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Medienanalyse von Atiq Rahimis "Stein der Geduld". Vergleich der Medien Buch und Film

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 24 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Exposé

2 Romananalyse
2.1 Handlungsebene Roman
2.2 Charakterebene
2.3 Narrativ & Ästhetik

3 Filmanalyse
3.1 Handlungsebene Film
3.2 Charakterebene
3.3 Narrativ & Ästhetik

4 Vergleich & Analyseergebnisse

1 Exposé

Der Stein der Geduld (ﺭﻮﺒﺻ ﮓﻨﺳ ) ist eine afghanische Sage, bzw. Volkserzählung, über einen Stein dem alles anvertraut werden kann, bis er schließlich in tausend Teile zerspringt und den Menschen von seiner Last befreit. Im afghanischen Raum sind solch Erzählungen langer Bestandteil der Kultur und lassen sich auch in Atiq Rahimis Buch und gleichnamigen Film 'Syngué sabour. Pierre de patience' wiederfinden. Der in die Belletristik einzuordnende Roman, beschäftigt sich mit kontroversen, gesellschaftlichen Tabuthemen, womit Rahimi aufzuzeigen versucht, welche negativen Auswirkungen in einer Gesellschaft durch eine chauvinistische Haltung entstehen können. Der gleichnamige, bewegende Film, unterscheidet sich leicht vom Narrativ des Romans. Durchaus Prägnant ist das stilistische Mittel, das gesprochene Wort in den Vordergrund zu rücken, welches an die frühen Anfänge des Kinos erinnert, in welcher Kino und Theater eng miteinander verwoben waren.

„Ich entstamme einer Kultur, in der die gesprochene Sprache von essentieller Bedeutung ist - aus einem Land, in dem 95% der Bevölkerung aus Analphabeten besteht. [..] daher auch die große Bedeutung, die Poesie und Erzählung in dieser Kultur einnehmen.“1

Dieses stilistische Mittel nutzt Rahimi, um das unterschiedliche Wirkungspotenzial der beiden Medien zu entfalten und somit eine Geschichte unterschiedlich Wahrnehmbar zu machen. Beide Medien, Buch und Film, werden nun in dieser Arbeit analysiert und verglichen. Hierbei wird systematisch und methodisch vorgegangen. Zunächst wird der Roman mit Hilfe des Zweiebenenmodells analysiert. Die Analyse unterteilt sich in Handlungsebene, Charakterebene, sowie Narratologie und Ästhetik. Um beide Medien vergleichbar zu machen, wird der Film anhand desselben Untersuchungsrasters analysiert, ebenso orientierend am Zweiebenenmodell. Für die Analyse des Mediums Film werden zusätzlich filmsoziologische Analysemethoden verwendet; insbesondere im Teilbereich der Charakterebene und Narrativ & Ästhetik.

Letztendlich werden die Ergebnisse beider Analysen zusammengeführt und Unterschiede herausgearbeitet, wie Themenschwerpunktverschiebungen, oder Unterschiede zwischen den Charakteren. Widmen wir uns zunächst der Romananalyse.

2 Romananalyse

Wie in der Einleitung angeschnitten, wird der Roman methodisch, mit Hilfe des Zweiebenenmodells, analysiert. Da das gesprochene Wort im Vordergrund des Narrativs steht, eignet sich das Modell für die Analyse des Romans, da der Fokus auf die wichtigsten Aspekte des Romans gelegt wird: Monologe und Erzählungen der Protagonistin, eine Beschränkung auf wenige Räume und Figuren und dem Ausbleiben von Namen und Zeitangaben/Ortsangaben. Die Analyse des Romans erfolgt per Segmentierung in Handlungsebene, Charakterebene, sowie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1, Zweiebenenmodell

Narrativ/Ästhetik. Das Zweiebenenmodell dient hierbei als Richtlinie und wird nicht eins zu eins umgesetzt. Auch im Analyseteil Film wird teilweise mit dem Schema fortgefahren, um die beiden Medien in gewissen Aspekten vergleichbar zu machen. Im folgenden Abschnitt wird nun mit der Analyse der Handlungsebene fortgefahren.

2.1 Handlungsebene Roman

Der Autor Rahimi bedient sich ungewöhnlicher Stilmittel um den Fokus des Lesers zu lenken. Wie bereits erwähnt, gibt es keine genauen Zeit- und Ortsangaben. Zudem haben die Figuren der Geschichte keine Namen, welches Rahimi wie folgt erläutert:

„In unserer Kultur existiert das Subjekt, sprich das Individuum nicht. Wir definieren uns über eine Familie, eine Gruppe, ein Land, eine Gesellschaft, eine Religion. Da spricht man nie von seinem eigenen Namen. In einem Film oder einem Roman ist im Gegensatz dazu alles sehr personifiziert.“2

Dadurch wird angestrebt, die Geschichte wahrnehmbarer zu machen - die kollektive Wahrnehmung und Identifikation eines Kulturraumes realistisch darzustellen. Die Geschichte beginnt nun mit einer unbestimmten Ortsangabe: „Irgendwo in Afghanistan oder anderswo.“3 In einem kleinen, kahlen Zimmer eines kleinen Hauses, pflegt eine junge Frau ihren im Koma liegenden Mann. Vor sechzehn Tagen wurde er bei einem Streit mit einem Soldaten aus dem eigenem Lager lebensgefährlich, mit einer Kugel im Hals verletzt. Die Frau hat massive Probleme nun allein die finanziellen Mittel für das Überleben ihres Mannes und ihrer zwei kleinen Töchter aufzutreiben. Schwerwiegend kommt hinzu, dass um ihr Haus verbitterte Partisanenkämpfe stattfinden, welche von heftigen Explosionen begleitet werden. Anfänglich zwingt die Situation die Protagonistin zu einem Spagat zwischen dem Hüten ihrer kleinen Töchter, dem aufwändigen Pflegen ihres Mannes, dem Auftreiben der finanziellen Mittel, sowie den, vom örtlichen Imam angewiesenen Gebeten für die Gesundheit ihres Mannes. Durch diese Überforderung und der brenzligen militärischen Lage um das Haus, ereilen die Frau starke Gefühlsschwankungen, sodass sie ihren Mann einerseits den Tod herbeiwünscht, andererseits ihm immer wieder befiehlt aufzuwachen.

Als alle Familienmitglieder und schließlich auch ihre Tante das Dorf verließen, ist die Frau am Tiefpunkt, denn sie kann sich und ihre Kinder nicht in Sicherheit bringen. Was ihr bleibt ist die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, wie beispielsweise die dreijährige Abwesenheit ihres Mannes, vor und nach der Hochzeit. Die Frage der Jungfräulichkeit, der menstruationsbedingten Unreinheit der Frau, dem sturen Folgen religiöser Theorien und der Verheimlichung jeglicher Abweichungen von dessen, zwingt die Familie zu unglaublichen Handlungen und Lügen. Fortwährend werden die Kämpfe um das Haus immer heftiger. Explosionen ereignen sich um das Haus. Panzer sind in unmittelbarer Nähe in Kämpfe verwickelt - erschüttern die Grundmauern des Hauses und legen es in dunklen Ruß. Die Frau ist derart deprimiert und hilflos, sodass sie ihrem Mann vehement den Tod wünscht, da sein Zustand die Frau zwingt bei ihm zu bleiben, statt sich in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig entfaltet der Stein der Geduld seine Wirkung, sodass die Protagonistin von ihrem Mann nicht ablassen kann und sich mit jeder Minute der Aufarbeitung stärker und befreiter fühlt. Als die Protagonistin und ihre Kinder nicht im Hause sind, betreten drei Kämpfer das Haus. Sie plündern und bemerken, dass der Ehemann ein Kämpfer ihres Lagers mit hoher Position ist. Sie bezeichnen den Mann wegen seiner Dienste im Dschihad als 'guten Muslim' und verlassen das Haus.4 Die Frau kehrt zurück und bemerkt, dass sie bestohlen wurden. Sie trifft auf ihre Nachbarin, welche komplett verrückt wurde, da ihre Familie im Garten bestialisch ermordet und zur Schau gestellt wurde. Als die Protagonistin diesen grauenhaften Anblick erhascht, flüchtet sie mit ihren Kindern. Sie sucht ihre Tante und findet diese schließlich im Norden des Landes, bei ihrem Onkel lebend. Sie lässt ihre Kinder in der sicheren Umgebung der Tante und kehrt zu ihrem Haus zurück. Sie fährt fort mit den Erzählungen ihrer Vergangenheit und kommt auf den Vater ihres Mannes zu sprechen, welcher von einem schwarzen Stein besessen war. Dieser schwarze Stein - der Stein der Geduld - war es den er derart begehrte, bis er seinen Verstand daran verlor.

Eines Tages erzählte ihr der Vater, dass er einen Traum hatte indem der schwarze Stein vorkam. Es sei der schwarze Stein der Kaaba in Mekka. Dieser sauge alle negativen Erzählungen der Menschen auf und zerspringe irgendwann in tausend Teile. Dieser Stein sei nun ihr Ehemann - ihr seng-e sabur.5 Die Kämpfe um ihr Haus nehmen wieder stark zu. Es betritt ein Kämpfer das Haus, welcher die Frau vergewaltigen möchte. Um dieser schlimmen Situation zu entgehen, lügt sie ihm vor Prostituierte zu sein. Die Lüge geht auf - der Mann verlässt angewidert und wütend das Haus und lässt die Frau am Leben. Dessen Begleiter, ein junger stotternder Kämpfer nimmt die Szene zur Kenntnis. Nach einer Nacht und weiteren Monologen der Protagonistin (Aufarbeitung ihrer äußerst negativen Ehe), kommt der stotternde Kämpfer zurück ins Haus. Er möchte gegen Bezahlung mit der Frau Schlafen. Es ist ein unsicherer Junge und er klammert sich aus Unsicherheit an seine Maschinenpistole. Die Frau willigt jedoch ein - sie erklärt sich mit der Bezahlung und Leistung einverstanden, da sie sich in Geldnöten befindet. Wie sich herausstellt ist der junge Kämpfer noch Jungfrau und eine peinliche Situation zwischen beiden entsteht. Er verlässt nach dem Akt schließlich das Haus. Am nächsten Tag erscheint er wieder und beide wiederholen den Akt des vergangenen Tages. Nur dieses mal befindet sich eine gewisse Leichtigkeit zwischen den beiden. Ein paar Tage später kehrt der Junge wieder zurück. Er beschenkt die Frau mit einem Präsentkorb und tätigt Reparaturen am Haus. Zudem erzählt er der Protagonistin wie er von seinem Vorgesetzten Misshandelt wird. An der wütenden Reaktion der Protagonistin lässt sich erkennen, dass zwischen beiden starke Gefühle heranreiften, wie sie auch gegen Ende ihrem Mann beichtet. Als die Protagonistin wieder allein ist, droht sie in einen Wahn-zustand zu verfallen. Sie sieht sich selbst als eine Prophetin und fühlt sich von einer Pfauenfeder verfolgt. In diesem Zustand erzählt sie ihrem im Koma liegenden Mann ihr größtes Geheimnis. Ihre beiden gemeinsamen Kinder seien von einem fremden Mann.

Aufgrund der Unfruchtbarkeit ihres Mannes, habe sie sich heimlich von einem fremden schwängern lassen, um nicht von ihrer Familie verstoßen zu werden, da die Unfruchtbarkeit in jedem Falle ihr zugeschrieben worden sei. Nachdem dieses Geheimnis gelüftet wurde, scheint sie komplett ihre Sinne zu verlieren. Sie stellt sich vor ihren Mann und spricht: „Aber ja, mein seng-e sabur... weißt du, welches der neunundneunzigste, also der letzte Name Gottes ist? Es ist Al-Sabur, der Geduldige. Schau dich an, du bist Gott! [..] Und ich, ich bin deine Botin! [..] Ich offenbare dich! Al- Sabur!“6 In diesem Moment erwacht der Mann und richtet sich auf. Er packt die Frau an den Haaren und schlägt ihren Kopf gegen die Wand. Die Frau ist glücklich und ruft: „Es ist soweit. [..] Mein seng-e sabur explodiert.“7 Ein brutaler Kampf setzt sich fort. Er wirft die Frau zwei mal gegen die Wand. Die Frau ruft, sie sei endlich von ihrem Leid erlöst und bedankt sich bei ihrem Stein der Geduld. Sie ergreift einen Dolch und ersticht damit ihren Mann. Mit letzter Kraft schlägt sie der Mann gegen den Boden und bricht ihr schließlich das Genick. Beide liegen - das Diesseits verlassend - am Boden.8

2.2 Charakterebene

Protagonistin: Die Protagonistin macht im Verlauf der Geschichte eine große Entwicklung in Richtung Eigenständigkeit. Dies schafft sie im Roman allein durch ihre 'Monologe' mit ihrem Stein der Geduld und der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, sowie der Reflektion der religiösen und gesellschaftlichen Indoktrination. Sie befindet sich in einem permanenten Spannungsfeld zwischen Wunschwelt und Pflichtwelt. Die Pflichtwelt äußert sich zum einen in der Versorgung ihrer Familie/Pflege ihres Mannes, sowie den rituellen Gebeten. Ihre Wunschwelt äußert sich darin, dass sie sich eine harmonische Ehe mit ihrem Mann wünscht - selbst bis zum Schluss ist dies ein großer Wunsch ihrerseits: „Ja, du wirst dich ändern. Du wirst mich lieben. Du wirst so mit mir schlafen, wie ich es möchte. [..] Du wirst meine Geheimnisse respektieren.

[...]


1 Interview mit Atiq Rahimi (2013).

2 Ebd. Interview mit Atiq Rahimi (2013).

3 Rahimi (2008), S.10.

4 Hier möchte der Autor möglicherweise aufzeigen, dass eine Bewertung als guter Muslim, lediglich an den Erfolgen im Dschihad bemessen wird, ohne ganzheitliche Berücksichtigung der Familiären und sozialen Verhältnisse, bzw. Handlungen.

5 Hier soll kurz angeschnitten werden, dass im Buch und im Film zwei Unterschiedliche Geschichten über den Stein erzählt werden. Im Buch wird der Protagonistin vom Vater ihres Mannes vom Stein erzählt. Im Film ist es die Tante, die der Protagonistin davon erzählt.

6 Rahimi (2008), S.165.

7 Ebd. S.166.

8 Vgl. Ebd. S.11-168. ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668506350
ISBN (Buch)
9783668506367
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371536
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Medienwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Afghanistan Islam Zwangsheirat Buchanalyse Filmanalyse

Autor

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