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Kleist und Molière: Zwei Bearbeitungen des Amphitryon-Stoffes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kleist und Molière: Zwei Dramen, eine Fabel?
2.1 Zweimal Amphitryon: Entstehungsgeschichte und zeitgenössische Rezeption
2.1.1 Molière
2.1.2 Kleist
2.2 Äußere Form, Struktur und Gliederung

3. Zentrale Problematik
3.1 Molières „Amphitryon“. Eine Gesellschaftskomödie
3.1.1 Die Gott/Mensch-Beziehung
3.1.2 Die Gestalt des Sosie: Identitätskrise und Knechtschaft
3.2 Molières „Amphitryon“ und Kleists „Alkmene“? Die Verschiebung des Schwerpunkts
3.3 Komödie vs. Tragödie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

1. Einleitung

„Der Vergleich mit der Vorlage, mit der Komödie Molières, bietet sich an. An Vergleichen dieser Art fehlt es nicht. Je nach Auslegung betont man die ursprüngliche Absicht der Übersetzung bis in die wörtlichen Entsprechungen hinein; oder man betont – und das ist das Häufigere im Verfahren der Interpreten und Comparatisten – die Andersartigkeit dessen, was Kleist da unter den Händen entstanden war. [...] Die vergleichende Philologie, die alles und jeden am Original mißt, muß wissen, was sie tut. Aber der spätere Dichter wäre der Dichter nicht, der er ist, wenn er sich dem Buchstaben nach an das Original gehalten, wenn er es nicht zugleich in seine Welt, in seine Zeit und in seine Ausdrucksweise übersetzt hätte; und das hat Kleist getan.“[1]

Wie Walter Müller-Seidel bereits andeutet, eignet sich „Amphitryon“ – in welcher Fassung auch immer – tatsächlich ideal für die wissenschaftliche Arbeit der Komparatistik. Nur wenige Stoffe der Weltliteratur finden in derart zahlreichen Epochen der Literaturgeschichte immer wieder Zugang in das Repertoire bedeutender Dichter.

Grundlage für den Amphitryon-Mythos ist die Sage von Zeugung und Geburt der ungleichen Brüder Iphikles und Herakles, und so findet sich bereits bei Homer und Hesiod eine Erwähnung des Themas. Das Motiv des Gottes, der sich auf die Erde begibt und mit einer sterblichen Frau ein Kind zeugt, ist ein universales:

„In der indischen Literatur erscheint das Motiv in dem Epos ‚Mahābhārhata’ [...], im Alten Testament (1.Mose 6,4) heißt es: ‚Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden darauf die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten’.“[2]

Zur ersten Dramatisierung kam es im 5. Jhd. v. Chr. bei Aischylos, Euripides und Sophokles – wahrscheinlich nicht die einzigen Dramatiker, die sich mit dem Stoff befasst haben, aber die einzigen, bei denen es die Forschung heute sicher belegen kann. Allerdings ist keines dieser Dramen erhalten.[3] Die älteste erhaltene dramatische Fassung stammt von Plautus, entstanden um 200 v. Chr. Die besondere Eignung für einen direkten Vergleich der beiden Dramen von Molière und Kleist manifestiert sich schon im Titel des Kleistschen Werkes: “Amphitryon. Ein Lustspiel nach Molière“.

Aufgabe dieser Arbeit soll es nun sein, die grundlegenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Werke sowie die jeweilige zentrale Problematik zu analysieren. Dazu ist es zunächst notwendig, sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Hintergründe der Autoren sowie die Stoff- und Entstehungsgeschichte zu berücksichtigen. Des weiteren sollen die äußere Form, die sprachliche Gestaltung, Handlung, Personenkonzeption und -konstellation im direkten Vergleich betrachtet werden. Im zweiten Teil der Arbeit soll dann auf die jeweilige zentrale Problematik eingegangen werden. Hierzu werden formelle Unterschiede herangezogen, die im ersten Teil erarbeitet wurden sowie der geschichtliche Hintergrund berücksichtigt.

Dritter Teil der Arbeit ist dann der Versuch einer Annäherung an eine populäre Fragestellung insbesondere in Bezug auf Kleist. Hier sollen tragische sowie komische Elemente der Handlung und die ambivalente Konzeption des Personals näher untersucht und anhand ausgewählter Textstellen belegt werden.[4] Den Schluss der Arbeit bildet schließlich die Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und der Ausblick: Welche neuen Fragen haben sich bei der Beschäftigung mit dem Thema gestellt?

2. Kleist und Molière: Zwei Dramen, eine Fabel?

2.1 Zweimal Amphitryon: Entstehungsgeschichte und zeitgenössische Rezeption

2.1.1 Molière

Es ist mehr als wahrscheinlich, betrachtet man die teilweise wortgetreue Textnähe, dass Molière sich bei seiner Fassung des Stücks nicht nur auf Plautus „Amphitruo“, sondern auch auf Jean Rotrous Stück „Les Sosies“ gestützt hat. Rotrou, der sein Stück 1636 veröffentlichte, war zu seiner Zeit einer der erfolgreichsten französischen Dramatiker. Es ist also anzunehmen, das Molière mit seinen Stücken vertraut war. Molière übernimmt zwar teilweise Textpassagen aus „Les Sosies“ wörtlich, verändert aber Struktur, Inhalt und Problematik tiefgreifend.

Statt die fünf Akte von Rotrou beizubehalten, beschränkt Molière sein Drama auf drei Akte. Das Hauptaugenmerk liegt nicht länger auf der Geburt des Herkules, sondern auf der Zeugung, dem damit verbundenen Betrug und dessen Aufklärung. Die Geburt findet nur noch in den letzten Sätzen der Schlussszene Erwähnung. Auch beim Personal geht Molière seinen eigenen Weg: Er fügt „La Nuit“ hinzu, macht aus dem Prolog einen Dialog zwischen der personifizierten Nacht und Mercure. Insgesamt finden sich in Molières Stück nur noch wenige Monologe, vieles wird in dynamischeren Dialogen dargestellt. Cléanthis, die Gefährtin des Sosie taucht bei Molière zum ersten Mal auf. Gemeinsam mit ihrem Gatten bildet sie den Gegenpol zu Alcmène und Amphitryon auf der Dienerebene.

Es ist anzunehmen, dass Molière bei der Konzeption seines Dramas sehr wohl auf Publikumswirksamkeit geachtet hat. Durch seine enge Zusammenarbeit mit Schauspielern im Theaterbetrieb als Leiter der „Troupe du roi“ war er mit den Vorlieben des Publikums vertraut, in der dritten Aufführung übernahm er selbst die Rolle des Sosie. Offensichtlich wird diese Orientierung am Publikum, wenn man den Prolog und den Schluss betrachtet – hier schweben die Götter auf und von der Bühne. Diese Effekte eines „pièce à machines“ war beim zeitgenössischen Theaterpublikum sehr beliebt, wurde jedoch wegen der kostspieligen Technik, die notwendig war, nur sparsam eingesetzt.

Molière befand sich zur Zeit der Uraufführung in einer prekären Situation. Seine Kritiker beobachteten ihn und sein Schaffen seit dem Verbot des „Tartuffe“ genau. Durch die im „Tartuffe“ geleistete, unüberhörbare Religionskritik machte sich Molière Feinde im Klerus, die Machthaber der Kirche ihrerseits übten Druck auf Ludwig XIV. aus, der das Stück schließlich verbieten ließ. Als Molière das Stück unter anderem Namen wiederaufführte, musste er mit weiteren Sanktionen rechnen.

„Der Vertreter des Königs verbot das Stück und der Erzbischof von Paris drohte jedem, der das Stück auch nur läse, mit Exkommunikation.“[5]

Offensichtliche Kritik an der Kirche und ihrer Machtausübung lässt sich im Amphitryon kaum feststellen, die Gefahr der Zensur bestand nicht. So konnte Molière, ohne den Unwillen der Obrigkeit in Kirche und Staat auf sich zu ziehen, nach einer längeren Zeit erstmals wieder an seine früheren Theatererfolge anknüpfen.

„Da uns das Register der Truppe Molières, das alle Einnahmen verzeichnet, überliefert ist, kann man die Publikumsreaktion auf seine Stücke detailliert feststellen.“[6]

Er beendete mit der Uraufführung des „Amphytrion“ am 13. Januar 1668 „die wohl schwerste Krise seiner bisherigen Karriere“.[7]

Im Gesamtwerk des Dichters nimmt „Amphitryon“ eine Sonderstellung ein: Ein Stoff aus der griechischen Mythologie– der insbesondere im 17. Jahrhundert allein der höher bewerteten Tragödie vorbehalten war[8] – wird hier als Komödie realisiert. Diese Kombination stellt nicht nur einen Sonderfall innerhalb seines eigenen Gesamtwerks, sondern vor allem auch eine Besonderheit in der Komödientradition dar. Dass Molière mit seiner Komödie nicht nur das reine „divertissement“ anstrebte, wird also schon durch die Wahl des Stoffes deutlich.

2.1.2 Kleist

Man nimmt an, dass Kleists Amphitryon – wie der Titel „Ein Lustspiel nach Molière“ bereits erahnen lässt – ursprünglich als reine Übersetzung des französischen Dramas konzipiert war. Diese Vermutung stützt sich auf den Umstand, dass Kleists Freund Heinrich Zschokke 1806 eine Übersetzung der Molièreschen Dramen herausgab, in der jedoch der „Amphitryon“ gänzlich fehlte. Da aber auch andere Stücke von Molière in dieser Ausgabe fehlen, kann nicht als bewiesen gelten, dass Zschokke Kleist zur Übersetzung und der daraus sich entwickelten Neubearbeitung inspiriert hat.[9] Eine andere Inspirationsquelle könnte der „Amphitruon“ von Falk gewesen sein. Entstanden ist Kleists Drama laut Sembdner im „Sommer 1803 in Dresden, wo Kleist durch J.D.Falk [...] zum gemeinsamen Bemühen um das ‚künftige Lustspiel der Deutschen’ angeregt wurde“.[10] 1807 gab Adam Müller das Drama heraus, eine Vorrede aus seiner eigenen Feder stellte er dem Text voran.

Fakt bleibt bei all diesen Mutmaßungen, dass Kleist sich mit seinem „Amphitryon“ rein inhaltlich und formal stark an Molière orientiert. Die genauen Besonderheiten seines Dramas sowie die erheblichen Veränderungen sollen jedoch erst in den nächsten Kapiteln näher betrachtet werden.

Bis Kleists „Amphitryon“ die ihm gebührende Anerkennung erfuhr, sollte einige Zeit vergehen. Goethe, dessen Bestätigung Kleist stets suchte, konnte sich für das Stück nur wenig erwärmen. So schrieb er in seinem Tagebuch von 1807 einige Zeilen, die aufschlussreich seine wenig wertschätzende Haltung zum Stück darstellen:

„Amphytrion [!] von Kleist erschien als ein bedeutendes, aber unerfreuliches Meteor eines neuen Literaturhimmels [...]“[11] „[...] Nach meiner Einsicht scheiden sich Antikes und Modernes auf diesem Wege mehr, als sie sich vereinigen [...]“[12]

Das vieldiskutierte Schlusswort des Stücks, das „Ach“ der Alkmene mit seinen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten nennt Goethe schlicht „klatrig“[13] Auch Ludwig Tieck hatte keine hohe Meinung von Kleists „Umarbeitung“ des Dramas:

„Es scheint, dass er [Kleist] mehr als Studium oder Zerstreuung den Amphytrion [!] des Molière umgestaltet habe. Ein Versuch, den man, wenn man unparteiisch ist, nur eine Verirrung nennen kann. In den komischen Szenen steht der Deutsche unendlich hinter dem Franzosen zurück. [...]“[14]

Eine unmittelbare Publikumsresonanz auf das fertige Drama wie bei Molière ist bei Kleist nicht festgehalten, das Stück wurde erst 1899 uraufgeführt, also 88 Jahre nach dem Selbstmord des Dichters. Eine Lesung vor Publikum scheint jedoch stattgefunden zu haben: „Zwei meiner Lustspiele [Amphitryon, Krug] sind schon mehrere Male in öffentlichen Gesellschaften, und immer mit wiederholtem Beifall, vorgelesen worden.“[15]

Die Eingliederung in das Gesamtwerk Kleists scheint am ehesten unter dem Gesichtspunkt der Frauenfigur Alkmene möglich. Wie Penthesilea und Eve bleibt sie kein Typ, sondern ist trotz ihrer erhabenen Moralität realer und komplexer ausgestaltet, als es den meisten literarischen Frauengestalten dieser Zeit zugestanden wurde.

[...]


[1] Müller-Seidel (1961). S. 119.

[2] Bachmaier (1995). S. 64.

[3] vgl. Szondi (1973). S. 158.

[4] Zur leichteren Unterscheidung werden im laufenden Text bei der Nennung der Personen die Namen in der jeweiligen Originalsprache verwendet (z. B. Alkmene /Alcmène). So sollen Verwechslungen vermieden werden, ohne dass eine permanente Berücksichtigung der Fußnoten nötig ist.

[5] Stenzel (1982). S. 61.

[6] Ebd. S. 60.

[7] Ebd. S. 59.

[8] Die beim Publikum erfolgreichsten Stücke dieser Epoche, die ihre Handlung der antiken Mythologie entlehnen, sind die Tragödien von Racine, beispielsweise „Andromaque“(1667) oder „Phèdre et Hipplolyte“ (1677).

[9] Vgl. Bachmaier (1995). S. 5.

[10] Kleist (2001). Anmerkungen zu „Amphitryon“. S.928.

[11] Johann Wolfgang Goethe. Karlsbad, Juli 1807. In: Bachmaier, (1995). S. 100.

[12] Goethe an Adam Müller. Karlsbad, 28. August 1807.In: Bachmaier, (1995). S. 102.

[13] Ebd.

[14] Ludwig Tieck in der Vorrede zu Kleists „Hinterlassenen Schriften“ Berlin, 1821. In: Bachmaier (1995). S.103.

[15] Kleist (2001). Bd.2. S. 790.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638365222
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37071
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Schlagworte
Kleist Molière Zwei Bearbeitungen Amphitryon-Stoffes Amphitryon-Thema
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