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Kommunikation und Vermittlung in Hölderlins Gedicht "Andenken"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen des poetischen Gesprächs

3. Die dreifache Natur des poetischen Ich in der „Verfahrensweise des poetischen Geistes“

4. Kommunikation und Vermittlung in „Andenken“
4.1 Zustand der Einheit mit der Welt
4.2 Zäsur als Wechsel der Vorstellung
4.3 Die erste Reflexion
4.4 Die zweite Reflexion
4.5 Die dritte Vollendung

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hölderlin gilt als ein Dichter mit einer sehr eigenen und schwer entschlüsselbaren Sprache, die sich durch ihre hohe Bildlichkeit auszeichnet. Sie ist nicht mehr die allegorische Sprache der klassischen Rhetorik, sondern die Wörter wirken stets aus ihrer eigenen Sinnlichkeit heraus und verwandeln die Natur in Zeichen. Die Form ist dem Inhalt überlegen; die Sprache soll nicht etwas bedeuten, sondern sie stellt die Reflexion dar, wobei ihr der Inhalt als Stoff dient.

Hölderlins Schaffen fällt in eine Zeit, in durch die erkenntniskritischen Lehren der Aufklärung – allen vorweg Kant – eine neue, auf revolutionären Neuanfang und Freiheit zur Selbstbestimmung gerichtete Stimmung vorherrscht und sich eine Kultur des deutschen Geistes und der deutschen Sprache herausbildet. Zu Lebzeiten steht Hölderlin im Schatten von klassischen Dichtern wie Goethe und Schiller, so dass sein dichterisches Werk kaum gewürdigt wird. Erst ein Jahrhundert später entwickeln sich sprachkritische Theorien, die Hölderlins denkerische Welt zu würdigen wissen.

Im Gegensatz zu Schiller, dem es in seinem Werk um die Erkenntnis des moralischen Prinzips im Ästhetischen geht, verlangt Hölderlin für die Dichtung die Integration des praktischen Lebens, weswegen es in seiner Dichtung häufig um die Darstellung von Denkprozessen geht.

Das Gedicht „Andenken“ – wahrscheinlich 1803 entstanden – fällt in den Umkreis von Hölderlins später Hymnendichtung. Diese Hymnendichtung gilt als die am schwersten verständlichste. Sie ist – im Gegensatz zu den Oden und Elegien – geprägt durch sinnliche Darstellung, Fragmentarisierung, zunehmend unpersönliche Wendungen und gehäufte gegenrhythmische Unterbrechungen. Diese Dichtung hat als Hauptmoment die Erprobung der eigenen Möglichkeit als Dichtung und verweist dabei zunehmend auf das Offene, Unabschließbare der Vermittlung – deutlich dadurch, dass Hölderlin viele späte Gedichte tatsächlich nicht beendet hat.

In meiner Hausarbeit untersuche ich, wie in „Andenken“ die Selbstentfaltung des (poetischen) Bewußtseins im Medium des Gesprächs erreicht wird.

Dazu stelle ich zunächst einige grundlegende Überlegungen zum Gespräch überhaupt und zum Motiv des Gesprächs in der Dichtung an. Anschließend untersuche ich den Text „Verfahrensweise des poetischen Geistes“ hinsichtlich der einzelnen Schritte der dialektischen Vermittlung des poetischen Ichs. Dieser theoretische Text dient als Grundlage meiner nachfolgenden Analyse von „Andenken“, aber nicht auf die Weise, dass ich „Andenken“ als Anwendung von Hölderlins Poetik verstehe, sondern als Weiterentwicklung des theoretischen Textes.

Danach folgt also die Analyse des Gedichts. Ich habe das Gedicht in vier Teile aufgeteilt – entsprechend den einzelnen Zuständen des poetischen Ichs, die Hölderlin in der „Verfahrensweise des poet. Geistes“ entwickelt.

Der erste Teil umfaßt die 1. und 2. Strophe, die ich im Hinblick auf die Integration des lyrischen Ichs in die Naturbilder seiner Erinnerung untersuchen werde, die es in Einheit mit der Welt zeigen. Der zweite Teil umfaßt die 3. Strophe, die als entscheidende Zäsur des Gedichts einen Wechsel der Vorstellungen und der Sprache bewirkt. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der 4. Strophe, in der eine erste Reflexion des poetischen Ichs stattfindet, indem es die Subjekt-Objekt-Spaltung in der Welt erfährt. Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem ersten Teil der 5. Strophe, in dem es dem poetische Ich gelingt, seine Subjekt-objekt-Spaltung zu überwinden, indem es die Natur als einigende Macht wiederfindet. Der fünfte Teil geht aus von den letzten drei Versen der 5. Strophe, umfaßt aber das ganze Gedicht und kommt noch einmal auf die 3. Strophe zu sprechen. Dieser Teil untersucht die Struktur des Gedichts als widerspiegelnd das innere Prinzip der Kommunikation und Vermittlung, welche im Laufe des Gedichts entwickelt wurde.

2. Grundlagen des poetischen Gesprächs

Ein Gespräch setzt Sprache als Medium der Verständigung voraus. Sprache selbst eröffnet immer ein Gespräch, denn eine Äußerung findet statt, um etwas mitzuteilen. Somit stiften Gespräch und Sprache sich gegenseitig als Grund der Kommunikation. Kommunikation bedeutet vereinigen, aber auch teilen - eben mit-teilen. Mitgeteilt wird dabei eine Erkenntnis, die den Sprechenden selbst nicht offenbar ist, aber das Gespräch in seinem Streben bestimmt. Dabei ist die Sprache mehr als nur Mittel zur Erkenntnis, denn durch sie erst wird Erkenntnis möglich: Das Gespräch schafft keine nachträglichen Verbindungen, sondern „konstitutive Beziehungen“.[1] So ist das Gespräch schöpferisch, denn es entwickelt die Bedingungen seiner Entstehung selbst.

Das Gespräch ist Bewegung: es schafft ein Reflexionssituation. Dabei ist das Gespräch in seinem Verlauf geprägt durch die Abhängigkeit und gegenseitige Beeinflussung (zweier) verschiedener Gesprächspole[2], die sich ständig durch Impulse gegenseitig durchdringen.[3] Durch diese Verflechtung der Äußerungen ändert sich auch der Gesprächsgegenstand:

„Der Gegenstand bleibt nicht oder nur in Sonderfällen unberührt von der Besprechungsweise, er wird von ihr gefärbt, gesteigert, abgewandelt, oder überhaupt erst konstituiert.“[4]

Das Gespräch ist in seinem Gang nicht vorhersehbar. Ebensowenig ist es auf Abschließbarkeit gerichtet. Es ist aber auch nicht beliebig, da es immer auf einen Punkt verweist, den Reuß „die Mitte des Gesprächs“[5] nennt. Dieser Punkt muss als Bezugspunkt des Gesprächs gedacht werden, der während des Gesprächs nicht als bestimmend erkannt werden kann. Das Gespräch gründet vielmehr auf dem fehlenden Wissen um diese Mitte, und versucht sie durch die Vermittlung der Positionen zu konstituieren. So ist die Intention eines Gesprächs nicht „einen Sachverhalt ... eindeutig festzulegen, als vielmehr, die verschiedenen Deutungen in ihrer Relativität zu durchschauen.“[6] Die wünschenswerte Erfahrung ist also einerseits das Erkennen der Beschränktheit der Perspektiven in ihrer Einzelheit und andererseits ihrer relativierende, aber auch bereichernde Verbindung untereinander. Notwendig ist also das Maß, aber auch die Bereitschaft, sich selbst und seine eigene Grenze in den „gemeinschaftlich bildenden Prozess“ einzubringen.[7]

Dichtung steht grundsätzlich immer in einer Kommunikationssituation: der fiktive Autor (das lyrische Ich) eröffnet mit seiner Dichtung das Gespräch. Er kommuniziert mit dem fiktiven (idealen) Leser. So ist das Gedicht immer auf einen Anderen oder ein Anderes ausgerichtet, das in Wechselwirkung zum Eigenen steht und das Gedicht in seiner Sprechweise beeinflußt. Die Doppelung der Rede führt zu einer „Konstitution der Ambivalenz“, in der „präsente und absente Rede“ zugleich enthalten sind und im Widerstreit stehen.[8] Indem das lyrische Ich seine Reflexionsebenen und Perspektiven im Verlauf des Gedicht verschiebt und modifiziert, nimmt er die „fremde Rede“ in sich auf.[9]

So wird das Gedicht zu einem Dialog, der innerhalb der Sprache selbst stattfindet. Die poetische Sprache hebt diese Ambivalenz dadurch hervor, dass sie ungewöhnliche Verbindungen eingeht und Erwartungen zuwiderläuft. Das Positive der Sprache wird aufgelöst, um sie zu verfremden und „deutungsvoll erscheinen zu lassen“[10]. Dies kann erreicht werden durch Regelverstöße der Metrik oder Rhythmik, Grammatik oder Semantik, ebenso wie durch innovative Metaphorik. Befreit von pragmatischen Inhalten, reflektiert die Sprache auf sich selbst als Medium der Vermittlung. Das Gedicht wird so zum endlosen Gespräch, weil die sprachliche Form ihre eigenstes inneres Prinzip widerspiegelt:

„Das Gedicht erscheint als potentiell unabschließbarer Dialog von Momenten, die nur in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit die Tendenz zur Totalität entwickeln.“[11]

3. Die drei Stufen der Reflexion in der „Verfahrensweise des poetischen Geistes“

In dem theoretischen Text Hölderlins, der „Über die Verfahrensweise des poetischen Geistes“ benannt ist, geht es – wie im Titel angesprochen - um die dialektische Entfaltung und Selbsterkenntnis des poetischen Ich im Gedicht. Diese Selbsterkenntnis ist primär die Erkenntnis einer ursprünglichen Einheit; die Reflexion allein kann bei Hölderlin nicht als Urheber des Selbstbewußtseins gelten, es wird ein vereinter Urzustand gedacht, der allem vorausgeht und begrifflich nicht darstellbar ist.[12]

„... denn die Kunst und Tätigkeit der Menschen, soviel sie schon getan hat und tun kann, kann doch Lebendiges nicht hervorbringen, den Urstoff, den sie umwandelt, bearbeitet, nicht selbst erschaffen, sie kann die schaffende Kraft entwickeln, aber die Kraft selbst ist ewig und nicht der Menschenhände Werk.“[13]

Damit das „Einige“ nicht zur „leeren Unendlichkeit“[14], sondern zu einer „unendlichen Einheit“[15] wird, ist der „Wechsel der Formen“[16] notwendig, denn „Dichtung bedeutet das „Nichteinschlafen im Augenblick“.[17] So wird in der reflexiven Erkenntnis die Hinführung auf den Urzustand möglich. Hölderlin unterscheidet drei Reflexionsgänge, die sich in der „dreifache[n] Natur des poetischen Ich“[18] harmonisch entgegengesetzt sind. Diese setzt Hölderlin in Bezug zum Bildungsgang des Menschen.

Zunächst ist der Ausgangszustand vor-reflexiv. Es ist der „natürliche Zusammenhange [des Menschen] mit einer natürlich vorhandenen Welt“[19], der in der Kindheit herrscht. Das Ich ist „ohne Bewußtsein“[20], bestimmt vom „Streben(s) zu reiner Selbstheit und Identität“[21]. Die Erkenntnis ist „noch unreflektierte reine Empfindung des Lebens ..., der bestimmten Unendlichkeit, worin sie enthalten ist“[22]. Das Ich ist nicht in der Lage, von sich selbst zu abstrahieren, er ist zu innig eingebunden in seine Umwelt. Es ist bestimmt von „Hingabe“ an die Welt, Hingabe als „aktive Negation der Aktivität“.[23] Das Selbstbewußtsein ist erst undeutlich vorhanden in Form eines Strebens. Ich nenne die Zustand den zu subjektiven Zustand.

[...]


[1] Bauer, Gerhard: Zur Poetik des Dialogs. Darmstadt 1969. S. 246. Bauer unterscheidet drei Formen des Gesprächs: Das „gebundene“, das „ungebundene“ und das „dialektische (experimentierende)“ Gespräch. Ich beziehe mich in meiner Hausarbeit nur auf seine Ausführungen zum dialektischen Gespräch, weil diese für meine Analyse von „Andenken“ einzig relevant sind.

[2] Die Gesprächspole sind im ersten Sinne reale Personen, die unmittelbar aufeinander reagieren. Es können aber auch Texte sein, die aufeinander reagieren (Brief; wissenschaftliche Untersuchungen). Es kann aber auch ein Text sein, der verschiedene Sichtweisen in sich erörtert.

[3] Bauer (a. a. O.) S. 27

[4] ebda. S. 162

[5] Reuß, Roland: „.../ Die eigene Rede des andern“ – Hölderlins „Andenken“ und „Mnemosyne“. Heidelberg 1990. S. 246

[6] Bauer (a. a. O.) S. 166

[7] Görner, Rüdiger: Hölderlins Mitte – Zur Ästhetik eines Ideals. München 1993. S. 107

[8] Lachmann, Renate: „Dialogizität und poetische Sprache“ In: ebda. S. 53

[9] Schwab, Gabriele: „Die Subjektgenese, das Imaginäre und die poet. Sprache“ In: Lachmann, Renate (Hrsg.): Dialogizität. München 1982. S. 64. Der Begriff der fremden Rede geht auf J. Lacan zurück.

[10] Hof, Walter: Hölderlins Stil als Ausdruck seiner geistigen Welt. Meisenheim am Glan 1954. S. 135

[11] Offenhäuser, Stefan: Reflexion und Freiheit – Zum Verhältnis von Philosophie und Poesie in Rilkes und Hölderlins Spätwerk. Frankfurt a. M. 1996. S. 10

[12] Offenhäuser (a. a. O.) S. 153

[13] Hölderlin (a. a. O.) Bd. 2. S. 824

[14] ebda. Bd 1. „Verfahrensweise des poetischen Geistes“ [VPG] S. 874

[15] VPG S. 875

[16] VPG S. 871

[17] Walser, Martin: Umgang mit Hölderlin - Zwei Reden. Frankfurt a. M. 1997. S. 51

[18] VPG S. 877

[19] VPG S. 878

[20] Konrad, Michael: Hölderlins Philosophie im Grundriß – Analytisch-kritischer Kommentar zu Hölderlins Aufsatzfragment „Über die Verfahrensweise des poetischen Geistes“. Bonn 1967. S. 55

[21] VPG S. 879

[22] VPG S. 885

[23] Konrad (a. a. O.) S. 55

Details

Seiten
29
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638122917
ISBN (Buch)
9783638774567
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3709
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für neuere deutsche Literatur
Note
sehr gut
Schlagworte
Erkenntnistheorie Sprachphilosophie poetisches Ich Dialektik Stilistik Zäsur

Autor

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