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Interreligiöses Lernen und interreligiöse Kompetenz (Unterrichtsentwurf Klasse 5 Hauptschule)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 25 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interreligiöses Lernen
2.1 Theologische Begründungen
2.2 Pädagogischen Begründungen

3. Interreligiöse Kompetenzen
3.1 Kompetenzerwartungen
3.2 Kompetenzen im Religionsunterricht

4. Unterrichtsentwurf zum Thema interreligiöser Unterricht

5. Reflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Arbeit möchte ich mich mit der Interreligiosität und den damit verbundenen Kompetenzen auseinandersetzen. Ist interreligiöses Lernen überhaupt sinnvoll und wofür brauchen wir diese Kompetenz um uns in unserer eigenen Religion zurechtzufinden? Würde es nicht reichen, sich nur mit der eigenen Religion auseinanderzusetzen? Diesen Fragen und vor allem der Wichtigkeit von Interreligiosität möchte ich nachgehen. Religiös sein an sich bedeutet, die Einstellung und die Auslebung von Religion. Aber beinhaltet dies auch meine Einstellung gegenüber anderen Religionen und wie wird dies in meiner Religion gerechtfertigt? Um diese Fragen zu beantworten, werde ich in meiner Arbeit interreligiöses Lernen definieren und die theologische, sowie die pädagogischen Begründungen dafür erörtern. Weiter möchte ich die Kompetenzerwartung im Religionsunterricht aufzeigen und versuchen eine mögliche Unterrichtstunde für diese Aufgabenstellung zu planen.

2. Interreligiöses Lernen

Für Religionslehrer ist es wichtig die SchülerInnen religiös zu bilden. Religion ist wichtig für die Gemeinschaft, die Kultur und als Orientierung und Lebenshilfe für jeden persönlich. Doch es kann weder davon ausgegangen werden, dass dies für jeden Einzelnen gleich wichtig ist und vor allem nicht, dass Religiosität und der Umgang mit Religion von vornhinein bei den SchülerInnen vorhanden ist. Also ist es wichtig, genau hier anzusetzen und die SchülerInnen dahingehend zu bilden. Bilden bedeutet die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Beziehung und die Erziehung der SchülerInnen zu selbstständigen, verantwortungsvollen Individuen. In der religiösen Bildung geht es weiter noch um die Weltanschauung und die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Weiter ist für eine religiöse Bildung die Gemeinschaft wichtig. Rudolf Engelbert geht sogar von einer religiösen Anlage aus, die jeder Mensch besitzt. Diese Anlage beruht auf Gefühlen und Empfänglichkeit des Menschen, welcher von Anfang an auf Gott gerichtet ist.[1] Was aber nun ist Interreligiosität und interreligiöses Lernen? Diese neue Dimension der Religionspädagogik hat ihren Ursprung in der gesamtgesellschaftlichen Situation, welche sich zu einer Multikultur verändert hat.[2]

„Auch die Niederlassung und Einbürgerung zahlreicher Musliminnen und Muslime ist nur ein Grund, gewiss ein besonders wichtiger, für die Dringlichkeit interreligiösen Lernens.“ [3]

Diese neue Dimension ganzheitlichen Lernens in der Religionsdidaktik, ist eine neue „Herausforderung für Gesellschaft und Kirche“[4]. Es soll allen Religionen gerecht werden und ein Zusammenleben durch Dialogfähigkeit sichern.[5] Interreligiöses Lernen kann jedoch nur gelingen, wenn die Voraussetzung des interkulturellen Lernens gegeben ist. Hierunter fällt die Bezeichnung des wechselseitigen Lernens, welches nicht nur den Umgang mit dem Fremden und den Perspektivenwechsel meint, sondern auch ein angemessener Umgang mit Behinderten, zwischen den Geschlechtern und in den Kulturen.[6] Interreligiöse Lernprozesse zielen auf ein konstruktives Zusammenleben hin und wollen ein „ besseres Verstehen von Personen anderer Religionszugehörigkeiten“[7] Dies findet nicht nur im Kontext Schule statt, sondern ebenso in der Kirche und der Gemeinde. Dort wo religiöse Bildungsbemühungen existieren muss auch mit den verbundenen Konsequenzen der Interreligiosität gerechnet werden. Dies geschieht in der religiösen Erwachsenbildung genauso wie in Kindertagestätten, kirchlicher Jugendarbeit oder in religionsverschiedenen Ehen.[8] So kann man innerhalb interreligiöser Lernprozesse mehrere Funktionen erkennen. Eine traditionelle Funktion zeichnet sich im weiteren Sinn von interreligiösem Lernen ab. Hier geschieht dies eher beiläufig durch Kenntnisnahme und Wissensverarbeitung über andere Religionen. Das Lernen wirkt nachhaltig, wenn in diesem Sinne Vorwissen und idealer Weise auch ein persönlicher Bezug besteht. Im engeren Sinne liegt die Funktion interreligiösen Lernens in der direkten Begegnung vor. Durch zum Beispiel den Dialog, Austausch von Erfahrungen oder gemeinsames Handeln.[9]

„(…) ein Großteil der interkulturellen und interreligiösen Lernprozesse [geht] nicht geplant und institutionalisiert vor sich (…), sondern lebensweltlich und informell (…): im alltäglichen, unmittelbaren Umgang mit Menschen anderer religiöser und ethnischer Zugehörigkeit in der Schule, am Arbeitsplatz oder im privaten Bereich bzw. in der unmittelbaren Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen, vermittelt durch Medien wie Fernsehen, Radio, Internet, Bücher (…).“ [10]

So kommen viele Menschen, egal welchen Alters, mit interkulturellem Lernen in Berührung. Das schulische Ziel bei solchen Bildungsangeboten ist hierbei in erste Linie der Umgang miteinander. Diese Kompetenzentwicklung geschieht vorranging informell und nicht durch gesteuerte oder geplante Lernprozesse.[11] Dennoch muss für solche informellen Lernprozesse Raum geboten werden. Diesen Raum muss die Schule schaffen, und vor allem ist dies speziell die Aufgabe von Religionsunterricht. Um diese These zu begründen, werde ich in den nächsten Kapiteln sowohl auf die pädagogischen, als auch auf die theologischen Argumente für interreligiöses Lernen eingehen.

2.1 Theologische Begründungen

Durch die herrschende multikulturelle Gemeinschaft wird der Umgang miteinander und die Toleranz füreinander immer wichtiger. Dies ist eine Herausforderung für die Religionen und somit auch für den Religionsunterricht. Religion soll Verständigung und Frieden stiften und muss dieses auch lehren.[12]

„Interreligiöses lernen heißt: Angehörige einer religiösen Tradition sind bereit, religiöse Erfahrungen anderer Traditionen achtsam wahrzunehmen und für das eigenen Leben und Glauben schöpferisch zu verarbeiten. Interreligiöses Lernen hat ganzheitliche, emotionale, kognitive, sprachliche und kreative Dimensionen.“ [13]

Diese Aufgabe von Religion fällt in den Bereich der Komparativen Theologie. Komparative Theologie meint die Vereinbarkeit der Offenheit von Theologie gegenüber anderen Glaubensressourcen. Sie nimmt andere Religionen wahr und ernst und lernt von und mit anderen religiösen Traditionen.[14] Komparative Theologie meint das theologische Nachdenken über religiösen Glauben. Ihr Anliegen ist es, die Elemente der eigenen Religion und der Fremden neu zu entdecken.[15]

„In seinem Weltbild und im Weltbild eines jeden Menschen gibt es diese still wirksamen Elemente des eigenen Weltbildes, die einem nicht bewusst sind und die oft erst durch die Konfrontation mit dem Anderen deutlich werden. Eben diese Konfrontation oder besser: dieses Sich-dem-Anderen-Aussetzen ist die Grundlage dafür, um die eigenen blind befolgten Weltbildelemente reflektieren und in ihrem Wahrheitsanspruch richtig verstehen und verantworten zu können.“ [16]

Ihre Methode besteht also darin, den Blick auf die eigene Religion von anderen Traditionen auszurichten. Religion soll sich dem interreligiösen Dialog öffnen und von ihm korrigieren lassen. Klaus von Stosch sieht in der Komparativen Theologie sogar eine Notwendigkeit für die eigene Religion. Diese darf jedoch nicht auf ihren Selbstzweck reduziert werden.[17] Ihr Ziel ist eine Weiterentwicklung der Theologie insgesamt und ein tieferes Verstehen der eigenen religiösen Tradition, so dass „am Ende nicht nur der eigene Glaube, sondern die Welt insgesamt [davon] profitiere.“[18] Es sollen Vorurteile abgebaut und Wissen weiter vermittelt werden. Hierfür plädiert die Komparative Theologie auf Toleranz und Wertschätzung anderer Traditionen. Ihr Hauptziel ist eine interreligiöse Freundschaft.[19]

„Im › Global Village‹ werden Menschen zu ›Nachbarn‹. (…) [Jedoch entsteht] Kein Frieden unter den Nationen ohne Friede unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“ [20]

Auch hier wird die Notwendigkeit einer Komparativen Theologie und interreligiösem Lernen sichtbar. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil hielt sich die Überzeugung, dass außerhalb der Bibel keine Offenbarung und außerhalb der Kirche kein Heil zu finden ist. Diese Gedanken wurden aber mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil angegriffen und durch das Dokument Lumen gentium, Nostra aetate wiederlegt. Im ersten Artikel wird festgehalten, dass die Kirche nicht mehr „die vollkommene Gesellschaft (societas perfecta), sondern ›Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit‹“ ist und somit andere Religionen auf die Kirche Jesu Christi hingeordnet sind.[21] Die Erklärung beinhaltet die Haltung der Kirche gegenüber anderen Religionen aus Sicht der katholischen Kirche und ist der Beginn eines Dialogprozessen zwischen den Religionen. Nostra aetate beschreibt somit wie sich der christliche Glaube zu anderen Traditionen verhält.[22] Weiter enthält sie ebenso einen Päpstlichen Rat für eben diesen interreligiösen Dialog. Dieser soll zum einen den Informationsaustausch sicherstellen zur Verbesserung der Kenntnisse über die Glaubensinhalte der anderen. Zum anderen soll das Bewusstsein für die Dringlichkeit des interreligiösen Dialogs geschärft werden und zusätzlich eine Zusammenarbeit mit anderen Ämtern entstehen falls Fragen zum Dialog aufkommen.[23] Der Päpstliche Rat verfasste demnach auch ein Dokument, welches den interreligiösen Dialog rechtfertigt, begründet und aufkommende Fragen und Kritik beantwortet. Es beschreibt diesen sogar als „Verpflichtung der Kirche“ und sieht ihn zum einen im missionarischen Wesen der Kirche und zum anderen in „der Persönlichkeit und der Beziehungen innerhalb der menschlichen Gemeinschaft“, welche durch den Austausch reift.[24] Da also der interreligiöse Dialog als Wesen der christlichen Religion und die Komparative Theologie als Notwendigkeit dieser gesehen wird, ist auch interreligiöses Lernen als Aufgabe von Religionsunterricht nicht wegzudenken und rechtfertigt sich mit dem christlichen Glauben selber.

2.2 Pädagogischen Begründungen

Neben den theologischen Begründungen für interreligiöses Lernen muss dieses auch pädagogisch rechtfertigt werden. Hierzu habe ich anfangs schon beschrieben, dass dieses unter anderem kognitive und sprachliche, sowie kreative Dimensionen hat und in diesen Bereichen somit Fähigkeiten fördert und fordert. Hierzu reichen einzelne Unterrichtseinheiten zu den Weltreligionen nicht aus. Religionsunterricht muss konkret auf die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen eingehen, da diese zu den Kontextbedingungen des schulischen Lernens insgesamt zählen. Dies begründet sich alleine damit, dass gerade Religion in den meisten Kulturen eine Schlüsselstelle einnimmt. Religionsunterricht muss also dazu beitragen, dass die Begegnung mit Fremden und fremden Religionen zu eine friedlichen und lehrreichen Begegnung wird.[25] In der Religionspädagogik werden fünf Aufgabenbereiche interreligiösen Lernens erläutert, welche dieses auch pädagogisch rechtfertigen. Als erstes wird die Förderung der Identität benannt. Dies geschieht, da interreligiöses Lernen die Kompetenz im Umgang mit der eigenen Position und vor allem mit der eigenen Religion fordert. Zweitens beinhaltet eben dieses auch die Aneignung und Vermittlung von religiösen Grundkenntnissen und zielt drittens auf die Erlangung hermeneutischer Fähigkeiten im Sinne des Perspektivenwechsels ab. Weiter ist ein großer Anteil interreligiösen Lernens auch die Metakommunikation. Dies ist notwendig, um dem anderen Respekt und Anerkennung zu erweisen. Insgesamt basieren diese Kompetenzen auf einen „nachhaltigen Wandel von Einstellungen im Blick auf andere Religionen“. So ist fünftens das Ziel interreligiösen Lernens die Erziehung zu einer Haltung aktiver starker Toleranz und Empathiefähigkeit hin.[26] Auf die Kompetenzerwartung im Religionsunterricht werde ich in einem späteren Kapitel noch vertieft eingehen. Als pädagogische Begründung interreligiöses Lernen in den Religionsunterricht aufzunehmen wird jedoch schon deutlich, dass es nötig ist, angesichts der Heterogenität in der Gesellschaft und im Schulwesen, „eine Konzeption von Bildung zu erarbeiten, ›die Bildungsprozesse als sich radikalisierende Prozesse der Wahrnehmung und Anerkennung anderer und der produktiven Verarbeitung von kultureller Differenz versteht‹“.[27]

„Schule und Religionsunterricht sind von der Öffentlichkeit gefragte Instanzen zur Mitarbeit an der Bewältigung der großen Probleme der gesellschaftlichen Integration. Damit sie diesen Dienst wirksam erfüllen können, haben Ministerien interkulturelles und interreligiöses Lernen auf breiter Front für diverse Jahrgangsklassen und Schultypen vom Kindergarten bis zur Berufs- und Förderschule in die Bildungs- und Lehrpläne aufgenommen.“ [28]

[...]


[1] Vgl. Englert, Anthropologische Voraussetzungen religiösen Lernens. S. 131-142

[2] Vgl. Kalloch, Dimension Interreligiöses Lernen. S. 274

[3] Ebd. S. 275

[4] Ebd.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Vgl. Ebd. S. 276 f.

[7] Vgl. Ebd. S. 278

[8] Vgl. Kalloch, Dimension Interreligiöses Lernen. S. 283 f.

[9] Vgl. Ebd. S. 278 f.

[10] Willems, Interreligiöses und interkulturelles Lernen. S. 30

[11] Vgl. Ebd. S. 31

[12] Vgl. Ziebertz und Leimgruber, Interreligiöses Lernen. S. 433

[13] Ziebertz und Leimgruber, Interreligiöses Lernen. S. 434

[14] Vgl. Winkler, Zum Projekt einer Komparativen Theologie. S. 131 f.

[15] Vgl. von Stosch, Komparative Theologie als Herausforderung für die Theologie des 21. Jahrhunderts. S. 402

[16] Ebd.

[17] Vgl. Ebd. S. 403 ff.

[18] Vgl. von Stosch, Komparative Theologie als Herausforderung für die Theologie des 21. Jahrhunderts. S. 406

[19] Vgl. Ebd.

[20] Ziebertz und Leimgruber, Interreligiöses Lernen. S. 433 f.

[21] Vgl. Ziebertz und Leimgruber, Interreligiöses Lernen.. S. 435

[22] Vgl. Roddey, Das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. S. 38

[23] Vgl. Ebd. S. 113 f.

[24] Vgl. Ebd. S. 121 f.

[25] Vgl. Ziebertz und Leimgruber, Interreligiöses Lernen. S. 435

[26] Vgl. Willems, Interreligiöses und interkulturelles Lernen. S. 31 f.

[27] Vgl. Bühler-Otten, Neumann, und Reuter, Interkulturelle Bildung in den Lehrplänen.. S. 279

[28] Kalloch, Leimgruber, und Schwab, Dimension Interreligiöses Lernen. S. 281

Details

Seiten
25
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668515369
ISBN (Buch)
9783668515376
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371026
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Schlagworte
interreligiöses lernen kompetenz unterrichtsentwurf klasse hauptschule

Autor

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