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Wahrheit und Zeit. Das neunte Kapitel der "Peri Hermeneias" ("De Interpretatione") von Aristoteles

Essay 2016 7 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wahrheitswert kontradiktorischer Aussagen

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seiner Schrift Peri Hermeneias, auch unter dem deutschen Titel der (aristotelischen) Hermeneutik oder dem lateinischen De Interpretatione bekannt, befasst sich Aristoteles (ca. 384 – 322 v. Chr.) mit der logischen Struktur von Semantik und Syntax sprachlicher Aussagen. Der folgende Text liefert eine interpretative Zusammenfassung des neunten Kapitels dieses Werkes, in welchem sich der Philosoph nach der Analyse kontradiktorisch entgegengesetzter Behauptungen im voran gegangenen Kapitel nun mit deren Wahrheitsgehalt sowie dessen Bestimmung auseinander setzt. Besonders berücksichtigt wird dabei die sog. Kontingenz einer getätigten Aussage in Abhängigkeit ihrer Zeitlichkeit, sprich der sprachlich-temporären Einordnung der Möglichkeiten in die verschiedenen Zeitformen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Damit ist der Zeitraum gemeint, in welchem die Teile eines kontradiktorischen Aussagepaares aufgrund der Vielzahl potenziell eintreffender Möglichkeiten weder als wahr noch als falsch bestimmt werden kann, weil eine solche Festlegung erst nach dem Eintreffen bzw. Nicht-Eintreffen eines gewissen Ereignisses oder Sachverhaltes, über das oder den eine Aussage getroffen wurde, gemacht werden kann; im Verlauf des folgenden Absatzes wird dieses Phänomen noch genauer erläutert. Bevor jedoch auf die Kontingenz eingegangen und das Kapitel interpretiert wird, muss im Vorfeld noch der Unterschied zwischen kontradiktorischen und konträren Aussagen bestimmt werden.

2. Der Wahrheitswert kontradiktorischer Aussagen

Der Hauptunterschied zwischen einem konträren und einem kontradiktorischen Aussagepaar besteht in der Verteilung ihres Wahrheitsgehaltes. Während zwei konträre Behauptungen über einen Gegenstand oder eine Tatsache beide falsch sein können, muss bei kontradiktorischen eine der beiden „notwendigerweise wahr“[1] sein und die andere falsch. Der Grund dafür soll an einem Beispiel illustriert werden. Man stelle sich einen beliebigen Gegenstand vor, über welchen folgende Aussage getroffen wird: Das Ding X ist weiß. Eine konträre Aussage stellt dieser Behauptung eine gegenüber, welche das genaue Gegenteil postuliert. Diese würde also beispielsweise lauten: Das Ding X ist schwarz. Sofern die beschriebene Sache entweder weiß oder schwarz ist, muss eine der beiden Aussagen wahr sein. Ist jene jedoch blau o.ä., sind beide Aussagen falsch, da von keiner der beiden Behauptungen die Möglichkeit einer anderen Farbgebung als den Kontrasten Weiß oder Schwarz in Betracht gezogen wird. Während eine konträre Aussage das Gegenteil behauptet, verneint eine kontradiktorische Aussage lediglich den Sachverhalt der gegenüber gestellten. Die kontradiktorisch entgegengesetzte Aussage zu Das Ding X ist weiß lautet also: Das Ding X ist nicht weiß. Ist der Gegenstand wirklich weiß, ist demnach die erste Aussage wahr. Ist der Gegenstand jedoch von anderer Farbe ist es für die Bestätigung des Wahrheitsgehaltes der Verneinung vollkommen unerheblich welche dies ist, da mit ihr im Gegensatz zur konträren Aussage keine exakte Festlegung auf das Gegenteil (also die Farbe Schwarz) getroffen wird. Ob das Ding nun grün, blau oder knallbunt ist, da jede andere Farbe eine der vielen Möglichkeiten der Beschreibung nicht weiß ist, muss sie in jedem dieser Fälle wahr sein. „Daher muß [sic!] notwendigerweise entweder die bejahende oder die verneinende Aussage wahr bzw. falsch sein“[2]. Konträr ist also die Gegenüberstellung zweier klar definierter, bejahender Gegensätze, welche nur zwei exakte Möglichkeiten des Wahrseins – also eine sehr geringe Kontingenz – bieten. Entweder ist X weiß oder schwarz. Entweder ist eine der Aussagen wahr oder keine von beiden. Kontradiktorisch hingegen ist die Gegenüberstellung der Bejahung und der Verneinung eines Sachverhaltes. Während für die Bejahung nur eine Möglichkeit besteht wahr zu sein (nämlich indem X wirklich weiß ist), ist die Kontingenz der Verneinung im Gegenzug sehr groß, da sie durch jede mögliche Farbgebung (außer der weißen) bewahrheitet wird. Aus der notwendigen Wahrheit einer von zwei kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen folgt zugleich auch, dass nicht gleichzeitig beide falsch sein können[3]. Dass weder bei konträren noch bei kontradiktorischen Aussagepaaren beide Behauptungen wahr sein können erklärt sich anhand dieses Beispiels quasi von selbst. Die Gegenüberstellung der Aussagen resultiert nämlich in einer Entweder-Oder-Entscheidung, denn etwas, das weiß ist kann nicht gleichzeitig schwarz sein bzw. alle anderen Farben besitzen. Ist der Gegenstand schwarz-weiß-gestreift, dann ist keine der Aussagen des konträren Paares wahr, jedoch die Verneinung des kontradiktorischen Paares.

Im Folgenden wird nun erläutert, welchen Einfluss die verschiedenen sprachlichen Zeitformen (Tempi) laut Aristoteles auf die Chancen der Bewahrheitung kontradiktorisch entgegengesetzter Aussagen haben. Denn wie sich zeigen wird, ist das eben verwendete Beispiel nur in Bezug auf vergangene oder gegenwärtige Dinge bzw. Ereignisse anwendbar und bedarf in Anwendung auf die Zukunft noch weiterer Ausführung. Was bisher höchstens impliziert wurde ist die Verbindung zwischen einer Aussage und ihres Bezugsgegenstandes (Subjekt). Damit eine Behauptung über ein Ding oder Ereignis X überhaupt erst als wahr oder falsch gewertet werden kann, muss X insofern geprüft werden, ob es eben die postulierte Eigenschaft aufweist. Die Aussage Das Ding X ist weiß ist also nur dann wahr, wenn besagter Gegenstand die Eigenschaft des Weißseins auch wirklich besitzt; ansonsten ist das kontradiktorische Gegenstück der Verneinung wahr. Die Einstufung einer Aussage als wahr oder falsch ist in Bezug auf Dinge, die in der Vergangenheit existierten oder von einem vergangenen Zeitpunkt an bis zum aktuellen existiert, sowie Ereignissen, die in der Vergangenheit stattfanden bzw. seitdem bis in die Gegenwart andauern, relativ eindeutig durchführbar. Sagt man beispielsweise Der Holocaust hat niemals stattgefunden ist die Aussage eindeutig falsch, da dessen grausame Existenz in der Vergangenheit noch heute nachweislich belegbar ist. Natürlich ist nicht jedes vergangene Ding oder Geschehen derart zu belegen, wie der Holocaust. Doch selbst wenn es keine Belege mehr dafür gäbe, wäre die Aussage falsch, da nicht das Wissen darum oder eine äußere Bestätigung, sondern das Vorkommnis selbst die Wahrheit etabliert. So kann man eine Behauptung über Vergangenes machen, ohne jemals persönliche Gewissheit über deren Wahr- oder Falschheit zu erlangen. Einzig gewiss ist die Tatsache, dass entweder die Bejahung oder die Verneinung aufgrund der logischen Notwendigkeit kontradiktorischer Aussagenpaare wahr ist. Bei Bezugnahme auf gegenwärtig Existentes – dabei ist es vollkommen gleichgültig ob z.B. ein Ereignis schon in der Vergangenheit begann – ist ein solcher Beweis wesentlich leichter und vor allem unmittelbar zu erbringen, da das Aussagepaar (X ist entweder weiß oder nicht weiß) und die Realität (Farbe von X) einfach mit einander abgeglichen und die Behauptungen eindeutig als wahr oder falsch identifiziert werden können. Bei einer Sache, die noch nicht existiert bzw. einem Ereignis, „das noch bevorsteht, aber verhält es sich (mit den Aussagen) nicht so“[4]. Aussagen über die Zukunft befinden sich von ihrer Tätigung an bis zu einem (in der Aussage) bestimmten Zeitpunkt in einem Stadium der Unbestimmbarkeit. Ein Vergleich von gegenwärtiger Aussage und zukünftiger Entität bzw. zukünftigem Ereignis lässt sich wie einleitend aufgeführt nämlich erst dann durchführen, wenn die angesprochene Existenz zum postulierten Zeitpunkt auch tatsächlich eintritt (oder nicht). Folglich ist eine Aussage mitsamt ihres kontradiktorischen Gegenstückes bis zum (Nicht-)Eintreffen des Ereignisses oder der Entität weder als wahr noch als falsch definierbar[5]. Sagt man beispielsweise Morgen wird es regnen kann die Aussage erst am darauf folgenden Tag auf ihren Gehalt geprüft werden. Kontradiktorische Zukunftsaussagen sind also generell bis zu einem gewissen Zeitpunkt vage, ungewiss und wegen der unüberschaubaren Anzahl zufällig aufkommender Möglichkeiten, sprich der immensen Kontingenz, erst in der Retrospektive eines noch bevorstehenden Augenblicks bestimmbar[6]. Nach Ablauf der Kontingenzzeit – also dem Zeitraum zwischen der getätigten Aussage und dem (Nicht-)Eintreffen ihres angesprochenen Gegenstandes – gilt für diese Aussagenpaare trotzdem die gleiche Notwendigkeit der Verifizierung und Falsifizierung, nur in einem angepassten Tempus: Eine der kontradiktorischen Behauptungen muss notwendig wahr geworden sein (oder anders ausgedrückt in Zukunft wahr sein). Entweder es regnet am nächsten Tag oder es regnet nicht und es tritt eine der kontingenten Möglichkeiten ein. So oder so, eine der Behauptungen wird bei einem solchen Aussagepaar notwendig eintreten. Trotzdem gilt wegen der Unbestimmbarkeit durch die hohe Kontingenz der Zukunftsaussagen nicht für jedes kontradiktorisch entgegengesetzte Aussagepaar eine notwendig bestimmbare Wahr- oder Falschheit, denn nicht immer werden diese früher oder später durch (Nicht-)Eintreten eines Ereignisses oder den (Nicht-)Beginn einer Existenz offenbart. Es kann nämlich durchaus vorkommen, dass etwas ohne irgendeine Zeitangabe vorhergesagt wurde oder niemals eintritt und die Aussagen folglich für immer im Zustand der Unbestimmbarkeit verweilen.

Während Aussagen immer an bestimmte Gegenstände oder Geschehen gebunden sind, indem jene (Aussagen) wegen der Bezugnahme auf Dinge oder Ereignisse durch diese erst bestätigt oder widerlegt werden, sind die Dinge selbst im Gegenzug nicht an die über sie getätigten Aussagen gebunden. Nur weil eine Behauptung getroffen wurde, muss sie nicht mit Notwendigkeit eintreffen, denn Aussagen an sich haben keinen Einfluss auf Dinge oder Ereignisse, die sie beschreiben[7]. Nur weil jemand sagt, dass es morgen regnen wird, muss es nicht notwendigerweise regnen. Es wird zwar notwendigerweise irgendetwas geschehen – und zwar etwas von all dem, was irgendwie möglich ist –, doch es ist vollkommen egal, ob man darüber redet oder nicht, denn der Lauf der Dinge ist unveränderbar und nicht beeinflussbar[8]. Die Ontologie untermauert die Notwendigkeit zweier kontradiktorischer Vergangenheits- und Gegenwartsaussagen sowie die Ungewissheit derartiger Zukunftsaussagen. Alles, was in der Vergangenheit war und in der Gegenwart ist, besaß bzw. besitzt die Notwendigkeit in der Vergangenheit existiert zu haben oder in der Gegenwart zu existieren[9]. Die Bezugsgegenstände dieser Aussagen sind also überprüfbar, da ein wahrnehmbarer und nachvollziehbarer Realitätsbezug zwischen Worten und Wirklichkeit gegeben ist; zumindest sofern das die Existenz des Vergangenen nicht vergessen wird oder sonst auf irgendeine Art nachweisbar bleibt. Wahrheit bzw. Widerlegung sind für Aussagen über Vergangenheit und Gegenwart also immer gegeben. Da aber etwas, was heute nicht ist aber nicht notwendigerweise – wann auch immer – werden muss, können Zukunftsaussagen dauerhaft unbestimmbar bleiben und niemals wahr bzw. falsch werden. Somit gibt es auch für die Aussagen darüber keine Notwendigkeit des Eintretens. Es existiert zwar die Notwendigkeit des Gewesenen im Gewesensein, des Seienden im Sein, jedoch in keinster Weise die für Nicht-Seiendes zu werden[10] ; was nicht ist kann zwar werden, muss aber nicht.

3. Fazit

Das neunte Kapitel der Peri Hermeneias liefert eine logische Analyse kontradiktorischer Aussagepaare und ihres Wahrheitsgehaltes. Während eine einzelne Aussage allein keinerlei Notwendigkeit des Wahrseins besitzt[11], ist bei kontradiktorischen Aussagepaaren über Vergangenheit oder Gegenwart eine der beiden notwendig wahr und eine notwendig falsch. Bei zwei kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen bildet nämlich eine die Bejahung eines Sachverhaltes und eine andere dessen Verneinung. Aufgrund der riesigen Auswahl an Möglichkeiten (Kontingenz), die eine Verneinung eröffnet – nämlich alle bis auf die eine bejahte –, muss eine der beiden Behauptungen in Bezug auf Vergangenes und Gegenwärtiges notwendig wahr sein, da bei falscher Verneinung die Bejahung richtig sein muss. Selbst wenn man die Wahrheit über Vergangenheitsaussagen nicht belegen kann, allein die Existenz eines Gegenstandes bzw. das Geschehen eines Ereignisses bestimmt ob eine Aussage wahr oder falsch ist, nicht das Wissen darum. Bei kontradiktorischen Aussagepaaren über Dinge oder Ereignisse, die derzeit noch nicht existent sind bzw. geschehen, etabliert sich diese Notwendigkeit wenn überhaupt erst ab dem Erreichen des veranschlagten Zeitpunktes. Für den Zeitraum zwischen Behauptung und deren zukünftigem Subjekt sind diese Aussagepaare weder als wahr noch als falsch bestimmbar. Grund dafür ist die Kontingenz, die das Repertoire aller möglichen Geschehnisse, Dinge und Sachverhalte darstellt und gerade in Bezug auf die Zukunft unendlich groß sein kann, wodurch Zukunftsaussagen keine Notwendigkeit von Wahr- und Falschheit besitzen.

[...]


[1] Aristoteles: Peri Hermeneias, Berlin 1994, S. 11.

[2] Ebd., S. 12.

[3] Vgl.: Ebd., S. 13.

[4] Ebd., S. 12.

[5] Vgl.: Ebd., S. 15.

[6] Vgl.: Ebd., S. 14 f..

[7] Vgl.: Ebd., S. 13 f..

[8] Vgl.: Ebd., S. 14.

[9] Vgl.: Ebd., S. 15.

[10] Vgl.: Ebd., S. 15.

[11] Vgl.: Ebd., S. 15 f..

Details

Seiten
7
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668492080
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370568
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
Al Farabi Peri Hermeneias Kommentar Aristoteles De Interpretatione Wahrheit Zeit Kontradiktorische Aussagen Logik Alfarabi

Autor

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Titel: Wahrheit und Zeit. Das neunte Kapitel der "Peri Hermeneias" ("De Interpretatione") von Aristoteles