ein Verhältnis, das an den verschiedensten zeitlichen und sachlichen Abteilungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit als typische Form auftritt: jene Individualität des Seins und Tuns erwächst, im allgemeinen, in dem Maße, wie der das Individuum sozial umgebende Kreis sich ausdehnt.[1]

Wechselwirkungen zwischen der Erweiterung der Gruppe und der Ausbildung der Individualität führen nach Simmel nicht nur zu einer Individualisierung sozialen Handelns, sondern ebenfalls zu einer Individualisierung der Persönlichkeit des entsprechenden Subjekts. Angestoßen wird dieser Individualisierungsprozess nicht ausgehend von Subjektseite, sondern durch die Erweiterung des sozialen Kreises. Das Maß der Individualisierung, basierend auf Differenzierung, entspricht oder folgt dem Maß des sich erweiternden Kreises - die Ausweitung der Gruppe geht also der Individualisierung des Subjekts voran und lässt diese erst im Verhältnis zu anderen Subjekten der ursprünglichen kleineren Gruppe ersichtlich werden, zeigt sich aber auch im Verhältnis zu Subjekten des Erweiterten.

Simmel zeigt diesen Anstoß und die folgenden Wechselwirkungen einleuchtend am Beispiel des historischen Entwicklungsprozesses der Zünfte. Ein Differenzierungsprozess[2], unter dem Simmel die Prozesse der Rollendifferenzierung, Funktionsdifferenzierung und Arbeitsteilung auf sozialer Ebene versteht, schafft vertikale Hierarchien innerhalb einer bis dahin auf Gleichheit ausgelegten Gruppe. Diese geschaffenen Hierarchien bedingen folgend weitere Individualisierungs- und Spezialisierungsprozesse auf Ebene der Subjekte, welche mit wachsendem Kreis parallel verlaufen zu scheinen.[3] „Je größer die Gruppe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich innerhalb der Großgruppe kleinere Kreise herausbilden.“[4]

2.1. Die Maximierung sozialer Kreise

Globalisierung ist ein Prozessbegriff, der in soziologischer Hinsicht bei zwischengesellschaftlichen Beziehungen beginnt und einen Endpunkt mit einem weltumspannenden zwischengesellschaftlichen Netzwerk erreicht.[5]

Versteht man Globalisierung als Prozess zwischengesellschaftlicher Beziehungen zu einem weltumspannenden Netzwerk, so muss dieser Prozess neben seinen ursächlich ökonomischen Intentionen auch über kulturelle sowie soziale Ausprägungen verfügen.

Neben rein ökonomischen Faktoren wie dem Rohstoff- oder Güterhandel kann nur dann von einer Erweiterung sozialer Kreise über Gesellschaften hinaus die Rede sein, wenn auch Kulturgüter wie beispielsweise Gedanken und Ideen gesellschaftsübergreifend wirken.[6]

Beides, Kulturgüter und materielle Güter, wurden zwar schon vor unserem „Zeitalter der Globalisierung“ gehandelt oder ausgetauscht, allerdings nicht in dem Maße der Einfachheit, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit wie heute. Zurückzuführen ist dies unter anderem auf die Computerisierung der Kommunikation auf sozialer und kultureller Ebene, sowie auf das Wegfallen von Handelshemmnissen im ökonomischen Bereich durch die Auflösung der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken im Jahr 1991 und die darauf folgende Liberalisierung der Weltmärkte.

Gesellschaftsübergreifende soziale Kontakte, oder die Chance auf solche gehören heute in weitesten Teilen der Gesellschaft zum Alltag. Dies ist nicht nur durch den Arbeitsalltag bedingt, sondern bestimmt ebenfalls private Bereiche, und sei es nur durch die beschleunigte Verbreitung von internationalen, gesellschaftsübergreifenden Nachrichten.

2.2 Die Maximierung von Individualisierungschancen

Nach Simmel wächst die Individualität des Subjekts in dem Maße, in dem sich der das Subjekt umgebende soziale Kreis ausdehnt. Verstehen wir Globalisierung als einen Prozess des sich immer weiter ausdehnenden Kreises sozialer Beziehungen bis hin zu einem weltumspannenden zwischengesellschaftlichen Netzwerk, so steht an deren Endpunkt eine subjektbezogene Chance auf soziale Wechselwirkung mit jedem anderen Teilnehmer des zwischengesellschaftlichen Netzwerkes. Die Ausdehnung sozialer Kreise scheint an diesem Punkt an eine natürliche Wachstumsgrenze zu stoßen.

Ebenso verhält es sich demnach mit der Chance auf Individualisierung der Subjekte: Erweitert sich der soziale Kreis bis an die natürliche Wachstumsgrenze, so wachsen auch die im Differenzierungsprozess vereinten Prozesse der Rollendifferenzierung, Funktionsdifferenzierung und Arbeitsteilung im entsprechenden Maß. Theoretisch scheint an diesem Punkt jede bis dahin denkbare subjektbezogene Zusammenstellung möglich. Hier liegt das theoretische Maximum an subjektbezogener Individualisierung. Von besonderer Bedeutung ist hier das von Simmel beschriebene Verhältnis der Nähe und Ferne:

Es knüpft sich das innigste Herzensinteresse einerseits an denjenigen, den wir fortwährend vor Augen haben, mit dem unser tägliches Leben verbunden ist, andrerseits an den, von dem uns weite, unüberbrückbare Entfernung mit ebenso großer Erregung wie Unbefriedigung der Sehnsucht scheidet, während eine verhältnismäßige Kühle, ein geringeres Erregen des Bewusstseins demjenigen zukommen wird, der uns zwar nicht ganz nahe, aber doch auch nicht unerreichbar fern ist.[7]

Das theoretische Maximum subjektbezogener Individualisierung und Ausdehnung der sozialen Kreise hat kaum Einfluss auf den engsten Kreis. Anders allerdings verhält es sich mit der „ganz Fernen“ sowie der „Zwischengebilde“. Der „ganz Ferne“ scheint ausgeschlossen aus dem weltweiten zwischengesellschaftlichen Netzwerk - dies trifft nach den im Jahr 2015 eingeleiteten Lockerungen des Handelsembargos gegen Kuba nur noch auf die Demokratische Volksrepublik Nordkorea gänzlich zu - die Zwischengebilde erstrecken sich nun zwischen engstem Kreis und dem momentanen Maximum an Kreisweite, der natürlichen Grenze des zwischengesellschaftlichen Netzwerks ausgenommen Nordkoreas. Nach Simmel schränkt der kleinste Kreis die subjektbezogene individuelle Freiheit ein, der größte Kreis begünstigt diese[8]. Dass der größte Kreis, also derjenige, welcher außerhalb des zwischengesellschaftlichen Netzwerks steht, zum momentanen Zeitpunkt durch die Demokratische Volksrepublik Korea gekennzeichnet wird, scheint zumindest von ironischem Charakter.

Die stärkste Bindung hat das Subjekt jeweils zu seinem engsten, als auch zu seinem relativ weitesten Kreis. Dies zeigt Simmel nachvollziehbar an der potenziellen Opferbereitschaft einzelner Subjekte für deren Familie oder für eine ganz allgemeine Idee wie die der Menschheit. Weniger bis kaum bereit zum Erbringen eines Opfers ist das Subjekt für Zwischeninstanzen der beiden Extreme, „[f]ür einhundert Menschen bringt sich kaum jemand zum Opfer“[9].

3. Fußball und die relative weite sozialer Kreise

Schon seit der Entwicklung zum Massensport (Mitte des 19. Jhdt.) ließ sich eine gewisse Parallele zwischen der Struktur der Gesellschaft und der Struktur des Fußballspiels feststellen. Gerade diese Nähe zur gesellschaftlichen Entwicklung macht den Fußball unter allen Sportarten zu etwas besonderem. Schon von Anfang an spiegelten sich im Fußball gesellschaftliche Verhältnisse, und oft wurden Entwicklungstendenzen der Gesellschaft in diesem Spiel vorweggenommen. Fußball hat die Fähigkeit, Realität zugleich widerzuspiegeln und sie dadurch zu transzendieren, dass er auf Möglichkeiten verweist, die in der Welt, wie sie ist, noch nicht eingelöst sind – die Identität von persönlicher und sozialer Befriedigung zum Beispiel: Eine Übereinstimmung zwischen dem Ich und der Gruppe.[10]

Nicht nur am Verhalten auf dem Fußballplatz, auch an den organisatorischen Eigenschaften lässt sich eine enge Verwobenheit des Fußballspiels mit gesellschaftlichen Faktoren beschreiben. Fußballregeln sind und waren abgeleitet aus Vorstellungen ökonomischer Betriebsorganisation und natürlicher Umwelteinflüsse. Die Festlegung von Maßen des Spielfeldes und der Anzahl von Spielern, welche im Verlauf des 19. Jahrhunderts eingeführt wurden, entsprach der Vereinheitlichung von Gewichten und Maßen als Voraussetzung von Konkurrenz in einer frühkapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Zeitbegrenzung des Fußballspiels ging einher mit der zeitlich bemessenen Arbeit des industriellen Kapitalismus.

[...]


[1] Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung [1908]. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992. S. 791f.

[2] Vgl. Mieg, Harald; Sundsboe, Astrid; Bieniok, Majken: Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung. Wiesbaden: VS 2001. S. 172.

[3] Vgl. Simmel, G.: Soziologie. S. 793f.

[4] Mieg, H.: Georg Simmel und die aktuelle Stadtforschung. S. 172.

[5] Brock, Dietmar: Globalisierung. Wiesbaden: VS 2008. S. 12.

[6] Vgl. Brock, D.: Globalisierung. S. 14.

[7] Simmel, G.: Soziologie. S. 808.

[8] Vgl. ebd., S. 809.

[9] Ebenda, S.808.

[10] Zöchling, Werner: Fussball, soziologische Analysen des Sports und seiner Aktiven. Linz: Rudolf Trauner, 1992. (= Sozialwissenschaftliche Materialien Bd. 30). S. 32.

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