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Bewegte Vergangenheit - Die Geschichtsphilosophie Walter Benjamins als Restauration der Zeit

Seminararbeit 2000 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hermeneutische Erschließung der Geschichte
a) Dialektische Bilder
b) Zitat
c) Engel der Geschichte

2. Das „Jetzt der Erkennbarkeit“ als Wahrheitsmoment - Verbindung zu Marcel Prousts Erinnerungsästhetik
a) Mémoire involontaire und die Momente extra-temporels bei Proust
b) Monade
c) Erwachen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Geschichtsphilosophie Walter Benjamins ist ein zentraler Punkt in seinem Gesamtwerk. Sie umfasst alle Bereiche, in denen Benjamin Untersuchungen angestellt hat - Sprachphilosophie, Medientheorie, Literaturkritik und Kulturwissenschaft – und integriert sie in ihren eigenen theoretischen Komplex. So kann sie als paradigmatisch für Benjamins Methode der Untersuchung gelten.

Benjamins Geschichtsphilosophie kehrt sich von der vorherrschenden Auffassung einer chronologischen Geschichtsschreibung ab, die in der Aufzählung von Geschehnissen besteht. Statt dessen versucht Benjamin eine Geschichtsschreibung zu schaffen, die die Objektivität durchbricht und die Erfahrung des einzelnen Individuums in den Mittelpunkt des geschichtlichen Verständnisses stellt.

Diese Theorie der Geschichte ist – wie jedes Geschichtskonzept - eng verbunden mit dem Zusammenhang zwischen Zeitverständnis und konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen. Während die chronologische Geschichtsschreibung aber die eindimensionale Abfolge der Zeit als Grundprinzip nimmt, schafft Benjamin ein relatives Zeitverhältnis, welches sich von der Gegenwart her gründet. Dabei verbindet er materalistisches Gedankengut mit theologischen Grundmomenten zu einer revolutionären, auf Erlösung gründenden Geschichtstheorie. Ich werde in meiner Hausarbeit untersuchen, auf welche Weise die Zeit Benjamins Geschichtsphilosophie bedingt und in welcher Form sie von ihm verstanden wird.

Im ersten Teil stelle ich - ausgehend von Benjamins Verständnis der Vergangenheit als ungreifbarer, noch zu deutender Raum - die hermeneutischen Mittel dar, mit denen die Vergangenheit für die Gegenwart zu erschließen ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Benjamins Entwurf der Geschichte gegen die Auffassung einer Universalgeschichte. Ich zeige, wie Benjamin anstelle eines linearen Geschichtskontinuums durch das Zitat ein mehrdimensionales, durch Verbindungen gekennzeichnetes Spannungsfeld setzt, wodurch das Verständnis der Vergangenheit sich von der chronologischen Zeit löst.

Im zweiten Teil beschäftige ich mit der Erinnerungsästhetik Marcel Prousts, die Benjamin in seiner Erkenntnistheorie der Wahrnehmung beeinflußt hat. Ich zeige, inwieweit Benjamin Grundelemente der Proustschen Erinnerungsästhetik übernimmt, und sie modifiziert in seine Theorie überträgt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Tatsache, dass Benjamin im Gegensatz zu Proust, der die Aufhebung der Zeit anstrebt, ein neues Verständnis von Zeit schafft. In diesem Zusammenhang beschäftige ich mit Benjamins Analogsetzung des Erkenntnismoments der geschichtlichen Wahrheit mit dem Erwachen.

In meiner Untersuchung stütze ich mich hauptsächlich auf die „Thesen über den Begriff der Geschichte“[1] und das Konvolut „N“ des Passagenwerks[2].

1. Hermeneutische Erschließung der Geschichte

a) Dialektische Bilder

Walter Benjamins Geschichtstheorie richtet sich gegen die Auffassung einer Universalgeschichte. Die Universalgeschichte ist geprägt von dem Glauben, dass dem Verlauf der Geschichte ein Vernunftzusammenhang innewohnt. Dabei ist unter anderen Hegel[3] als Vertreter des Idealismus zu benennen, nach dem sich der göttliche Geist dialektisch im Weltlauf entfaltet. Dem Prinzip der Universalgeschichte folgend, setzt der Historismus die chronologische Aufzählung von Daten der scheinbar kausalen Abfolge von Geschichte gleich. Benjamins Kritik richtet sich gegen diese lineare Aufzeichnung von Geschehnissen. Auf diese Weise werden zwar alle Fakten festgehalten, aber kein wahres Bild von der Geschichte gegeben. Denn

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen‚ wie es denn eigentlich gewesen ist.‘ Es heißt sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“[4]

Es geht also nicht um die realitätsgetreue Wiedergabe von Ereignissen, sondern um eine Stimmung, die in einer Zeit kritischer Ereignisse vorgeherrscht hat. Diese Stimmung ist nur subjektiv zu erfassen, da sie nicht aus den faktischen Geschehnissen heraus zu erkennen ist, sondern sozusagen surrealistisch wahrgenommen werden muss. Dieses ist nur möglich, indem „das Kontinuum der Geschichte“[5] aufgesprengt wird. Nur so kann die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart erschlossen werden.

Die Vergangenheit ist bei Benjamin weder statisch noch endlich begrenzt. Sie ist keine abgeschlossene Einheit und somit nicht als Geschichte erzählbar. Sie muss immer wieder von Neuem von der jeweils gegenwärtigen Lage her gedeutet werden.

Das Erkennen von Vergangenheit ist somit nur möglich in dialektischen Bildern[6], die sich dem Subjekt unvermittelt einstellen. Diese Bilder sind aufgrund ihrer Flüchtigkeit nicht mit der Vorstellung einer unbegrenzt gültigen Wahrheit zu vereinen und können deswegen nicht in einer quantitativ-zeitlichen Geschichtsschreibung erfaßt werden. Das Bild ist zeitlich nicht zu greifen: in dem Moment seiner Erkenntnis ist es schon wieder verschwunden:

„Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten.“[7]

Diese Ausrichtung auf die Vergangenheit ist nicht gleichzusetzen mit der mythologischen Wiederholung allen Seins. Es geht vielmehr um nicht verwirklichte, vergessene Potentiale der Vergangenheit, die für die Gegenwart neu entdeckt werden sollen; also um Aktualisierung. In den dialektischen Bildern durchdringen sich die scheinbare Paradoxie der Wiederholung und des Neuen und verschmelzen gerade aufgrund ihres Widerspruches zu einer Einheit:

„Dialektische Bilder sind Konstellationen zwischen entfremdeten Dingen und eingehender Bedeutung, innehaltend im Augenblick der Indifferenz von Tod und Bedeutung. Während die Dinge im Schein zum Neuesten erweckt werden, verwandelt die Bedeutungen der Tod in älteste.“[8]

Durch Verbindung mit der Gegenwart wird das Bild zur entscheidenden „Jetztzeit“. Diese Jetztzeit steht im Gegensatz zur „homogenen und leeren Zeit“, welche die Moderne bestimmt[9] und die Grundlage für die chronologische Geschichtsdarstellung ist.[10] Die Jetztzeit ist zugleich eine Erkenntnis der Gegenwart wie auch eine Anleitung zum richtigen Handeln in dieser Gegenwart durch Aufarbeitung verpaßter Möglichkeiten in der Vergangenheit.

In der Jetztzeit verbindet Benjamin marxistisches Gedankengut mit jüdischer Religion: einerseits ist die Jetztzeit die revolutionäre Chance, andererseits ist sie nur durch den Rückgriff auf die Tradition der vergangenen Geschlechter zu erreichen.

„‘Jetztzeit‘ meint im Spätwerk Walter Benjamins jene Gegenwart des historischen Subjekts, die in der revolutionären Unterbrechung der Geschichte als einer bloßen Linearität von Ereignissen auf eine mit ihr objektiv korrespondierende Vorzeit zurückgreift und diese als Antizipation ihres eigenen Zustands entziffert.“[11]

Dabei kann nicht jede Epoche der Vergangenheit die geschichtliche Forderung der jeweiligen Gegenwart erfüllen. Spezifische Bilder der Vergangenheit gelangen erst „in einer bestimmten Zeit zur Lesbarkeit“.

[...]


[1] Benjamin, Walter: „Thesen über den Begriff der Geschichte“ [ TBG] in Benjamin, Walter: Ein Lesebuch. Hrsg. von Michael Opitz. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1996.

[2] Benjamin, Walter 1974 (a. a. O.)

[3] Ich nenne hier Hegel, weil Benjamin Hegel in den Thesen... (These IV S. 666) Hegel zitiert und dadurch den Idealismus kritisiert. Allerdings gibt es eine interessante Untersuchung zu den gemeinsamen Momenten zwischen idealistischer und materialistischer Geschichtsauffassung von Ian Balfour: „Reversal, Quotation (Benjamin’s History)“ in Modern Language Notes 106. 1991. S. 622-647.

[4] Benjamin, Walter 1996 (a. .a. O.) These VI. S. 667

[5] TBG These XVI. S. 674

[6] Benjamin, Walter 1974 (a. a. O.) N 9,7 S. 591-592

[7] TBG These V. S. 667

[8] Benjamin, Walter 1974 (a. a. O.) N 5, 2 S. 582

[9] Die ‚leere Zeit‘ der Moderne ist geprägt von Erlebnissen, die die Möglichkeit zur Erfahrung ausgrenzen, denn in den Erlebnissen sind die Verbindungen zur Vergangenheit und zur Zukunft abgeschnitten. Das hat den Verlust der Erkenntnismöglichkeit der „unsinnlichen Ähnlichkeiten“ - magische Verbindungen zwischen der Natur und den Menschen – zur Folge. Vgl. Benjamin, Walter: „Über einige Motive bei Baudelaire“ in Benjamin, Walter 1996 ( a. a. O.)

[10] TBG These XIV. S. 673

[11] Kaulen, Heinrich: Rettung und Destruktion. Tübingen, 1987. S. 233

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638122900
ISBN (Buch)
9783638774550
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3708
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für neuere deutsche Literatur
Note
sehr gut
Schlagworte
Geschichtsphilosophie Zeitkonzeption Materialismus Erkenntnistheorie Dialektik

Autor

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