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Ursachen nuklearer Aufrüstung zwischen Indien und Pakistan

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Kaschmir-Kriege

3. Was sind die Gründe für den Konflikt zwischen Indien und Pakistan? Was sind die Ursachen der Krisen in Kaschmir und die Ursprünge für die nukleare Aufrüstung der beiden Staaten?

4. Der ideologische Konflikt zwischen Indien und Pakistan und die Zwei-Nationen-Theorie

5. „Nuklearisierung“ des Militärs als Folge von gegenseitiger Aufrüstung

6. Übersicht der Militärausgaben Indiens und Pakistans 1987-2003

7. Streitkräftevergleich

8. Neorealismus und homo economicus

9. Der Konflikt zwischen China und Indien als Meilenstein der Entwicklung von Atomwaffenkapazität in der Indischen Union

10. Ursache der pakistanischen Atombombe

11. Fazit

12. Fußnoten

13. Bibliographie

1. Einführung

Am 18. Mai 1974 zündete Indien seine erste Nuklearwaffe unter dem Pseudonym „peaceful nuclear explosion“. 24 Jahre später startete Indien seinen zweiten Atomwaffentest mit der Zündung von fünf Nuklearwaffen. Pakistan sieht den Test als Aggression an und zündet am 28. Mai 1998 sechs atomare Sprengsätze; es ist der erste islamische Staat mit einer Atomwaffe. Indien sieht sich nach den erfolgreichen Explosionen seiner A-Bomben als Weltmacht und beansprucht einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. Pakistan und Indien, zwei nuklear hochgerüstete Staaten, stehen sich seit Jahrzehnten feindlich gegenüber. So manche Experten vermuten, bedingt durch die dauernde Feindschaft beider Staaten, eine nahe atomare Apokalypse bei Ausbruch einer neuen Feindseligkeit in Kaschmir oder an den Grenzen der jeweiligen Länder. Zu diesem Zeitpunkt ist der indische Subkontinent einer der unsichersten Orte der Erde. Die atomare Aufrüstung Indiens und Pakistans war seit Gründung der beiden Staaten eigentlich nur eine Frage der Zeit. Feindschaft und Misstrauen, Krieg und Aufrüstung prägen das Verhältnis der Länder auf dem indischen Subkontinent bis heute. Diese Facharbeit wird den Spuren der Ursachen nuklearer Aufrüstung zwischen Indien und Pakistan folgen und sie übersichtlich und unabhängig bewerten.

2. Die Kaschmir-Kriege

Durch Inkrafttreten des Independence of India Act wurden Indien und Pakistan offiziell am 15. August 1947 unabhängig. Aus dem großen britischen Kolonialreich im südasiatischen Raum sind zwei selbstständige Staaten entstanden. Es bildete sich die säkulare Indische Union und der muslimische Staat Pakistan mit Ostbengalen und Teilen Assams (Ostpakistan). Neben diesen zwei Staaten wurden auch die Fürstentümer Hyderabad, Junagadh und Kaschmir von der britischen Besatzungsmacht unabhängig. Sie sollten sich aber im Laufe der Zeit einem der beiden Staaten anschließen. Eine Unabhängigkeit der Fürstentümer war nicht vorgesehen. Im September des Jahres 1947 annektierte Indien die Fürstentümer Junagadh und etwa ein Jahr später Hyderabad. Diese beiden Landstriche hatten eine wichtige Gemeinsamkeit. Der herrschende Fürst war jeweils ein Muslim, die Bevölkerung war aber zum größten Teil hinduistisch. Da die Einwohner Kaschmirs zum größten Teil (etwa ¾) dem Islam angehörten, wollte Pakistan dieses Fürstentum in sein Staatsterritorium einverleiben. Der Herrscher von Kaschmir war in diesem Fall ein Hindu und präferierte zunächst die eigene Unabhängigkeit. Als diese aber als utopisch angesehen werden musste, bevorzugte Sir Hari Singh den Anschluß an die Indische Union. Die Bekanntgabe dieser Entscheidung löste zahlreiche Unruhen in allen Bevölkerungsschichten der muslimischen Einwohner Kaschmirs aus. Pakistan wollte diese Entscheidung nicht anerkennen. Am 22. Oktober 1947 überschritten ungefähr 2000 Kämpfer die pakistanisch-kaschmirische Grenze und besetzten die Grenzstadt Muzzaffarbad. Hari Singh schilderte die Situation im Brief an Lord Mountbatton am 26. Oktober 1947 mit folgenden Worten: „The mass infiltration of tribesmen drawn from distant areas of the North-West Frontier coming regularly in motor trucks using Mansehra-Muzaffarabad Road and fully armed with up-to-date weapons cannot possibly be done without the knowledge of the Provisional Government of the North-West Frontier Province and the Government of Pakistan.“1a

Noch an dem Tag, an dem er den Brief geschrieben hatte, schloß er sich dem indischen Dominion an und bat um militärische Hilfe (diese Version des Anschlußes des Fürstentums wird von Pakistan dementiert und der Brief mit dem Hari Singh um die Aufnahme in die Indische Union gebeten hatte, ist nicht aufzufinden). Indien entsandte die 161. Infanteriebrigade in den Osten von Kaschmir. Pakistan wertete die Entsendung indischer Truppen als Aggression und Feindseligkeit gegen die islamische Bevölkerung und entsandte eigene Truppen. Der Krieg hatte begonnen. Bis zum November des Jahres 1947 konnten die indischen Streitkräfte die muslimischen Rebellen weit zurückschlagen. Aufgrund logistischer Probleme in dem ziemlich unzugänglichen Gelände von Kaschmir erlag Indien bis zum Dezember des selben Jahres viele harte Rückschläge. Dies hatte zur Folge, daß die Azad Kashmir Force die Initiative gewann und den indischen Streitkräften empfindliche Verluste zufügte. Nach einer indischen Gegenoffensive im Frühling 1948 konnten die meisten der verlorenen Gebiete wieder zurückerobert werden. Nach einer Zeit heftiger Kämpfe und Verluste stellte sich eine Pattsituation ein. Keine der Seiten konnte durch Infanterievorstöße, Artillerieduelle oder Luftbombardements die Initiative für sich gewinnen. Die Vereinigten Nationen vermittelten und so konnte der erste Krieg um Kaschmir beigelegt werden. Doch noch immer standen sich die Feinde unerbittlich an der Waffenstillstandslinie, Line of Control (LoC), gegenüber. Das Resultat des Krieges war die Aufteilung des Landes in die Northern Areas und Azad Kashmir, zugehörig zu Pakistan, und Indien hält weiterhin die Teile Jammu and Kashmir besetzt.

„Like the first Kashmir war the second started without a formal declaration of war“.2a Am 5. August 1965 kam es im indischen Teil von Kaschmir vermehrt zu Auseinandersetzungen mit Rebellen. Nach etlichen Scharmützeln kam es am 15. August zu den ersten Kampfhandlungen zwischen den regulären Streitkräften Indiens und Pakistans. Nachdem die Inder mehrere Schlüsselstellungen besetzen konnten, führte der pakistanische Gegenangriff die Front an die Waffenstillstandslinie. Nach wechselvollen Kämpfen, bei der beide Seiten jeweils auf das fremde Territorium vordringen konnten, wechselte der Angriffskrieg, wie schon im ersten Kaschmir-Krieg, zu einem Stellungskrieg, den keine Seite für sich entscheiden konnte. Auf Vermittlung der UN akzeptierte Indien und Pakistan die Demarkationslinie von 1949. Der zweite Kaschmir-Krieg war zuende gegangen.

1947 wurde Britisch-Indien in Indien, Westpakistan und Ostpakistan aufgeteilt. Ostpakistan gehörte wegen dem muslimischen Mehranteil der Bevölkerung zu Westpakistan. Beide Staatsteile waren voneinander durch 1500 km indisches Territorium getrennt. Da Westpakistan immer weiter an politischem und wirtschaftlichem Gewicht zunahm, wurden in Ostpakistan Unabhängigkeitsbestrebungen laut. In den Parlamentswahlen von 1970 gewann schließlich die Awami-Liga, die sich für eine Sezession einsetzte, die Mehrheit. Am 26. März 1971 wurde die Unabhängigkeit der Republik Bangladesh verkündet. Daraufhin kam es zum bewaffneten Konflikt zwischen dem westlichen und östlichen Teil Pakistans. Indien warf sich auf die Seite des neuen Staates um seinen eigentlichen Feind, (West-)Pakistan, zu schwächen. Am 3. Dezember 1971 versuchten pakistanische Jagdbomber mit Angriffen auf mehrere Flugplätze die indische Luftwaffe in einem Präventivschlag außer Kraft zu setzen. Aufgrund nachrichtendienstlicher Erkenntnisse schlug dieser Angriff jedoch fehl. Im Laufe des Monats eröffneten pakistanische Verbände Kampfhandlungen an allen Teilen der indisch-pakistanischen Grenze: in Kaschmir, Punjab und Rajasthan, ... . Am 17. Dezember kam es schließlich zu einem Waffenstillstand. Durch die überragende Luftüberlegenheit der Indian Air Force wurden dem pakistanischen Militär hohe Verluste beigebracht. Pakistan verlor 9000 Soldaten, 200 Panzer und 75 Militärflugzeuge. Aber noch wichtiger (oder dramatischer): Pakistan musste eine blamable Niederlage erleiden und ein Territorium von 147 570 Quadratkilometern (Ostpakistan) war verloren gegangen.

3. Was sind die Gründe für den Konflikt zwischen Indien und Pakistan? Was sind die Ursachen der Krisen in Kaschmir und die Ursprünge für die nukleare Aufrüstung der beiden Staaten?

Zum einen ist es der territoriale Konflikt. Beide Staaten akzeptieren nicht den gegenwärtigen status quo von Kaschmir. Pakistan beruft sich auf die Resolution der United Nations von 1948, die eine Volksabstimmung vorsah, die aber niemals durchgeführt worden ist. Indien hält Kaschmir, mit dem überwiegend muslimischen Bevölkerungsanteil, für indisches Territorium. Pakistan fordert die Rückgabe von Jammu and Kashmir. Keine der beiden Seiten ist bereit der anderen Seite Zugeständnisse zu machen.

Eine weitere Ursache für den andauernden Konflikt zwischen Indien und Pakistan ist der strategische Konflikt. In Kaschmir befinden sich die wichtigsten Zugänge zum Hindukusch, Karakorum und zu den wichtigen Wasserressourcen Südasiens. Gerade der strategische Aspekt verschaffe Pakistan während der sowjetischen Invasion in Afghanistan einen erheblichen strategischen Vorteil. Durch die Grenze zu Afghanistan und bedingt durch den Kalten Krieg zwischen der UdSSR und den USA wurde Pakistan für die Vereinigten Staaten von Amerika geopolitisch sehr interessant. Mit Hilfe des pakistanischen Militärs und des Geheimdienstes konnten CIA-Agenten Waffenlieferungen für die afghanischen Mujaheddin durchführen. Seit dem 11. September 2001 ist Pakistan wieder in den Mittelpunkt der amerikanischen Politik gerückt und verdient sich als williger Vasall amerikanisches Wohlwollen im Kampf gegen den Terror.

Ein weiterer Punkt der indisch-pakistanischen Beziehungen ist der durch die Besetzung Kaschmirs eingeleitete indisch-kaschmirische Konflikt. Indien hat seit der Annektion von Jammu and Kashmir mit einer Radikalisierung der einheimischen muslimischen Bevölkerung zu kämpfen. Equipementlieferungen erfolgen zumeist von pakistanischer Seite und unterstützen damit die Rebellen/Freiheitskämpfer mit Waffen und Ausrüstungsgegenständen und anderen Materialien. Da Indien Separationsbestrebungen auf gar keinem Fall Auftrieb verleihen lassen will, geht das indische Militär mit brutaler Härte gegen jedwede Unabhängigkeits- oder Sezessionsbestrebung vor. Menschenrechtsverstöße durch das Militär, die Polizei oder Sicherheitskräfte sind an der Tagesordnung. „Im Durchschnitt werden dort [in Kaschmir] Monat für Monat 100 Menschen getötet.“4a Pakistan prangert die indischen Menschenrechtsverstöße öffentlich an und versucht dadurch Indien politisch und international zu schädigen, außerdem macht sie die indische Regierung für die Unruhen und die andauernde Instabilität der Region verantwortlich.

4. Der ideologische Konflikt zwischen Indien und Pakistan und die Zwei-Nationen-Theorie

Viele Politikwissenschaftler und Analyseexperten, wie auch Rajiv Malhotra, sind der Auffassung das die Feindschaft zwischen Indien und Pakistan ihren Ursprung in den beiderseitigen Ideologien und Religionen hat und der Brennpunkt Kaschmir nur ein sekundäres Ursachenmerkmal des Konfliktes darstellt. Der ideologische Konflikt hat seinen Ursprung in der Resolution der All India Muslim League von 1940, welche einen eigenen Staat für die muslimische Bevölkerung forderte. Man hatte die Befürchtung in einem mehrheitlich hinduistischen Staat als muslimische Minderheit benachteiligt zu werden. Die Staatsidee Pakistans geht davon aus, daß alle Muslime auf dem indischen Subkontinent zusammen gehören. Das oberste Gebot war demnach die Bildung eines homogenen muslimischen Staates und die Einverleibung des muslimischen Kaschmirs. Indien hingegen spricht sich für einen indischen Subkontinent aus, in dem alle Religions-, Kultur-, Volks-, und Sprachgruppen zusammen leben können. Das heißt, daß Indien ein pluralistischer, säkularer und einheitlicher Staat ist. Indien hat wegen seiner heterogenen Bevölkerung Befürchtungen um die Einheit seines Staatsterritoriums, deshalb wird jede Separationsbestrebung scharf verfolgt und unterdrückt. Der Vorsitzende der All India Muslim League, Muhammad Ali Jinnah, sah die Unmöglichkeit eines heterogenen muslimisch-hinduistischen Staates voraus und sagte auf einer Rede im Jahr 1940:

"The Hindus and Muslims belong to two different religious philosophies, social customs, literatures. They neither intermarry nor interdine, and indeed they belong to two different civilisations which are based on conflicting ideas and conceptions […] To yoke together such nations under a single state, one as a numerical minority, and the other as a majority, must lead to growing discontent and final destruction of any fabric that may be so built up for the government of such a state."5a

In der folgenden Stellungnahme setzt Muhammad Ali Jinnah die Unmöglichkeit eines subkontinentalen Indiens voraus:

„Let us suppose first of all that we have universal suffrage as in America and that everybody, chamars and all have votes. And first suppose that all Mahomedan electors vote for a Mahomedan member and all the Hindu electors for a Hindu member. … It is certain that the Hindu member will have four times as many because their population will have four times as many … and how can the Mohamedan guard his interests? It would be like a game of dice in which one man had four dice and the other only one.”6a

Die Vorstellungen des Indian National Congress, ein vereinter indischer Subkontinent, konnten vor der britischen Kolonialmacht nicht durchgesetzt werden. Es folgte die Spaltung des ehemaligen Kolonialreiches in Indien, West-, und Ostpakistan.

Ein weiterer Grund für die „ewige“ Feindschaft ist zum einen der Islam selbst. Fast die gesamte Bevölkerung des Staates Pakistan besteht aus gläubigen Muslimen, die dem Koran folgen und die Scharia als Rechtsquelle anerkennen. Der Islam in seiner reinen Form unterscheidet zwei Menschentypen voneinander, die eine Quelle des heutigen Konfliktes in Südasien darstellt:

„All Muslims in the world are deemed to be part of one single nation called dar-ul-islam (Nation-of-Islam). All non-Muslims are deemed to belong to dar-ul-harb (the enemy, or Nation-of-War)“.7a

Diese Vorstellung, das alle nicht-Muslime minderwertig und unvollkommen sind, spiegelt sich auch im Verhalten der meisten Politiker und in deren Aktionen und Handlungen wider. Die Muslime sind der Meinung, daß letztendlich, früher oder später, der Islam die ganze Welt beherrschen wird. In dieser Welt wird es gläubige Muslime, bekehrte Andersgläubige und tote Ungläubige geben. Die unterschiedliche Werteauslegung findet auch Einkehr in den Verfassungen von Indien und Pakistan. Während die indische Präambel Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stark hervorhebt, sind die politischen Grundsätze Pakistans folgende:

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Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638365499
Dateigröße
802 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37108
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Südasien-Institut
Note
1,7
Schlagworte
Ursachen Aufrüstung Indien Pakistan Beziehungen

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Titel: Ursachen nuklearer Aufrüstung zwischen Indien und Pakistan