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Modernekritik, Antikensehnsucht und Mittelalterimagination in Stefan Georges "Das Neue Reich"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 34 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Literarische Legitimation: Die Erfindung der Geschichte
1.3. Einschränkung des Themas
1.4. Textgrundlage

2. Hauptteil
2.1. Untersuchung der ausgewählten Gedichte
2.1.1. Goethes lezte Nacht in Italien
2.1.2. Geheimes Deutschland
2.1.3. Goethes lezte Nacht und Geheimes Deutschland
2.1.4. Hyperion I-III (zw. 1911 und 1914, wohl 1914)
2.1.5. Der Krieg (während des 1. Weltkriegs, vor Juni 1917)
2.1.6. Der Dichter in Zeiten der Wirren (zw. 1918 und 1921)
2.1.7. Burg Falkenstein (entstanden nicht vor August 1922)
2.2. Zusammenschau der Gedichte im Neuen Reich
2.3. Exkurs : Das Neue Reich, Autorintention und Vereinnahmung

3. Fazit
3.1. Zusammenfassung des Untersuchungsergebnisses
3.2. Offene Fragen und weitere Untersuchungsansätze

4. Literaturliste

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Bei der Beschäftigung mit dem Neuen Reich wird deutlich, dass George neben dem Rückbezug auf das Mittelalter auch immer wie­der auf die Antike zurück­greift. Innerhalb einzelner Gedichte (wie in Goethes lezte Nacht in Italien) finden sich gleichzeitig Mittelalterimaginationen und Antikenzugriffe. Beide Elemente gehen eng einher mit Georges Modernekritik, die viele Gedichte des Neuen Reichs durchdringt. In dieser Arbeit soll dieser Zusammenhang zwischen Kritik an der Moderne und Sehnsucht nach antiker und mittelalterlicher Vergangen­heit bzw. Tradition im Vordergrund stehen.

Ernst Osterkamp fasst zusammen, was George als gesellschaftlichen Entwurf eines „neuen Mittelalters“ vorschweben mochte: ein vormodernes feudales Ordnungsmodell, das auf Entdifferenzierung der modernen, bürgerlichen Gesellschaft von Kaiserzeit und Weimarer Republik basiert; die Reduktion komplexer sozialer Verflechtungen auf die vormoderne, hierarchische Grundfunktion von Herrschaft und Dienst.[1] In Mediävalismus und Okzidentalistik spricht Ludolf Kuchenbuch von einem „mani­festen antirepublika­nischen Polit-Mediävalismus“ im George-Kreis.[2] Mich beschäf­tigt die Frage, ob und - wenn ja - wie sich dies in Georges letztem Gedicht­band Das Neue Reich niederschlägt.

1.2. Literarische Legitimation: Die Erfindung der Geschichte

Welche Konstruktionen von Geschichte verwendet George in seinem Gedichtband Das Neue Reich ? Diese Arbeit knüpft v.a. in zwei Punkten an die Fragestellung des Moduls 5L Literarische Legitimation: Die Erfindung der Geschichte an: Zum einen wird untersucht, mit welchen ästheti­schen Wahrneh­mungs- und Gestaltungsmustern George arbeitet. Zum anderen drängt sich die Frage auf, welche Art von moralischer bzw. ideologischer Bewer­tung von Vergan­genheit (und Gegenwart) George mit seinem spezifischen Historis­mus vornimmt.

1.3. Einschränkung des Themas

Der Band Das Neue Reich gliedert sich in drei Teile. Meine Untersuchung konzen­t­riert sich auf eine Auswahl aus den 14 Gedichten des 1. Teils. Dies resultiert vor allem aus inhaltlichen Erwägungen: Der 2. Teil Sprüche an die Leben­den (39 Gedichte) und der 3. Teil Das Lied (12 Gedichte) unter­scheiden sich inhaltlich und formal vom prophetisch angelegten 1. Teil, der sich auf die Vision eines neuen, geistigen Reichs bezieht und Grundlage meiner Untersuchung ist.

Exemplarisch werden die Gedichte herausgegriffen, an denen sich aus meiner Sicht Ste­fan Georges Mittelalterimaginationen und Antikenrezeptionen am schlüs­sigsten nachvollziehen lassen. Dies sind zunächst die beiden Gedichte Goethes lezte Nacht in Italien und Geheimes Deutschland und im folgenden Hyperion, Der Krieg, Der Dichter in Zeiten der Wirren sowie Burg Falkenstein.

Der inhaltliche Zugang fokussiert sich auf die Aspekte Modernekritik und Geschichtsbilder. Darüber hinausgehende Aspekte werden - wo sinnvoll und erfor­derlich - gestreift, jedoch nicht vertieft.

1.4. Textgrundlage

Textgrundlage dieser Arbeit ist: Stefan George: Sämtliche Werke in 18 Bän­den, Band IX: Das Neue Reich. Stuttgart: Clett-Cotta 2001. (Sigle SW). Die Textwieder­gabe dieser Neuausgabe erfolgt nach Band IX der George-Ge­samtaus­gabe von 1928. Variante Überlieferungen werden nicht berücksichtig, da sie für die Bearbeitung des Themas von untergeordneter Bedeutung sind.

Um den Fußnotenapparat nicht unnötig zu belasten, zitiere ich aus Das Neue Reich unter Angabe von Seitenzahl und Versnummer direkt nach der betreffenden Text­stelle. Verweise auf den Anhang von Ute Oelmann sind mit der Sigle SW und der Seitenzahl bezeichnet.

2. Hauptteil

2.1. Untersuchung der ausgewählten Gedichte

2.1.1. Goethes lezte Nacht in Italien

Mit Goethes lezte Nacht in Italien als ältestem Gedicht eröffnet George den Ge­dichtband Das Neue Reich. Das Gedicht ist möglicherweise schon vor September 1905 jedoch nicht nach 1908 ent­standen (Georges Vorrede zum Neuen Reich) . [3]

Goethes lezte Nacht in Italien gliedert sich in sieben Strophen mit jeweils zwölf Zeilen. Mit den fünfhebigen Verszeilen greift George die antike Form des Distichons zwar auf, setzt sie jedoch sehr frei und variabel um. Er lässt die Verse jeweils daktylisch (-vv-vv- und –vv-vv-v) enden, weicht an den Zeilen­anfängen jedoch vom strengen Maß ab, indem er mit Trochäen und Spondeen variiert.

George unterstützt die daktylische Regelmäßigkeit der Versenden des reimlosen Gedichts, indem er sie meist mit Substantiven enden lässt, die er adjektivisch beglei­tet („südlichen meer“, „schwarzen flügel“ „grossen schwur“, „duftige wind“, „raunende see“ (S. 8, V. 1 ff.) und so fort). Das Gedicht beginnt und endet mit dem Vers: „Welch ein schimmer traf mich vom südlichen meer?“ (S. 8, V. 1 und S. 10, V. 24).

Nichts außer dem Titel, der auf Goethe als Sprecher deutet, weist im Gedicht von Stefan George weg. George bedient sich Goethes Autorität, die Aussagen, die er ihn machen lässt, sind jedoch seine eigenen. Der Deuter George beruft sich auf den Deu­ter Goethe.

Das lyrische Ich (Goethe) richtet sich monologisch an den Leser (angesprochen mit Ihr und Euch). Obgleich es sich hier um ein Rollengedicht handelt, bleibt die historische Veror­tung des Textes vage, so dass Rollen-Ich Goethe und Georges empirisches Ich sich überlagern. Diese Überlagerung resultiert auch aus den biogra­fischen Paralle­len (Italien-Reisen, Rochus-Fest).

George setzt immer wieder Passagen in Anführungszeichen „herz eures volkes“, „Echtesten erben“; „Hellas’ lotus liess ihn die heimat vergessen“ (S. 8, V. 16 ff.), „Feind unsres vaterlands . opfrer am falschen altar“ (S. 10, V. 4). Diese Passagen, allesamt nicht als Zitate Goethes nachgewiesen,[4] entfalten im Kontext jedoch die Wirkung fiktionaler Goethe-Zitate und somit fiktionale Authentizität.

Mit „dem heiligen Boden“ (S. 8, V. 13) meint George entsprechend des Titels Goethes lezte Nacht in Italien zunächst Italien, fasst dies jedoch nicht streng geogra­fisch auf. Das Italien Georges ist gleichzeitig auch das an­tike Griechenland: „Hellas’ lotus liess ihn die heimat vergessen“ (S. 8, V. 20). Manfred Landfester folgend verwende ich für diesen Sehnsuchtsort den Begriff „Hellas-Italien“.[5]

Die Bezüge auf das antike Griechenland sind vielfältig: die Griechen als die „be­glückteren stämme“, der „Seher“ Homer und „Gäa“/Gaia die griechische Erdgöt­tin (S. 8, V. 25 ff.). Hellas-Italien ist das bevorzugte Land: Es brachte Dichter-Seher (wie Homer) hervor und das Volk hörte seinem Dichter zu, verstand ihn.

Von Hellas-Italien schlägt George eine Brücke nach Deutschland. Ein Bindeglied zwischen griechisch-römischer Antike und Deutschland macht George im Limes, “dem römischen Walle“ (S. 9, V. 17) aus. Die Heimat beider Dichter (Bingen und Frank­furt) liegt innerhalb dieser provinzial-römischen Grenzlinie; „der grenze des Reichs“ (S. 9, V. 17). In dieser Heimat erkennt der Dichter „in ahnung mein heimli­ches muttergefild“ (S. 9, V. 18): Hellas-Italien.

George differenziert zwischen Herkunftsheimat und geahnter Heimat, die er in Italien vermutet und sucht. Wie die Heimat ist auch der Abschied zweifach: Es ist einmal der Abschied von Deutschland (der Herkunftsheimat) „Bis mich (…) / Angstschrei der seele hinüber zur sonne rief“ (S. 9, V. 21 f.) und dann der schmerzhafte Abschied von Hellas-Italien (geahnte Heimat) „Abschied reisst durch die brust“ (S.8, V. 13).

Die Schilderung des bacchischen Zugs (S. 9, V. 11 ff.) geht auf Goethes Schilde­rung des St. Rochus-Festes 1814 und Georges Erleben in Der kindliche Kalender zurück.[6] George verleiht dem katholischen Fest, dass er in seiner Kindheit in Pilger­kutte besuchte[7], dionysische Züge und lässt die „festli­chen winzer“ seiner Ge­burtsheimat als „Nackte und golden geputzte mit flattern­den bändern“ auftreten (S. 9, V. 18 f.). Hier überblendet George ein katholisches Fest mit Elemente antik-paganer Kultur. Der Binger Stadtheilige St. Rochus wird von Bacchus verdrängt, der fromme Prozessionszug entkleidet und mit purpurnem Weinlaub geschmückt. Weinbau und -genuss als Zivilisationsfolge der römischen Expansion verbindet Georges Heimat (und seine tief mit dem Weinbau verbun­dene Familie) mit der antiken Tradition. „rheinisches rebengeländ“, „bütten“, „winzer“, „most“ und „weinlaub“ (S. 9, V. 7 ff.) durchziehen die Strophe. George ent­wirft eine Renaissance der griechisch-römischen Antike in Deutschland.

Bevor sich die Vision eines deutschen Hellas-Italien in den beiden letzten Strophen formt, bevor es das Goethe-Ich „zur sonne“ (S. 9, V. 22) ruft, zeichnet George Deutsch­land als Gegenbild Italiens: als Land „der träume und töne“, „aus nebel und trübe“ (S. 9, V. 19 ff.). Hellas-Italien dagegen ist das Land des „schim­mers“ (S. 8, V. 1), des „licht(s)“ (S. 8, V. 14) und der „sonne“ (S. 9, V. 22).

Hellas-Italien ist das Sehsuchtland von „marmor und rosen“, „Attischer würde“ und der „süssen und kräftigen klänge / Eines äolischen mundes“ (S. 10, V. 18 ff.).

George schafft Distanz, indem sein Goethe-Ich die in der Heimat Gebliebenen mit „Euch“ anspricht, sich von ihnen abhebt: „Euch betraf nicht beglückterer stämme geschick“ (S. 8, V. 25) „Unter euch lebt ich“, „In euren domen verweilt ich“ (S. 9 V. 19 f.). Goethe-George, der Dichter-Visionär, rückt ab von ihnen: Sie haben we­gen der „verklebung der augen“ (S. 9, V. 29) an den Visionen - noch - nicht teil.

Am Goethe-Gedicht wird die Ambivalenz deutlich, mit der George dem deut­schen christlichen Mittelalter gegenüber steht: Wenn er in hier von „euren domen“ mit „spitzen und schnör­keln“ (S. 9, V. 20 f.) spricht, so teilt er die abwertende Hal­tung, die auch Goethe bis zum ersten Besuch des Straßburger Münsters gegenüber der Gotik hatte. Barba­rische Gotik versus „göttliche norm“ (S. 9, V. 30). Georges Betrachtung der gotischen Dome leitet religiöse Betrachtungen ein, wie sie bereits beim Rochus-Bacchus-Zug aufschimmern und in der 6. Strophe ausgesprochen werden: Der Katholizismus verschmilzt mit dem heidnisch-antiken Weltbild. George verwendet Begriffe des neutestamentlichen Kontext wie „Freudige Bot­schaft“, „fülle der zeiten“, „Ärmlicher schar“ (S. 10, V. 1 ff.), „knaben, den ihr zum gott erhebt“ (S. 10, V. 12).[8] und spielt auf die Eucharistie an: „Leibhaft das fleisch und das blut eines Mittlers geniessen“ (S. 10, V. 10). Landfester geht in seiner Deutung weiter: Für ihn ist das Gedicht „Träger eines neuen Evangeliums (…), das trotz gelegentlicher christlicher Konnotierung antichristlich ist“.[9] Nach dieser Lesart verwendet George christliche Inhalte nur, um den Gegenentwurf einer antiken-paganen Religion zu formulieren.

Strophe 6 überlässt dem Leser verschiedene Deutungsmöglichkeiten:

Lange sträuben sich gegen die Freudige Botschaft

Grad eure klügsten . sie streichen die wallenden bärte .

Zeigen mit fingern in stockige bücher und rufen:

„Feind unsres vaterlands . opfrer an falschem altar“ ... (S. 10, V. 1 ff.)

Für Landfester repräsentieren diese „klügsten“ intellektuelle Eliten und ihre Vorbe­halte gegenüber dem Neuhumanismus des 18. und 19. Jahrhunderts: Die tendenziell antichristliche Idee des Allgemein-Menschlichen stand in der Kritik des Nationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Apologet der neuen Religion wird als Vaterlandsverräter abgetan. Nach Ute Oelmann hingegen sind die „klügsten“ Pharisäer und Schriftgelehrte zur Zeit Jesu, verweisen somit in den religiösen Kontext.

Das Gedicht endet nicht mit dem Abschied von Hellas-Italien sondern in freudiger Zukunftserwartung, der Vision einer totalen Erneuerung durch die Kunst, der Geburt eines neuen Reichs:

„Doch nein: ich erkenne

Söhne meines volkes – nein: ich vernehme

Sprache meines volkes. Mich blendet die freude.

Wunder hat sich erfüllt von marmor und rosen…“ (S. 10, V. 19-24)

Ernst Osterkamps Lektüre des Gedichts weicht von dieser Lesart des Neuen Reichs als Reich der Kunsterneuerung ab: George stellt nach Osterkamps Interpreta­tion dem rückwärtsgewand­ten bürger­lich-humanistischen Griechenland-Ideal (auch so kann man die „klügs­ten“ dechiffrieren) der Goethezeit eine „völ­kisch definierte Erlösungsvision“ entgegen, in der er eine männlich-nationale Elite, ein nationales „Erlösungsphantasma“ entwi­ckelt. Dies geschieht, so Oster­kamp, bereits durch die Platzierung des damals schon 20 Jahre alten Gedichts als Anfangsgedicht . So erscheint es direkt im titelgebenden Kontext und weist in Richtung einer (deutsch-nationalen) Total­erneuerung des Lebens.[10]

2.1.2. Gehei m es Deutschland

George verfasst das Gedicht Geheimes Deutschland vermutlich nach August 1922, in zeitlicher Nähe zum Gedicht Burg Falkenstein.[11]

Das Gedicht setzt sich aus 19 6-versigen Strophen zusammen, wobei die Strophen 1, 8 und 17 jeweils nur aus einem Doppelvers bestehen und das Gedicht in drei Einheiten gliedern: Teil 1 besteht aus den Strophen 1-7; Teil 2 aus den Stro­phen 8–16 und Teil 3 aus den letzten drei Strophen (17-19). Der Mittelteil besteht vornehmlich aus daktylischen Vierhebern (Strophe 9-16), die übrigen Stro­phen aus dreihebigen Daktylen.

In den drei Apostrophen (Strophen 1, 8 und 17) verwendet George jeweils Impera­tive („Reiss mich“, „Streiche nun“, “Heb mich“), die er an „Abgrund“, „Fittich“ und „Gipfel“ richtet. Diese Apostrophe erinnern an klassi­sche griechische Musenan­rufe.[12] Sie zeigen: Inspiration ist nie risikolos. Der Dichter läuft Gefahr, verwirrt zu werden, zu nah am Grund zu streichen, und schließlich: abzu­stürzen.

Im 1. Teil beginnen die ersten drei der langen Strophen sowie V. 18 mit „Wo“ und enden jeweils mit einem Doppelpunkt; die vierte Strophe und drei Verse des Mittel­teils korrespondieren mit „Da“; es entsteht eine formal aufeinander aufbau­ende Strophenfolge.

Wesentlich für die Fragestellung dieser Erörterung sind zunächst die explizit moder­nekritischen beiden ersten Strophen, in denen George die imperialistische und globalisierende Moderne, die „unersättliche Gierde“ anprangert, die von der gesamten Erde „von dem pol bis zum gleicher“ schamlos Besitz nimmt und „Alle poren der Welt“ (S. 46, V. 3 ff.) bedrängt. Er kritisiert den expansiven Zugriff auf „weiteste weiten“ (S. 46, V. 12) durch die moderne, westliche Welt.

George rügt die Hässlichkeit und Maßlosigkeit moderner Architektur („maasslo­ser wände / Hässlichen zellen“, (S. 46, V. 9f.)) und entwickelt das Szena­rio einer umgreifenden Vergiftung der entlegensten Gebiete durch die moderne Zivilisa­tion, wo es keinen Platz gibt für Wildnis, „jungfrauen-land“ (S. 46, V. 20) und mythi­sche Gestalten (Jason, Romolus und Remus). Die Strophen 2 bis 5 bauen nicht nur formal aufeinander auf, sondern auch inhaltlich: Unersättliche Gier, der Ver­lust der Selbstkontrolle (Strophe 2) erzeugen expansive Maßlosigkeit und Irrsinn (Strophe 3). Dies führt zur Vernichtung des vorzivilisatorischen Urzu­stan­des (Strophe 4) und letztlich zu den äußersten Nöten der Gegenwart (Strophe 5).

In den Strophen 6 und 7 findet Georges persönliches Erweckungserlebnis „am südmeer“ (S. 47, V. 1) statt. Der griechische Hirtengott Pan, „der Mittagsschreck“ (S. 47, V. 4) weist ihn zu­rück in die „heilige Heimat“, wo er mit nun „geschärfte­rem aug (…) unbetretnes gebiet“ und „finstersten urwald“ (S. 47, V. 6 ff.) erkennen könne.

Es folgen im Mittelteil eine Reihe von Anspielungen: auf den Selbstmord des Archäologen Hans von Trotts; auf Schuler, Maximin, Wolfskehl, Saladin Schmidt und Berthold Valentin.[13] Für Leser außerhalb des Kreises erschließen sich die auto­biografischen Insider-Bezüge kaum. Dem Ausgeschlossenen bleibt ein Schlüsselloch-Blick auf eine geheimnisvolle, quasi-religiöse Gemeinschaft.

Das „schlachtengetob“ (S. 48, V. 16) des 1. Weltkriegs in Strophe 13 bricht unver­mittelt in die „friedfertige Ordnung“ des hermetischen Kreises ein. Für George ist die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hier Szenerie, bleibt ver­haftet im Bild der apokalyptischen Reiter und thematisiert nicht das industrielle Massensterben wie 1917 in Der Krieg.

Mit einem Aufruf an seine Jünger endet George in den beiden letzten Strophen: „Dass was meist heut euch wert dünkt / Faules laub ist im herbstwind“ (S. 49, V.12 f.). Wichtig ist nur das „Wunder undeutbar für heut“, das „Geschick wird des kommenden ta­ges“ (S. 49, V. 19 f.).

Die Erfahrung der griechisch-römischen Antike („einst lag ich am südmeer“) schärft den Blick für das Neue und gleichzeitig Ursprüngliche. Gegen den zivilisato­rischen Wahn setzt George dieses Unverfälschte, das mit „geschärfterem aug“ (S. 47, V. 9) auch in der Heimat zu finden ist.

[...]


[1] Hierzu: Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte. Stefan Georges Neues Reich. München: Hanser 2010, S. 130 f.

[2] Ludolf Kuchenbuch: Mediävalismus und Okzidentalistik. Die erinnerungskulturellen Funktionen des Mittelalters und das Epochenprofil des christlich-feudalen Okzidents. Veröffentlicht in: Eu­ropa vor der Moderne: Epochen und Räume. Studienbrief zu Kurs 341212. Hagen 2013, S. 164.

[3] SW S. 129.

[4] SW S. 130 f.

[5] Manfred Landfester: „ Goethes lezte Nacht in Italien“. Die Vision eines neuen Reichs. In: George-Jahrbuch (2009), 7, S. 74–99.

[6] SW S. 130 und Manfred Landfester: Goethes lezte Nacht in Italien. S. 91.

[7] Stefan George: Der kindliche Kalender. In: Tage und Taten. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band17, Berlin 1933, S. 13-19. In: Zeno. URL: http://www.zeno.org/nid/2000482184X (29.1.2014).

[8] SW S. 131.

[9] Landfester: Goethes lezte Nacht in Italien, S. 84.

[10] Ernst Osterkamp: Das Neue Reich, In: Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch. Hg. v. Achim Aurnhammer u.a. 3 Bände. Berlin/Boston: de Gruyter 2012, Band 1, S. 214.

[11] SW S. 150.

[12] Christophe Fricker: Stefan George: Gedichte für Dich. Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 47.

[13] SW S. 151.

Details

Seiten
34
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668507265
ISBN (Buch)
9783668507272
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371510
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Schlagworte
Stefan George Modernekritik Mittelalter Das Neue Reich

Autor

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Titel: Modernekritik, Antikensehnsucht und Mittelalterimagination in Stefan Georges "Das Neue Reich"