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Hannah Arendts "Vita activa". Ein Beitrag zur Technokratiedebatte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 28 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die Technokratiedebatte in den USA
1.1 Entstehung des technocratic movements: Veblen und Scott . .
1.2 Das technokratische Programm
1.2.1 Vorläufer
1.2.2 Prämissen
1.2.3 Thesen
1.3 Beiträge der Kritischen Theorie: Marcuse, Horkheimer und Adorno

2 Der Beitrag der Vita activa
2.1 Direkte Textbezäge
2.2 Kontextuelle Bezüge zu den fänf technokratischen Thesen ...

3 Arendts Handlungstheorie und der Technokratiegedanke

Fazit

Einleitung

Hannah Arendts Totalitarismusanalyse von 1955 setzt sich überwiegend mit dem Nationalsozialismus auseinander, weshalb sie in ihrem zweiten Werk die Vorgeschichte des kommunistischen Totalitarismus naher erforschen mochte. Im Antrag für ein Guggenheim-Stipendium Anfang der 50er Jahre lautet Arendts Arbeitshypothese, dass durch Marx eine Aufwertung des Arbeits­begriffs statt gefunden habe, in dessen Folge das öffentliche und politische Handeln zu einem Herstellungsprozess umgedeutet wurde.[1] Im Folgenden wird die Annahme getroffen, dass Arendt zwar den Fokus ihrer Studie stark erweiterte, ihre Arbeitshypothese dennoch beibehült die, wenn man sie fra­gend formuliert, lautet: Was bedeutet es, wenn offentliches und politisches Handeln als Arbeit und nicht als (kollektives) Handeln verstanden wird? Oder spezieller: Was bedeutet es, wenn Politik als optimierter Herstellungsprozess verstanden und gelebt wird?

Arendts Vita activa - oder vom tätigen Leben ist als Beitrag zur technokrati­schen Debatte zu lesen, da auch die Technokraten Gesellschaft und Politik als optimierbaren Herstellungsprozess auffassen, so die These der vorliegenden Arbeit. Der erste Teil setzt sich mit dem Begriff der Technokratie und der US-amerikanischen Technokratiebewegung auseinander. Anschließend werden die direkten und indirekten Bezugspunkte der Vita activa auf die techno­kratischen Ideen analysiert. Im dritten und letzten Abschnitt werden die Analyseergebnisse mit der Handlungstheorie Arendts, wie sie in Vita activa entwickelt sind, gedanklich verbunden.

Methodisch folgt diese Arbeit dem kontextuellen Ansatz, der die Annahme trifft: ,,[...] to understand a text, we must grasp the authors intention to address a particular question at a particular time.“[2] Das Ziel dieser Arbeit ist daher nicht, Arendts Denksystem im Ganzen zu analysieren,[3] sondern eine Interpretationsmöglichkeit für Arendts Werk zu bieten. Der Fokus liegt dabei auf Vita activa als Text (nicht als Werk Arendts oder als Theorie der (Öffentlichkeit), der als Sprechakt verstanden, auf seinen Beitrag zur amerikanischen Technokratiedebatte bis 1958 untersucht wird.

1 Die Technokratiedebatte in den USA

Die Bedeutung des Technokratiebegriffs unterliegt im Laufe der Zeit Ver- anderungen,[4] wobei Senft in Anlehnung an Ropohl zwei Hauptdefinitionen ausmacht, die diese Bedeutungsveranderungen uberdauert haben: die po­litische Herrschaft einer fachlich qualifizierten Personengruppe, was einer Elitentheorie entspricht; und die Herrschaft autonom gewordener Technik, die zu einem technizistischen Denken fuhrt.[5] Auch Haring folgt diesem Ansatz und versteht unter Technokratie ein Problem-Ensemble, das sich zum einen aus einer utopistischen Elitentheorie und zum anderen aus einem analytischen Entwurf, der Technik als gesellschaftliches Phanomen wahrnimmt, zusammen- setzt.[6] Dem utopistischen Ansatz einer Elitentheorie folgt auch Lubbe, der Technokratie als ein Element totalitarer Regime untersucht.[7] Auch Arendts Vorhaben, den Kommunismus als totalitäres System naher zu untersuchen, ist Teil der Textentstehung von Vita activa. Die Marx’sche Vorstellung, dass eine klassenlose Gesellschaft hergestellt werden kann, habe zu einer totalitären stalinistischen Herrschaft geführt, so die zugrundeliegende These. Deshalb wird im Folgendem der utopistischen Definition von Technokratie gefolgt.

1.1 Entstehung des technocratic movements: Veblen und Scott

Das Manifest des technocratic movements« in den USA[8] umfasst mehrere

Essays von Thorstein Veblen[9] - ein Nationalökonom der wie Arendt spater,

an der New School for Social Research in New York lehrt. Diese wurden 1921

unter dem Titel The Engineer and the Price System zusammengefasst und

veröffentlicht. Die Problemstellung, ,,[...] daß die Technik sich fortentwickle, ohne daß Institutionen und die Werte der Gesellschaft sich ihr anpaßten [...]“[10] formuliert Veblen bereits 1899 in seinem einflussreichen Werk The Theory of Leisure Class. Inhaltlich schließt er sich an den Marx’schen Gedanken des historischen Materialismus an, indem okonomische Systeme in ihrem konkreten historischen und soziologischen Kontext verstanden werden.[11] Das Phanomen der Automatisierung und Industrialisierung nimmt Veblen primar als ein Problem der Gesellschaft wahr, die sich nicht schnell genug entwickelt und anpasst. Unter einem Preissystem versteht Veblen jedes Sozialsystem, das Guter und Dienstleistungen mittels Geld uber ein Handelssystem verteilt.

Aufgrund dieser sehr breiten Definition, stellt für Veblen auch der Staatsappa­rat, der Allgemeinguter verwaltet und verteilt, ein Preissystem dar. Um dem Problem, der hinter der Technik zurückbleibenden staatlichen Institutionen zu begegnen, schlügt er das Modell eines Direktoriums« vor, eine Art ,,[...] Selbstverwaltung der Industrieorganisation ohne Staatsapparat [...].“[12] Veblen ist hierbei wichtig, dass sowohl die (Ökonomie als auch die Gesellschaft einer Koordination bedarf, die ,,[...] nicht auf Glauben, sondern auf exaktem Wissen begründet ist.“[13] Sein Ziel ist es, die Gesellschaft und die politische Koordi­nation mit Hilfe wissenschaftlich exakter Methoden effizienter zu gestalten, sodass sie auf der Hühe des technischen Fortschritts sind. Sowohl Politik, als auch Wirtschaft werden als optimierbare Prozesse verstanden.

Schon 1919 gründet Veblen eine Gruppe, die überwiegend aus Naturwis­senschaftlern und Technikern besteht und sich mit dieser gesellschaftlichen Problemstellung befasst. Unter anderem nimmt Howard Scott, ein weiterer wichtiger Vertreter des Technokratiegedankens, an den Treffen teil.[14] Die Probleme der Industrialisierung seien nur durch sozialtechnische Maßnahmen zu lüsen, so die Annahme Scotts. Zur Entwicklung dieser sozialen Technik formuliert Scott (zitiert nach Klein) die folgenden fünf Forschungs- und Planungsaufgaben:[15]

1. In industriellen Ablaufen die Ineffizienz aufdecken.
2. Den zukünftigen Bedarf, an materiellen und menschlichen Rohstof­fen („Human Ressources“ - wie man es heute treffend bezeichnet) abschüatzen.
3. Die Funktionalität der gegenwärtigen Produktions- und Distributions­systeme untersuchen.
4. Ein neues effizienteres und damit funktionelleres Produktions- und Distributionssystem entwerfen.
5. Den Technikern und Experten eine wesentliche Rolle in dieser Produk­tionstechnik einrichten.

Auf die Frage, was unter Technokratie zu verstehen sei, antwortet Scott: „Technocracy sei eine wissenschaftliche Verfahrensmethode, die das Funk­tionieren eines Soziomechanismus von kontinentaler Große sichere. Sie sei keine politische Anhängerschaft, die auf Klassensympathie und Klassenvor­herrschaft basiere.“[16] Er bringt damit zum Ausdruck, dass seine Bewegung in Opposition zum Kommunismus und zum Faschismus steht.[17] Auch wenn sich die Technokraten keiner bestimmten politischen Sträomung zuordnen wollen und auch tatsächlich kein bedeutender politischer Faktor werden,[18] bleiben sie nicht unpolitisch: Ihr Ziel ist es die amerikanische Zivilisation zu retten, die von der hinterherhinkenden und krisenhaften amerikanischen Demokratie zerstärt wird. 1940 begrüßt die Technokratiebewegung den Kriegs­eintritt Amerikas, da dieser Schritt die Möglichkeit bietet, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Das neue Gesellschaftsmodell soll von dem oben angefährten funktionsfahigen Soziomechanismus gesteuert werden, der außerdem die soziale Evolution unter Kontrolle hält.[19] Dieser Mechanismus muss entwickelt, etabliert, geleitet und überwacht werden. Eine Aufgabe, die analog zu Veblens >Direktorien«, nur von Experten der Produktionstechnik übernommen werden kann: Vom Technokraten, der auf der Grundlage seines Verstündnisses der modernen Technik und aufgrund der beherrschenden Rolle, die die Technik in allen Lebensbereichen einnimmt - prüdestiniert sei, die Gesellschaft und Wirtschaft „anzuleiten“ und über den ganzen Staat in umfassendem Sinne auch zu „herrschen“.“[20] Der Technokrat als alleiniger Experte, der Herstellungs- oder Produktionsprozesse optimierend leitet.

1.2 Das technokratische Programm

1.2.1 Vorläufer

Ein wichtiger Wegbereiter der Technokratiebewegung war der Taylorismus,[21] der auch als ’wissenschaftliche Buchfuhrung’ bekannt ist.[22] Der Taylorismus war eine Idee, die „[...] nicht nur eine Umwälzung der Arbeit, sondern vor allem eine Umwülzung der Führung vorsah.“[23] Die Ähnlichkeit mit der Technokra- tiebewegung ist augenscheinlich: auch diese zielt nicht nur auf eine Umwaülzung der Gesellschaft, sondern vor allem auf eine Umwalzung der Fuhrung der Gesellschaft ab. Sie fordert eine andere Art der Politik in welcher sie mit ihren sozialtechnischen Experten die Führung ubernehmen wird. Auch basieren beide Strömungen auf den Maximen eines optimierten Herstellungsprozesses: Rationalisierung, Weisung, Produktivitüt, Effizienz und Wissenschaftlichkeit. Ein weiterer wichtiger Einfluss ist die amerikanische Erfahrung aus dem Ersten Weltkrieg, bei der weite Teile gesellschaftlicher Prozesse von einer Zentralstelle aus organisiert wurden. Das Ziel der Etablierung des Direktoriums« und des Soziomechanismus beinhaltet daher auch die Entwicklung hin zu einer anti-demokratischen und systemoppositionellen Ideologie.“[24] Im Hinblick auf die sozialen Gewohnheiten der Menschen, welche dem Ziel der technokratischen Bewegung, den höchsten materiellen Wohlstand zu erreichen, entgegenstehen, wird auf die behavioristische Psychologie nach Pawlow zurückgegriffen.[25] Das menschliche Verhalten wird dabei als das Ergebnis von verstarkenden oder abschwachenden Impulsen der Umwelt verstanden, das anhand naturwissenschaftlicher Methoden untersucht und erklart wird. Desweiteren teilt die Technokratiebewegung die darwinistische Ansicht, dass jede lebende Organismen und gelebte Organisationen, ahnlich wie Hühner, ihre eigene Hack-Ordnung >peck-rights< besitzen.[26]

1.2.2 Prämissen

Diese Ideen fließen in das vom Behaviorismus maßgeblich beeinflusste technisch­wissenschaftliche Menschenbild, das den technokratischen Gedanken zugrun­de liegt, ein.[27] Erweitert man dieses behavioristische Menschenbild um die Pawlow’sche Grundidee, erhalt man die technokratische Annahme, dass ,,[k]onditionierte Reflexe und konditionierte Verbote [...] die wichtigsten sozia­len Kontrollmechanismen dar[stellen].“[28]

Nach dieser Auffassung scheint der Mensch lediglich das Produkt seiner techni­schen und sozialen Umwelt zu sein, die jedoch ganzlich undifferenziert als eine einheitliche menschliche Umwelt verstanden werden. Deshalb, so die nachste Prümisse, reicht es aus, das Gemeinwohl bzw. den hochsten materiellen Le­bensstandard als alleiniges gesellschaftliches Ziel zu definieren. Damit werden alle bisherigen Ziele wie Gewinnmaximierung oder soziale Anerkennung ob­solet. Die Gesellschaft wird als eine Art Apparat oder Maschine verstanden, die leicht umprogrammiert werden kann. Der hierdurch erreichte neue Le­bensstandard, so die technokratische Annahme, lasst dann automatisch ein konformes moralisches und soziales Handeln entstehen - und damit ,,[...] ein Verhalten, das system-stabilisierend ausgerichtet sei.“[29] Auffallend ist, dass gesellschaftliche Werte und ethische Perspektiven mit diesem neuen gesellschaftlichen Mechanismus überflüssig werden. Alleine die professionelle Erhaltung und Verwaltung von Dingen durch Experten ist wichtig, wozu die Wissenschaft ihren Beitrag leistet.[30] Diese Wissenschaft wird in erster Linie als Naturwissenschaft mit synthetischen und analyti­schen Methoden verstanden. Die Humanwissenschaften gehen dann, da der Mensch lediglich das Produkt der Natur ist, in den Naturwissenschaften auf. In dieser technokratischen Zielgesellschaft geht damit auch die politi­sche Sphüre vollkommen im Soziomechanismus, bzw. dem Produktions- und Verteilungsmechanismus auf.

1.2.3 Thesen

Die Elemente der amerikanischen Technokratiebewegung lassen sich unter den Stichpunkten Materialismus, sozialtechnische Effizienz, ökonomischer Egalitarismus sowie funktionelle und professionelle Standards bei der Bewer­tung gesellschaftlicher Vorgange zusammenfassen.[31] Diese Elemente finden sich auch in den folgenden funf Hauptthesen der Bewegung wieder, die im nüchsten Kapitel hinsichtlich ihres Bezugs zur Vita activa analysiert werden:

1. Der technokratische Argumentationsmodus ist der Sachzwang und die Forderung nach Dominanz technisch-wissenschaftlicher Sachlogik, die u.a. die menschlichen Bedürfnisse befriedigt. Damit wird der Sachzwang zur Methode, die ebenso soziale, kulturelle und politische Fragestellun­gen beantwortet.[32]
2. Das Telos der Gesellschaft ist der Fortschritt und der Wissenszuwachs, wodurch der hüchste materielle Lebensstandard erreicht wird.
3. Die Gesellschaft wird als ein System oder als eine Maschine[33] verstanden, die durch den Soziomechanismus geleitet wird. Der Soziomechanismus ist sozusagen das ’Programm’ mit welchem der gesellschaftliche ’Apparat’ programmiert wird.
4. Es findet eine Rationalisierung und Effizienzsteigerung der kulturellen, politischen und sozialen Prozesse statt,[34] weshalb die Demokratie durch effiziente Expertenkommissionen ersetzt werden muss.[35]
5. Das vorherrschende Menschenbild ist statistisch-technisch, weshalb menschliche Bedürfnisse nach behavioristischem Vorbild verallgemei­nert und rationalisiert werden, um dann im o.g. Modus der technisch­wissenschaftlichen Sachlogik behandelt zu werden.[36]

1.3 Beiträge der Kritischen Theorie: Marcuse, Hork­heimer und Adorno

Für die vorliegende Untersuchung sind ausschließlich Rezeptionen relevant, die vor der Veröffentlichung von Vita activa im Jahr 1958 zugünglich waren. Es werden im Folgenden drei Perspektiven der Kritischen Theorie nach ihrem Beitrag zur amerikanischen Technokratiedebatte analysiert: Herbert Marcuses Some Social Implications of Modern Technology von 1941, Max Horkheimers Eclipse of Reason von 1947 und Theodor W. Adornos Kapitel „Veblens Angriff auf die Kultur” in Prismen aus dem Jahr 1955. Zwei Aspekte sprechen dafür, sich auf diese Beiträge zu beschranken. Zum einen, weil es Arendts Ausgangspunkt entspricht Veränderung nachzuvollziehen, die durch die Aufwertung des Arbeitsbegriffs durch Marx entstanden, womit Marx als gemeinsame theoretische Grundlage dient. Zum anderen, weil der Einbezug weiterer Debattenbeitrage den Rahmen dieser Arbeit sprengen wurde. Marcuses Some Social Implications of Modern Technology folgt der Marx’schen These des Warenfetischs, der durch die fortschreitende Technisierung durch einen Technikfetisch bzw. einen Effizienzfetisch ersetzt wird. Dabei nimmt Marcuse innerhalb der Technikdebatte eine gesamtgesellschaftliche Perspekti­ve ein, indem er den neuen Fetisch als Totalzustand der modernen Gesellschaft versteht. Er vertritt dabei die These, dass die individuelle Vernunft sich durch den Individualismus, die soziale und äkonomische Umwelt der Arbeit und das Prinzip der Wettbewerbseffizienz zu einer technologischen Vernunft verändert hat. Dabei erklärt er die Anpassung des Menschen an seine Arbeitsumwelt anhand Veblen, der als Erster die Sachbezogenheit des Maschinenprozesses wahrnahm, die sich auf die Gesellschaft überträgt: „Veblen was among the first to derive the new matter-of-factness from the machine process, from which it spread over the whole society[.]”[37] Neben seiner Entwicklungsanalyse der neuen technischen Ratio in der Gesellschaft, erkennt Marcuse auch politische Aspekte: „Technology, as a mode of production [...] is thus at the same time [...] an instrument for control and domination.”[38] Dabei geht er auf die Situa­tion im nationalsozialistischen Deutschland ein, sowie in einer Fußnote auf technologische Elemente im Stalinismus. Dieser Aspekt scheint sich deutlich mit Arendts ursprünglichem Vorhaben zu decken, die totalitären Elemente in kommunistischen Regimen näher untersuchen zu wollen. Auch die beiden von Marcuse herausgestellten Aspekte der Technologisierung, beziehen sich auf den politischen Bereich: die politische Neutralität von Technik an sich und die Möglichkeit des progressiven Gebrauchs von Technik durch demokratische Reformen.

Horkheimers Eclipse of Reason untersucht den gesellschaftlichen Status und die Bedeutung von Vernunft. Seine Fragestellung lautet: Was bedeutet Ver­nunft und wofur wird sie genutzt? Dabei unterscheidet Horkheimer zwei Arten der Vernunft: die objektive und die subjektive Vernunft. Das gegenwartige Verstandnis objektiver Vernunft liegt darin, dass die Wissenschaft und der Positivismus (mit seiner Unterform des Pragmatismus) die Aufgabe besitzen, objektive Wahrheit zu finden. Eine These gegen die sich Horkheimer (zitiert nach Everett) entschieden ausspricht:

„Whatever this objective truth is, it will never be found by science. Science and all philosophies which equate truth with the conclusion of scientific analysis, are only capable of calculating probabilities and organizing proper means.”[39]

Damit zielt er insbesondere auf die Positivisten und Pragmatisten ab, die philosophische Wahrheitskonzepte ablehnen und selbst wissenschaftliche Me­thoden nur noch klassifizieren und formalisieren. Durch dieses wissenschaftlich­positivistische Verstandnis objektiver Vernunft, begrenzt sich die subjektive Vernunft, indem sie sich von der Effizienz der Bedeutung leiten lasst: die Effizienz wird zum Maßstab för subjektive Wahrheit. Diese Veränderung des Vernunftbegriffs fuhrt dazu, dass die westliche Bevolkerung sich geschaftig, effizient und rational organisiere, allerdings mit dem Zweck der bedeutungs­losen Aktivität.[40] Klassifizierende und formalisierende Rationalisierung hat zum Ergebnis, dass die letzten Fragen der Moral, Politik und Religion als nicht-rational aufgefasst werden.[41] Dadurch werden die Moralphilosophen zu ’social engineers’, der wissenschaftliche Positivismus zu einer philosophischen Technokratie und letztlich werden die Techniker fär die Philosophen des Konkreten gehalten.[42] Horkheimer analysiert die Bedeutung einer technisch­wissenschaftlichen Vernunft, die sich gegen die praktische Vernunft richtet und dabei die humanen Wissenschaften verdrängt. Sein Verstandnis von Technokratie, wie auch das Adornos, ist dabei das einer technizistischen Ver­haltensprägung, die auf die Ratio bzw. bei Adorno auf die Kultur wirkt.

Adorno fasst Veblens Werk Theory of the Leisure Class primar unter dem Gesichtspunkt der Kulturkritik auf. Diese speist sich aus drei Quellen: dem amerikanischen Pragmatismus, dem alteren Positivismus und dem Marx’schen Ansatz.[43] Veblen verstehe „[ajlle Kultur der Menschheit [...]“ als ,,[...] Fratze nackten Entsetzens.“[44] Diese Fratze umfasst dabei architektonische Verzie­rungen, Kunst, Reklame und Sport, da dies alles ,,[...] Verschwendung sei und Schwindel, so irrational, daß [...] [es] [...] Zweifel weckt an der Ratio- nalitat des Systems.“[45] Adorno sieht den Grund für Veblens Kulturkritik in seiner Vergötzung der produktiven Sphare und in dem Versaumnis den gesellschaftlichen Prozess als einen Gesamtprozess zu verstehen.

[...]


[1] vgl. Vowinckel, Arendt, S. 25.

[2] Bevir, „The Contextualist Approach“, S. 16.

[3] Was der kontextuelle Ansatz ebenso nicht leistet (was bei dieser Thematik jedoch nahe läge) ist die Biografie Arendts und dabei insbesondere ihr Austausch mit Karl Jaspers, Günther Anders und Martin Heidegger zu untersuchen, die auch an der Technologiedebatte beteiligt waren.

[4] Eine gute Übersicht bietet: Lenk, ,,»Technokratie« als gesellschaftskritisches Klischee“.

[5] Senft, Aufstieg und Niedergang der Technokratie.

[6] Haring, „Herrschaft der Experten oder Herrschaft des Sachzwangs?“

[7] Läbbe, „Technokratie. Politische und wirtschaftliche Schicksale...“

[8] Die Entstehungszeit liegt dabei um 1920 und erfährt 1932-1936 nochmals eine Blütezeit. In Deutschland liegt die Entstehungszeit im Zeitraum 1932-1937/38; in Frankreich halt diese von 1932 bis heute an. Grund hierfür sind die landestypischen Rezeptionen. Wahrend in Deutschland der Nationalsozialismus die technokratischen Ideen für sich vereinnahmte, wurde der Technokratiegedanke in Frankreich eher von Elitebeamten in der öffentlichen Verwaltung übernommen. Mehr hierzu bei Pauer, „Die Mobilisierung der Ingenieure...“

[9] Thorstein Bunde Veblen (1857-1929) ist Sohn norwegischer Einwanderer, studiert unter anderem in Yale Philosophie und Ökonomie und ist Mitbegründer 1919 der New School for Social Research in New York.

[10] Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 46.

nvgl. Senghaas, „The Technocrats“, S. 285.

[12] Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 46.

[13] Senghaas, „The Technocrats“, S. 287.

[14] Howard Scott (1890-1970) ist irisch-schottischer Abstammung, verfügt über keine formalen Bildungsabschlüsse und gründet als »bohemischer Ingenieur« (so seine Selbstbe­zeichnung) sein eigenes Unternehmen.

[15] vgl. Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 47.

[16] Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 48.

[17] Inwiefern sich spüter beide totalitüren Systeme, insbesondere der Stalinismus und Nationalsozialismus, auf technokratische Thesen, Begriffe und Symbole stützten, untersucht Hermann Lubbe in ,,Technokratie. Politische und wirtschaftliche Schicksale...“

[18] vgl. Klein, „Ruckblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 49.

[19] vgl. Klein, „Ruckblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 48-49.

[20] Pauer, „Die Mobilisierung der Ingenieure...“, S. 94.

[21] Merkmale des Taylorismus sind unter anderem die Erhöhung von Produktion und Effizienz, die Zentralisierung und Rationalisierung von Weisungsbefugnissen und die Nut­zung der wissenschaftlichen Forschung als Maßstab und gleichzeitige Legitimation von Handlungen.

[22] vgl. Pauer, „Die Mobilisierung der Ingenieure...“, S. 102.

[23] Veronika Tacke, Geschichte des organisatorischen Denkens, S. 27.

[24] Pauer, „Die Mobilisierung der Ingenieure...“, S. 102.

[25] vgl. Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 50.

[26] vgl. Senghaas, „The Technocrats“, S. 290.

[27] Die Vita activa geht auf Seite 55 näher auf den Behaviorismus ein.

[28] Klein, „Räckblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 50.

[29] Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 55.

[30] vgl. Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 50.

[31] vgl. Senghaas, „The Technocrats“, S. 290.

[32] vgl. Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 48.

[33] Senft, Aufstieg und Niedergang der Technokratie.

[34] vgl. Klein, „Rückblick auf die Technokratie-Bewegung“, S. 53.

[35] vgl. Pauer, „Die Mobilisierung der Ingenieure...“, S. 103.

[36] vgl. Pauer, „Die Mobilisierung der Ingenieure...“, S. 104.

[37] Marcuse, Some Social Implications of Modern Technology, S. 142.

[38] Marcuse, Some Social Implications of Modern Technology, S. 138.

[39] Everett, „Eclipse of Reason by Max Horkheimer“, S. 604.

[40] vgl. Everett, ,,Eclipse of Reason by Max Horkheimer“, S. 604.

[41] Mabbott, „Eclipse of Reason by Max Horkheimer“, S. 368.

[42] Murphy, „Eclipse of Reason by Max Horkheimer“, S. 191.

[43] vgl. Adorno, „Veblens Angriff auf die Kultur“, S. 74-76.

[44] Adorno, „Veblens Angriff auf die Kultur“, S. 77.

[45] Adorno, „Veblens Angriff auf die Kultur“, S. 82.

Details

Seiten
28
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668486119
ISBN (Buch)
9783668486126
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370919
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
hannah arendts vita beitrag technokratiedebatte

Autor

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Titel: Hannah Arendts "Vita activa". Ein Beitrag zur Technokratiedebatte