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Die Konstruktion des Augenblicks im Motiv der ´deux cotés de Combray´ in Marcel Prousts ´A la recherche du temps perdu´

Seminararbeit 2000 23 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeption der Erinnerungsästhetik: mémoire involontaire

3. les deux cotés de Combray
a) antonymische Relation der beiden Seiten
b) Motivik der beiden Seiten
c) Weg der Desillusionierung[1]
d) le temps retrouvé

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Marcel Prousts Welt ist eine Welt der Gefühle und Sinneswahrnehmungen, die mit bestimmten Eindrücken, Personen und Landschaften zu einer ästhetischen Einheit verschmelzen. Diese Gefühle und Sinneswahrnehmungen sind es, die unser inneres Wesen ausmachen und unsere Existenz bestätigen. Denn die materielle Realität, wie wir sie wahrnehmen, ist nicht die reine Wirklichkeit des Lebens, sondern sie überlagert die individuelle Wahrheit, die ein jeder in sich trägt.

Diese individuelle Wahrheit ist in der Vergangenheit verschlossen. Um sie zu erschließen, reicht es aber nicht, sich die Vergangenheit durch die mémoire de l’intelligence wieder ins Gedächtnis zu holen. Ihrer Erschließung liegt das poetische Konzept der mémoire involontaire zugrunde. Die mémoire involontaire ist durch keine metaphysischen Kategorien in der Lebenswelt verankert. Es hängt ganz vom Zufall ab, ob sie sich dem Individuum erschließt. Nur mit dieser unwillkürlichen Erinnerung ist es möglich, das damals Erlebte aus den Tiefen der Vergangenheit zu reißen. Um nun aber dieses Glücksmoment des Augenblicks gänzlich verstehen zu können, muss er in die Gegenwart integriert werden.

Die Realität ist wie ein Spiegel: Sie scheint mit Leben erfüllt, ist aber nicht mehr als eine Reflektionsscheibe für unser inneres Wesen, unsere Persönlichkeit. Wir stehen vor diesem Spiegel und sehen die Reflexionen, erkennen die Dinge aber nicht in ihrer Essenz. Die Zeit ist wie das Licht, welches die Reflektion erst möglich macht. Da wir aber nur die Repräsentationen, die Bilder im Spiegel sehen, niemals aber das Objekt der Reflektion, müssen wir das Licht in seinem Weg erfassen, dass heißt die Zeit in ihrer Dauer erkennen.

Ich werde in meiner Hausarbeit ausgehend von den theoretischen Ausführungen Marcel Proust zu seiner Erinnerungsästhetik die Konzeption des Augenblicks untersuchen, wie er im Motiv der deux côtés de Combray entwickelt wird.

Im 1. Teil stelle ich die theoretischen Ausführungen Prousts zur mémoire involontaire vor, die er in Le tems retrouvé darlegt. Der Schwerpunkt liegt dabei darauf, wie die mémoire involontaire in der Lage ist, Oppositionen zu überwinden.

Im 2. Teil untersuche ich, inwieweit Proust in den deux côtés in Du côté de chez Swann bestimmte Oppositionen entwickelt [Teil a), b) und c)], um sie schließlich in Le temps retrouvé auf vielschichtige Weise wieder zusammenzubringen [Teil d)].[2]

2. Konzeption der Erinnerungsästhetik: mémoire involontaire

Die willkürliche Erinnerung ist nicht das, was sie zu sein scheint. Sie gaukelt uns Bilder vor, die wir für unser Leben halten. Dabei sind diese Bilder von Personen und Erlebnissen nichts als leere Hüllen, „une transparente enveloppe“[3], die nichts mit uns gemeinsam haben. Die wahre Vergangenheit ist verschlossen - „grâce à l’oubli“[4] - in „vases clos“[5] und bleibt dort vielleicht bis in alle Ewigkeit verborgen.

Die mémoire de l’intelligence und die L’Habitude verfälschen die Vergangenheit, denn sie repräsentieren nur die „impression factice“, welche nichts mit der „impression vraie“ gemeinsam hat.[6] Diese „impression vraie“ aber gilt es, wiederzufinden. Denn es geht nicht um die Erinnerung von tatsächlichen Begebenheiten, sondern um das Erkennen der Essenzen der Dinge. Diese Essenzen sind weder im Materiellen noch im Ideellen zu suchen. Sie entsprechen weder dem signifié – dem konkreten Objekt – noch dem signifiant – dem sprachlichen Begriff. Sie sind vielmehr das, was von diesen beiden nicht erfasst werden kann, was übrigbleibt an Unerklärlichem, was aber in der Sensation wahrgenommen wird. Sie sind „réels sans être actuels, idéaux sans être abstraits“[7].

Um diese Essenzen zu erkennen, gibt es allerdings kein Mittel, sie können nicht systematisch oder logisch gesucht werden. Sie können nur zufällig gefunden werden, denn sie erschließen sich dem Individuum rein willkürlich.

„Il en est ainsi de notre passé. C’est peine perdue que nous cherchions à l’évoquer, tous les efforts de notre intelligence sont inutiles. Il est caché hors de son domaine et de sa portée, en quelque objet matériel (en la sensation que nous donnerait cet objet matériel), que nous ne soupconnons pas. Cet objet, il dépend du hasard que nous le rencontrions avant de mourir, ou que nous ne le rencontrions pas.“[8]

Die mémoire involontaire wird ausgelöst von bestimmten gegenwärtigen Sinneswahrnehmungen die identisch sind mit einer vergangenen Sinneswahrnehmung. Durch die Identität der Sinneswahrnehmungen wird der vergangene Moment in seiner subjektiv-emotionalen Wirklichkeit wieder gegenwärtig. So belebt Marcel bei Eintunken eines Madeleine -Gebäcks in eine Tasse Tee seine gesamte Kindheit wieder, indem er sich beim Schmecken dieses Gebäcks an den Geschmack des Gebäcks in seiner Kindheit erinnert (?) ooooo

Die beiden Momente überlagern sich gegenseitig, ohne dass der eine dem anderen etwas von seiner Totalität nimmt. Der vergangene und der gegenwärtige Moment werden simultan wahrgenommen. So findet eine Auflösung der Zeitlichkeit statt, denn diese „divers impressions bienheureuses“ Marcels sind in der Lage,

„ [de] faire empiéter le passé sur le présent, à me faire hésiter à savoir dans lequel des deux je me trouvais; au vrai, l’être qui alors goûtait en moi cette impression la goûtait en ce qu’elle avait de commun dans un jour ancien et maintenant, dans ce qu’elle avait d’extra-temporel, un être qui n’apparaissait que quand, par une de ces identités entre le présent et le passé, il pouvait se trouver dans le seul milieu où il pût vivre, jouir de l’essence, des choses, c’est-à-dire en dehors de temps.“[9]

Es geht also darum, in diesen Momenten das „l’être en dehors du temps“ zu finden. Dafür muss man sich von den Bindungen der Realität befreien. Das oubli ist die Voraussetzung, um die gedanklichen Verbindungen zu entfernen: Durch das Vergessen oder Nicht-bewußt-werden von Eindrücken bleiben diese als „vases clos“ in ihrer exakten Zeitstelle im Bewußtsein, isoliert in ihrem eigenen selbstreflexiven, autarken Rahmen und können dadurch in der mémoire involontaire in ihrer Reinheit wahrgenommen werden.

Die Vergangenheit der mémoire de l’intelligence ist immer nur durch die Imagination zu erreichen. Da aber das Imaginierte unweigerlich abwesend sein muß, kann es nicht mit der gegenwärtigen Realität vereint werden. In der mémoire involontaire wird nun dieser Gegensatz überwunden durch das reale Erleben einer Sinneswahrnehmung, die die Vergangenheit evoziert, aber nicht in die Imagination verlagert wird - die nur ein Abbild präsentiert - sondern in der Gegenwart erfahren wird.[10] Dadurch wird das Erleben der Ferne in der Nähe möglich. Die außerzeitlichen Momente sind also ebenso räumlicher Verschmelzungspunkt: Nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart werden gleichzeitig wahrgenommen, sondern auch die Distanzen schrumpfen zusammen.

Somit findet sich „la loi inévitable qui veut qu’on ne puisse imaginer que ce qui est absent (...) neutralisé, suspendu, par un expédient merveilleux de la nature, qui avait fait miroiter une sensation – bruit de la fourchette et du marteau, même titre de livre etc. – à la fois dans le passé, ce qui permettait à mon imagination de la goûter, et dans le présent où l’ébranlement effectif de mes sens par le bruit, le contact du linge, etc. avait ajouté aux rêves de l’imagination ce dont ils sont habituellement dépourvus, l’idée d’existence – et grâce à ce subterfuge, avat permis à mon être d’obtenir, d’isoler, d’immobiliser – la durée d’un éclair – ce qu’il n’apprende jamais: un peu de temps à l’état pur.[11]

In diesen außerzeitlichen Momenten erkennt Marcel also nicht nur die Gewißheit seiner eigenen Existenz – „l’homme affranchi de l’ordre du temps“[12] - sondern auch die reine Zeit.

So geht es in der mémoire involontaire um das Wieder-Erkennen eines euphorisch besetzten Imaginären in einem realen Objekt, um das gleichzeitige Wahrnehmen eines Abwesenden in einem Anwesenden, um das Nahbringen der Ferne. Hier verschmelzen prinzipiell unvereinbare Oppositionen. Die Aufhebung der Zeit ist dabei insofern wichtig, als dass Marcel die Wahrheit nicht als etwas von jeher Existierendes, welches er entdeckt, erscheint, sondern als etwas Fließendes, was er selbst im Verlauf seines Lebens produziert. Somit ist die Wahrheit nicht substantiell, und dadurch können bei Proust Oppositionen zusammenfallen, wie die kleinste und größte Zeiteinheit – der Augenblick und die Unendlichkeit.

Die Momente selbst werden zum Sprirituellen erhoben. Proust zieht das Spirituelle der transzendentalen Theologie in das Leben selbst hinein und befreit es von einer linearen zeitlichen Ausrichtung. Er gibt ihm vordergründig zwar die Ausrichtung nach der Vergangenheit, beseitigt die zeitliche Gebundenheit jedoch durch seine Konzeption der mémoire involontaire, die die Relevanz der zeitlichen Differenz zugunsten von außerzeitlicher Wahrnehmung „de lois et d’idées“[13] verschwinden läßt.

Die Wahrheit liegt also nicht im Tod, sondern in der Entfaltung des Lebens. Der Weg des Lebens ist notwendig für das Erkennen der Wahrheit. Somit muß also auch der reale Verlauf der Zeit berücksichtigt werden.

Jauß unterscheidet in der Recherche zwei Wege Marcels: den „Weg zurück“: der Weg der Erinnerung, der in der Madeleine-Szene begründet wird, und den „Weg vorwärts“: der notwendig ist, damit Marcel die Distanz überwindet, die ihn von seiner Einheit in der Zeit trennt. Diese Wege sind „in ihrem Nacheinander, voneinander gesondert und scheinbar diametral entgegengesetzt (...), in Wirklichkeit [fallen sie] aber in denselben Kreis...“[14]

Ausgehend von dieser These zeige ich nun, inwieweit Proust im Motiv der beiden côtés von Combray das Konzept der Recherche entfaltet.

[...]


[1] Jauß, Hans Robert: Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1986. S. 111

[2] „Du côté de chez Swann“ [DCSw] und „Le temps retrouvé“ [TR] in: Proust, Marcel: A la recherche du temps perdu. Hrsg. von Jean Milly/ Bernard Brun. Paris: Flammarion, 1986.

[3] DCSw S. 113

[4] DCSw S. 243

[5] TR S. 260

[6] TR S. 259

[7] TR S. 263

[8] DCSw S. 141

[9] TR S. 261

[10] Zum Verhältnis zwischen Erinnerung und Imagination siehe Warning, Rainer: Das Imaginäre der Proustschen „Recherche“. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz GmbH, 1999.

[11] TR S. 262

[12] TR S. 263

[13] TR S. 270

[14] Jauß (a. a. O.) S. 104

Details

Seiten
23
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638122894
ISBN (Buch)
9783638774543
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3707
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Französisches Seminar
Note
sehr gut
Schlagworte
Roman Raum/Zeitkonzeption Erinnerung Metaphorik

Autor

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